Kategorie: Swinging Nordhorn

  • Fühlfrisch und luftleicht – die junge Modewelt der frühen 70er

    Zu Beginn der 1970er Jahre gilt Nordhorn mit seinen drei Großbetrieben NINO, Povel und Rawe als bedeutendstes Textilzentrum in Westdeutschland. Noch kommen die Stoffe für die Mode der 70er, für Schlaghose und Trenchcoat, für Hot-Pants, Mini- und Maxi, für Hosenanzüge, Jeans- und Cord aus den Designerbüros und Fabrikhallen der Nordhorner Textilindustrie. Die Jahre 1970 bis 1972 sind geprägt von hochfliegenden Plänen, steigenden Umsatzerwartungen und millionenschweren Auslandsinvestitionen. Die Arbeitslosenquote in der Grafschaft liegt bei 0,9 Prozent. Es herrscht Vollbeschäftigung. Händeringend suchen die Textilbetriebe nach Arbeitskräften. In den Schülerzeitungen finden sich ganzseitige Stellenanzeigen. Letztlich ist der Bedarf aber nur mit der Einstellung ausländischer Arbeitnehmer zu decken. 1973 stammen mehr als 10 Prozent der NINO-Beschäftigten aus Portugal.

    Bei NINO und Povel setzt man auf die modischen Vorlieben der jungen Generation. Durch Verkaufs- und Werbekooperationen mit Kaufhausketten wie Karstadt und Kaufring wandert Kleidung aus NINO- und Povel-Stoffen von den Modeboutiquen in die Etagen großer Warenhausketten. Die Werbetexter greifen den Zeitgeist auf und schmeicheln der Jugend: POVEL-Jersey – Die junge Welt der 70er Jahre. Wie sie denkt, fühlt, lebt und tanzt. Jung und frei sein. So muss die Mode sein. Ohne Probleme. Pflegeleicht. Die Haut kann atmen. Unbeschwert“.

    Derweil liefert NINO die passende Freizeitkleidung für den Sommer. Die Westdeutschen werden zum Urlaubs- und Reisevolk. Der Massentourismus in südliche Gefilde nimmt einen enormen Aufschwung. Das bietet Chancen. 1970 wirbt NINO in Jugend- und Modezeitschriften wie BRAVO, Freundin, Jasmin, Brigitte, Burda-Moden und dem STERN für einschlägige Kollektionen wie „Windflirt“, „Die Schmiegsamen“ und „Die Fühlfrischen“.

    NINO 1970: Windflirt. Ein Augenblick, ein kurzes Lächeln und dann lange, luftige Spaziergänge. Die neuen zum-Verlieben-Mäntel von NINO, für draußen gewebt aus Diolen und Baumwolle. Trotzig geknöpft und geschnallt von 139,- bis 149,-DM.

    NINO 1970: Die Fühlfrischen. Dieses Leben will, dass wir frisch sind … uns wirklich wohlfühlen. Die Fühlfrischen von NINO tragen – Mode aus einem herrlich leichten und frischen Stoff, von NINO gewebt aus Vestan-Kammgarn.

    NINO 1970: Die Schmiegsamen. Feinheit, Weichheit, Zärtlichkeit. Die Schmiegsamen von NINO, die zarte Krone der reichen, weichen Jersey-Welle. Junge Jerseymode aus Diolen-Loft, liebevoll gemacht von NINO. Pflegeleicht und anschmiegsam. Zärtliche Mädchen haben einen neuen Namen, tragen einen neuen Trend: Die Schmiegsamen.

    NINO-Werbeanzeigen „Die Luftleichten“, fotografiert von Christa Peters.

    1971 folgt die Herrenkollektion „Die Luftleichten“, beworben im SPIEGEL, Kicker und Auto-Motor-Sport: „Wir möchten gut aussehen. Aber wir möchten uns gleichzeitig unbeschwert und frei fühlen. Die Luftleichten von NINO sind locker, luftig und leicht. Aus Trevira-Schurwolle mit Naturseide. Von NINO, dem großen Modemacher. Den hellblauen Freizeitanzug bekommen Sie für ca. 209,-DM in allen Hertie-Kaufhäusern, im KaDeWe, Berlin, im Alsterhaus, Hamburg.“

    Für das heimische Publikum gibt es Modefotografien in der Betriebszeitschrift „NINO-Report“. Im Frühjahr 1971 präsentiert NINO-Mitarbeiterin Ilona Freytag am Verwaltungsgebäude an der Bentheimer Straße sowohl zeittypische Hot Pants wie auch eine hochmodische Kombination aus Schlaghose und taillierter Hemdbluse.

    Kurzinfo: Die Modefotografin Christa Peters

    Die von NINO und dessen in Düsseldorf ansässiger Werbeagentur TEAM bevorzugte Modefotografin ist die in London lebende Christa Peters. Zwischen 1963 und 1972 bildet Christa Peters eine Vielzahl an NINO-Kollektionen ab. Ihre Handschrift prägt etliche Anzeigenkampagnen und Modereportagen.

    Christa Peters am Rheinufer in Köln um 1958. Foto: Roger Fritz

    Erste Aufnahmen von Christa Peters (1933-1981) erscheinen seit 1954 in den Frauenzeitschriften „Elegante Welt“ und „Madame“ sowie im „Aufwärts“, einer Jugendzeitschrift des DGB. Reisereportagen führen sie nach Paris, Marseille und Algier. Ab 1958 zählt Christa Peters zu den Gründern und ersten Mitarbeitern der Kultzeitschrift TWEN, deren erste Ausgabe im April 1959 erscheint. In den frühen 60ern pendelt die Fotografin zwischen Studios in Köln und New York. 1966 eröffnet sie gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann, dem Fotografen Chadwick Hall, ein eigenes Studio in London.

    Bis weit in die 70er erscheinen ihre Aufnahmen im STERN, SPIEGEL, den Frauen- und Modezeitschriften „Praline“ und „Freundin“, der britischen Ausgabe der „Vogue“ und in der „NOVA“, dem englischen Gegenstück zur bundesdeutschen TWEN. Sie etabliert sich in der Londoner Popszene, fotografiert für Plattencover (u.a. für Roxy Music) und beschäftigt sich mit erotischer Fotografie. Leider verlieren sich ihre Spuren im London der späten 70er. 1981 stirbt Christa Peters im Alter von gerade 48 Jahren durch eine plötzlich auftretende schwere Krankheit. Schmerz und Trauer veranlassen Chadwick Hall, ihr gesamtes Londoner Bildarchiv zu verbrennen. Tragische Ereignisse, die ihr fotografisches Werk über viele Jahre ganz zu Unrecht in Vergessenheit geraten lassen.

    Es ist dem Stadtmuseum Nordhorn zu verdanken, dass Christa Peters „wiederentdeckt“ wurde. Dort erschien 2016 ein Katalog zur gleichnamigen Ausstellung „Christa Peters – Wiederentdeckung einer (fast) vergessenen Fotografin“.


    Mit freundlicher Unterstützung der

  • Kindheit und Jugend in einer „Textilstadt im Grünen“ – 1955 bis 1965.

    Um 1960 gilt Nordhorn als „Textilstadt im Grünen“. Die junge Boomer-Generation erlebt eine Stadt im Aufbruch. NINO steigt in die Champions League der west-europäischen Textilindustrie auf. Eintracht Nordhorn in die damals höchste Spielklasse, die Oberliga Nord.

    Unbeschwertes Kinderspiel, Jazz, Kino, Mode, Sport und „Mach mal Pause“ am Nordhorn-Almelo-Kanal. Fahrräder, Motorroller, VW-Käfer, BMW-Isetta und Ruderboote in der Hauptstraße. Dauerstau an der Grenze. Proteste gegen Atomtod und Mauerbau.

    Der legendäre GN-Pressefotograf Rudolf Bulla (1923 – 2003) wird zum Chronisten der Wirtschaftswunderjahre zwischen 1954 und 1965.

    1960 zieht NINO-Unternehmenschef Bernhard Niehues eine erste Bilanz der „Wirtschaftswunderjahre“: „In den letzten zehn Jahren sind wir an die Leistungen der Amerikaner herangerückt. Bei NINO sind wir heute am Weltstandard angelangt. Und, Jungs, das ist ein wunderbares Gefühl“.

    Die Aufnahmen zu unserer Collage „Jugend und Kindheit in einer Textilstadt im Grünen. 1955 bis 1965“ stammen allesamt vom früheren GN-Fotografen Rudolf Bulla. Ausnahmen sind entsprechend ausgezeichnet.

    Reihe 1:

    1. Nordhorn atmet auf und atmet durch. Während noch der erste Stadtprospekt von 1929 Nordhorn als „die Stadt der Spindel und des Webstuhls“ bezeichnet – und auf dem Titel die Spinnereihochbauten der Textilfirmen NINO und Povel zeigt, will Nordhorn 30 Jahre später eine „Textilstadt im Grünen“ sein. Zu den markanten Industrie- und Kirchenbauten der Stadt gesellen sich neue Kultur- und Freizeitstätten. So der 1958 eröffnete Konzert- und Theatersaal, das 1953 eröffnete Hallenbad, das 1954 als „Bernhard Niehues-Kampfbahn“ eingeweihte Eintracht-Fußballstadion, der 1957 eröffnete Astoria-Filmpalast und der 1958 für den Publikumsverkehr erschlossene Stadtpark.

    2. Die Original-Bildunterschrift aus der Werkszeitschrift NINO-Bote vom Sommer 1959: „Wenn das kein Beweis für die Qualität unserer Waren ist! Der Regierende Bürgermeister von West-Berlin, Willy Brandt, kauft sich, gut beraten von seiner charmanten Frau Ruth, ein kochfestes NINO-TRUX-Automagic-Hemd“. 10 Jahre später wird der weiterhin stets gut gekleidete Willy Brandt zum Bundeskanzler der ersten sozialliberalen Koalition in der Bundesrepublik. Foto: NINO-Verkaufs- und Werbeabteilung

    3. Ein Betriebsausflug des Verfassungsschutzes? Nein: Wir sehen die Fußballmannschaft von Eintracht Nordhorn, frisch eingekleidet in NINO-Flex-Mäntel. Ein Geschenk der Firma für einen überraschenden Sieg im Freundschaftsspiel gegen den amtierenden Deutschen Meister Hannover 96 im Juni 1954. Die GN titeln: „Eintracht deklassierte den Deutschen Meister mit 4:1“. Ein Jahr später spielt Eintracht wie Hannover 96 in der Oberliga Nord. Foto: Paul Heekeren

    Reihe 2:

    4. „Endlich Sommer“ ist der Titel einer Bulla-Fotografie, die im Sommer 1959 in der Werkszeitschrift NINO-Bote erscheint. Die Aufnahme entsteht nicht in den Nordseedünen, sondern in den damals noch unbebauten Heideflächen zwischen holländischer Grenze und Kanalweg nördlich des Nordhorn-Almelo-Kanals. Eine Modeaufnahme: NINO-Mitarbeiterin Trudel Wehmeyer im NINO-Irix-Sommerkleid.

    5. In einer Sommerjacke aus NINO-Flex spaziert NINO-Mitarbeiterin Ingeborg Drews-Rehmenklau durch die 1957 im Bau befindliche, 24.000 Quadratmeter große „Neue Weberei“ am Nordhorn-Almelo-Kanal (heute Kaufland/Expert-Märkte). Zu jener Zeit betreibt NINO die größte Weberei in der Bundesrepublik. Eine Modeaufnahme für die Werkszeitschrift „NINO-Bote“.

    6. Cool in den 50ern: Zur Freude der gesamten Verwandtschaft geht’s für ein junges Nordhorner Motorroller-Pärchen ab ins Wochenende – stilecht gekleidet in NINO-Flex-Trench. In den späten 50ern können sich viele junge Leute erstmals ein motorisiertes Gefährt leisten. Motorroller, Motorräder oder gar der erste VW-Käfer machen die Menschen mobil. Private Aufnahme von 1956.

    7. Junge NINO-Textiler auf der Fabrikstraße inmitten der NINO-Werksanlagen. Im Hintergrund der Spinnereihochbau. Aufnahme von 1965. Zu dieser Zeit ist NINO das größte Textilunternehmen in der Bundesrepublik. Mit 5.500 Beschäftigten erzielt man einen Umsatz von 242 Millionen DM. Produziert werden 53 Millionen Meter Stoff, der weltweit in 90 Länder ausgeliefert wird.

    Reihe 3:

    8. In den späten 50er und frühen 60er Jahren erleben die Nordhorner Filmtheater ihre beste Zeit. Wer keinen Fernseher hat (1957 sind ganze 144 Fernsehgeräte registriert; 1959 allerdings schon über 1.000 in Betrieb), geht in eines der sechs Nordhorner Kinos. Nordhorn steckt im Kino-Rausch: 1957 werden 600.000 Besucher gezählt. Im Dezember 1957 wird das mit 650 Sitzplätzen größte Kino der Stadt eröffnet: der Astoria-Palast am Stadtring. Hier eine Aufnahme vom Foyer des Astoria-Palastes am Vorabend der Eröffnung.

    9. 1956 kauft die Stadt Nordhorn den früheren Landschaftsgarten des 1949 verstorbenen Textilfabrikanten Bernhard Rawe an. In den Folgejahren nimmt der heutige Stadtpark seine endgültige Form an. 1957 wird inmitten der Bäume, Blumenbeete und weiten Rasenflächen ein Kinderspielplatz angelegt. Der Stadtpark wird zu einem bei Kindern und Jugendlichen beliebten Spiel- und Erholungsort. Wenngleich die Ordnungsliebe der Stadt Nordhorn zunächst noch enge Grenzen setzt: „Haltet den Stadtpark rein! Tretet nicht auf Rasen und Beete! Pflückt keinerlei Pflanzen! Nehmt Hunde an die Leine! Werft Abfälle in den Papierkorb! Lasst Fahrräder und Fahrzeuge draußen – außer Kinder- und Krankenwagen!“

    10. „Hoch hinaus“. So betitelt Rudi Bulla diese Fotografie aus der Werkszeitschrift „NINO-Bote“ vom Sommer 1958. Aufgenommen mit Tochter Heidrun im Garten an der Bernhardstraße – Teil der NINO-Arbeitersiedlung am Bahnweg. Im Hintergrund sind die Schornsteine der NINO-Fabrikanlagen zu erkennen. Ein Bild, das sowohl für den Aufschwung der Textilstadt selbst wie für eine unbeschwerte Kindheit steht.

    11. In der Kundenzeitschrift „NINO-Kontakt“ wirbt NINO 1958 für die Textilstadt Nordhorn. „Wasserstraßen durchziehen die Stadt. Große Mietskasernen sucht man hier vergeblich. Man wohnt in schmucken Einfamilienhäusern, die stets von einem peinlich gepflegten Garten umgeben sind. Hierin macht sich der Einfluss holländischer Gartenbauer und Blumenzüchter bemerkbar“. Ein Einfluss, den ein „NINO-Vorgartenwettbewerb“ unterstützen möchte, der erstmals 1956 im Stadtteil Blanke ausgelobt wird. Schirmherrin ist Juniorchefin Sonja Niehues, hier zu sehen inmitten einer die Jury mit großer Neugierde begleitenden Schar von „Blanke-Kindern“.

    12. Hüpfen überm Springseil. Eines der beliebtesten Kinderspiele in den frühen 60ern. Die Aufnahme aus der Nordhorner Bernhardstraße zeigt Bulla-Tochter Heidrun (Bildmitte) mit zwei Freundinnen.

    Reihe 4:

    13. Ein Wintervergnügen der Jugend: Das Schlittschuhlaufen auf den zugefrorenen Kanälen der Stadt. Die Aufnahme zeigt die Szenerie am Nordhorn-Almelo-Kanal um 1955.

    14. Ein klassisches Weihnachtsbild von Rudolf Bulla, erschienen im Dezember 1956 in den Grafschafter Nachrichten und im „NINO-Boten“. Zu Weihnachten bringt der Großvater den jubelnden Enkeln den Weihnachtsbaum – auf dem Fahrrad. Aufnahme aus der Nachbarschaft des Fotografen in der Bernhardstraße.

    15. Am Nachmittag ein Treffpunkt für die ganze Familie; am Abend ein Rummelplatzvergnügen für die ältere Jugend: die Nordhorner Frühjahrs- und Herbstkirmes auf dem Marktplatz. Aufnahme von 1959.

    16. „Unermüdlich schlägt das Herz der Arbeit“, lautet die Bildunterschrift dieser Aufnahme aus den Grafschafter Nachrichten vom Mai 1955. Titelbild einer Reportage über das NINO-Werk bei Nacht. Gearbeitet wird in drei Schichten: Früh-, Spät- und Nachtschicht. Mit 6.100 Mitarbeitern erreicht NINO seinen höchsten Beschäftigungsstand. 40 Prozent der Stoffproduktion gehen in den Export. Monat für Monat sind das zwei Millionen Meter an Stoffen. In der Bundersrepublik selbst vertreiben 12.000 Einzelhandelsgeschäfte NINO-Stoffe oder Kleidung aus NINO-Stoffen.

    Reihe 5:

    17. Auf der Vechte in Höhe des heutigen Vechtesees: Die erste Paddelfahrt der Bootsabteilung des Wassersportvereins Nordhorn in der Fahrtsaison 1958.

    18. Der New Orleans- Swing und Dixieland-Jazz erreicht Nordhorn. Viele junge Leute erliegen dem Dixie-Fieber. Zum Herold voin Jazz und Swing wird die Bentheimer „Black Cat Jazzband“. Im November 1960 findet ein erster „Jazz-Band-Ball“ im Saal der Gastwirtschaft Rolinck-Bräu an der Neuenhauser Straße statt. Die GN berichten: „Jazz mit Drive, Coca mit Rum: Es macht Spaß nach flotter Musik zu tanzen, die bekannten Melodien aus New Orleans haben eben doch verflixt viel Swing. Die Black Cats waren Klasse…. Die Herren waren sehr seriös angezogen. Fast alle tanzten im Jackett! Die Damenentpuppten sich als entzückende Teenager, zuweilen mit ganz kurzen Haaren, einem kurzen engen Rock und einem irgendwie kessen Blick. Kurzum: Es war preima bei den Jazzern“.

    19. Sommerlicher Badespaß im Hallenbad. Eine Aufnahme von 1960.

    20. In den frühen 60er Jahren liegt die Arbeitslosigkeit in Nordhorn bei 0,9 Prozent. Händeringend suchen die Textilbetriebe Mitarbeiter – und finden sie in Italien, Griechenland, Portugal und der Türkei. Die im Volksmund als „Gastarbeiter“ geltenden Beschäftigten müssen sich aber nicht nur mit der Technik der Textilproduktion und der schwierigen deutschen Sprache vertraut machen: in der Grafschaft lernen sie auch das Fahrradfahren. Eine Aufnahme junger türkischer Mitarbeiter der Firma Povel aus dem Jahr 1965.

    Reihe 6:

    21. Im Kreise seiner Bandkollegen von der „Black Cat Jazzband“. Der 16jährige Schlagzeuger Udo Lindenberg aus Gronau (Bildmitte) bespricht die Setlist für einen Auftritt im Bentheimer Kurhaus. Lindenberg spielt das Schlagzeug der Black Cats in den Jahren 1961/62. Zu den Auftritten reist er mit dem „Grenzlandexpress“ der Bahnlinie Münster-Gronau-Bentheim an. In Bentheim wird das reduzierte Drumset in einen angemieteten VW-Bus verladen und los geht die Reise zu Auftritten in der Grafschaft und in Rheine. Aufnahme: privat

    22. Jazz für Zigaretten und Whisky. Den liefert die „Black Cat Jazz Band“ um ihren Posaunisten Hans-Christian Boestfleisch „The Big B“ auch im Camp der in Nordhorn stationierten britischen Soldaten der Royal Air Force. Die Gage dort: Für jeden Musiker eine Stange Lucky Strike und eine Flasche guten schottischen Whiskys. Die jungen Briten sind vielfach begeisterte Fans des Tradiotional Jazz, mit dem Bandleader von der Insel wie Chris Barber, Ken Colyer und Acker Bilk zu jener Zeit auch in Westdeutschland große Erfolge feiern. Acker Bilk und Chris Barber gastieren denn auch im Nordhorner KTS.

    23. Im Juni 1955 steigt Eintracht Nordhorn in die damals höchste Spielklasse auf: Die Oberliga Nord (die Fußball-Bundesliga wird erst ab der Saison 1963/64 eingeführt). Von nun an spielt Eintracht gegen Profimannschaften wie den Hamburger SV, Werder Bremen, St. Pauli, Hannover 96 und Eintracht Braunschweig. Bei Spitzenspielen pilgern bis zu 18.000 Zuschauer zum Eintracht-Stadion. Über Jahre kennt die Fußballbegeisterung in Nordhorn keine Grenzen mehr. Die Fußballer der Aufstiegsmannschaft kennt in Nordhorn jedes Kind: v.l.n.r.: Knüver, Conradi, Waaldmann, Müller, Roscheng, Post; knieend: Trainer Ernst Fuhry, Wilmink, Schumann, Beyer, Bänsch und Kroll.

    24. Eine typische Szenerie aus der Nordhorner Hauptstraße in den späten 50ern. Radfahrer auf dem Weg zum Schichtwechsel in den Textilbetrieben.

    25. In den frühen 1960er Jahren wird der NINO-Kohlehafen zu einem beliebten Ausflugsziel. In den Sommermonaten verbringen auch viele NINO-Mitarbeiter ihre Mittagspause am Nordhorn-Almelo-Kanal. Die Aufnahme von 1964 zeigt junge Fabrikarbeiterinnen von NINO in der typischen Arbeitskleidung: der Kittelschürze.

    Reihe 7:

    26a) Am 1. Mai 1958 erlebt Nordhorn den ersten Jugendprotest in den Straßen der Stadt. Anlässlich einer Mai-Kundgebung des DGB im Kinosaal des Astoria-Palast protestieren junge Textilgewerkschaftler, Jungsozialisten und Mitglieder des SPD-nahen Jugendverbandes „Die Falken“ gegen die atomare Aufrüstung in West und Ost. Sie sind Mitglieder der bundesweiten Aktionsgemeinschaft „Kampf dem Atomtod“. Auf den Plakaten heißt es „Denkt an Hiroshima“; „Atomwaffen NEIN!“ und „Mütter, denkt an Eure Kinder – Erhebt Eure Stimme!“.

    26b) Alsbald trifft die Nordhorner Polizei am Demonstrationsort ein und beendet die unangemeldete Demonstration der jungen Leute. Diese bleibt dennoch nicht ohne Folgen: Nur wenige Tage später wird in Nordhorn eine Ortsgruppe „Kampf dem Atomtod“ gegründet. Den Vorsitz übernimmt SPD-Bürgermeister Bernhard Opolony. Am Sonntag, den 1. Juni 1958 findet eine eindrucksvolle Großkundgebung auf dem Marktplatz statt. Vor über 1000 Zuhörern spricht sich der spätere Bundespräsident Dr. Gustav Heinemann gegen eine atomare Aufrüstung von NATO und Warschauer Pakt aus.

    27. Im Verlauf der späten 50er Jahre nimmt der Autoverkehr in der Hauptstraße stetig zu. Für Fußgänger wird es zu einem Abenteuer, die Straße zu überqueren. Neben VW-Käfer, Opel- und Ford-Fabrikaten tuckert auch der ein oder andere BMW-Isetta durch die Straßen. Aufnahme von 1960.

    28. Der Treffpunkt der Kinofreunde im Stadtteil Blanke: De im Oktober 1954 eröffneten „Roxy-Lichtspiele“ am Gildehauser Weg. Zehn Jahre später ist das Roxy eines der ersten Opfer der durch das Fernsehen ausgelösten Kinoflaute. In den vorderen Räumen des Roxy wird ein Supermarkt eingerichtet. Im eigentlichen Kinosaal ist ab 1968 die Diskothek Capri zu finden.

    29. Der Kohlehafen der Textilfirma NINO am Nordhorn-Almelo-Kanal um 1960. Bis 1965 werden die Energiezentralen der Textilbetriebe noch mit Kohle versorgt. Dann erfolgt die Umstellung auf Erdgas. Monatlich lieferte der „Schiffer-Transportverein Haren“ in 25 bis 30 Schiffsladungen etwa 6000 Tonnen Kohle an.

    30. Mittagszeit am Nordhorner Bahnhof. In den frühen 60ern herrscht Massenbetrieb, wenn die Bentheimer Eisenbahn die Pendler zur Arbeit in den Nordhorner Textilbetrieben bringt. Aufnahme von 1963.

    Reihe 8:

    31a) Als Fußgänger geht’s schneller über die Grenze. Impression vom Einkaufs- und Reiseverkehr Richtung Holland am Grenzübergang Frensdorferhaar. Private Aufnahme um 1962.

    31b) Grenzübergang Frensdorfer Haar erlebt den Dauerstau. Zu Beginn der 60er prägen Reisebusse und VW-Käfer die Szenerie. Vom März bis in den Oktober hinein passieren bis zu 600.000 Menschen pro Monat den Grenzübergang.

    32a) „Land unter” heißt es am Montag, den 5. Dezember 1960. Eine durch starken Winterregen ausgelöste Flutwelle der Vechte erreicht Nordhorn. Weite Teile der Innenstadt werden zu einer Wasserwüste. Am 6. Dezember erreicht man die Häuser und Geschäfte der Innenstadt nur noch per Boot. Die Nordhorner Jugend spürt den abenteuerlichen Seiten des Hochwassers nach und unternimmt Bootsausflüge in die Innenstadt.

    32b) Bundeswehr, Feuerwehr, DRK und THW versorgen die Bewohner der Innenstadt und der Siedlung Am Strampel mit dem Nötigsten. Pausenlos sind Wasserpumpen im Einsatz. Erst drei Tage später ist das Schlimmste überstanden. Zurück bleiben Schäden in Millionenhöhe.

    33. Seit 1953 vergnügen sich die schwimmbegeisterten Nordhorner im Hallenbad am Stadtring, dem ersten Hallenbad in der Region Emsland/Grafschaft Bentheim. Im Anschluss ziehen viele junge Leute zu einem Milcheis oder Erdbeershake in die fast zeitgleich eröffnete „Milchbar“, das spätere „Eiscafé Italia – bei Olga“ (links im Bild). Zu jener Zeit eine Bar für junge Leute, eingerichtet im typischen Design der 50er. Aufnahme von 1956.

    34: Portraitfoto Rudolf Bulla, fotografiert von einem unbekannten Kollegen. Der Fotoreporter Rudolf „Rudi“ Bulla (1923 – 2003) arbeitete vom August 1955 bis Jahresende 1989 für die Grafschafter Nachrichten. Zuvor war er seit 1946 als Weber bei der Textilfirma NINO tätig. Durch erste Fotografien in der Werkszeitschrift „NINO-Bote“ wurde Unternehmenschef Bernhard Nioehues Jr. auf sein fotografisches Talent aufmerksam und unterstützte seinen Berufswechsel zu den Grafschafter Nachrichten. Mit seinen nach eigener Zählung rund 200.000 Schwarz-Weiß-Fotografien, die er bis 1989 als Archetyp eines rasenden Fotoreporters für die GN aufnahm, wurde Rudi Bulla zum Bildchronisten der Nachkriegsjahrzehnte. Sein Wahlspruch: „Fotografie kommt von Herzen“.


    Mit freundlicher Unterstützung der

  • Alte Weberei – Jugendkultur der Sixties – Schöne Zeiten

    Schöne, unbeschwerte Zeiten –

    die Swinging Sixties erreichen die Nordhorner Jugend

    Eine erste Erinnerung:

    Wir blieben den ganzen Tag weg und mussten erst zu Hause sein, wenn die Straßenlaternen angingen. Niemand wusste, wo wir waren, und wir hatten nicht einmal ein Handy dabei.“

    Eine zweite Erinnerung: „Das waren schöne Zeiten, damals in den 60ern. Da war die Welt noch in Ordnung. Nachts hörten wir britische Piratensender. Samstags guckten wir den Beat-Club. Am Wochenende tanzten wir bei Beatkonzerten oder in Diskotheken wie dem „Whisky A Go-Go“, dem „Capri“ oder bei „Little Annie Fanny“. Im Astoria-Palast oder dem Capitol-Kino schauten wir uns die Beatles-Filme oder die Gammler-Komödie „Zur Sache Schätzchen“ an. An heißen Sommertagen lagen wir halbnackt auf der Liegewiese am Hallenbad, schlürften „Flower-Power-Pop-Op-Cola“, rauchten Peter Stuyvesant „mit dem Duft der großen weiten Welt“, schauten den Mädchen nach, lasen ganz viel – und wussten ohne jede Anfechtung, dass die Welt abseits unserer kleinen Stadt vollkommen in Unordnung ist“.

    Der wahrlich „coolste“ Ort im Nordhorn der späten Sixties ist die Liegewiese des Hallenbads am Stadtring (das im September 2012 leider einem Großbrand zum Opfer fällt), verbunden mit der angrenzenden, frei zugänglichen Terrasse des „Eiscafé Forum“ (seit 1971 fortgeführt als „Eiscafé Italia – bei Olga“). Hier tummeln sich viele junge Leute, in deren Erinnerung sich mit den Sixties nicht nur der politische Protest einer rebellischen Schüler- und Studentenbewegung, sondern auch das Entstehen einer ganz eigenen Jugendkultur verbindet, die in der Musik, der Mode, im Kino, im Fernsehen und den Konsumgewohnheiten ihre Spuren hinterlässt. Eine Brise des „Swinging London“ weht durch Nordhorn. Kinofilme wie „Zur Sache Schätzchen“, „Bonnie & Clyde“, „Die Reifeprüfung“ und „Barbarella“ reflektieren den Freiheitsdrang und die erotischen Sehnsüchte einer jungen Generation. Im September 1967 entführt der Film „Blow Up“ das Kinopublikum im Astoria- und Capitol-Kino ins Swinging London: „Der Film ist ein Kunstwerk … vor allem im Erfassen der Londoner Popjugend mit Minirock, Marihuana und Beat.“ Die Rock- und Popsongs der Beatles, der Rolling Stones, der Doors und der Jimi Hendrix Experience erobern die Hitparaden und werden zur Begleitmusik für den politischen und kulturellen Aufbruch.

    Der letzte Schrei – Mini-Mode in Beat-gelb und Blues-violett

    Die mit Gefühlen knapsenden Familien der 50er Jahre hatten einen immensen Hunger nach Zärtlichkeit hinterlassen. Kein Wunder, dass viele Fotostrecken der bei jungen Leuten beliebten Monatszeitschrift TWEN ein neuartiges, ungezwungenes Liebesglück propagieren: Umarmungen im Auto, am Strand, im Wasser, im Bett, auf der Gartenbank, auf der Straße, auf der Holzplanke, in Clubs und Jugendkneipen. Der Kuss in aller Öffentlichkeit, demonstrativer Müßiggang, das „rumgammeln“ und das von der Coca-Cola-Werbung propagierte „Mach mal Pause“ sind das jugendliche Gegenprogramm zum besinnungslosen Wiederaufbau der Nachkriegsjahre.

    Im Mini aus NINO-Stoff: Werbeaufsteller der Textilfirma NINO für Boutiquen-Schaufenster

    Zur modischen Signatur der Sixties wird das meistgetragene Kleidungsstück der weiblichen Jugend – der Minirock. Erfunden 1965 von der britischen Modedesignerin Mary Quant. In ihrer Boutique in der Londoner King‘s Road beginnt ein modischer Siegeszug, der bis in die Grafschaft Bentheim reicht. Geradezu hingebungsvoll verfolgen die Grafschafter Nachrichten die Entwicklung der „Mini-Mode“. Drei typische Überschriften von 1966: „Der Rock wird kürzer: Die neue Minimode“. „Letzter Schrei: Mini-Maschenmode in Beat-gelb und Blues-violett“.Kings Road und Carnaby Street in London – aus dem Mekka der jungen Mode“. Aus einem Kleidungsstück wird eine Art Weltanschauung. Deren Auswirkungen erinnert der Nordhorner Beat-Liebhaber Eckart Pache: „Am 9. April 1966 hatten wir endlich Einlass zu einem Beatkonzert in die dunkle Stadthalle gefunden. Lichtkegel wanderten hin und her. Wir suchten vergeblich nach einem Sitzplatz in der bereits vor Beginn restlos besetzten Halle. Erfolg hatten wir erst, als zwei empörte Väter ihre Töchter im Minirock aus der Kriegerhalle zerrten und wir die freiwerdenden Plätze besetzen konnten“. Schon fast verzweifelt fragt die konservative Katholische Erwachsenbildung in Nordhorn ihr Vortragspublikum: „Teens, Beat und Minirock – verstehen wir unsere Kinder noch?“

    Minikleider aus Povel-Jersey: Werbeanzeigen der Textilfirma Povel von 1968

    Und wo gibt es in Nordhorn all die engen Bluejeans und Cordhosen, die superkurzen Minikleider, flauschigen Nicki-Pullover, mit verrückten Mustern bestickten Hemden und Blusen, die das modische Outfit der rebellischen Jugend der späten 1960er Jahre prägen? „Die neueste Mode direkt aus Amsterdam“ erhält die Nordhorner Jugend seit dem 14.Mai 1968 in „Georgies Boutique“. Sein Künstlerfreund Peter Adamski dichtet in lustigem Hippie-Slang: „pop-freude, frisch-freude, bunt-freude, temperament-freude, jung-freude, whisky-freude, musik-freude, cola-freude, freude-freude, love-freude … freude durch georgies boutique.“ Pop-Freude empfindet im Oktober 1968 auch ein hochgewachsener, elegant gekleideter Herr im kleinen Laden an der Bahnhofstraße. Intensiv studiert er studiert das Angebot, freut sich, „dass junge Leute so was machen“ und kauft sogleich ein ausgefallen gemustertes weißes Hemd aus der aktuellen 68er-Kollektion der Amsterdamer Popdesigner: NINO-Unternehmenschef Bernhard Niehues.

    Wenig später, im Juni 1968, eröffnet mit der „Chris Boutique“ des Kaufmanns Chris Wallmann ein weiteres Spezialgeschäft für „junge Damenmode“ im Stil des „Swinging London“ ihre Türen an der Neuenhauser Straße. Die Modelle der chris-boutique werden in der Diskothek „Whisky A GoGo“ vorgestellt: „Discjockey Heinz-Ingolf präsentiert Junge Mode a GoGo – eine getanzte Modenschau mit Go-Go-Girls“.

    Die Beatwelle schwappt durch die Grafschaft

    Im April 1962 eröffnet in Hamburg der erste bundesdeutsche Beat-Club, der legendäre „Star-Club“ seine Pforten. An der Eingangstür hängt ein Plakat mit der Aufschrift „Die Not hat ein Ende. Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei!“. Innerhalb von zwei Jahren wird der Club zum Mekka der neuen Beatmusik, die sich wie eine Flutwelle über die Republik ausbreitet. 1964 erreicht der Wellenschlag des Beat die Grafschaft. Am 30. April 1964 gibt es den ersten „Tanz in den Mai“ mit Beatmusik in der Stadthalle Nordhorn. Zu Gast ist die niederländische Beatband „The Craters“ aus Enschede. Im Programm: die neuesten Beatsongs der Beatles und der Rolling Stones. Mit 500 jungen Zuhörern ist die Stadthalle ausverkauft. Rasch werden weitere holländische Beatgruppen engagiert. Im Oktober 1964 ist mit den Rattles auch die Hausband des Star-Clubs live im Konzert- und Theatersaal zu sehen – als exotisch wirkende Beigabe zu einer „Deutsche-Hitparade-Tour“, bei der sie als Vorband für Schlagerstars wie Manuela, Teddy Parker und Rex Gildo auftreten.

    Im September 1966 spielen die Pop Artists in der Stadthalle. Foto: Rudolf Bulla

    In den Jahren 1965 und 1966 gibt es kein Halten mehr. Die Beatwelle überschwemmt die Grafschaft und das benachbarte Lingen: Dort sind kurz vor Weihnachten 1965 alle Bestände an Beatmusik in den Schallplattengeschäften ausverkauft: „Nachbestellungen treffen erst im Januar 1966 ein“. Beatinfizierte Jugendliche gründen erste Beatbands mit klangvollen Namen wie The New Berlins, The Misfits, Les Clochards, Pop-Artists `66, Roadrunner (Nordhorn), The Skunks, The Gallow Birds (Schüttorf) und the muddle heads (Bentheim). Im Jahresverlauf finden allein in der Grafschaft Bentheim mehr als 140 Beatkonzerte statt. Selbst im still-katholischen Wietmarschen heißt es im September 1966: „Erstmals Beat in Wietmarschen – the muddle heads im Saal Kühlenborg“. Regelmäßig spielen Bands im Gasthof Timmer-Zum Bogen, Zum Burggrafen-Borggreve, im Saal Lenzing und bei Steggewentze (Schüttorf), im Café Kalter (Bentheim), in „Zum Bürgergarten“ (Gildehaus), der Gaststätte Zoder (Uelsen), dem Saal Bangen (Veldhausen) und dem Saal Assen (Emlichheim). Zu Stars der hiesigen Beatszene werden die niederländischen „The Moans“ aus Arnheim, die mit ihrer „einmaligen und fünfstündigen Beat-Tanzshow“ im Juni 1966 ein letztes Mal in der Stadthalle Nordhorn gastieren. Noch heute steht sein größter Hit „Saturday Night“ bei jeder Retro-Disco auf der Playlist der DJs.

    Original-Veranstaltungsplakat „The Moans“ in der Stadthalle

    Da ist es für die bundesdeutschen Schlagerstars, die im April 1966 mit einem „Hit-Festival ´66“ durch die Lande ziehen, nicht leicht mitzuhalten. Mit einer bezeichnenden Ausnahme, dem Geniestreich eines „Beatschlagers“: „Weine nicht, wenn der Regen fällt, / dam-dam, dam-dam, / es gibt einen, der zu Dir hält, / dam-dam, dam-dam“ – und jetzt alle – „Marmor, Stein und Eisen bricht / aber unsere Liebe nicht. / Alles, alles geht vorbei / doch wir sind uns treu!“: „Die Herzen des Hit-Festival-Publikums eroberte Drafi Deutscher im Sturm. Mit seiner Begleitband The Magics bot er seine besten Songs „Marmor, Stein und Eisen bricht“ und „Nimm mich so wie ich bin“. Drafi war der Star des Abends“.

    Single-Cover Drafi Deutscher: Marmor, Stein und Eisen bricht. Der Song wird zu einer Art heimlichen Nationalhymne der Beatgeneration.

    Der Beat ist überall. Zu Weihnachten 1965 startet die Lebenshilfe eine Spendenaktion, die sich an junge Leute wendet:An alle Beatles: Help. Hilfe. Hit der Beatles. Help. Sie können helfen. Und zwar denen, die sich wohl niemals über das Help der Beatles, wohl aber über ihre Hilfe freuen werden. Denken Sie an die Grafschafter Kinder, die geistig behindert sind und Ihre Hilfe nötig haben. Für diese Kinder ist die Lebenshilfe-Spardose. Danke.“ Offensichtlich wissen die Verantwortlichen noch nichts von der heilpädagogischen Kraft der Beat- und Popmusik. Warum sollen sich behinderte Menschen nicht über Popsongs wie das „Help“ der Beatles freuen? In einer Stellenanzeige vom Februar 1966 verspricht der Nordhorner Konfektionsbetrieb Beckmann, in dem „Globetrotter-Hemden“ hergestellt werden: „Nähen bei flotter Musik“.

    Ihren Scheitelpunkt erreicht die Beatwelle im Sommer 1966. Im August 1966 berichten die GN über das mit neun Bands aus der Region besetzte „Beatfestival 1966“ in der Stadthalle Nordhorn: „Vor 700 Besuchern traten die einzelnen Bands auf, während die jungen Leute, teilweise mit den verrücktesten Gewändern bekleidet, in gekonnten Verrenkungen die Tanzfläche bevölkerten. Manchen wurde – im wörtlichen Sinne – der Boden unter den Füßen zu heiß – auf Strümpfen oder in Socken tanzt es sich nochmal so gut… bevorzugt wurden Stücke von den Rolling Stones, die fast jede Band im Repertoire hatte. Aber auch „The Kinks“, „The Animals“, „Herman’s Hermits“ und die „Lords“ waren kräftig vertreten. … In den kurzen Tanzpausen wurden Cola, Bier und Fruchtsaft mit Strohhalmen geschlürft, schweißnasse Stirnen getrocknet und die nächsten „Tanzeinsätze“ vorbereitet. Auf der in rosiges Licht getauchten Tanzfläche wirbelten langhaarige Mädchen in Hosen und Pulli genauso fleißig durcheinander wie solche, die von Kopf bis Fuß auf Op-Art eingestellt waren und Kleider mit geometrisch strengen Kreisen sowie große, baumelnde Ohrgehänge trugen: die Jungen glänzten in Blümchenhosen und buntkarierten Hemden ebenso wie in korrekter Kleidung. Es war eben fast alles vertreten“.

    Single Cover: Rolling Stones: Satisfaction / Kinks: Dandy / Small Faces: Itchycoo Park

    Da will die in streng-calvinistischem Geiste erzogene Jugend der altreformierten Gemeinde Emlichheim nicht mehr abseitsstehen. Sie möchte tanzen, zumal „die junge Generation in den reformierten, lutherischen und katholischen Gemeinden im Tanzen kein besonderes Problem sehe“. Die Gemeindeleitung bleibt skeptisch. Da der Tanz an vielen Orten wie der bei den Beatabenden in der Stadthalle Nordhorn zum „erotischen Geschiebe“ entarte, sei man aus altreformierter Sicht weiterhin gegen den Tanz zum Beat.

    Aber auch nach Schließung der Beatzentrale „Stadthalle“ im Juni 1967 gibt es eine Reihe von Bands, die bei Livekonzerten in Nordhorn das Banner der Beat- und Rockmusik hochhalten: So die „muddle heads“ aus Bentheim im Eiscafè Forum, die Nordhorner „Chamberlains“ im Kolpinghaus oder die bereits 1966 gegründeten „Roadrunner“, die am 3.März 1968 ihr Abschiedskonzert im „Beatclub“ der Gaststätte „Bürgerhaus“ feiern. „Am Montag früh wird sich dann Sänger Walter Fischer in den Zug Richtung Hamburg setzen, um seine Dienstzeit beim Militär anzutreten – und seine Haare zu lassen!“, heißt es im Abschiedsgruß der GN. Derweil laufen viele junge Leute mit fliegenden Fahnen aus dem Beatlager zum Folk- und Protestsong über und lauschen den Songs einschlägiger Protagonisten wie Pete Seeger, Joan Baez, Bob Dylan und Donovan, die in Nordhorn von den Gebrüdern Landzettel aus Lingen und den örtlichen Folkies Paul Hartmann, Bernd Hermann und Jürgen Olivier in der Aula des Gymnasiums und den Jugendkellern der kirchlichen Gemeindezentren verbreitetet werden.

    Original-Postkarte: The Crew 1970 / Original-Werbezettel: Wiff & Co. und The Crew im Gemeindehaus Klarastraße 1970

    Erst im Verlauf der Jahre 1969/70 gründen musikbegeisterte junge Leute wieder eine ganze Reihe neuer Rockbands. Darunter Gruppen wie „The Crew“, „Wiff & Co“, „The Rising Sun“ und „Zest Eel“. Sie alle spielen die Blues- und Rockmusik, die zum Begleitsound der weit über das Jahr 1968 anhaltenden Jugendproteste jener Jahre wird.

    Radio-DJs werden zu Botschaftern des Pop

    Des Nachts lauschen viele junge Leute dem Beatsound der britischen und holländischen Piratensender. Haben doch die öffentlichen Radiosender wie NDR und WDR lange keinerlei Sendungen mit englischsprachiger Popmusik im Programm. Gleiches gilt im Heimatland des Beat für die britische BBC. Seit 1964 stoßen die vor den britischen Inseln stationierten Piratensender in diese Lücke. Darunter Radio Caroline, Radio London und Radio Atlanta. m Frühjahr 1967 liegen 10 Piratensender vor der britischen Küste, die an 24 Stunden rund um die Uhr Beat-, Rock- und Popmusik aussenden. „Radio Caroline“ erreicht täglich rund 7 Millionen Hörer. Allerdings bereitet der Empfang in der Grafschaft erhebliche Probleme – und ist eigentlich nur des Nachts wirklich weitgehend ungestört. Im Sommer 1967 verbietet die britische Regierung den Betrieb der Piratensender. Etliche DJs werden von der BBC übernommen.

    Schon besser ist der Empfang des niederländischen Piratensenders Radio Veronica, der stundenweise auch ein deutschsprachiges Programm ausstrahlt. „Radio Veronica“ liegt seit 1960 vor der holländischen Küste – außerhalb der auf drei Meilen begrenzten Hoheitsgewässer. Zehn Jahre später belaufen sich die Werbeeinnahmen des Piratensenders auf 20 Millionen Gulden per anno. Zum 1. September 1974 stellt aber auch Radio Veronica den Sendebetrieb ein. Als letzter mitteleuropäischer Staat ratifiziert die Niederlande das vom Straßburger Europarat entworfene „Anti-Piraten-Gesetz“. Sowohl eine großangelegte Werbekampagne, an deren Ende zwei Millionen überwiegend jugendliche Radiohörer in den Niederlanden schriftlich versichern, ohne „Veronica“ nicht leben zu können, als auch der Protest von 150.000 jungen Leuten, die mit plärrenden Kofferradios vor dem Parlamentsgebäude in Den Haag demonstrieren, kann den Parlamentsbeschluss nicht aufhalten.

    Den größten Zuspruch jugendlicher Radiohörer erfährt allerdings der 1957 auf Sendung gegangene, privat betriebene Pop- und Schlagersender Radio Luxemburg, dessen DJs von früh um sechs bis nachts um eins Pop-Unterhaltung servieren. Besonders beliebt sind die britischen Radio-DJs, die ab 22 Uhr bis zum frühen Morgen das in ganz Westeuropa ausgestrahlte, englischsprachige Programm des Senders betreuen. Der Erfolg von Radio Luxemburg verdankt sich nicht zuletzt der engen Zusammenarbeit mit Publikumszeitschriften wie BRAVO und STERN. Seit Mai 1965 präsentiert Radio Luxemburg die „BRAVO-Musikbox“, seit Oktober 1968 die „Hitparade des STERN“.

    Guten Tag liebe Beat-Freunde – Willkommen zum Beat-Club!

    Single-Cover: Die Titelmusik des Beat-Club: The Mood Mosaic: A Touch Of Velvet – A Sting Of Brass.

    Im Herbst 1965 springt endlich auch das bundesdeutsche Fernsehen auf den Beat-Zug auf. Am Sonnabend, den 25. September 1965, tritt Tagesschau-Sprecher Wilhelm Wieben um 15 Uhr vor das erstaunte Nachmittagspublikum und verkündet den Einzug des Popzeitalters im bundesdeutschen Fernsehen: „Guten Tag, liebe Beat-Freunde, nun ist es endlich so weit, in wenigen Sekunden beginnt die erste Show im Deutschen Fernsehen, die nur für Euch gemacht ist. Sie aber, meine Damen und Herren, die Sie Beat-Musik nicht mögen, bitten wir um Ihr Verständnis: Es ist eine Live-Sendung mit jungen Leuten für junge Leute. Und nun geht’s los! Willkommen zum Beat-Club!“ Kameraschwenk in ein zum Beatschuppen umgestaltetes Fernsehstudio von Radio Bremen. Auf der Bühne legen die Bremer „Yankees“ mit ihrem Beat-Song „Halbstark“ los und die jugendlichen Studiogäste, die zuvor vom Moderator Gerd Augustin in der 1964 in Bremen eröffneten „Twen-Diskothek“ ausgesucht wurden, beginnen zu tanzen.

    Single Cover – The Yankees: Halbstark / Rolling Stones: Jumping Jack Flash

    Der einmal im Monat samstags von 16.40 bis 17.15 Uhr ausgestrahlte „Beat-Club“ wird beim jugendlichen Fernsehpublikum zu einem durchschlagenden Erfolg und zum Exportschlager der ARD. 1969 wird der Beat-Club in 37 Ländern ausgestrahlt. In den benachbarten Niederlanden gilt er als „beliebteste internationale Fernsehsendung“ – weit vor Serien wie „Mit Schirm, Charme und Melone“ und „Bonanza“. Der Beat-Club trägt den musikalischen Generationenkonflikt in die „guten Stuben“ der Republik. Bei einem Interview mit den GN am Rande eines Konzertes in der Alten Weberei erinnert sich der im ostfriesischen Ihrhove (Landkreis Leer) aufgewachsene Gitarrist Carl Carlton (mit bürgerlichem Namen: Karl Buskohl) lebhaft an häusliche Auseinandersetzungen um das möglichst ungestörte und laute Schauen des Beat-Club. Unvergessen ist für ihn eine Sendung im Frühjahr 1968, in der die Rolling Stones ihre aktuelle Single „Jumping Jack Flash“ vorstellen. Als Mick Jagger auf dem Bildschirm erscheint, reagiert Großmutter Buskohl mit dem entsetzten Ausruf: „Da is de Düwel in’t Fernsehn“. Die Sendereihe mit all ihrer teuflischen Rockmusik läuft bis 1972.

    Zwischen Beat und Gammeln geht die Jugend ins Kino

    Zwar geht bundesweit die Anzahl der Filmtheater und des Kinopublikums parallel zum Aufstieg des Fernsehens dramatisch zurück, aber das jugendliche Publikum bleibt dem Kino treu. Etwa 70 Prozent des Kinopublikums entstammt den Altersgruppen der 10- bis 25jährigen. Im Dezember 1965 erscheint ein Kino-Report in der Lingener Tagespost: „Man geht wieder ins Kino. Die neueste bundesweite Statistik ergibt: Regelmäßig gehen 86% aller 14-25Jährigen ins Kino“. Der jugendliche Kinobesuch hat soziale und kulturelle Gründe: Das gemeinschaftliche Kinoerlebnis mit Freunden ist vor dem heimischen Fernseher kaum möglich. Zudem gilt der verdunkelte Kinoraum bis heute als beliebter Rückzugsort für Liebespaare. Im Kino schaut sich die bundesdeutsche Jugend die in den USA und Großbritannien gedrehten Musikfilme an, die zum Motor von Trends und Moden der Popkultur werden.

    Original- Filmplakate: Die Beatles-Filme „Yeah, Yeah, Yeah“ (1964) und „Hi-Hi-Hilfe“ (Help, 1965)

    Der jungen Generation verbunden ist auch das Kinoprogramm der Nordhorner ABC-Filmtheaterbetriebe. Im Oktober 1964 läuft im Astoria-Filmpalast und im Schauburg-Kino in Schüttorf der erste Beatles-Film „Yeah! Yeah! Yeah!“: „Yeah, Yeah, Yeah! Die Beatles sind da!“. Wenig begeistert zeigt sich der Filmkritiker der konservativen Lingener Tagespost: „Yeah, Yeah, Yeah! Ist ein handlungsarmer Schlagerfilm über ein paar Dutzend Arbeits- und Freizeitstunden aus dem Alltag der englischen „Beatles“. Zum Teil parodistisch, aber in der Hauptsache „dokumentarisch-naiv“. Neben platten Gags werden überflüssigerweise fragwürdige „Lebensregeln“ verabreicht“.

    Original-Filmplakat: Hurra, die Rattles kommen.

    Die Grafschafter Kinos öffnen sich der beatbegeisterten Jugend: Im Januar 1966 findet im „Capitol-Kino“ eine erste „Beatnacht“ mit den Lokalgrößen The Misfits und Les Clochards statt. Im April 1966 läuft der zweite Beatles-Film „Help – Hi-Hi-Hilfe“ in den Filmtheatern. Im Mai und Juni 1966 folgt der erste bundesdeutsche Beatfilm. Der Astoria-Palast und das Bavaria in Nordhorn sowie das Schauburg-Kino in Schüttorf präsentieren: „Hurra, die Rattles kommen“.

    Sommerkino 1968: Gammeln im Kinosessel bei „Zur Sache Schätzchen“

    Der erfolgreichste Film im Nordhorn der 60er ist May Spils‘ Gammlerkomödie „Zur Sache Schätzchen“. Der Film läuft im Sommer 1968 über neun lange Wochen. „Zur Sache Schätzchen“, gedreht 1967 in Schwabing, ist das künstlerisch gelungenste Zeugnis der Verweigerungshaltung, die viele junge Leute in den späten 60ern erfasst. Mit bundesweit über sechs Millionen Zuschauern belegte der Film die große Sympathie, die weite Teile der jungen Zuschauer inzwischen der Idee der Leistungsverweigerung entgegenbringen. Der Film spielt nah am Zeitgeist, ist vordergründig unpolitisch, aber sehr lustig und renitent im Geiste Karl Valentins. In den Hauptrollen sind Werner Enke und Uschi Glas zu sehen. Uschi Glas war ein Jahr zuvor durch ihre Rolle als Indianermädchen im Karl May-Film „Winnetou und das Halbblut Apanatschi“ bekannt geworden, in dem sie Winnetou-Darsteller Pierre Brice den Kopf verdreht.

    Original-Filmplakat „Zur Sache Schätzchen“

    Werner Enke verkörpert den begabten Nichtstuer Martin, der die schönsten Sätze formuliert, die die Erschlaffung jener Jahre hervorgebracht hat: „Ich mag’s nicht, wenn sich die Dinge schon am Morgen so dynamisch entwickeln“, klagt er, als ihn sein Freund gegen Mittag aus dem Bett klingelt. Nachdem er auf der Liegewiese im nahegelegenen Freibad (!) seine neue Bekanntschaft Barbara (gespielt von Uschi Glas) zu einem Besuch im Zoo hat überreden lassen, starrt er versonnen die Tiger an: „Die haben’s gut, können den ganzen Tag im Käfig rumsitzen und nachdenken. Freiheit ist bedrückend, findest Du nicht? Den ganzen Tag irgendwo hingehen zu können, das macht mich ganz krank“. Barbara will er seinen neuen Kurzfilm zeigen. Als sie mit auf seine Bude kommt, präsentiert er ihr einen winzigen Block voller Strichmännchen – perfektes Daumenkino. Barbara will er gar nicht groß herumkriegen, höchstens „ein bisschen fummeln“, obwohl das schon mehr Vitalität erfordern würde, als ihm angemessen erscheint. Zunächst ist die junge Frau von so viel Zurückhaltung entzückt; amüsiert lauscht sie seiner Erzählung vom schlaffen Haro, die sich schnell als Selbstporträt entpuppt: „Beim schlaffen Haro ist die Grundposition erstmal so“, erklärt Martin und legt sich flach auf den Boden: „Wenn er gut beieinander ist, dann kommt er mit dem Kopf nach hinten so ein bisschen hoch, guckt, und dann schlafft er wieder ab. So für fünf, sechs Wochen. Und dann, wenn er wieder gut beieinander ist, wirklich gut beieinander, dann kommt er richtig mit dem Kopf hoch, wird auch wirklich freier insgesamt, und dann macht er sich an die Kniescheibe ran, fummelt so ein bisschen, grabscht sich richtig in die Kniekehlen, überprüft, ob alles locker ist, und dann schlafft er wieder ab“.

    Und des Abends locken die Diskotheken …

    Zwischenzeitlich entdeckt die Jugend der Stadt ein alternatives Vergnügen und bevölkert in zunehmendem Maße die 1967/68 neu eröffneten Diskotheken der Stadt: Das „Whisky A Go-Go“ am Hohenkörbener Weg, das „Lord’s Inn“ an der Lingener Straße, das „Capri“ und das „Little Annie Fanny“ am Gildehauser Weg. Auch abseits kommerzieller Pfade gehen junge Leute dem Freizeitvergnügen Disko nach: Seit Herbst 1968 veranstaltet der lutherische CVJM-Nordbund immer sonnabends von 19 bis 22 Uhr Diskothekabende „mit Tanz und viel Musik“ in seinem Jugendheim am Strampel. Im Frühjahr 1969 folgt der CVJM-Blanke, der von nun an sonntags ab 17 Uhr zum „Jugendtanztee“ im Jugendheim an der Klarastraße einlädt.

    Jukebox- und Raupenbahn-Diskotheken

    1965 entdeckt das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL den neuen Freizeittrend: „Die Tanz-Dielen erzittern … Gattungsname der neuen Schall-Welle: Diskothek“. Ein Trend, den der Jukebox-Hersteller „Seeburg“ aus Chicago zu nutzen weiß. Mit der 100 Single-Schallplatten fassenden „Seeburg-Discotheque – Dancing To The Big Sound“ lässt sich jede Dorfschenke in eine Diskothek verwandeln -ein Angebot, dass die Gaststätte Timmer/Zum Bogen im März 1966 aufgreift: „Hallo Beat-Fans! Erstmalig in Nordhorn – Discotheque. Ab heute Abend 17 Uhr hört Ihr im Gasthof Timmer die besten Kapellen und Musikinterpreten des In- und Auslandes auf der „Neuesten Seeburg-Discotheque“ – Tanzmusik aus der Jukebox“.

    Nur wenige Monate später, im Oktober 1966, taucht eine weitere Diskothek auf der Nordhorner Kirmes auf: „Erstmals auf der Nordhorn-Kirmes: Krabbes Raupenbahn mit einer Diskothek direkt auf der Raupe“. Die Szenerie an der Raupenbahn-Diskothek: „Beat, Folk, Geschrei! Jahrmarkt! An der Raupe: Liebespaare, junge Mädchen, die Gesichter so verschieden, lachende, sinnende, liebende. Es dreht sich, Musik, Beat…Die einen flirten, die anderen haben Zigaretten in den Mundwinkeln hängen. Der Ansager kündigt einen neuen Hit an: „Und nun für das Knuddelpärchen im Wagen 14 – Die Kinks: Dandy!“.

    Ein Whisky-A-Go-Go in Nordhorn

    Whisky und Schäkermädchen, Go-Go-Girls, Rock und Soul, dazwischen eine Popballade zum Schwofen wie „A Whiter Shade Of Pale“ von Procol Harum – das sind die Zutaten, die viele junge Leute in die Diskotheken ziehen.

    Außen- und Innenansicht des Whisky-A-Go-Go. Fotografien: privat

    So auch in Nordhorn, wo der italienische Gastronom Guiseppe Bertoncin – vielen Nordhornern unter dem Namen „Beppo“ bekannt – mit das in einem umgebauten Friseursalon am Hohenkörbener Weg im August 1967 die erste Diskothek der Stadt – bezeichnenderweise unter dem Namen „Whisky-A-Go-Go“ – eröffnet: „Der Weg in die Diskothek führt durch den Bauch einer Whiskyflasche. Hinter der Garderobe gelangt man durch eine Pendeltür im Cowboy-Saloon-Stil in die eigentliche Diskothek. Die mit Kalbfell bezogenen Barhocker und Sitzbänke verbreiten Wohlfühl-Atmosphäre“. Nicht ganz so wohl fühlt sich ein Redakteur des „GN-Jugendspiegel“: „Wie tanzt man in einer Diskothek auf 9 qm Tanzfläche? Im Whisky kamen mir die Tanzenden wie mäßige Akrobaten vor, die im Freistil nach Art des Hauses tanzten, so eine Art Frühsport. Beim Blues sah es aus wie auf einem sinkenden Schiff. Einige raffinierte Jungen benutzten ihre Mädchen sogar als Stoßdämpfer. Ich klemmte mich in eine der engen Bänke und bangte darum, keinen Muskelkrampf zu bekommen. Die meisten Jungen, die ohne Begleitung hier waren, wollten hübsche Mädchen kennenlernen, aber natürlich auch tanzen. Manche Mädchen wollten sich amüsieren, manche nur tanzen. Eine fand es sehr witzig zu antworten: „Tanzen? Nee! Schwofen schon, das ist ja was ganz anderes!“.

    Whisky-Gast- DJ Jörg Marius. Portrait 1969. Foto: privat

    Einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt der Hamburger DJ Jörg Marius, der zum Jahreswechsel 1969/70 auftritt: „Seit vier Wochen versorgt Jörg Marius die Besucher der Diskothek Whisky A Go-Go mit heißer Musik. … Die exzentrische, von allerlei wilden Schreien und ekstatischen Zuckungen begleitete Show, kam bisher so gut an, dass man seinen Vertrag um einen weiteren Monat verlängerte. „Underground“ – so nennt sich nach den großen Wellen der Pop-Musik und des Soul eine neue Richtung der Musik. Sie wird durch die „Iron Butterfly“, die „Vanilla Fudge“ und die „Led Zeppelin“ aus Amerika präsentiert und verlangt einen völlig anderen „Reitstil“ für Jockeys. DJ Jörg Marius hat sich diesem Stil angepasst1Heute streicht Jörg Marius als Idol verzückter Traumtänzer Monatsgagen von weit über 2000 Mark ein. An den ersten drei Tagen seines Auftritts in Nordhorn machte er sein Publikum rein hysterisch. Nordhorns Teens und Twens waren der Ekstase nahe, tanzten auf den Tischen und rissen die Lampen von der Decke …“.

    Aber das Beste sollte noch kommen: Eine Zeitungsannonce zum 01.(!) April 1970 verkündet: „DJ Heinz-Ingolf präsentiert: Die Sensation des Jahres 1970. John Lennon und Yoko Ono am Mittwoch, 1. April 1970, ab 22 Uhr im Whisky A Go-Go, Hohenkörbener Weg.“

    Im „Little Annie Fanny“ legt Drafi Deutscher auf

    Das „Little Annie Fanny“ am Gildehauser Weg (heute Eiscafé) / Zeitungsanzeige der Blanke-Diskothek „Little Annie Fanny“

    Im Februar 1969 kündigt das im Oktober 1967 eröffnete, nach einem Hit der US-Beatband „The Kingsmen“ benannte „Little Annie Fanny“ den Auftritt eines bundesweit bekannten Entertainers an: „Blanke Diskothek präsentiert DJ Drafi Deutscher“: Im Verlauf seines 16tägigen Gastspiels legt Drafi Deutscher nicht nur ausgesuchte „Hits zum Tanzen“ auf. Allabendlich gibt er vor ausverkauftem Hause seinen Beatschlager „Marmor, Stein und Eisen bricht“ zum Besten und lädt zu Spielaktionen wie einem „Makkaroni-Wettkampf“: „Mit fünf Makkaroni „Vorsprung“ siegte Jockel Jungfer. Sein knapp geschlagener Gegner durfte seine Kehle mit einer Flasche Sekt klarspülen“.

    Im „Capri“ tanzt man zum Soul

    Dagegen ist das nur wenige Schritte entfernte „Capri“ eine Heimat des Souls und der zunehmend „progressiven“ Rockmusik. Allabendlich finden sich bis zu 120 Disco-Jünger aus den Stadtteilen Blanke und Neuberlin ein. Von 1969 bis 1974 residiert der Nordhorner Manfred van Slooten am DJ-Pult. Mit dem Instrumental „Time Is Tight“ von Booker T. & The MGs gibt er an sechs Abenden in der Woche von 18 (!) Uhr bis in die späte Nacht die Tanzfläche frei. Getanzt wird zu Marvin Gaye und den Supremes, geschwoft zu „Sittin‘ On Dock Of The Bay“ von Otis Redding. Musik, mit der van Slooten vor allem sein weibliches Disco-Publikum auf die Tanzfläche lockt: „Die Männer folgten dann von ganz allein“. Zu später Stunde wechselt die Musikfarbe: „Zum harten Rock schüttelten die Langhaarigen ihre Köpfe“.

    Single-Cover: Jeronimo: Heya / Santana: Jingo / Shocking Blue: Venus

    Van Slooten berichtet von wöchentlichen Einkaufsfahrten, die ihn wie viele andere DJs aus der Region in den Plattenladen „Radioko“ nach Enschede führen. Dort kauft er aktuelle Single-Hits der internationalen Charts, aus denen die Besucher einmal pro Woche ihre „Hitparade“ auswählen. Capri-Gänger erinnern beliebte Titel wie „Heya“ von Jeronimo, „Everyday People“ von Sly & The Family Stone, der erste Santana-Hit „Jingo“ und „Venus“ von Shocking Blue. Diskotheken wie das „Whisky“ und „Capri“ sind aber nicht nur Orte zum Musikhören und Tanzen, sondern auch zwangloser Treffpunkt und Kontaktvermittlung, spätere Heirat nicht ausgeschlossen. So auch im Falle von DJ Manfred van Slooten, der seine Frau im „Capri“ kennenlernt und von etlichen früheren Gästen weiß, die eine vergleichbare Geschichte erzählen könnten.

    Aufbruch in lustvolle Gefilde: Super-Flower-Pop-Op-Cola … alles ist in Afri-Cola

    Abseits aller (notwendigen) Konsumkritik lassen sich manch zeitgenössische Werbekampagnen der späten 60er als verdichtete Beschreibungen des popkulturell infizierten Lebensstils der jungen Konsumenten lesen. So die Kampagnen für bundesdeutsche Cola-Marken wie „Sinalco-Kola“ und „Afri-Cola“. „Herz-Dame von Sinalco-Kola: Das kann mir gestohlen bleiben: Wenn einer Flipper für eine Fernsehsendung hält. Wenn ich Papa samstags seinen Wagen wienern soll. Wenn ich mit der Familie Ferien machen muss. Wenn ich auf Partys mit Salzstangen eingeladen werde. Wenn mir einer was verbieten will… Das hab‘ ich gern: Wenn mich ein Typ mitnimmt, der flippern kann. Wenn John & Yoko sich von hinten knipsen lassen. Wenn zum Festival der Hunderttausend 200.000 kommen. Wenn Mädchen unter Maximänteln Miniröcke tragen. Wenn mir einer was verbeaten will“.

    Zwei Original-Werbeanzeigen von Sinalco Kola im STERN 1969 und 1970

    Beinahe zeitgleich versetzt der Düsseldorfer Werbedesigner Charles Wilp die bundesdeutsche Jugend in den „Afri-Cola-Rausch“: „AFRI-COLA! Mini-cola als Stimulans. sexy-cola Stimmungselixier. super-cola Alkoholfreies Party Getränk. flower-cola Erfrischung auch bei schlechtem Wetter. Sexy-mini-super-flower-pop-op-cola. Alles ist in AFRI-COLA“.

    Wilp verspricht ein ganz neues Lebensgefühl, das von hinter vereisten Scheiben lasziv tanzenden Models, gekleidet in weißer Nonnentracht demonstriert wird: „Auf in lustvolle Gefilde afri-colahungriger Gefühle“. In den im Fernsehen ausgestrahlten Werbespots verkündet eine markige Stimme vor dem infernalischen Lärm einer Wilp’schen Soundcollage die Zeitenwende: „Heirat oder nicht Heirat – das ist nicht mehr die Frage. Die Augen erzählen der Welt, dass sie verliebt sind. Afri-Cola. Menschen, die bewusst ihre Zeit genießen, bei vollem Verstand. Wach und mobil. Afri-Cola.“

    Zwei Original-Werbeanzeigen von Afri-Cola im STERN 1968 und 1969

    So richtig verstanden hat zunächst kaum jemand die verwirrenden und nebulösen Afri-Cola-Spots, die zwischen 1968 und 1972 im Werbefernsehen laufen: „Es war nicht richtig zu hören, was die Sirenen (darunter spätere Disco-Queens wie Amanda Lear und Donna Summer) hinter der vereisten Glasscheibe sirrten. Auch was sie dort taten, blieb weitgehend undurchsichtig, erst recht, was das alles mit einer Cola zu tun hatte, die nicht „die“ Cola war. Aber ganz egal, die lasziven Lockrufe aus dem unterkühlt-heißen-Weltraum Nymphen-Paradies waren trotzdem zu verstehen. Sie sagten: „Komm zu uns, auf die andere Seite“. Dahin, wo die neuen Gefühle, Bilder und Sinneswahrnehmungen warten. Dahin also, wo eigentlich alle hinwollten“. So gesehen, sind die Afri-Cola-Spots des Charles Wilp die visuelle Antwort auf einen programmatischen Rocksong der Doors: „Break On Through To The Other Side“.

    Jahre später erzählte Charles Wilp dem STERN: „Es war eine Zeit, die sehr viel mit Rausch, mit Rauschzuständen zu tun hatte; darauf basiert auch zum großen Teil die „Sexy-Mini-Super-Flower-Konzeption … Werbung war damals so bieder und prüde wie die Gesellschaft. 1968 stellte ich sie mit Afri-Cola endgültig auf den Kopf. Ich bekam 15 Millionen Mark und gab 16 aus, um unter deutschen Dächern die soziale Distanz zum Sex abzubauen… Wenn meine Spots im Fernsehen liefen, wurden Kinder ins Bett geschickt. Der Klerus schnaubte, weil ich blutjunge Nonnen im Afri-Rausch taumeln ließ. Der Einzige, der nicht an den Plastikhalm wollte, war Rudi Dutschke. “Gib mir die 5000 Mark Gage lieber so, damit wir Kohlepapier für kaufen können“. Ich gab sie ihm. Er las mir dafür Karl Marx vor … Afri verkaufte sich wie verrückt … Ich war „Mister Afri-Cola“, bis mein Freund Joseph Beuys sagte: „Mach Schluss mit dem Konsumkram. Mach endlich was Anständiges“.

    NINO wirbt für die Revolution – der Regenmode

    Selbst die Nordhorner Textilfirma NINO greift in ihrer Werbung den Zeitgeist der Sixties auf.Im August 1968 veröffentlicht NINO eine ganzseitige Anzeige in der Zeitschrift „Twen“ und wirbt für die Revolution – der Regenmode: „In Paris zündete der Funke. Jetzt springt er über. Auch bei uns rebelliert die Jugend. Sie will andere Regenmäntel. Andere Wetterjacken. Daniel Hechter gibt sie ihnen. Aus hochwertigen NINO-Stoffen formte er seinen neuen Protest-Look. Die alte Generation der weiten Wettermäntel muss abdanken … die Zukunft hat schon begonnen … Machen Sie mit beim großen GO-IN! Werden auch Sie eine Anhängerin von Daniel Hechter und … NINO!“

    NINO-Werbeanzeige aus TWEN Nr.8/1969

    Neben dem „Protest-Look“ des jungen französischen Stardesigners Daniel Hechter bringt NINO eine „Bonnie & Clyde – Kollektion“ aus NINO-Stoffen auf den Markt. Für die Nordhiorner Textiler ein „Krimi-Dress und Killer-Look aus den 30er Jahren“, der inspiriert ist von dem Oscar-prämierten Gangsterfilm „Bonnie & Clyde“. Gerade viele junge Kinogänger begeistern sich für die von Faye Dunaway und Warren Beatty gespielten Outlaws, die am Ende tragisch im Kugelhagel der Polizei sterben. Die NINO-Werbung schlägt sanftere Töne an: Dort tritt Schlagerstar Roy Black in der Rolle des Clyde Barrow und das französische Starmodel Dominique Sanda als Bonnie Parker auf.

    Original-Filmplakat: Bonnie & Clyde

    Wie erkläre ich meinen Kindern die Welt der Sixties?

    Im Frühjahr 1969 steht die Nordhorner Gymnasiastin Wiltrud van Biezen kurz vor ihrem Abitur. In der Schülerzeitung „Brücke“ denkt sie darüber nach, wie sie später einmal ihren eigenen Kindern die Welt der Jugend um 1968 erklären wird: „Der Beat – durch Beatles, Stones und Bee Gees im Leben meiner Generation – wird an die Stelle des Russlandfeldzugs treten und mit bunten Farben ausgeschmückt. Ich werde erzählen von Schule, Partys, Reisen und viel, viel Freizeit. Gammler sonnen sich in unseren Jugendtagen auf grünen Wiesen, und wenn wir uns mit ihnen beschäftigen, dann nur aus einem gewissen Neid heraus, weil wir sie an der Straße sehen, dem Glück nachfolgend, während wir noch zur Schule gehen um Sallust zu übersetzen. Dies wird die Erzählung unserer Jugend sein, eine Erzählung aus unbeschwerten Tagen.“

    Die Liegewiese am Stadtring-Hallenbad. Foto: Rudolf Bulla

    Und was ist mit der in Unordnung geratenen Welt, was mit der Protestbewegung der Sixties, mit Sit-Ins, Teach-Ins, mit Diskussionen und Demonstrationen auf den Straßen und in den Schulen, was mit dem Krieg der USA in Vietnam, was mit dem Einmarsch der Roten Armee der Sowjetunion in der damaligen Tschechoslowakei? Wie sich all das in Nordhorn widerspiegelte, erfahrt ihr in einer künftigen Folge unseres Blogs „Swinging Nordhorn“.

    1 Zitiert nach: Diskjockey Jörg Marius bringt Nordhorns Jugend auf die Tische. In: GN vom 30.12.1969


    Mit freundlicher Unterstützung der

  • Das Jugendzentrum Nordhorn – Vom Woodstock-Basislager zur Rockdisco in einer Hofscheune

    Am 3. März 1973 wird das Jugendzentrum Nordhorn eröffnet. Die GN berichten: „Die Eröffnung hatte Popfestival-Charakter […] Nach etlichen Grußworten übernahm die Nordhorner Band Wiff & Co die Regie im neuen Jugendzentrum. Unter ihren progressiven Klängen wurde die Tenne des ehemaligen Bauernhofes erstmals zum Tanzboden für rund 300 Jugendliche“. Im Verlauf des Frühjahrs wird das neue Jugendzentrum zur ersten Adresse der Nordhorner Jugend. Schon nachmittags ist der Fahrradparkplatz vorm Haus brechend voll, die Getränketheke umlagert. Den Kaffee oder Tee gibt’s für zwanzig Pfennige. Bereits am 15. März titeln die GN: „Jugendzentrum stark besucht. Leiterin Marlis Engels braucht Unterstützung“.

    In den ersten Monaten nach Eröffnung gleicht das JZ einem Woodstock-Basislager. Die Nordhorner „Gegenkultur“ feiert fröhliche Urständ: Täglich gibt es Rockmusik vom Plattenteller, unbefangene Besucher erhalten Einführungskurse in Kusstechniken verliebter Pärchen, Politaktivisten bereiten Protestaktionen gegen den Bombenabwurfplatz Nordhorn-Range vor, an der Theke zischen Kaffeemaschine und Teekocher, man ernährt sich vom unvermeidlichen Toast Hawaii. Im Programm finden sich hauptsächlich Disco-Abende und Konzerte.Im Verlauf der 1970er Jahre treten neben lokalen Bands wie Wiff & Co., der Backwater Bluesband, Preludium, Lakehurst und der Band „Levee“, die einen Proberaum erhält und damit zu einer Art Hausband des JZ wird, eine ganze Reihe bundesdeutscher Kraut- und Jazzrocker von Rang und Namen auf – darunter Grobschnitt, Kin Ping Meh, Eloy, Embryo, Mythos, Release Music Orchestra, Munju, Känguruh, Tri Atma und die Osnabrücker Blues Company.

    Sie spielen regelmäßig im JZ: von links nach rechts: Backwater Bluesband / Levee / Preludium. Fotografien: privat

    Nach Auszug eines kleinen Nähereibetriebs wird die lang ersehnte Teestube eingerichtet. Endlich gibt es genug Räume für all die Arbeitsgemeinschaften der „JZ-Aktivisten“: Vom durch die JZ-Besucher gewählten Jugendzentrumsrat über die Theken-AG, Disco-AG, die für die vielen Livekonzerte zuständige Veranstaltungs-AG, Elektronik-AG, Volkstanz-AG, Töpfer-AG, Foto-AG, Zeitungs-AG, Film-AG bis hin zur feministisch bewegten „Mädchen- und Frauen-AG“ oder der in den 90ern neu gegründeten Computer-AG.

    Die Szenerie in der neuen Teestube des JZ / Aufnahme der Mädchengruppe „Nur Wir“. Fotografien: Dirk Deelen

    Inmitten des jugendbewegten Geschehens hält JZ-Leiterin Marlis Engels die Stellung. In wenigen Monaten erobert sie die Herzen der JZ-Besucher: „Ich war Mädchen für alles. Zehn Stunden Fachberaterin für Problemlösungen, Managerin, Tränentrocknerin und Seelentrösterin, Gesprächspartner für Verwaltungsangestellte, Bewährungshelfer, kleine Mädchen, Eltern, Besucher, Drogenberater, Lieferanten, Richter, Tippelbrüder, Klempner, Drogis und Alkis, Kollegen, Putzfrauen, Lehrer, Politiker, Ärzte und psychisch Kranke. Ich hatte wunderliche Arbeitszeiten, und meine Freizeit begann weit nach Mitternacht“.

    Marlis Engels beim Open-Air auf dem Gelände des Jugendzentrums 1974. Foto: Dirk Deelen

    Highlights im JZ-Programm: Ein Open-Air und kultige Partyformate

    Noch im Herbst 1973 wird das Außengelände mit Hilfe der Landjugend planiert und neugestaltet. Im Sommer 1974 findet ein erstes Open-Air-Festival statt. Unter dem Motto „All you need is love“ fühlen sich die rund 300 Besucher wohl und lassen ganz Nordhorn an der Musik teilhaben. Im Anschluss an lautstarke Auftritte von „Omega“ (Bentheim), Backwater Bluesband (Nordhorn) und Mythos (Berlin) zwingen Anwohnerproteste und einsetzender Regen die Veranstaltungs-AG des JZ, den abschließenden Auftritt des „Topacts“ – der Rockband „Grobschnitt“, in die Tenne des JZ zu verlegen. Aufgrund der zahlreichen Beschwerden wegen „Lärmbelästigung“, versagt das Ordnungsamt der Stadt Nordhorn in den folgenden fünf Jahren alle Anträge auf innerstädtische Open-Air-Konzerte.

    Das Open-Air Festival am JZ. Fotografien: Dirk Deelen

    Kultstatus erlangen zwei Partyformate des JZ: Am 30. April 1973 lädt das JZ erstmals zum Disco-Tanz in den Mai: „Rund 500 Jugendliche in ausgelassener Stimmung tanzten unter dem mit bunten Bändern geschmückten Maibaum. Die jungen Leute tanzten überwiegend zu den Klängen progressiver Musik, doch auch Stimmungsplatten wurden aufgelegt. Nur an die älteren Jugendlichen wurde Maibowle ausgeschenkt, die Mitarbeiter in stundenlanger Arbeit angerührt hatten. Erstmals durfte das JZ seine Pforten auch nach 22 Uhr offenhalten. Der Clou des Abends war aber ohne Zweifel eine spontan gestartete Aktion des 18jährigen Jürgen Fritsch für die Vietnam-Hilfe: Der junge Mann opferte für Spendengeld seine schulterlangen Haare“. Zu einem weiteren Highlight wird die alljährliche Karnevalsparty zu Rosenmontag. Es gilt „freiwilliger Kostümzwang“ und es gibt einen begehrten Preis für die verrückteste Verkleidung. In Sachen Originalität und Partylaune kann es der JZ-Karneval locker mit den Narren der Karnevalsvereine im Stadtteil Blanke aufnehmen.

    Bowleausschank beim Tanz in den Mai 1973. Foto: Rudolf Bulla

    Aufsehen erregt ein von der Christlichen Arbeiter-Jugend (CAJ) veranstalteter ökumenischer Gottesdienst, der im Oktober 1973 stattfindet: „Rund 100 überwiegend junge Leute kamen am gestrigen Sonntag um 11 Uhr zum Gottesdienst in das Jugendzentrum an der Denekamper Straße. Unter Anleitung von Kaplan Weusthof von der St. Elisabeth-Gemeinde zeigten sie Mut zum Experiment. Die Jugendlichen gestalteten einen Gottesdienst, der in Form und Inhalt vor allem kritische Christen zum Mitdenken anregen sollte. Anstatt einer Predigt diskutierten die jungen Leute über einen Holzschnitt „Sturm auf dem See“. Der Gottesdienst wurde musikalisch mit Songs aus dem Musical „Hair“ [!] untermalt […]“. Weitere Jugendgottesdienste folgen, so zur Eröffnung der „Scheune des Jugendzentrums“ im März 1982.

    Ökumenischer Gottesdienst im Oktober 1973. Foto: Dirk Deelen

    1974 findet ein erster „Tag der Offenen Tür“ statt, bei dem sich einige hundert sich wagemutige Eltern und Großeltern in die bei vielen skeptischen Erwachsenen als „Räuberhöhle“ geltenden Räumlichkeiten des JZ trauen. Zuvor putzen und wienern die jungen Leute „ihr“ Haus. Es gibt Kaffee und Kuchen … und auf allen Tischen liegen erstmals papierene Tischdecken. Die meisten JZ-Besucher erkennen ihr Haus selbst nicht mehr. Oma, Opa, Tante und Onkel sind dagegen ganz begeistert. Von wegen „Räuberhöhle“.

    Der Tag der Offenen Tür. Es gibt Kaffee und Kuchen. Foto: Dirk Deelen

    Eine „nichtkommerzielle“ Rockdiskothek – die Tenne des Jugendzentrums

    Ab September 1973 finden allwöchentlich drei Disco-Abende statt. An den Wochenenden wird das JZ zur Rockdiskothek. Die Disco-Abende an den Mittwoch-, Samstag- und Sonntagabenden werden zum Hauptanziehungspunkt. Auf den Playlisten der JZ-DJs findet sich alles, was das Herz „progressiver“ Rock- und Soulliebhaber begehrt. Im Januar 1974 verlangt das JZ erstmals Eintritt für die Disco, er beträgt ganze zehn Pfennig. Bis 1995 steigt der Eintritt auf die schwindelerregende Höhe von 1,50 DM an. Einen Gutteil der Einnahmen verwendet die Disco-AG für den Ankauf von Schallplatten in den örtlichen Plattenläden „Backwater“ und „Georgies LP&CD-Laden“. Drei Jahre später platzt die für nur 300 Besucher zugelassene Tenne aus allen Nähten.

    Einer der ersten DJs im JZ – Joachim Bölt an der Discoanlage. Foto: Dirk Deelen

    Die Disco-AG des JZ wird weitgehend von den Herren der Schöpfung beherrscht. In den 70er Jahren mit nur einer Ausnahme: An manchen Disco-Abenden heizt ein schwesterliches DJane-Doppelpack die Stimmung an. Birgit und Marianne Schomakers infizieren das Tanzpublikum mit dem Soul-Virus. Auf ihrer Playlist findet sich klassischer Seventies-Soul von Labelle („Lady Marmalade“), Chaka Khan („You Got The Love“), Donny Hathaway („The Ghetto“), Stevie Wonder („Superstition“), Temptations („Papa Was A Rolling Stone“), Commodores („Brick House“), Lamont Dozier („Goin‘ Back To My Roots“) und War („Slippin‘ Into Darkness“).

    Eine der ersten beiden DJanes im JZ: Birgit Schomakers. Foto: Dirk Deelen

    In einem „Situationsbericht“ vom Februar 1976 stellt die Stadtjugendpflege fest: „Das Haus bebt! […] An den drei Tagen, an denen die „Disco“ läuft, treffen sich etwa 500 bis 600 Jugendliche allen Alters und Schichten aus Nordhorn und Umgebung im Jugendzentrum […] Die „Disco“ ist um 20 Uhr bereits auf vollen Touren; man kann sein eigenes Wort nicht verstehen und muss dafür sorgen, dass man in der Tenne des JZ noch einen Platz zum Stehen bekommt. In dieser Situation werden viele Getränke und auch Bier verkauft. Harte Sachen wie Whisky und Schnaps werden nicht verkauft, aber „eingeschleppt“ […] die Alkoholkontrollen am Eingang arten rasch in endlose Diskussionen aus, die das Risiko einer aggressiven Konfliktlösung in Kauf nehmen “. Allen pädagogischen Problemlagen zum Trotz steigt die Besucherzahl der Diskothekenabende bis 1980 weiter an. Insbesondere an den Sonnabenden ist die Tenne des JZ mit über 700 Besuchern völlig überfüllt. An den Wochenenden machen sich auch viele junge Leute aus Bentheim, Uelsen, Emlichheim und Neuenhaus auf ins JZ Nordhorn.

    Ein Schock: Die Stadtverwaltung schließt die Wochenend-Disco im JZ

    Am Sonnabend, den 16. Januar 1981 zieht die Stadt Nordhorn die Reißleine. Hunderte Jugendliche stehen vor verschlossenen Türen. Ein Zustand, der sich nicht zuletzt der Schließung der Bentheimer Rockdiskothek „Oase“ im Herbst 1980 verdankt. Seit Dezember 1979 tauchen am Wochenende ganze Wagenladungen von Bentheimer Jugendlichen in der JZ-Disco auf. Die Stadt Nordhorn fordert „den Verzicht auf Disco-Abende an Sonnabenden“. Die JZ-Besucher sehen das anders: Sie verlangen den Ausbau einer einstigen Bauernscheune auf dem JZ-Gelände, die Raum für Disco- und Konzertveranstaltungen mit bis zu 800 Besuchern bietet. Am 21. Januar erscheinen erste Leserbriefe in den GN, die gegen die Schließung des JZ Nordhorn an den Wochenenden protestieren. Der Tenor: „Das JZ ist unsere Alternative zu kommerziellen Discotheken. Die Aussperrung von 700 Jugendlichen ist für uns ein Schlag ins Gesicht. Das Jugendzentrum stellt vor allem an den Discoabenden im Bereich der Grafschaft die einzige Alternative zu Diskotheken in privater Hand dar, weil man nicht zum Konsum verpflichtet ist und sich der Musikstil grundsätzlich unterscheidet“. Ein empörter Vater schreibt: „Ein schlechter Behördenwitz – das Jugendzentrum Nordhorn ist wahrlich nicht der Ort der reinen Tugend […] aber die Einrichtung ist das bisher Beste, was die Stadt Nordhorn der Jugend außer Sportstätten zu bieten hat. Als Bürger und Vater von heranwachsenden Kindern fordere ich die Stadt auf, nicht durch Verbote, sondern durch tatkräftiges Handeln Jugendarbeit zu treiben. Den Kopf hat man zum Denken und nicht nur zum Hutaufsetzen!“

    Impressionen von der abendlichen Mittwochsdemo gegen die JZ-Schließung. Fotografien: Rudolf Bulla

    Am 28. Januar wird die weiterhin erlaubte „Mittwochs-Disco“ unterbrochen. In einer spontanen nächtlichen Demonstration ziehen rund 250 junge Leute zum JZ-nahen Wohnhaus des stellvertretenden Bürgermeisters Friedel Witte. In dessen Vorgarten kommt es zu einer intensiven Debatte über einen möglichen Ausbau der „Scheune“, die zu diesem Zeitpunkt dem DLRG als Unterstellplatz für Rettungsboote dient. Zum Glück für die Protestler ist der Chefredakteur der Grafschafter Nachrichten ein Nachbar von Witte. Für entsprechende Publizität ist also von Beginn an gesorgt. Die Polizei beschränkt sich auf die Verkehrslenkung. Unter dem Eindruck des Jugendprotests greift die SPD/FDP-Mehrheit im Nordhorner Stadtrat greift das Anliegen der JZ-Besucher auf. Anlässlich einer Podiumsdiskussion erklärt die Stadt Nordhorn ihre Bereitschaft, auf die Forderungen nach Ausbau der „Scheune“ einzugehen. Unter dem Eindruck des Jugendprotests beginnt noch im Sommer 1981 der Um- und Ausbau der Scheune mit Hilfe eines „Werkstattprojekts für arbeitslose Jugendliche“. Im März 1982 zieht das dreitägige Eröffnungsprogramm aus Rock, Disco, Clownerie und Jugendtheater 2500 Besucher an. Das Haus ist vom ersten Tag an erneut „überfüllt“.

    Der Umbau der Scheune im Sommer 1982. Foto: Rudolf Bulla

    Die Scheunen-Disco des Jugendzentrums Nordhorn in den 80ern

    Im März 1982 eröffnet das JZ Nordhorn eine für Konzertveranstaltungen und Disco-Abende umgebaute Bauernscheune auf dem Gelände des JZ. Die „Scheune“ bietet Platz für 800 Besucher. Fotografien in den GN zeigen „den neuen Arbeitsplatz des Discjockeys. Von diesem Steuerstand auf der Empore wird die gesamte Musik- und Lichtanlage gesteuert. Von dort kann man über die Köpfe der Besucher hinweg auf die große Konzertbühne schauen. Ebenfalls auf der Empore untergebracht – eine gemütliche Teestube mit kleiner Küche“. Bis 1987 wird die „Scheune“ an drei Abenden von 20.00 bis 01.00 Uhr als Diskothek genutzt. Die Besucherzahlen liegen zwischen 300 (Mittwoch) und 800 Besuchern (Samstag).

    Zur Eröffnung der Scheune spielt die Börsen-Beat-Band aus Bremen zum Tanz auf. Anschließend gibt es die erste Scheunen-Disco. Fotografien: Rudolf Bulla

    Im Februar 1988 ermittelt eine Umfrage unter Lesern der GN-Jugendseite „Szene“ die beim Grafschafter Publikum beliebtesten Popkünstler des Jahres 1987. Die Antwort: „U2 / Michael Jackson / Pet Shop Boys / Terence Trent D’Arby / Prince / Depeche Mode / Madonna.“ Einige der Teilnehmer erzählen, wo und wie sie ihre Poplieblinge hören: „Um musikalisch auf dem Laufenden zu sein, hören alle vier Hauptgewinner fast täglich Radio ffn […] Obwohl alle in der Musik sehr bewandert sind, zieht es fast keinen in die örtlichen Diskotheken. Fast alle bevorzugen die Disco-Abende im Nordhorner Jugendzentrum“. Die Vorlieben der Besucher schlagen sich in den Playlisten der JZ-DJs nieder. Zu der weiterhin beliebten Rockmusik aus den 70ern gesellen sich neue Spielarten des zeitgenössischen Pop: New-Wave (The Smiths, The Cure), Synthie-Pop (Depeche Mode, New Order), Funk und Soul (Michael Jackson, Prince, Chaka Khan) und klassischer US-Rock der frühen 80er (Toto, Foreigner, Bryan Adams). Bis weit in die 90er Jahre hinein finden allwöchentlich bis zu drei Disco-Abende statt, die in der Spitze regelmäßig zwischen 600 und 800 Besucher anziehen. Bis 1993 steigt die Zahl der wöchentlichen Disco-Besucher im JZ Nordhorn von 1.200 auf 1.500 an.

    Disco-Abend in der Scheune des JZ. Foto: unbekannt

    Am liebsten „Live“ – Die Toten Hosen entern die Scheunenbühne

    Wie in vielen anderen Rockdiskotheken sind Livekonzerte weiterhin ein essenzieller Bestandteil des Programms. Zwischen 1980 und 1989 finden rund 90 Konzerte statt. In der JZ-Scheune sind etliche Bands aus der Rockszene der benachbarten Niederlande zu Gast: Vitesse, The Nits, Mark Foggo Skaband, Herman Brood & Wild Romance, Mo, Urban Heroes, Massada, Bertus Borgers‘ Groove Express, Rickey & The Frog, Bluespower und Jan Akkerman. Erfolgreiche Auftritte feiern zudem Live-Acts aus bundesdeutschen Landen wie Cochise, Geier Sturzflug, Caliber 38, die Ace Cats, Die Angefahrenen Schulkinder und Die Toten Hosen: „Die Toten Hosen versprechen einen „unvergesslichen Abenteuerurlaub für alle Beteiligten“ mit ihren Hits im explosiven Punkrock-Stil“. Das Konzert der „Hosen“ im März 1985 ist mit 800 Besuchern völlig ausverkauft. Zum Ausklang der 80er tritt die US-Rocksängerin Carolyne Mas (Hitsong: „Sittin‘ In The Dark“) im JZ auf. Selbst lokale Jazz-, Rock- und Punkbands verzeichnen einen bemerkenswerten Zuspruch. So das Fun-Punk-Duo „Two Katheder“, die ihre von den „Ärzten“ inspirierten Titel „Ich lieb nur mich“ und „Revolverheld“ im Juni 1989 vor 600 Zuschauern in der ausverkauften „Scheune“ des JZ vorstellen. Im Nachgang zum erfolgreichen Konzert stellen „Two Katheder“ fest: „Wir sind keine zweitklassige Gruppe. Schließlich haben wir schon mit Chris de Burgh in Bremen gespielt.“ Auf Nachfrage bekennen sie: „Ja, wir spielten vor dem Weser-Stadion neben der Pommes-Bude, nachdem Chris de Burgh drinnen fertig war“.

    Konzert Two Katheder in der Scheune. Foto: unbekannt

    Ein „kommerzieller“ Ableger der JZ-Disco: das Roxy an der Bentheimer Straße

    Im Oktober 1988 eröffnet in den Räumen der einstigen Chartdiskothek „New York City“ ein kommerzieller Ableger der JZ-Rockdiskothek. Die DJs des „Roxy“ kommen allesamt aus dem Disco-Team des Jugendzentrums. Das „Roxy“ gilt als Rock & Wave-Diskothek: „Ein Volk – ein Roxy – mittwochs „waved“ das Roxy. Eintritt frei“. Im „Roxy“ gehen die Disco-Abende des JZ in die nächtliche Verlängerung. Eine Werbeanzeige zur Eröffnung am 7.Oktober 1988 verkündet: „Roxy – der Tanzladen an der Bentheimer Straße – Mi, Do, Fr, Sa ab 20 Uhr – 03 Uhr – heute am Mischpult: Die JZ-bekannten DJs Werner + Chri mit Funk – Soul – Rock“.

    Einmalig: An Disco-Abenden eröffnet die erste Kinderkrippe in Nordhorn

    Eine einmalige Episode in der Geschichte der Rockdiskotheken und Jugendzentren schreibt das JZ Nordhorn ab dem Juni 1986. An den Disco-Abenden öffnet eine Kinderkrippe. Die GN berichten: „Mit zehn Wochen ist Tim der jüngste Besucher des Nordhorner Jugendzentrums. Er ist regelmäßig auch an den Wochenenden da, abends, wenn Disco ist. Seine Schwester Anna, zwei Jahre alt, ist auch dabei. Beide schlafen unter Obhut in aller Ruhe im „Kinderzimmer“ unterm Dach, während ihre 19jährige Mutter sich mit Freunden in der Scheunen-Disco trifft. Die Discoabende im Jugendzentrum sind für viele junge Mütter im Alter zwischen 16 und 20 Jahren ein Treffpunkt. Wenn das Kinderzimmer nicht wäre, könnten sie häufig nicht rauskommen. Die Idee mit dem Kinderzimmer hatte Marlis Engels, die Leiterin des JZ: „Weil einfach der Bedarf da war. Schließlich ändert sich das Freizeitverhalten nicht unbedingt, wenn man Mutter wird. Ich war fasziniert von den jungen Frauen, die ja zum Kind sagen, auch wenn die Lebensumstände noch so schwierig sind“. Finanziert wird das Kinderzimmer mit einem Zuschuss aus der Disco-Kasse“.

    Marlis Engels 1983. Foto: Rudolf Bulla

    Im Februar 1983 erscheint in den GN ein Bericht über „10 Jahre JZ-Nordhorn unter Leitung von Marlis Engels“. Der Tenor: „Wer hätte das gedacht?“: „Marlis Engels vollbrachte damit als Frau eine einzigartige Leistung in der bundesdeutschen Jugendzentrums-Szene. Im Durchschnitt halten es die Leiter vier bis fünf Jahre aus, dann sind sie „geschafft“. Diese Regel gilt nicht für Marlis Engels… Nur diejenigen, die eng mit ihr zusammengearbeitet haben oder sich im Jugendzentrum engagierten, können ermessen, was es heißt, in zehn Jahren allein bei Disco-Veranstaltungen mehr als 600.000 Besucher [!] beaufsichtigt zu haben. Das ergibt eine Menschenschlange von gut 300 Kilometern. An die vorherrschende laute Musik und den Krach wird sie eine bleibende Erinnerung behalten: einen Hörschaden“.

    Das Provinzfestival Nordhorn: „Macht die Provinz bunt und lebendig“

    In Nordhorn wird 1980 eine „Grafschafter Musikerinitiative“ gegründet. Mitglieder sind etliche junge Rockmusiker aus der Bandszene der Stadt. Unter dem Motto „Rock gegen Rechts“ veröffentlicht die Musikerinitiative eine Schallplatte. Zusätzlich veranstaltet man am 21. Juni 1980 ein „Rock gegen Rechts-Festival“ in einer kurz zuvor im Gewerbe- und Industriepark (GIP) errichteten Veranstaltungshalle der Stadt. Der Eintritt ist frei. Neben allerlei lokalen Bands treten auch „alternative“ Theatergruppen auf. Zudem gibt es Infostände von politischen Initiativen und Aktionsgruppen.

    Der Zuspruch beflügelt die Musikerinitiative zur Organisation eines ungleich größeren und finanziell aufwendigeren Open-Air-Festivals, das im Sommer der Jahre 1981 und 1982 unter dem Namen „Grafschafter Provinzfestival“ auf dem Freigelände an der GIP-Halle stattfindet.

    Impressionen vom Provinzfestival 1981. Fotografien: Kerstin Westdörp

    Plakat Provinzfestival 1982

    Noch scheint die Sommersonne – die Provinzfestivals der Jahre 1981 und 1982

    Das Festival mit dem Motto „Macht die Provinz bunt und lebendig“ verzeichnet zwischen 1.500 und 3.000 Besucher. Bei bescheidenen Eintrittspreisen von 10 Mark für zwei Festivaltage setzen die grenznahen Grafschafter auf einen bewährten Mix aus lokalen Akteuren, bekannten niederländischen Bands (Golden Earring, Harry Muskee Gang (früher: Cuby & The Blizzards), Massada, Mo, Urban Heroes, Vandenberg) und in der Bundesrepublik von US-amerikanischen Soulsängern gegründeten Soul- und Funkbands – die Patrick Gammon Band (München) und The Touch (Frankfurt, mit dem wenig später international erfolgreichen Sänger Terence Trent’Darby). Der teuerste Act sind Golden Earring, die eine Gage von 14.000 DM erhalten. Der nach Ansicht vieler Festivalgänger musikalisch beste Act ist dagegen der Sänger und Pianist Patrick Gammon, der in den späten 70ern zur Tourband der Ike & Tina Turner-Revue gehört – und zu einer echten Entdeckung wird. GN-Redakteur Friedrich Gerlach kommentiert: „Patrick Gammon und seine Band „Gammarock“ – das ist amerikanische „schwarze“ Soul-Musik, präsentiert mit dem technischen Instrumentarium der achtziger Jahre … zum Ende gibt es eine schier endlose Version des aktuellen Gammon-Single-Hits „Do My Ditty“. Alles tanzt. Das ist Musik, vor der uns unsere Eltern immer gewarnt haben“.

    Eine Attraktion beim Provinzfestival 1981 ist die Nordhorner Jazz-Rock-Band „Do It“. Fotografien: Wolfgang Weßling und Friedrich Gerlach

    Dem Provinzfestival geht eine „Kulturwoche“ voraus – bis es zu regnen beginnt

    Vom 28. August bis zum 3. September 1983 wird das Provinzfestival um eine „Kulturwoche“ erweitert, bei der man vorrangig auf lokale Musiker und Straßenkünstler setzt. Es gibt ein Straßenfest in der Hauptstraße mit Straßen- und Kindertheater, Zauberei, Gauklern und Artisten; einen „Frauentheaterabend“ in der Scheune des Jugendzentrums und ein „Stadtparkfestival“ mit jungen Nordhorner Bands an der Konzertmuschel im Park, einer Art Vorläufer des heutigen „Nordhorner Musiksommer“. Enden soll die „Kulturwoche“ mit dem Höhepunkt des „Provinzfestivals“ im GIP.

    Plakate Provinzfestival 1983 + Kulturwoche 1983

    Aber während die Sommersonne zwei Jahre lang über dem Festivalgelände scheint, zieht bei der dritten Auflage des Festivals ein Unwetter auf. Wegen Dauerregens müssen die Veranstalter das gesamte Provinzfestival kurzfristig in die „Scheune“ des JZ verlegen.

    Die Veranstalter von der Musiker-Initiative begrüßen das Publikum in der Scheune. Foto: Rudolf Bulla

    Erneut berichtet GN-Lokalredakteur Friedrich Gerlach: „Elektrisierender Zirkus: Die schätzungsweise 1200 Besucher erlebten, was Rockmusik „live“ bedeuten kann: Eine Art von elektrifiziertem und elektrisierendem Zirkus, in dessen mit dunstig-heißer Luft gefüllter Arena eine auf engstem Raum zusammengedrängte Masse schreiend-schwitzend den Herzschlag-Rhythmen der Schlagzeuger und Bassisten folgt. Musik als eine aufregende körperliche Erfahrung, die so manchem bewies, dass er neben einem Kopf zum Denken auch Beine zum Tanzen und Hüften zum Wackeln hat. Furios war der Auftakt mit der deutsch-amerikanischen „Hired Help Band“, die mit straff arrangierten Bläsersätzen ein ganz auf Tempo ausgerichtetes Rock-Jazz-Gebäude errichteten, in dem sich das Nordhorner Publikum fast vom ersten Ton an zu Hause fühlte. Beinahe zu amerikanisch diese Gruppe, die augenzwinkernd die „good old days of Rock’n Roll“ beschwor. Seitdem die Kollegen von Chicago nur noch Schoko-Pop fabrizieren und Blood, Sweat & Tears in der Versenkung verschwunden sind, hat man solche Musik nicht mehr gehört […] Danach griffen The Touch, ebenfalls aus Frankfurt und ebenfalls eine neue Form deutsch-amerikanischer Freundschaft, mit Urgewalt nach dem Publikum und ließen es über eine Stunde lang im Wortsinn zappeln. The Touch mixte einen der schwärzesten musikalischen Cocktails – angereichert mit den spitz-scharfen Kommentaren aus der Bläser-Sektion war diese „funky music“ gefährlich explosiv, war der Sänger und musikalische Kopf der Truppe, der 21jährige Terence Trent’Darby fast jugendgefährdend lasziv in Stimme und Bewegungen. Und einem frühen James Bond Film (Goldfinger!) schien Bassist Frank „Babyface“ Itt entstiegen zu sein, der mit knallenden Saiten die „Scheune“ in einen dampfenden, brodelnden Hexenkessel verwandelte. Da hatte es „Massada“ als letzte Gruppe schwer. Aber die Niederländer sind showerfahren im Kampf um die Gunst des Publikums. Zwar pfiffen und rasselten noch die Lungen mancher Touch-Dauertänzer, mit einer außerordentlich mitreißenden Neufassung des Rolling-Stones-Dauerbrenners „Satisfaction“ schaffte es auch Massada. Unterstützt von einer effektvollen Lightshow trieben die Gruppe und das Publikum auf immer kräftigeren Wellen lateinamerikanischer Rhythmen in immer südlichere Gefilde – bis etwa eine Stunde nach Mitternacht das Licht anging – und man sich in Nordhorn wiederfand“.

    „The Touch“ beim Festivalauftritt in der Scheune. Foto: Rudolf Bulla

    Die Veranstalter finden sich nicht nur in Nordhorn wieder. Der Umzug in die Scheune verursacht finanzielle Verluste in Höhe von rund 10.000, – DM, die letztlich zum „Aus“ des Provinzfestivals führen. Im Sommer 1984 kommt es zwar noch zur Neuauflage einer ungleich kostengünstigeren Variante der „Kulturwoche“, aber das Provinzfestival findet nicht mehr statt. Stattdessen verlegt sich die Musikerinitiative in den folgenden Jahren auf die Organisation einzelner Konzerte. Darunter im Herbst 1984 ein Auftritt von BAP in der Eissporthalle Nordhorn und im Frühjahr 1987 von Herman Brood & Wild Romance in der Scheune des Jugendzentrums.


    Mit freundlicher Unterstützung der

  • Die Jugendszene im Nordhorn der 1970er Jahre

    In den 70ern öffnen sich den jungen Menschen in Nordhorn zuvor verschlossene Räume und Plätze: So die Aula des Gymnasiums, die sich im Juli 1972 in ein „Hitparadies“ verwandelt. So die Rasenflächen des Stadtparks, in dem im Juni 1972 ein erstes Open-Air- Rockfestival stattfindet. So ein altes Bauernhaus an der Denekamper Straße, in dem im März 1973 ein kommunales Jugendzentrum eröffnet wird. Aber der Reihe nach:

    Die NDR-Diskothek oder „der Einsatz der Stadt Nordhorn für junge Leute“

    In ganz Norddeutschland zieht die „NDR-Diskothek“ bei ihren seit Jahresbeginn 1972 live im NDR-Radio ausgesendeten Disco-Veranstaltungen tausende junger Leute an. Neben aktuellen Hits aus der „Internationalen Hitparade“ des NDR präsentieren die Radio-DJs Stargäste aus der bundesdeutschen Pop- und Schlagerszene.

    Im Juli 1972 spielt die NDR-Diskothek in der ausverkauften Aula des Gymnasiums Nordhorn zum Tanz auf. Stargäste sind die Hamburger Folksängerin Rebekka und der als „Mister Bombenfest“ angekündigte Schlagersänger Bernhard Brink, frisch gebackener Abiturient des Gymnasiums Nordhorn. Im April 1972 hat der 20jährige Nordhorner seine erste Single „Bombenfest“ in der ZDF-Hitparade vorgestellt. Die Folge: Überstunden beim Postamt Nordhorn. Bis zum Juli erhält Bernhard Brink 15.000 Zuschriften mit der Bitte um ein Autogramm. Bei der NDR-Diskothek ist er zum ersten Mal live im Radio zu hören.

    Im Rathaus ist man stolz, die NDR-Disco nach Nordhorn geholt zu haben: „Die NDR-Diskothek ist eine Sendereihe, die alljährlich in den Sommermonaten live aus Orten im norddeutschen Raum übertragen wird. Die Sendung beginnt um 19.30 Uhr. Nach Ende wird bis 22 Uhr weiter Musik zum Tanzen gespielt […] Die Stadtväter hoffen, dass dieser Tanzabend für junge Leute nicht nur Imagepflege und überregionale Werbung sein soll, sondern zeigt, dass sich Nordhorn auch für die Belange junger Menschen einsetzen will“.

    Mit dem Einsatz für junge Leute ist es aber so eine Sache. Eine Zeitlang steht die Durchführung der NDR-Diskothek auf des Messers Schneide. In einem Protokoll des Verwaltungsausschusses der Stadt Nordhorn vom 23. Juni 1972 ist zu lesen: „Mit Schriftsatz vom 22. Juni protestiert der Schulleiter des Gymnasiums, Oberstudiendirektor Mikin, „schärfstens“ gegen den Beschluss der Stadt, in der Aula die NDR-Diskothek durchzuführen“.

    Das aber lässt die Stadtverwaltung nicht auf sich sitzen: „Die Verwaltung hat die Einwände der Schule geprüft und festgestellt, dass sie sämtlich auszuräumen sind:

    1. Die Schule verlangt, dass die Aula am nächsten Morgen um 07.40 Uhr wieder für den Unterricht (Klassenarbeiten) bereitstehen müsse. Sie ist nicht gewillt, zu prüfen, ob dieser Termin um eine Stunde oder um wenige Minuten (7.55 Uhr) verschoben werden kann. Anmerkung: Nach erster Rücksprache mit dem Fuhrpark wird das Gestühl in der Nacht oder ab 6.00 Uhr morgens wieder eingestellt.

    2. Die Schule bezieht sich auf einen Kultusminister-Erlass, der Alkoholausschank und Rauchen in Schulen verbietet. Anmerkung: Die Schule will dabei nicht einsehen, dass sich dieser Erlass nicht (!) auf außerschulische Veranstaltungen beziehen kann. Beispielsweise könnte der Kultusminister mit diesem Erlass einem in der Schule tagenden Stadtrat nicht verbieten, während der Sitzung zu rauchen und dabei eine Flasche Pils zu trinken.

    3. Herr Mikin äußerte die Befürchtung, sein Hausmeister werde kündigen, falls die Veranstaltung in der Aula durchgeführt werde. Anmerkung: Der Hausmeister zog zwischenzeitlich seine Drohung, er werde am Veranstaltungstage das Haus demonstrativ verlassen, zurück, nachdem ihm eine bescheidene zusätzliche Aufwandsentschädigung in Aussicht gestellt wurde.

    4. Die Schule fürchtet um die Sicherheit des Gebäudes. Anmerkung: Am Veranstaltungsabend sind im Einsatz: a) Stadtjugendpfleger ten Voorde mit vier Mitgliedern des Stadtjugendrings. b) Sieben Junglehrer, die den Getränkeausschank besorgen. Sie wollen durch ihre Aktion und Präsenz das Lehrer-Image aufpolieren. c) Arbeiter des Fuhrparks. d) Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr. e) Raumpflegerinnen der Firma Gebäudereinigung Alfs, Nordhorn. f) Die Bereitschaftspolizei. g) Stadtamtmann Funk aus dem Büro des Stadtdirektors (Koordination).

    Der Einspruch der Schulleitung wird abgewiesen: „Das öffentliche Interesse überwiegt. Schulische Bedenken können aus dem Weg geräumt werden. Wenn weitere Veranstaltungen mit dem NDR folgen sollen, ist der gute Kontakt zwischen Nordhorn und dem NDR Hamburg zu pflegen und aufrechtzuerhalten. Keinesfalls darf der NDR mit seiner Diskothek aus der Aula des Gymnasiums ausgeladen werden“.

    „Der Sturm der Beatfans brach los […] schon bevor die Radioübertragung begann, drehten sich die ersten Scheiben und die Tanzlustigen füllten die Tanzfläche, dicht umstellt von Schaulustigen. […] Bernhard Brink begeisterte seine Nordhorner mit „Bombenfest“ […] Herzlich willkommen hieß auch Bürgermeister Buddenberg Nordhorns tanzende Jugend. Eine Hörfunksendung lang gab er sich als Beatanhänger und feierte fröhlich mit. Die NDR-Diskothek war für Nordhorn sicher keine schlechte Werbung“.

    Woodstock 1969 – 400.000 dufte Leute auf der Kinoleinwand

    Stadtparkfestival Nordhorn 1972 – 600 dufte Leute auf der grünen Wiese


    Ein Ereignis, dass im Leben vieler junger Menschen weitaus nachhaltigere Spuren hinterlässt als die erste Landung auf dem Mond in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1969, ist das legendäre Woodstock-Festival, das vom 15. bis 18. August 1969 rund 400.000 junge US-Amerikaner auf den grünen Wiesen des Milchfarmers Max Yasgur am White Lake-See im idyllischen Bethel im Bundesstaat New York feiern. Weitere 100.000 erreichen das Festivalgelände gar nicht erst, da die wenigen Zufahrtsstraßen im Umkreis von 50 km vollkommen verstopft sind. Die Szenerie gleicht dem Auszug des auserwählten Hippie-Volkes in das gelobte Land. „We are stardust / we are golden / and we got to get back to the garden“, lautet der Refrain des Songs “Woodstock” von Joni Mitchell. Auf dem Woodstock-Festival spielen eine lange Reihe von Rockbands und Folksängern, die als musikalisches Aushängeschild einer Jugend- und Protestkultur gelten, die sich mit Stichworten wie Hippie-Bewegung, dem Widerstand gegen den Vietnamkrieg und dem Aufbegehren gegen überkommene Moralvorstellungen verbindet. Im Gegensatz zur Mondlandung wird das Woodstock-Festival nicht weltweit im Fernsehen oder Radio übertragen. Stattdessen erscheint in den hiesigen Tageszeitungen wie den Grafschafter Nachrichten zunächst nur ein kleiner Bericht der Deutschen Presse-Agentur über „Die neue Kultur der wunderbaren Leute“. Als aber im Herbst 1969 Jugendzeitschriften wie die TWEN und SOUNDS erste Berichte und Fotografien vom Woodstock-Festival veröffentlichen, wächst das Interesse. „Woodstock“ wird zur Märchenerzählung von einem Festivalabenteuer im Zeichen von „Love & Peace“. Die weitere Kunde von Woodstock erreicht den Nordwesten der Republik über das Radio, die Plattenläden und das Kino: Im Sommer 1970 erobern die britischen Folkrocker „Matthews Southern Comfort“ mit ihrer Version der Festivalhymne „Woodstock“ die Hitparaden der meistgehörten Radiosender wie NDR 2 und Hilversum III.

    Woodstock in den Grafschafter Kinos

    Zu Jahresbeginn 1971 erscheint der Festivalfilm „Woodstock“ in den bundesdeutschen Kinos. Allerdings ist die Originalversion des dreieinhalbstündigen Films, der in den USA wegen einiger Drogen- und Nacktbadeszenen für unter 18jährige verboten ist, für die deutschen Kinos um 30 Minuten gekürzt.Im März 1971 kündigt das „Schauburg-Kino“ in Schüttorf an: „Woodstock – der Festivalfilm. Drei Tage des Friedens, der Musik und der Liebe – in den Hauptrollen: Joan Baez – Joe Cocker – Santana – Ten Years After – The Who – Jimi Hendrix – und 400.000 andere dufte Leute“.

    Im Nordhorner Astoria-Palast feiert der Film erst im Januar 1972 Premiere. Das Kino ist ruckzuck ausverkauft. Statt in der Schlammwüste von Woodstock sitzen wir im Kino und können kaum glauben, was auf der Leinwand zu sehen und zu hören ist: Junge Menschen, die genau dem freizügigen Lebensstil huldigen, vor dem uns unsere Eltern immer gewarnt haben. Zweieinhalb Stunden herrliche Musik: fröhlicher Bluesrock von Canned Heat, aufrüttelnder Anti-Vietnam-Protest von Country Joe & The Fish; feuriger Latinrock von Santana; funky Soul von Sly & The Family Stone, der die Hippies zum Tanzen bringt; virtuose Gitarrenkünste von Alvin Lee (Ten Years After mit ihrem „I‘m Going Home“), energiegeladener britischer Rock von Joe Cocker und The Who – und – als letzter Act – Jimi Hendrix, der den Zorn und Protest des jungen Amerika in seiner Version der Nationalhymne „Star Spangled Banner“ verewigt. Bald folgen weitere Festival- und Konzertfilme wie „Monterey Pop“; „Gimme Shelter – die Rolling Stones in Altamont“ und „Jimi Hendrix At Berkeley“.

    Zeitgleich liegt das Dreieralbum „Woodstock“ mit ersten Liveaufnahmen in den Regalen der Plattenläden.Mit dessen Erfolg schmelzen die Schulden der Woodstock-Organisatoren wie das Eis in der Sonne. Wie manch einer seiner Freunde refinanziert der zu jener Zeit 14jährige Autor den freien Eintritt der Festivalbesucher, indem er sein gesamtes Taschen-, Kirmes- und Zeugnisgeld zusammenkratzt, eine ansehnliche Spende seiner kopfschüttelnden, aber freigiebigen Großeltern erbittet, und im örtlichen Plattenhandel das Woodstock-Album zum stolzen Preis von 60 DM erwirbt.

    Durch Pop geht nichts kaputt – erste Open-Air-Festivals in der Grafschaft Bentheim

    1972 infiziert der „Woodstock-Virus“ die Grafschaft Bentheim. Im Sommer 1972 finden Open-Air-Festivals im Stadtpark Nordhorn, auf der Freilichtbühne in Bentheim und auf dem Schulhof des Schulzentrums Emlichheim: „Popmusik schuf in Nordhorns Stadtgarten eine malerische Szene. Rund 600 Besucher lauschten den Bands „Zest Eel“, „Wiff & Co“ und „The Crew“. Die Freundinnen der Musiker gingen mit einem Hut herum“. Der Woodstock-Film löst in den Niederlanden und der Bundesrepublik eine anhaltende Welle von Open-Air-Festivals aus. Seither gilt der Merksatz:

    Wann immer seither zwei Pommesbuden einer mittleren PA begegnen, ist Woodstock mitten unter ihnen“.

    Die Popfestivals an der Freilichtbühne in Bentheim

    In Bentheim hat der Stadtjugendring mit einem kurzfristigen Ausfall der Hauptattraktion zu kämpfen. Einen Tag vor dem Festival teilt die niederländische Band „Cuby & The Blizzards“ mit, dass sie sich „aufgrund psychischer Störungen einzelner Mitglieder“ aufgelöst habe. Als Ersatz springen drei „Schülergruppen“ aus der Grafschaft Bentheim ein:

    „Das erste Popfestival auf der Freilichtbühne in Bentheim, das beinahe der seelischen Allergie der „Cuby & The Blizzards“ zum Opfer gefallen wäre, wurde improvisiert und mit 700 Besuchern zu einem überraschenden Erfolg. […] Bentheims Felsenbühne war eine prächtige Kulisse für das Festival der Jugend. Als nach Einbruch der Dunkelheit die Scheinwerfer aufflammten, wurde es im weiten Rund trotz hämmernder Synkopen beinahe romantisch“.

    Der Bentheimer Stadtjugendring lässt sich jedenfalls nicht entmutigen. Im Verlauf der 70er wird die Freilichtbühne Bentheim zum Schauplatz weiterer Open-Air-Festivals, bei denen eine Reihe bundesdeutscher (Atlantis, Birth Control, Embryo, Guru Guru, Wallenstein) und niederländischer Spitzenbands (Alquin, Earth & Fire, Sandy Coast, Solution) zu Gast sind. In der Erinnerung des Freilichtpublikums gilt der Auftritt der Hamburger Soulrockband Atlantis bis heute als Höhepunkt der gesamten Festivalreihe: „Bei Atlantis kochte die Volksseele. Rhythmisches Klatschen und wildes Kopfschütteln im Takt der harten Rockmusik. Atlantis brachte den Boden der Naturbühne zum Zittern und die 2000 Zuschauer zu leidenschaftlichen Beifallskundgebungen. Vor allem Inga Rumpf, die die gesamte Bühne für sich benötigte, riss das Publikum durch ihre rauchige Stimme mit…“.

    Ein niederländischer Boutiqueninhaber organisiert das Open-Air in Emlichheim

    Im September 1972 versammeln sich 1500 Besucher zum ersten Open-Air in Emlichheim. Viele kommen mit Sonderbussen aus deutschen und niederländischen Nachbarorten. Das Festival erfährt eine intensive Berichterstattung. Schon Wochen zuvor ist in den GN zu lesen: „Organisiert und finanziert wird das Popfestival von der noch heute aktiven „Bürgergemeinschaft Emlichheim“ und zwei jungen, in Emlichheim ansässigen Holländern: Roelof Goos, Inhaber der Boutique „Modecenter“, mit der er nach eigenen Aussagen „die Levis-Jeans nach Emlichheim brachte“ und seinem Freund Johann van Dijk, der eine Gaststätte betreibt. Beide verfügen über gute Kontakte in die niederländische Popszene und können die Bands im Package buchen. „Earth & Fire“ treten für ganze 2.000, – DM auf. Die Gesamtkosten des Festivals beziffert Goos auf 6.000, -DM, für die neben Goos und van Dijk zwei Mitglieder der Bürgergemeinschaft privat garantieren. Das Festival wird von den Rundfunksendern Hilversum III und NDR 2 auf beiden Seiten der Grenze intensiv beworben“.

    Man rechnet mit über 3.000 Besuchern. Die Bühne stellt die niederländische Nachbarstadt Coevorden, für die notwendigen Stromanschlüsse sorgt die Gemeinde Emlichheim, den Ordnerdienst übernimmt die Freiwillige Feuerwehr. Dennoch steht das Festival zeitweilig auf des Messers Schneide. Wie im Falle des Woodstock-Festivals regt sich vor Ort auch in Emlichheim einiger Widerstand, zu dessen Sprachrohr die SPD-Fraktion im Gemeinderat avanciert. Auf einer außerordentlichen Gemeinderatssitzung äußert die SPD etliche Bedenken hinsichtlich der „Aufrechterhaltung von Ruhe, Sicherheit und Ordnung, den Schutz von Gemeindevermögen und einer eventuellen Störung des Nachmittagsgottesdienstes in der reformierten Kirche“. Zum Glück für die Festivalmacher kann der Vorstand der Bürgergemeinschaft die Vorbehalte entkräften, zumal man kurzfristig noch eine Haftpflichtversicherung über die stolze Deckungssumme von einer Million abschließt. Erleichtert nehmen die Bedenkenträger den montäglichen Festivalbericht zur Kenntnis: „Durch Pop ging nichts kaputt: Die Schulen standen noch, waren nicht kurz und klein geschlagen […] während des Festivals verteilte die Organisation „Nordhorn ohne Drogen“ ihre Flugblätter. Nur leichte Schwaden eines süßlichen Rauches zogen über den Platz […] Earth & Fire erfüllten die Erwartungen. Begeisterte Ovationen begleiteten ihren Auftritt, der erst kurz vor Mitternacht endete. Emlichheim hat den Ansturm von 1500 musikbegeisterten Jugendlichen gut überstanden. Jetzt haben die Bürger wieder ihre Ruhe. Sie brauchen keine Angst mehr vor campierenden Gammlern zu haben und die 600-Watt-Verstärker werden ihnen nicht mehr den wohlverdienten Schlaf rauben“.

    Ein Jugendzentrum fällt nicht vom Himmel: Zur Vorgeschichte des Jugendzentrums Nordhorn

    Zu Beginn der 70er entstehen an über 1.300 Orten in der Bundesrepublik Jugendzentrums-Initiativen. Bis 1974 sind sie in etwa 300 Fällen erfolgreich. Zur Hymne der Bewegung wird der „Rauch-Haus-Song“ der Berliner Band „Ton, Steine, Scherben“ von 1972. Der Song entsteht während der Auseinandersetzungen um die Besetzung des Schwesterwohnheims „Martha-Maria-Haus“, einem Nebengebäude des leerstehenden Bethanien-Krankenhauses in Berlin-Kreuzberg. Die Besetzer richten dort ein Jugendwohnkollektiv und mit dem „Georg-von-Rauch-Haus“ eines der ersten Jugendzentren in der Bundesrepublik ein. Die meisten Jugendzentren entstehen aber nicht in den Großstädten. Die Bewegung erfasst vorrangig den ländlichen Raum, darunter auch die Grafschaft Bentheim.

    Schon 1963 fordert der Stadtjugendring ein „Jugendhaus der offenen Tür“

    Speziell in Nordhorn hat der Ruf nach Einrichtung eines Jugendzentrums eine längere Vorgeschichte. Denn bereits im Januar 1963 fordert der Stadtjugendring die Einrichtung eines „Jugendhauses der offenen Tür“ – und macht konkrete Vorschläge zur Gestaltung und Nutzung der Räume. Fast vier Jahre später, im Dezember 1966 fragt der Stadtjugendring erneut „Wohin heute Abend?“ und verbindet dies mit der Forderung nach einem Tanzlokal für junge Leute oder einem nichtkommerziellen Jugendtreff mit einem Raum für Discotheken-Abende. Zu dieser Zeit öffnen die ersten Diskotheken in Nordhorn. Aber schon bald beklagen junge Leute den Konsumzwang, die Zugangsbeschränkungen (Eintritt nur ab 18!), die Musikauswahl und die beengten Räumlichkeiten wie die in aller Regel „viel zu kleinen Tanzflächen“. Es passiert allerdings nichts. Noch stellen sich Stadtrat und Stadtverwaltung taub.

    1970 entsteht in Nordhorn eine Jugendzentrumsinitiative

    Weitere vier Jahre später, im Dezember 1970 gründet sich in Nordhorn eine erste Initiative für ein städtisches Jugendzentrum, deren Mitstreiter eine zeittypische Mischung von JZ-Aktivisten bilden. Wie fast überall stellen Schüler das Gros der Aktivisten. Tonangebend sind Gymnasiasten, Schüler der höheren Handelsschule und einige jüngere Studierende aus Münster oder Osnabrück, die noch Kontakt zu ihrem Heimatort pflegen. Zur Initiative in Nordhorn zählen einige jugendliche Veranstalter von Rockkonzerten aus der Schülervertretung der Handelsschule, Vertreter aus der SV des Gymnasiums Nordhorn, Mitglieder aus der Verbandsjugend (stark vertreten ist der gymnasiale Schülerverband der Katholischen Jugend und die Gewerkschaftsjugend). Die Rockkonzerte des „JÜ3-Veranstaltungsteams“ der Handelsschule in der Pausenhalle des neugebauten Berufsschulzentrums und im KTS finanzieren die JZ-Initiative.

    Im Jahresverlauf 1972 schließen sich etliche „linke“ Schüler, junge Rockmusiker und manch Lehrlinge aus den Handels- und Textilbetrieben der Stadt der JZ-Initiative an. Politisch sind viele dem linksstehenden, aber parteiunabhängigen Republikanischen Club, den Jungsozialisten in der SPD oder der DKP-nahen „Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ)“ verbunden. Drei Dinge sind (fast) allen Beteiligten klar. Die Kommunalwahlen 1972, bei denen erstmals das Wahlalter von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt ist, bieten eine große Chance für die Einrichtung eines kommunalen Jugendzentrums. Klar ist auch, dass die Einrichtung eines JZ in einer überschaubar mittelgroßen Stadt wie Nordhorn nur dann gelingen kann, wenn man politisch heterogene Elemente vereint und integriert. Und drittens ist allen klar, dass man der Stadt eine konkrete Räumlichkeit vorschlagen muss. Diese wird nach einigem Hin und Her mit dem inmitten der Stadt gelegenen Hof Rigterink, einem in Teilen leerstehenden Hofgebäude, gefunden.

    In Flugblättern und Leserbriefen ist zu lesen:„Wir haben Probleme in kirchlichen Jugendhäusern mit Kirchengremien und Hausmeistern“. Artikuliert wird ein „Bedürfnis nach sinnlichen Erfahrungen: „Wir haben den Wunsch, den eigenen Körper zu entdecken, dem Alltag in Schule und Lehre zu entfliehen […] außerhalb der kontrollierten Räume von Schule, Betrieb, Elternhaus und Kirche wollen wir neue Erfahrungen mit Jungen/Mädchen machen. Wir wollen uns kennen- und berühren lernen“. Einige haben sehr viel konkretere Vorstellungen. Sie wollen eine Art alternative Diskothek:

    „Der Wunsch aller Jugendlichen Nordhorns an ein Jugendzentrum ist: eine Diskothek mit guter Musik und guten Preisen … es kommt darauf an, die Jugendlichen aus miesen Diskotheken, wo sie mit ihren Problemen alleingelassen werden, herauszuholen“.

    Vorbild für etliche JZ-Aktivisten ist das 1970 eröffnete Jugendzentrum im niederländischen Almelo. Dessen Programm enthält eine Mischung aus Beat- und Tanzveranstaltungen am Wochenende, verfügt über eine eigene Beziehungs- und Drogenberatung und Räumlichkeiten für Arbeitskreise aus dem Bereich Film, Musik und Technik.

    Der Stadtrat beschließt: Im Hof Rigterink wird ein Jugendzentrum eingerichtet

    Im Vorfeld der Kommunalwahlen vom Oktober 1972 startet die „Jugendinitiative für ein freies Jugendzentrum Nordhorn“ (JINOH) eine öffentliche Kampagne, die zum Ergebnis hat, dass eine Mehrheit im Nordhorner Stadtrat – nicht zuletzt im Blick auf ihre Wahlchancen bei der jungen Generation – noch im Juli 1972 die Einrichtung eines Jugendzentrums beschließt: Die GN vermelden: Jugend hat ihren Willen durchgesetzt: Nordhorn richtet freies Jugendzentrum ein. Kurze, aber lebhafte Debatte im Stadtrat mit einem Hauch von Wahlkampf“. Unmittelbar nach den Kommunalwahlen, aus denen die SPD zum ersten und einzigen Mal mit einer absoluten Mehrheit hervorgeht, beginnen die Ausbauarbeiten am Hof Rigterink. Mit dem Stadtjugendring, den Jugendorganisationen der Parteien (Junge Union und Jusos) und der JINOH berät die Stadtverwaltung über eine Satzung, Finanzierung und eine Nutzungsvereinbarung.

    Wer soll das Jugendzentrum leiten – der Konflikt ums Personal

    Zum Konfliktpunkt wird aber eher die Personalfrage: Wer soll das Jugendzentrum leiten? Die JINOH engagiert sich für die Einstellung des in Nordhorn als DKP-Mitglied bekannten Karl-Wilhelm ter Horst, der an der Universität Münster gerade ein Studium der Soziologie und evangelischen Theologie absolviert. Alle anderen, ob die SPD-Stadtratsfraktion oder die eher „realpolitisch“ agierenden Vertreter der Jugendverbände und das „JÜ3-Team“ bevorzugen die an der Lebenshilfe Nordhorn tätige Sozialpädagogin Marlis Engels. Kein Wunder: Im Januar 1973 zieht Karl-Wilhelm ter Horst seine Bewerbung zurück. Er betrachtet die Bewerbung als aussichtslos und möchte zudem eine baldige Eröffnung des JZ nicht gefährden.


    Am 25. Januar 1973 erhält die zuvor sehr zögerliche Marlis Engels einen Anruf direkt aus dem Rathaus. Am Telefon der neu gewählte SPD-Bürgermeister Cornelius Gemmeker. Sein Anliegen: In drei Tagen finde die erste Vollversammlung der am JZ interessierten Jugend statt. Dort könne die Stadt nicht mit leeren Händen erscheinen. Sie solle sich bitte noch am gleichen Abend zur Übernahme der Stelle als JZ-Leiterin entscheiden. Marlis Engels sagt zu. Ihre erste Amtshandlung: Am Samstagabend, den 24. Februar 1973 sitzen rund 20 JINOH-Aktivisten in der damaligen Wohnung der Familie Engels, um erste Tuchfühlung in Sachen „Zukunft des JZ“ aufzunehmen. Der Abend endet in gutem Einvernehmen.


    Eine Woche später, am 3. März 1973 wird das Jugendzentrum eröffnet. Die GN berichten: „Die Eröffnung hatte Popfestival-Charakter […] Nach etlichen Grußworten übernahm die Nordhorner Band Wiff & Co die Regie im neuen Jugendzentrum. Unter ihren progressiven Klängen wurde die Tenne des ehemaligen Bauernhofes erstmals zum Tanzboden für rund 300 Jugendliche“. Und damit beginnt die Geschichte des Jugendzentrums Nordhorn, die wir an anderer Stelle weitererzählen.


    Mit freundlicher Unterstützung der

  • The West Is The Best – zu Beginn der 70er erlebt der „Nederbeat“ eine Blütezeit

    „The west is the best…” lautet eine Songzeile im 1967 veröffentlichten Debütalbum der Doors. Doors-Sänger Jim Morrison meinte damit natürlich Kalifornien, genauer gesagt den Strand von Malibu bei Los Angeles, an dem sich die Bandmitglieder erstmals begegneten. Für jugendliche Rock- und Popliebhaber aus bundesdeutschen Grenzorten wie Nordhorn liegt der verheißungsvolle Westen in den frühen 70ern dagegen nur wenige Kilometer entfernt jenseits der Grenze in den Niederlanden. Denn nirgendwo sonst in Kontinentaleuropa erlebt die angloamerikanische Beat-, Pop- und Rockmusik eine derart kreative Übernahme. Die Popszene explodiert. Unter dem von der holländischen Plattenindustrie entwickelten Markennamen des „Nederbeat“ und „Nederpop“ entstehen in den späten 60ern in kürzester Zeit eine Vielzahl herausragender Bands, die ihren britischen und amerikanischen Vorbildern das Wasser reichen können: Darunter die Bluesband „Cuby & The Blizzards“ aus dem kleinen Dorf Grollo in Friesland; „Golden Earring“ (Hardrock), „Shocking Blue“ (Poprock), „George Baker Selection” (Pop), „Livin‘ Blues“ (Bluesrock); „Brainbox“ (Rock), „Focus“ (Artrock), „Earth & Fire“ (Artrock), „Ekseption“ (Klassik-Rock) und „Sandy Coast“ (Poprock). Im Verlauf der 70er treten all diese Bands – mit der Ausnahme von „Focus“ – auch in der Grafschaft auf.

    Die größten Hits des Nederbeat:

    Shocking Blue: “Venus“ und „Mighty Joe“ (1969/70)

    George Baker Selection: “Little Green Bag” (1969/70) und “Paloma Blanca” (1975)

    Sandy Coast: “True Love That’s A Wonder” (1971) und “Summertrain” (1972)

    Livin’ Blues: “Wang Dang Doodle” (1971) und “L.B. Boogie” (1972)

    Cuby & The Blizzards: “Window Of My Eyes” (1968) und “Appleknocker’s Flophouse” (1969)

    Brainbox: “Down Man” (1969) und “Summertime“ (1970)

    Ekseption: “Air” (1969) und “Peace Planet” (1971)

    Earth & Fire: “Seasons” (1969), “Memories” (1972) und “Weekend” (1979)

    Focus: “Sylvia“(1972) und „Hocus Pocus“(1973)

    Golden Earring: “Back Home” (1970), “Radar Love” (1973), “Twilight Zone” (1982) und “When The Lady Smiles” (1984)

    Shocking Blue und Golden Earring entern die US-amerikanischen Charts

    In die Top Ten der britischen und US-amerikanischen Charts gelangen „Shocking Blue mit „Venus“ (USA, Platz 1); Golden Earring mit „Radar Love“ (USA, Platz 6) und „Twilight Zone“ (USA, Platz 10) sowie Focus mit „Hocus Pocus“ (USA, Platz 9). Einen Achtungserfolg liefert die George Baker Selection mit „Little Green Bag“ (USA, Platz 20)

    Der Grenzbetrieb in Sachen Pop – wir fahren meilenweit für die neue Cuby-LP

    Im Radio sind der Popsender Hilversum 3 oder der Piratensender Radio Veronica auf Dauerbetrieb geschaltet. An den Wochenenden fahren junge Leute – oftmals mit dem Fahrrad – meilenweit in die Plattengeschäfte benachbarter niederländischer Städte wie Enschede, um sich dort mit den neuesten Alben von Golden Earring, Cuby & The Blizzards oder Earth & Fire zu versorgen. Auch etliche DJs aus der Grenzregion fahren regelmäßig zum Plattenkauf nach Enschede, Zwolle, Groningen oder Amsterdam. Niederländische Musikclubs und Diskotheken werden zum bevorzugten Ausflugsziel: „Viele Jugendliche aus Nordhorn, Schüttorf, Bentheim und Gildehaus wandern an den Abenden und Wochenenden zu Hunderten ins benachbarte Holland. Die Beatclubs in Oldenzaal, Hengelo und Enschede üben eine große Anziehungskraft aus.“ Noch 1971 heißt es: „Die Beatfans aus Emlichheim fahren seit geraumer Zeit nach Holland“ … in Diskotheken wie „De Kul“ in Denekamp und „Fashion“ in Hengelo“.

    Umgekehrt entdecken niederländische Popgruppen und DJ’s die Region diesseits der Grenze als Auftrittsort. Erste „progressiv“ ausgerichtete Diskotheken buchen niederländische Livebands. So die 1969 eröffnete Rockdiskothek „Lord Nelson“ in Lingen, in der zwischen Dezember 1969 und April 1970 die Shocking Blue, Livin‘ Blues und Cuby & The Blizzards zu Gast sind: „Rund 500 Fans feierten in der Diskothek Lord Nelson die holländische Stargruppe „Cuby & The Blizzards“. Die fünf Musiker spielen seit 5 Jahren das Beste, was Europa an Blues zu bieten hat […] nach etwas routinemäßigem Beginn steigerte sie sich zu mitreißendem Spiel. Ihr letzter Hit „Appleknockers Flophouse“ entfesselte wahre Begeisterungsstürme“. Der Kartenvorverkauf in der Grafschaft Bentheim läuft über den Nordhorner Pop-Shop „Georgies Boutique“.

    Einschub: Aber was, bitteschön, mag ein „Appleknocker’s Flophouse“ sein?
    „Appleknocker“ ist ein liebevoll gemeinter Slangausdruck für einen Bauerntölpel mit sprichwörtlichem Holzkopf, an dem Apfelwürfe abprallen. „Flophouse“ dagegen nichts anderes als eine der bei der Jugend vom Lande beliebten „Buden“. Für Cuby-Sänger Harry Muskee eine liebevolle Hommage an seine Jugend im Dorf Grollo. Seine Jugendbude wurde zum Proberaum für die Blizzards umfunktioniert. So gesehen, war das „Appleknockers Flophouse“ nichts anderes als das ländlich abgeschiedene Rockparadies von Cuby & The Blizzards.

    Der Konzert- und Theatersaal wird zur Spielstätte des Nederbeat

    1970 gründen in Nordhorn drei ältere Schüler aus der Schülervertretung der Handelslehranstalt am Berufsschulzentrum Nordhorn, deren gemeinsamer Vorname „Jürgen“ lautet, eine „JÜ3-Konzertinitiative“, die zwischen 1970 und 1972 erste Rockfestivals in der Pausenhalle der Berufsschule und größere Popkonzerte im Konzert- und Theatersaal der Stadt Nordhorn veranstaltet. Mit möglichen Überschüssen wollen die Veranstalter die zeitgleich gegründete Initiative zur Einrichtung eines Jugendzentrums in Nordhorn unterstützen. „JÜ3“ setzt vorrangig auf „Nederpop“ und präsentiert nacheinander „Brainbox“, „Cuby & The Blizzards“, „Golden Earring“, „Ekseption“, „Livin‘ Blues“ und „Earth & Fire“. Bei aus heutiger Sicht sehr niedrigen Ticketpreisen von weit unter 10,- DM sind fast alle Konzerte im KTS, der zu jener Zeit über gut 700 Sitzplätze verfügt, ausverkauft. Das funktioniert allerdings nur, weil die niederländischen wie bundesdeutschen Spitzenbands zu Beginn der 70er für heutzutage unvorstellbar niedrige Gagen auftreten, die in der Regel zwischen 1000,- und 2.000, – DM liegen.

    Zu allen Konzerten, die im KTS stattfinden, erscheinen vom damaligen GN-Feuilletonredakteur Max-Heinz Mannstedt verfasste Konzertberichte. Einige Auszüge:

    Cuby & The Blizzards am 17. Juni 1971: “Erstmals Popkonzert im Theater“:

    Die jugendlichen Veranstalter von „JÜ3“ hatten aus den Niederlanden Cuby & The Blizzards engagiert. Die Gruppe bot in drei Serien – es ging mit zwei Pausen bis gegen elf Uhr – ein Programm, dessen Hauptkomponenten im Wechsel Blues und Rock’n’Roll hießen. Die fünf Holländer spielten einen Blues von mächtiger, zuweilen balladesker Strömung; ihr Rock erscheint inspiriert von der harten englischen Welle. In das Sound-Geflecht gibt Eelco Gelling mit seiner E-Gitarre melodische Brisanz und figürliche Leuchtkraft. Helmig van der Vegt (organ) und Bandleader Harry „Cuby“ Muskee (mouthorgan) variieren das Melos zu schärferen, grelleren Linien; erstaunlich verfremdet klingt die Mundharmonika aus den voluminösen Verstärkerboxen zu beiden Seiten der Bühnenrampe. „Cubys“ Gesang wird in der wattreichen Apparatur dem instrumentalen Timbre des Ganzen angeglichen. Am Konzertflügel bringt Helmig van der Vegt jazzhafte Gänge hinein. E-Bassist Herman Deinum tönt das Klangfundament in schweren Konturen. Aus der Spannung von Grundrhythmus und Synkope schlägt Hans LaFaille (percussion und drums) ein Maximum an Effekt. Über dem musikalischen Grundriss eines Blues oder Rock improvisieren die fünf ebenso einfallsstark wie intelligent. Ihre Künste der Themenabwandlung und Motivzerlegung entführen den Satz nie aus dem elementaren Klangzug: „The Blizzards“ bedeutet hier offenbar mehr als nur einen Namen. Des Einverständnisses ihrer Zuhörer konnten die Gäste jederzeit gewiß sein. Schon manche Titelansage rührte Zustimmungswogen auf. Und im blau-violetten Rampenlicht des letzten Programmteils, das die Verstärkeranlage zu einem Bilde a la Max Ernst verfärbte, dankten Zugaben dem beharrlichen Applaus.“

    Golden Earring am 19. September 1971: “Das war europäische Spitzenklasse“:

    Was sich am vergangenen Sonntag im Konzert- und Theatersaal ereignete, war eine musikalische Sensation. Manchem Sonntagsspaziergänger draußen auf dem Ootmarsumer Weg mag es wie ein tönender Weltuntergang erschienen sein, doch drinnen im Konzertsaal empfand man die enorme Phonstärke als eine Gesetzmäßigkeit dieser Musik. Nicht bei jeder Band ist die dynamische Logik so zwingend wie bei Golden Earring aus Hilversum. Von ihren Phonzahlen braucht nicht weiter die Rede zu sein. Was zu sagen ist, die vier mit dem preziösen Namen „Goldener Ohrring“, sie verbinden die Härte des Rock mit einem melodischen Sound, der aus musikalischen Elementarbereichen kommt. Durch die Verschmelzung von Rhythmus und Melos werden große Formenzüge möglich. Barry Hay stimmt – ein Beispiel – mit seiner Flöte ein ergiebiges Thema an, George Kooymans (lead guitar) und Marinus Gerritsen (bass guitar) greifen es auf, die mächtige instrumentale Steigerung schlägt um in ein hämmerndes Ostinato, dessen Motivwiederholungen durchtönt werden von markanten Wendungen des Themas. Die innere musikalische Spannung, welche Golden Earring jetzt angestaut hat, ist so stark, dass neue Wellenzüge hervorsteigen, bis schließlich der Drummer Cesar Zuiderwijk mit fast atemversetzender Wucht die finalen Entladungen schlägt. Allein der Rhythmus hat Raum, wenn Cesar Zuiderwijk sein großes Solo trommelt und hämmert, über dem unerbittlichen Furioso der Pauken synkopisch variiert, dann den Sturm der Schläge zum Orkan anwachsen lässt. Dieser fabelhafte Drummer war es, der am Sonntag den stärksten Applaus entfesselte.

    Wie gesagt, die Stadt Nordhorn genehmigte das Konzert im Theater, den Mietpreis aber musste die Schülermitverwaltung zahlen. Ich aber meine, die Stadt sollte das Theater für solche Konzerte der Jugend zumindest kostenlos geben. Es war Sonntagnachmittag bei etlichen Gesprächen am Rande zu vernehmen, dass „JÜ3“ jetzt eine Gruppe von europäischem Spitzenrang nach Nordhorn gebracht hat, was den „Freizeitwert“ der Stadt für viele, ja sehr viele Jugendliche beträchtlich erhöht. Kommerziell ist für die Veranstalter nichts „drin“. Die SMV ist froh, wenn die Bilanz mit plus minus Null abschließt. In Hamburg kosten die Karten für Golden Earring 12 DM, in Nordhorn 6 DM. Der Tag sollte kommen, wo die Jugend das Theater am Ootmarsumer Weg auch als „ihr Haus“ ansieht.“

    Ekseption am 07. November 1971: „Popmusik mit klassischen Themen“:

    Binnen vier Tagen nach Ankündigung des Konzertes waren die Karten ausverkauft. Es bedurfte keiner Werbung. Der Name „Ekseption“ genügte. Die von ihrem Organisten Rick van der Linden gegründete Gruppe aus Haarlem ist einmalig. Sie erschafft aus klassischen Themen einen neuen Sound. Ekseption bestätigt den klugen Satz: „Die klassische Musik ist kein Herrschaftskind, und die Popmusik ist kein Kellerkind; beide können ruhig miteinander spielen.“ Johann Sebastian Bachs „Air“ wird in neue Klangfarben, in neue Harmonik eingeschmolzen. Aus der melodiösen Spannung barocker Adagios gewinnt Ekseption die eine Seite produktiver Bach-Abwandlung. Nicht minder begeisterte die andere Seite: die rhythmisch geprägten Themen von Bach werden zu Materie für progressive Musik. Trompete, Saxophon, Baßgitarre, Orgel und Schlagzeug holen deren Brisanz ans Licht. Nicht fehlen durfte beim ersten Ekseption-Konzert in Nordhorn natürlich „The 5th“, die neue Musik, welche Ekseption aus dem Kopfthema von Beethovens 5. Sinfonie hervorspielt. Auch etwas Mondschein-Sonate ist dabei.

    Ekseption kann aber auch anders. Sie baut Stücke aus Elementen von Blues, Rock und Jazz. Selbst in den Spiel-Ekstasen und großartigen Soli bleibt der musikalische Intellekt der Gruppe wachsam. Zum Ausgangsmoment ihres musikalischen Ruhmes, der Assimilation klassischer Musik, kehrte Ekseption zurück, als sie den anhaltenden Applaussturm mit einer Zugabe lohnte: furios jagten die fünf den „Säbeltanz“ des Aram Chatschaturian durch ihr Instrumentarium. Unter dem Zeichen „Ekseption“ gelang den Veranstaltern von „JÜ 3“ – in diesem Fall mit privater Unterstützung durch NINO-Vorstand Dr. Horst Niehues-Paas – ein weiterer Schritt zu dem Ziel, die Stadt für ihre Jugend attraktiver zu machen.“

    Livin‘ Blues am 27. Dezember 1971: „Ein Triumph des harten Blues“:

    Der Ruhm von „Livin‘ Blues“ hat in Nordhorn nicht die Anziehungskraft wie an vielen anderen Orten entfaltet. Die Band aus Scheveningen musste manche Zuhörer erst erobern. […] Das gelingt den Melodikern der Gruppe: mit seinen scharf umrissenen Motivgängen oder Figurationen dem souveränen Leadgitarristen Teddy Oberg und John Lagrand, dessen Mundharmonika selbst noch die Klangextreme meistert. Die Härte der Band kippt niemals in leere Kraftprotzerei um. Und wenn die schwermütigen Melodien des Blues kommen, erreicht Livin‘ Blues eine packende Intensität des musikalischen Ausdrucks… Und fast vollständig war denn auch am Ende des zweistündigen Konzerts der Triumph des harten Blues… Was noch zu sagen wäre, ist dies: Warum kassiert die Stadt für ein solches Konzert eine Theatermiete? Wird zum Beispiel der Blues nicht als „Kultur“ gewertet?“

    Earth and Fire am 21.Januar 1973: “Sturm und Donner”:

    Earth and Fire gastierten im Nordhorner Theater und lösten einen Sturm auf die Karten aus. Vor rund 700 begeisterten Jugendlichen trieben die weltberühmten „Earth and Fire“ mit ihrer einzigartigen Light-Show den jungen Leuten den Schweiß auf die Stirn. Vor dem KTS dokumentierten Hunderte von „Fietzen“ und fahrbaren zweirädrigen Untersätzen, wer an diesem Abend Herr im Hause war. Die Jugend. … Eine Explosion von Farben und in sich verlaufenden Bildern kündigte den Auftritt von „Earth and Fire“ an. Die Band gab sich überaus progressiv. Vor allem beherrschte Chris Koerts mit seiner Leadgitarre die Szene. Bei „Storm And Thunder“ und dem „Song Of The Marching Children” löste sein Spiel ersten Beifall auf offener Szene aus. Großen Anteil am Erfolg gebührt dem Organisten Gerard Koerts, der mit seinem Einfühlungsvermögen sowohl bei melodisch-weichen Passagen wie beim „harten Schlagabtausch“ mit Gitarre und Schlagzeug den Sound der Gruppe prägt. Schade nur, dass die volle, klatre Stimme von Sängerin Jerney Kaagman in der Überbetonung von Gitarre, Schlagzeug und Orgel unterging. Mit ihrem Hitsong „Memories“ verabschiedete sich „Earth and Fire“ vom Nordhorner Publikum.“

    Zehn Jahre später: das Revival des Nederbeat in der Scheune des Jugendzentrums

    Zwei Monate nach dem „Earth and Fire“ Konzert wird mit dem Jugendzentrum eine neue und lang ersehnte Spielstätte eröffnet. Neun Jahre später, im März 1982 erweitert um die „Scheune des JZ“. Am Eröffnungsabend, dem 14. März 1982, ist erneut eine Top-Band aus den Niederlanden zu Gast: The Nits auf ihrer „In The Dutch Mountains“ – Tournee. In den folgenden Jahren sind etliche Bands aus der holländischen Rockszene zu Gast: Mark Foggo Skaband (1982), The Broads (1983), Herman Brood & Wild Romance (1983 und 1987), The Mo (1983), Massada (1983), Bertus Borgers‘ Groove Express (1984), Jan Akkerman (1988) und Rickey & The Frog (1989).

    Wichtige Alben des Nederbeat und Nederpop – eine Auswahl

    Golden Earring: Moontan (Niederlande, 1974)

    Golden Earring sind der Exportschlager der „Nederpop“-Szene in den benachbarten Niederlanden. Radar Love vom Album Moontan sorgt für den transatlantischen Durchbruch. In den USA steigt der Song bis auf Platz 9 der Billboard-Charts, in Großbritannien und der Bundesrepublik auf Platz 5. Das Album selbst landet in den USA auf Platz 11 der LP-Charts. Gemeinsam mit The Who gehen Golden Earring auf eine erste große US-Tournee.

    Bis heute ist Radar Love weltweit einer der beliebtesten Biker- und Trucker-Songs: „I’ve been drivin‘ all night, my hands wet on the wheel / There’s a voice in my head that drives my heel / It’s my baby callin‘, sayin‘ „I need you here“ / And it’s half past four and I’m shiftin’gear / We’ve got a thing that’s called a radar love…“. Für den US-Rolling Stone „großes Rock-Radio, eine Fusion aus Canned Heat und Kraftwerk“. Beiderseits der deutsch-holländischen Grenze gibt es keine Classic-Rock-Party ohne Radar Love.

    Aber „Moontan“ hat noch mehr zu bieten: Just Like Vince Taylor und Candy’s Going Bad zeigen Golden Earring als progressive Rockband, die Einflüsse britischer Genre-Größen wie The Who und Jethro Tull aufnimmt. Golden Earring zählen zu den beliebtesten Livebands der 70er. Man höre nur ihr erstes Livealbum von 1977 – einem Jahr, in dem sie auch in Cloppenburg spielten: Mitreißender Gitarrenrock inklusive Radar Love, dem Earring-Song für den am Highway aufleuchtenden Pophimmel.

    Kurzinfo: Pop-Mekka für Rockliebhaber – Plattenläden in Nordhorn

    Bis 1973 unterliegen Langspielplatten als „Kulturgut“ einer gesetzlichen Preisbindung von 20,-DM pro Stück. Importware ist zu teuer zu verzollen. 1973 wird die Preisbindung für Schallplatten aufgehoben. In der Folge fallen die Preise für Langspielplatten von 19,99 auf zeitweise 14,99 DM. Eine Preisentwicklung, die von erheblicher Bedeutung für die wachsende Popularität der Langspielplatte bei Rock- und Pophörern ist. Bis 1974 verzeichnet der Schallplattenhandel sprunghafte Steigerungen zwischen 20- und 24 Prozent pro Jahr. Während noch 1965 Schallplatten im Gegenwert von 400 Millionen DM verkauft werden, liegt der Umsatz 1973 bereits bei 1,091 Milliarden DM.

    Die drastisch fallenden Preise für Importware eröffnen eine Lücke, in die von jungen „Plattendealern“ betriebene Läden stoßen, die im Verlauf der 70er zu lokalen Kristallisationspunkten der Jugend- und Popkultur werden. Ihre Plattenläden werden zu Treffpunkten, an deren Hörtheken man beim „Kaffee umsonst“ Freunde und Bekannte trifft und über Rockmusik fachsimpeln kann. In den Grenzregionen beruht ihr Geschäftsmodell vielfach auf dem Ankauf von Schallplatten bei niederländischen Großhändlern, dem Direktvertrieb der Plattenproduktionen unabhängiger kleiner Labels oder einem Direktimport von aktuellen Veröffentlichungen aus Großbritannien. In etlichen Fällen sind die Inhaber der Plattenläden tagsüber Plattenhändler, am Abend oder den Wochenenden dann Discjockeys oder Musiker.

    Im Angebot bei Georgies: „ALLE Rolling Stones-LPs für 13 Mark“

    Im Februar 1970 zieht der an der Bahnhofstraße 9 in Nordhorn beheimatete „Georgies Boutique & Twen-Shop“, der seit Eröffnung im Mai 1968 „Mode aus Paris-Amsterdam-London-Berlin“ anbietet, in ein größeres Ladenlokal am Stadtring Nr.35 um. Hier findet sich nun eine ganze Plattenecke mit rund eintausend aus den USA, England und den Niederlanden importierten Langspielplatten. Wer zur jugendlichen „Rockszene“ der Stadt gehören will, kauft bei George.

    Im Februar 1974 eröffnet ein Discjockey aus der Nordhorner Diskothek „Black Horse“ mit dem „Disco-Star“ an der Neuenhauser Straße einen weiteren ausschließlich auf ein junges Rock- und Pop-Publikum zielenden Plattenladen: „Beratung durch DJ Tommy (aus der Diskothek Black Horse)“. Der Laden hält sich nur anderthalb Jahre. Als im Herbst 1975 die Diskothek Black Horse in einen „Cha-Cha-Nachtclub” umgewandelt wird, bricht DJ Tommy seine Zelte in Nordhorn ab.

    Aber schon ein gutes Jahr später, im November 1976 eröffnen zwei neue Plattenläden in Nordhorn. Der seit 1975 als Gitarrist der Band „Backwater“ in Nordhorn lebende, aus den Niederlanden zugezogene, Chris Beckers und seine Frau Petra gründen den „Backwater Musikladen“: „Im Angebot: LPs der führenden Labels – Poster und Kunstkalender – Musikmagazine des In- und Auslandes – Gitarren- und Baßsaiten im Direktimport“. Zwei Jahre später eröffnen die Eheleute Beckers auf der südlichen Seite der Bahnhofstraße ein größeres Ladenlokal: „Pop-Mekka Backwater – Neueröffnung nach Umzug zur Bahnhofstr.20 – Salem Aleikum! 8000 LPs zur Auswahl – ab sofort auch Klassik! Das umfangreichste Pop-, Rock- & Jazz-Sortiment des Emslandes – zusammengestellt und sortiert von Leuten, die sich in der modernen Musik auskennen. Heute am Laden: Freiluft-Konzert der holländischen Jazz-Rock-Gruppe Kasseko – den ganzen Tag freier Kaffeeausschank.“

    Im selben Monat erweitert George Mikolajew seine Boutique durch Anmietung des unmittelbar benachbarten Ladenlokals um einen eigenen Plattenladen. Das Eröffnungsangebot: „ALLE Rolling Stones-LPs für 13 Mark“.Wert legt „Georgies LP-Laden“ auf die Feststellung: „Keine Billigpressungen (Italien, Israel etc.) im Angebot“. Zeitweise fahren George und sein frisch eingestellter Fachverkäufer Karl-Heinz „Cooper“ Strehlow nach Ladenschluss zweimal wöchentlich nach Rotterdam, um dringend benötigten Nachschub zu besorgen. An den Wochenenden promotet George manch neue Scheibe als DJ in der Bentheimer Rockdiskothek „Oase“. In einem Verkaufsflyer vom Januar 1979 heißt es: „Gutes spottbillig – George ist das Fachgeschäft für Pop & Rock / Jazz & Folk / Westcoast & Countryrock / Punk & Reggae / für dufte Bücher – George ist immer eine Rille voraus“.

    Mit den niedrigen Preisen der „neuen“ Plattenläden müssen die alteingesessenen Rundfunk- und Fernsehgeschäfte der Region Schritt halten. Im Juli 1976 bieten sowohl das Nordhorner Radiohaus Horstmann in der Hauptstraße wie auch das Lingener Interfunk-Geschäft „Plesse + Portheine“ das „rote“ und das „blaue“ Doppelalbum der Beatles für ganze 18,90 Mark an.

    It’s All Over Now: Im April 2023 schließt “Georgies LP&CD-Laden”

    2015 schließt George Mikolajew seine Modeboutique. Was bleibt ist „Georgies LP&CD-Laden“. Der letzte in Nordhorn verbliebene Plattenladen erlebt im Zuge der steigenden Nachfrage nach schwarzen Vinylscheiben eine unverhoffte Renaissance. Das Angebot an hochwertigen Neupressungen von Vinyl-Schallplatten und gut erhaltener Second-Hand-Ware beschert etliche Neukunden. Darunter Udo Lindenberg, der anlässlich eines Verwandtschaftsbesuchs in Nordhorn bei George etliche seiner eigenen Vinyl-Veröffentlichungen wiederfindet und sogleich ankauft. Der letzte aktuelle Verkaufshit aus dem Land des schwarzen Vinyls in 2023: Die Erstveröffentlichung eines legendären Pink Floyd-Konzertes im Wembley-Stadion 1974, bei dem die Band eine komplette Live-Version ihres legendären Studioalbums „Dark Side Of The Moon“ vorstellt.


    Aber am 30. April 2023 ist alles vorbei. Seither vermissen viele der über Jahrzehnte treuen Stammkunden „ihren“ Plattenladen. Es fehlen die Fachsimpeleien rund um alte und neue Platten, die Plaudereien über Festivals und Konzerte, die jüngsten Gerüchte aus der „Szene“, das ziellose Herumstöbern in den gut gefüllten Regalen und das gesellige Abhängen in der Kaffee-Ecke. Fünfundfünfzig Jahre Georgies: das war für tausende an Kunden ein Einkaufserlebnis der unvergesslichen Art. Und was macht George Mikolajew in der Zukunft? Seine Antwort:

    „Außer, dass ich mich um Haus, Hof und Garten kümmere, habe ich mir nichts vorgenommen. Macht euch keine Gedanken. Das geht alles seinen sozialistischen Gang“.


    Mit freundlicher Unterstützung der

  • Die Flut der Neuen Deutschen Welle – der Sound der frühen 80er

    Zur Jahreswende 1979/80 verschwinden die Disco-Hits von Boney M und Donna Summer, Hot Chocolate und Gloria Gaynor aus den Hitparaden. Ähnlich ergeht es dem deutschen Schlager. Im November 1979 konstatiert der STERN: „Das Ende vom Lied: Die Stars von gestern verkaufen sich nicht mehr, und der Nachwuchs fehlt. Mit Dideldumdei aber ist kein Fan mehr zu gewinnen“. Schlagersänger wie Juliane Werding und Jürgen Marcus verkaufen statt 500.000 nur noch zwischen 10.000 und 30.000 Singles. Bis 1982 fallen die jährlichen Garantiesummen der Plattenverträge von Sangeskünstlern wie Marianne Rosenberg und Christian Anders ins Bodenlose. Die einzigen Ausnahmen: Udo Jürgens („Ich fahre niemals nach New York“), Roland Kaiser („Santa Maria“) und Nicole („Ein bißchen Frieden“). Bundesweit verschwinden die einst beliebten „Stargastspiele“ mit bundesdeutschen Schlagerstars und Disco-Künstlern aus dem Veranstaltungsprogramm der Diskotheken.

    Niedersächsische Punkrocker propagieren den „Rock’n’Roll Freitag“

    1980 passiert dann etwas, das schon für eine ganze Weile in der Luft liegt. Als wenn jemand eine Schleuse geöffnet hätte, ergießt sich eine erste Welle neuer deutscher Bands über das Land, die auch noch etwas tun, was man außerhalb des Schlagers in der deutschen Popszene nur mit den frühen Erfolgen von Udo Lindenberg, Nina Hagen und Marius-Müller Westernhagen in Verbindung bringt: Sie singen in deutscher Sprache und finden ihre Wurzeln im britischen Punkrock und New Wave der späten 70er: 1979 erscheint das Debütalbum der Hannoveraner Punkband „Hans-A-Plast“. In ganz Niedersachsen verbreiten sich die rotzfreche Punkrock-Songs wie „Amerikaner“ und „Es brennt (Was tun, wenn es brennt)“. Ihr „Rock’n’Roll Freitag“ wird zur heimlichen Hymne des Deutsch-Punk: „Ich weiss nicht, was ich tun soll / ich weiß nicht wohin es ist / Ich gehe in die Kneipe / es ist immer die gleiche / Es ist wieder mal ein Rock’n’Roll Freitag / Nach dem fünften Bier / hau ich alles kaputt / oder stell mich an die Theke, red über Musik / freu mich über Lou Reed / und komm ganz groß raus / am Rock’n’Roll Freitag…“. „Fehlfarben“ aus der Düsseldorfer Punkzentrale „Ratinger Hof“ ziehen nach. Das Album „Monarchie und Alltag“ enthält einen fast schon melancholischen Rückblick auf den Punk-Underground der späten 70er: „Wir tanzten bis zum Ende / zum Herzschlag der besten Musik / jeden Abend, jeden Tag / Wir dachten schon, das ist der Sieg / Das war vor Jahren…“.

    Die Neue Deutsche Welle rauscht heran …

    Es ist Punkrock, New Wave, Ska und Neoschlager, zuweilen vermischt mit Rap und Electrobeats: Die Neue Deutsche Welle. 1980 rauscht sie heran: Fehlfarben beklagen „Es liegt ein Grauschleier über der Stadt, den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat“. Ideal hängt die ganze Szene aus dem Hals: „Da bleib ich kühl, kein Gefühl“. Die Rettung: „Bloß deine blauen Augen machen mich so sentimental / wenn du mich so anschaust, ist mir alles andere egal“. Angesagt ist die „Rote Liebe“: „Ich will wie neu sein / will nicht mehr treu sein / mal Mann, mal Frau sein / naiv und schlau sein“. DAF träumen „Kebabträume“ in der Mauerstadt Berlin und provozieren die Clubszene mit „Tanz den Mussolini“: „Geh in die Knie und klatsch in die Hände / Beweg deine Hüften und tanz den Mussolini“. Draußen auf den Straßen observieren Extrabreit die Polizei: „Polizisten fahren stets zu zweit um dunkle Ecken durch die Nacht / denn sie müssen wissen, wer bei Nacht was Kriminelles macht / Sie rauchen „Milde Sorte“, denn das Leben ist schon hart genug“. Im fernen Wien schleicht Falcos „Der Kommissar“ durch die Kokain-Szene und trifft auf „Jill und Joe und dessen Bruder Hip / und auch den Rest der coolen Gang“. Sie alle konsumieren „den Schnee, auf dem wir alle talwärts fahren“. Derweil sucht Ina Deter Neue Männer“: „Setz‘ es fett in die BILD-Zeitung / E-MAN-ZE sucht Begleitung / Ich sprüh’s auf jede Häuserwand / Neue Männer braucht das Land“. Nena singt vom Krieg und einer Welt in Trümmern – ausgelöst durch „99 Luftballons“: „Auf ihrem friedlichen Weg zum Horizont verfolgt von 99 Düsenfliegern und 99 Kriegsministern“. Aus einem schwebenden Raumschiff, völlig losgelöst von der Erde, betrachtet Peter Schillings „Major Tom“ die Szenerie.

    Auf Platz 1 der US-Billboardcharts – Nena mit „99 Luftballons“

    „NDW“ ergießt sich als popmusikalische Sturzflut in die Hitparaden, Chart-Diskotheken, ins Fernsehen (von der ZDF-Hitparade bis in den ARD-Musikladen) und die Musik- und Jugendzeitschriften. In Sachen Plattenumsatz werden etablierte Bands wie die „Rolling Stones“, „Queen“ und „Genesis“ zu Kellerkindern. Sie verkaufen jeweils rund 100.000 Stück ihrer neu erschienenen Alben, während Fehlfarben und Ideal zwischen 200.000 und 600.000 Exemplare umsetzen. Hitsingles wie „Dreiklangdimensionen“ von Rheingold und Trios „Da Da Da, ich lieb Dich nicht“ gehen in Stückzahlen von 250.000 bis zu einer Million über die Verkaufstheken. Falcos „Kommissar“ und Nenas „99 Luftballons“ steigen in hohe Ränge der US-Charts auf. „99 Luftballons“ gelangt selbst in der deutschen Originalversion auf Platz 2 der Billboard-Charts. Auf gefühlt jeder zweiten Ausgabe der BRAVO lächelt Nena die Leserinnen und Leser an. Unvorstellbar eine zünftige Studentenparty ohne Ina Deters Ausruf „Neue Männer braucht das Land“.

    Neben NDW-Mottopartys veranstalten etliche Diskotheken, Jugendzentren und Saalbetriebe Livekonzerte mit NDW-Bands. Ideal, Fehlfarben, Extrabreit, Geier Sturzflug und Trio treten bei Festivals und in den Rockdiskotheken der Region auf. Im Oktober 1982 kündigt der Saal Timmer in Lingen an: „Das Disco Team lädt ein zur Neue-Deutsche-Welle-Party: New Wave – Pop – Jazz – Rock – Punk – Beat – Disco! Beginn: 20 Uhr. Eintritt frei. Whisky-Cola 1,50 DM“.

    Die Neue Deutsche Welle verebbt in Ulk und Klamauk

    1983 läuft die Welle aus. Fehlfarben stecken mittlerweile „Knietief im Dispo“, Ideal lösen sich auf. Was noch bleibt, sind purer Klamauk der Markus-Sorte „Gib Gas, ich will Spaß“. Bands wie UKW („Sommersprossen“), Fräulein Menke („Hohe Berge“) oder der in seinem Sternenhimmel verschwindende Hubert Kah präsentieren belanglosen Pop mit Texten zwischen Schlager und Nonsens. Zum Abschied servieren „Die Toten Hosen“ ein „Bommerlunder“-Gedeck:

    „Eisgekühlter Bommerlunder, Bommerlunder eisgekühlt / und dazu ein belegtes Brot mit Schinken, ein belegtes Brot mit Ei“.

    1984 erscheint die „Neue Deutsche Welle“ als alt, grau und vorbei. In den großen Konzertarenen, auf Festivals und in den Chart- und Landdiskotheken übernimmt vorläufig der „Deutsch-Rock“ der Herren Niedecken („BAP“), Grönemeyer, Westernhagen, Lindenberg und Maffay (jährliche Garantiesumme der Plattenfirma 1984: weit über 2 Millionen DM) das Ruder. Derweil touren die rechtmäßigen Erben der „Neuen Deutschen Welle“, die Punkrocker „Die Toten Hosen“ und die Fun-Punker „Die Ärzte“ durch die Musikclubs, Rockdiskotheken und Jugendzentren der bundesdeutschen Provinz. Ihre große Stunde schlägt erst im letzten Drittel der 80er.

    Hier hört man die Songs der Neuen Deutschen Welle – Die Diskothekenlandschaft der Grafschaft in den frühen 80ern

    Nordhorn:

    DiskothekChita; Hohenkörbener Weg 6 (1980-1989, dann Diskothek Flash)

    Diskothek „Albatrix“, Gildehauser Weg 96 (1977 – 1986)

    Diskothek Eagle, Zur Bleiche 3a (1980-1986)

    Diskothek Nightfever, Neuenhauser Str.55 (1981-1984)

    Diskothek Die Brücke, Bentheimer Str. 115 (1971-1986) / dann: New York City (1986-1988) / dann: Roxy (Rock & Wave-Diskothek, 1988-2004)

    Diskothek Pferdestall, Ochsenstraße 2 (1973-1984) / dann: Diskothek „Casablanca“ (1985 – 1989)

    Diskothek Roxy, Ochsenstr.4 (1984-1986, geschlossen wg. Schießerei mit nachfolgendem Konzessionsentzug) / dann Diskothek „Sky“ (1986 – 1989) / dann Diskothek „Chaplin“ (1989) / dann Diskothek „Miami“ (November 1989 – 1991)

    Sally’s Tanz-Pub (Diskothek), Firnhaberstraße (Dezember 1983 – 1990)

    Sonderfall: Diskothek im Jugendzentrum Nordhorn, Denekamper Straße (3x wöchentlich Disco-Abende in der „Tenne“ des JZ, 1973-1981 / in der „Scheune“ des JZ, 1982-2005)

    Bentheim:

    Diskothek New Castle (1980-1983; dann Umwandlung in Gaststätte Mikado)

    Emlichheim:

    Diskothek Pferdestall, Am Bremarkt (1973 – 1994)

    Gildehaus:

    Diskothek Treffpunkt, Am Mühlenberg, zuvor Gaststätte „Zum Bürgergarten“ (1983-1984)

    Lage (Samtgemeinde Neuenhaus):

    Diskothek Tummelschüre, Dorfstraße 36 (1979-1992; ab 1982 Umzug an neue Adresse Goorweg 2; zwischenzeitlich von 1987 – 1989 als Disko-Dancing Jumbo)

    Lohne:

    Diskothek Paper Doll, Achterort 6 (erste Großraumdiskothek in Grafschaft Bentheim + Emsland, 1981-1984) / dann: Music Hall „Paper Moon“ (1985 – 1989)

    Schüttorf:

    Diskothek Whisky A GoGo, Hessenweg (1971- 1992)

    Diskothek Orion (an der Bundesstraße B65 zwischen Bad Bentheim und Schüttorf, 1980-1981; dann Umwandlung in ein Nachtlokal /Sex-Club)

    Tanzlokal/Diskothek Hawaii, Am Waldschlösschen (1980-1982) / dann: Diskothek Ali Baba (1982- 1987) / dann: Diskothek Zebra (1988 – 1992)

    Sonderfall „Jugendzentrum Schüttorf“, Mauerstraße (eröffnet Dezember 1979, von Oktober 1982 – 1990er Jahre jeden Freitag Disco „Soundfete“ in „Halle 1“)

    Uelsen:

    Wochenend-Diskothek „Drive In Disco Show“ in Gaststätte Waldeck/de Jong, Tannenweg 9 (jeden Freitag, regelmäßig auch am Samstag 1984 – 1990)

    Die wichtigsten Alben der Neuen Deutschen Welle:

    Ideal: Ideal (BRD, 1980)

    Der Mauerstadtmythos für das Frühstücksradio: „Mal sehen, was im Dschungel läuft / Die Musik ist heiß, das Neonlicht strahlt / Irgendjemand hat mir‘n Gin bezahlt / Die Tanzfläche kocht, hier trifft sich die Scene / Ich fühl mich gut, ich steh auf Berlin!“, singt Annette Humpe an der Orgel. Ihr aus spielkundigen Jazzern bestehendes Herrentrio gibt sich als „moderne Tanzkapelle“ und rockt ordentlich ab. Songs wie Blaue Augen und Rote Liebe bauen eine melodische Brücke zur Neuen Deutschen Welle. Ideal verkörpert die Melange aus Weltschmerz, Stolz, Melancholie und Stilbewusstsein. Ihr Bühnenoutfit: Spitze Schuhe, Nyltest Hemden, Anzug und Kurzhaarschnitt. Keine Batik-Hemden mehr, keine Birkenstocks!

    Auf dem im norddeutschen Raum bekannten „Schüttorf Open Air“ tanzen im Sommer 1981 mehr als zehntausend Festivalgänger zu Ideal und „verwandeln die Vechtewiesen in ein von einer wogenden, hüpfenden und singenden Menschenmasse bedecktes Gelände, einen „Open-Air-Dschungel“. Ein Jahr nach Veröffentlichung erreicht das Debüt-Album Platin-Status. 500.000 Platten verkauft. Bis heute gilt Annette Humpe als eine der herausragenden Songschreiberinnen des deutschsprachigen Pop.

    Fehlfarben: Monarchie und Alltag (BRD, 1980)

    Ein Meisterwerk des deutschen Punk und Manifest einer Generation. Die Songs sind ruppig und aufgekratzt, doch gespielt wird nicht dilettantisch. Für das Musikmagazin SOUNDS ist Sänger und Bandleader Peter Hein „der beste, wichtigste Songschreiber hierzulande … er verbreitet keine Visionen, Prophezeiungen und leere Lehren…. Er singt Alltagsprosa aus der Keimzelle des deutschen Punk, dem Ratinger Hof in Düsseldorf. Ein Mikrokosmos, der für Hein das ganze Universum ist“.

    Noch heute singen und murmeln wir bei Konzerten: „Was ich haben will, das krieg ich nicht. Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht“. All jene, die Fehlfarben 1981 bei Livekonzerten in Clubs wie der Rock-Fabrik in Lingen hörten, erinnern die hölzernen Kneipen einer bleiernen Zeit, Flipper in der Ecke, RAF-Logo auf dem Klo, Aschenbecher immer randvoll. Fehlfarben weisen den Ausgang: „Geschichte wird gemacht. Es geht voran“. Am Jahresende 1981 hat sich Monarchie und Alltag 200.000-mal verkauft.

    Die Band löst sich mehrfach auf – und kommt mehrfach wieder zusammen. Was nicht mehr zusammenpasst: die musikalische Qualität und der kommerzielle Erfolg. Nicht ohne Grund lautet der Titel eines der letzten Fehlfarben-Alben: Knietief im Dispo.

    Nena: NENA (BRD, 1983)

    Nur geträumt ist das Single-Debüt der Gruppe Nena, benannt nach ihrer Sängerin und Frontfrau Nena Kerner. Die liegt 1982 für drei Monate wie Blei in den Regalen, bis Nena im Fernsehen – im Musikladen von Radio Bremen auftritt. Ende 1982 sind 500.000 Exemplare verkauft. Im Februar 1983 erscheint das Debütalbum Nena. Ihre schier überschäumende Lebendigkeit und der schmackhafte Cocktail aus fröhlichem Sixties-Beat, Rockgitarren und New Wave-Sounds machen Nena & Band zum Aushängeschild der Neuen Deutschen Welle. Tanz auf dem Vulkan klingt nach Police, Indianer schlägt die Brücke zu den Späthippies, Ich bleibe im Bett ist karibisch getunter New Wave in Ideal-Manier.

    Zum größten Erfolg wird das Lied von 99 Luftballons. Der perfekte Popsong zum Zeitgeist der frühen 80er mit ihrer Angst vor einem Atomkrieg. Top 1 in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. Im Gefolge hält sich auch das Album über Wochen in den europäischen Charts. Am Jahresende 1983 sind über eine Million Exemplare verkauft. Im März 1984 ist die Sensation perfekt: 99 Luftballons“ steht in den USA (in deutscher Sprache) und in England (dort in englischer Sprache) auf Platz 1 der Pop-Charts. Nena Kerner wird zum Covergirl der Neuen Deutschen Welle. Von 1982 bis 1985 ziert sie gleich 28-mal das Cover der Jugendzeitschrift BRAVO.

    Die Ärzte: Das ist nicht die ganze Wahrheit (BRD, 1988)

    Mit ihrem ansteckenden Fun-Punk erobern Die Ärzte die Teenieherzen der Republik im Sturm. Farin Urlaub und Bela B. verstehen es vorzüglich, ihre musikalische Klasse hinter pubertären, wenn auch lustigen Obszonitäten zu verstecken. Zu spät ist der erste Gassenhauer der „besten Band der Welt“ (Eigenwerbung) vom Herbst 1985. Nur drei Jahre und mehrere von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indizierte Songs später, veröffentlichen sie ihr bis dahin erfolgreichstes Album Das ist nicht die ganze Wahrheit. Für den Musik Express ein „Lehrstück in Sachen deutscher Popmusik“. Platz 6 der bundesdeutschen LP-Hitparade. 1988 gibt es kein Zeltfest ohne Westerland, Bitte Bitte und die Live-Version von Zu spät. Letzteres ist zum Volkslied geworden: „Warum hast Du mir das angetan, ich hab’s von einem Bekannten erfahren…“.

    Nassforsche Doktoranden-Lyrik trifft auf Metal, Punk und Pop. Natürlich nicht die ganze Wahrheit, aber ein großer Spaß für die Jugend – zumal ihre 68er-Hippie-Eltern die Nase rümpfen. Dann trennen sich die Ärzte. Im November 1988 steht Nach uns die Sintflut, das Livealbum von der Abschiedstour auf Platz 1. Bis Weihnachten sind 250.000 Exemplare verkauft. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass sie fünf Jahre später wiederkehren. Mit verzerrtem Punksound und weiteren Megahits. Doch das ist eine andere Geschichte.


    Mit freundlicher Unterstützung der

  • Die Grafschaft rockt – die Schüttorf-Festivals der Jahre 1980 bis 1995


    In den 1980er Jahren wird das „Schüttorf Open Air“ zum erfolgreichsten Rock- und Popfestival in Norddeutschland. Über viele Jahre hinweg erlangt die Grafschaft Bentheim einen festen Platz im bundesdeutschen Festivalkalender. Veranstalter der ersten sieben Ausgaben des Schüttorf- Festivals, die allesamt auf den Vechtewiesen in der Nähe des Schüttorfer Freibades stattfinden, ist die von drei Münsteraner Studenten aus der Obergrafschaft gegründete „majokri“-Konzertagentur. Nach dem finanziellen Misserfolg des 1986er-Festivals wird die Konzertagentur aufgelöst. Geschäftsführer Johannes Wessels heuert bei der ungleich größeren und finanzkräftigen Agentur „German Tours“ in Hamburg an. Die mit hochpreisigen Headlinern aufwartenden vier Schüttorf-Festivals zwischen 1990 und 1995 werden von „German Tours“ veranstaltet.

    Bei diesem Rock-Fest stimmte alles – Das erste Schüttorf-Open Air 1980

    Die erste Auflage des „Schüttorf-Open-Air“ zieht 4.000 Besucher an. Headliner sind der niederländische Rockact Herman Brood & Wild Romance und die deutsch-britische Rockband Nektar aus Hamburg: „Bei diesem Rock-Fest stimmte alles: das Wetter, die Gruppen, die Organisation und die Besucherzahl: Mehr als 4.000 kamen und der junge Veranstalter Johannes Wessels machte ein zufriedenes Gesicht. Das Daumendrücken seiner Freunde hatte geholfen: Er ist in die Verdienstzone gekommen. … Eine der neuen „New Wave“-Gruppen der Bundesrepublik, „The Stripes“ aus Hagen, kam bei vielen Besuchern weniger gut an. Die Band wurde getragen von der 19jährigen Sängerin Nena Kerner, die aber nach Ansicht der Fachleute das Zeug dazu hat, eine der großen „Rock-Ladies“ zu werden […] Vor allem Herman Brood war der Magnet, der viele Zuhörer aus dem gesamten Nordwesten und den benachbarten Niederlanden angelockt hatte. Der als exzentrisch geltende Pianist zeigte sich in Schüttorf von seiner besten Seite. Mit seinen „Wild Romance“ zog er eine Rockshow ab, wie sie in der Grafschaft bisher noch nicht zu sehen war. Das Publikum feierte ihn enthusiastisch und erzwang mehrere Zugaben“.

    1981: New Wave und Neue Deutsche Welle prägen das 2. Schüttorf Open Air

    Die zweite Auflage im Juni 1981 erleben bereits über 10.000 Besucher. Headliner sind die Neue-Deutsche-Welle-Band Ideal aus Berlin und The Cure, Shooting-Stars des New Wave aus London: „[…] Schüttorf war fest in der Hand der Rockmusik-Fans aus Nord- und Westdeutschland, die zu Tausenden entweder mit dem Fahrrad, dem Motorrad, mit dem eigenen oder geliehenen Wagen oder einfach per Anhalter gekommen waren. […] Als „moderne Tanzkapelle“ versteht sich die Berliner Band „Ideal“. Mit ihren flotten, deutsch getexteten Liedern verwandelten sie einen großen Teil der Vechtewiese in ein von einer wogenden, hüpfenden und singenden Menschenmasse bedecktes Gelände. Als Ideal ihr derzeit bekanntestes Lied „Berlin“ anstimmten, nutzten auch einige der ansonsten hart schaffenden Bühnenarbeiter den Raum zwischen Bühne und Zuschauern für ein Solo-Tänzchen. Immer wieder forderte das Publikum Zugaben von den vier Berlinern. Da die Band aber noch einen zweiten Auftritt zu absolvieren hatte, blieb es bei anderthalb Stunden „idealer“ neuer deutscher Rockmusik. […] Auf eine treue Anhängerschaft konnte die englische Band „The Cure“ bauen, die als „Top-Act“ angekündigt worden war. „Bisschen lahm“, kommentierte dagegen lakonisch eine Festivalbesucherin aus Nordhorn die Musik des Cure-Trios. Andere erlebten Cure aufregender und erklatschten sich noch mehrere Zugaben“.

    ++PLATZHALTER:
    Schüttorf-Festival 1982: Blick auf die Bühne – Foto: Rudolf Bulla / Auf der Bühne: Die Stray Cats aus London – Foto: Gert Westdörp

    1982: 35.000 machen das Schüttorf – Open Air zum Rockhappening

    Beim dritten Mal, im Juni 1982, steigt die Besucherzahl um mehr als das Dreifache: „35.000 machten das Rockfestival zum Happening“. Headliner sind Frank Zappa und die britischen Stray Cats und Simple Minds: Im Vorfeld weiß die GN zu berichten: „Der Vertrag mit dem amerikanischen Rockstar Frank Zappa ist über 30 Seiten stark. Die Forderungen nach bestimmten Getränken wie dem nur in den USA gebrauten „Michellob“-Bier und nach spezieller Verpflegung für Zappa und seine 36köpfige Mannschaft füllt allein zwei DIN-A-4-Seiten. Der Weltstar rollt in Schüttorf mit vier Spezial-Sattelschleppern an, in denen unter anderem die Anlage, eine mobile Küche und ein fahrendes Tonstudio untergebracht sind. Doch nicht nur Zappa „nervt“ die Veranstalter. So müssen zwei Mitglieder der „Stray Cats“ auf Kosten der Veranstalter direkt aus den USA eingeflogen werden. Das gilt ebenso für die “Simple Minds“, die aus England mit einem Jet auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol landen – auf Kosten der Veranstalter. Stray Cats und Simple Minds verlangen nach Limousinen, in denen sie am Veranstaltungstag herumfahren wollen – mit Fahrern, die perfekt englisch sprechen müssen. Die Reihe der zum Teil unsinnigen Bedingungen und Forderungen ließe sich beliebig fortsetzen.“ Der Auftritt von Frank Zappa „endet mit einer Sound-Collage von sinfonischen Ausmaßen, die allerhöchste Aufmerksamkeit fordert. Aber für die weniger Kunstbeflissenen gibt es als Zugabe den Hit „Bobby Brown“ und noch zwei einfache und nette Liedchen. So etwas weiß das Publikum zu schätzen. Da kann man wenigstens mitsingen“.Und wundert sich noch Jahre später, dass die avantgardistische Jazz-Rock-Musik eines Frank Zappa im Sommer 1982 in der Lage ist, 35.000 Zuhörer aus allen Teilen der Bundesrepublik, aus Dänemark, den Niederlanden und Belgien ins kleine Schüttorf in der Grafschaft Bentheim zu locken.

    ++PLATZHALTER:
    Original-Ticket Schüttorf-Festival 1983 / Fotografien: Auf der Bühne: Depeche Mode-Sänger Dave Gahan / Vor der Bühne: Depeche-Mode-Fanclub – Fotografien: Gert Westdörp

    1983: 40.000 im Regen – in Schüttorf sind die Gummistiefel ausverkauft

    Im Mai 1983 erreicht die Besucherzahl mit 40.000 ein Rekordergebnis. Headliner sind Rock-Superstar Rod Stewart, die britischen Synthie-Waver von Depeche Mode und die kernigen Deutschrocker BAP aus Köln. Es regnet den ganzen Tag. Entlang der Zufahrtswege machen Gummistiefel-Händler das Geschäft ihres Lebens. Im Nachgang erscheint in den GN ein Konzertbericht (rock-)journalistischer Extraklasse: „Rod Stewart und BAP räumten ab: Die Stadt Schüttorf hat den bisher größten Ansturm von Fans in der Grafschaft Bentheim gut überstanden, die Vechtewiesen jedoch nicht. Sie wurden von 80.000 Füßen zu einem knöcheltiefen Morast zertrampelt. Das Gelände wird umgepflügt und neu eingesät werden müssen. – Was bei einem Open-Air-Festival zählt, ist nicht zuletzt das Wetter. Von einem geduldig in Regen und Schlamm bibberndem Publikum zu erwarten, jede Band mit Beifall und Begeisterung aufzunehmen, das wäre wohl zuviel verlangt. […] Reggae wie ihn die „Misty Roots“ vorführen, braucht Sonnenschein, nicht Regen […] und auch die Little River Band gehört mit ihrer smarten Rockmusik an die Strände Kaliforniens oder in australische Eukalyptus-Haine, nicht in die Schlickwüste der Vechtewiese. Irgendwie muss beim Schachern um die Gruppen auch „Depeche Mode“ ins Programm gerutscht sein. Mag sein, dass die Musik der ganz auf den „New Look“ der 80er Jahre gestylten vier Engländer auf der falklandbegeisterten und krisengeschüttelten Insel zurzeit furchtbar „chic“ ist. Nur: Jedes Kind, dass im Kindergarten auch nur kurz in den Genuß musikalischer Früherziehung gekommen ist, musiziert spannender. Für den Auftritt während eines Rock-Festivals genügt es einfach nicht, aus drei Synthesizern Töne hervorzubringen, die an die Geräuschkulisse von Telespielen erinnern, und sich auf einen eingängigen Rhythmus zu verlassen, der nicht „live“, sondern von der Bandmaschine kommt. Als erster echter „Abräumer“ des Festivals erwies sich – natürlich – Wolfgang Niedeckens BAP. […] Niedecken versteht es, auf der Bühne vor dem Publikum nach wie vor „ehrlich“ zu wirken – als sei er ganz überrascht, dass die Zuschauer seine Musik, seine Texte, die eh keiner außerhalb von Köln versteht, so wahnsinnig toll finden. „Verdamp lang her“, „Kristallnaach“, „Waschsalon“ und was der BAP-Hits mehr ist: die Kölner Truppe verwandelte Zuhörer in Schlammtänzer, trieb kleinen Mädchen die Tränen in die Augen und veranlasste selbst Schüchterne, aus rauer Kehle kräftig mitzusingen […] Rod Stewart gilt vielen betagten Rock-Fans aus den 60er Jahren als Legende und den Jüngeren als Interpret mitreißender wie romantischer Rocksongs. Seine Auftritte hat er inzwischen in ein wohldosiertes Arrangement von Licht, Farben, Bühnen-Action und instrumentaler, wie gesanglicher Perfektion verwandelt. Dass er Rock’n Roll immer noch als „Spaß, Risiko und Sex“ versteht, darf man ihm getrost glauben […] Sein Auftritt zeigte Stewart als einen Entertainer, der weiß, was das Publikum hören möchte und der sich dabei auf eine Riege hervorragender Musiker verlassen kann, allen voran Gitarrist Jim Cregan und Saxophonist Jimmy Zavala, der auch als Mundharmonika-Spieler glänzte. Eine wogende Zuschauermasse bei Super-Hits wie „Passion“, „Young Turks“ und dem Faces-Klassiker „Stay With Me“, zahllose brennende Feuerzeuge und Wunderkerzen bei Herzensbrechern wie „Sailing“ und „I Don’t Want To Talk About It“, gespanntes Lauschen bei der neuen Single „Baby Jane“; Stewart nahm in Schüttorf mal wieder ernst, was er im „Aufmacher“ seiner Show sang: „Heute Nacht gehöre ich euch, macht mit mir, was ihr wollt […]“ – trotz Regen und Schlamm“.

    ++PLATZHALTER
    Ticket Schüttorf-Festival 1984 / Simple Minds-Sänger Jim Kerr empfängt sein Publikum. Foto: Gert Westdörp

    1984: Unter dem Union Jack – Dosenbier-Blues und epischer Progressive-Rock

    1984 präsentiert das Schüttorf-Festival Joe Cocker, Ulla Meinecke, die Simple Minds und Marillion. Es erscheinen etwa 35.000 Besucher, darunter viele Briten. „Wegen der vielen britischen Bands im Programm flatterte über dem Festivalgelände mehr als einmal der „Union Jack“- gehisst von zahlreichen englischen Fans, die für ein Wochenende Maggie Thatcher, Ladi Di oder der britischen Rhein-Armee den Rücken kehrten und Urlaub in der Obergrafschaft machten.“ Neben einem sangesfreudigen Joe Cocker, der reichlich „Dosenbier-Blues“ verabreicht, werden die Auftritte von Marillion und den Simple Minds zu Höhepunkten: „Marillion wussten das Publikum über lange Strecken zu fesseln – sicher ein Verdienst des Ex-Holzfällers und Sängers „Fish“, der sich in einer Mischung aus Waldschrat und Fallensteller als eine Art robuste Ausgabe von Ex-Genesis-Sänger Peter Gabriel präsentierte. Marillion machte deutlich, dass die Zeit der audf epische Breite ausgewalzten Rock-Songs noch lange nicht vorbei ist… Eine optisch ebenfalls beeindruckende Show boten die Simple Minds. Bereits 1982 waren die schottischen Wave-Rocker um Sänger Jim Kerr in Schüttorf zu Gast. Seitdem sind sie die Karriere-Leiter einige Stufen hinaufgefallen. Mit Hitsongs wie „Don’t You (Forget About Me“ ist ihre Musik schriller, heftiger, für viele aber auch berauschender geworden“.

    1985/86: Die Besucherzahlen gehen zurück – das Schüttorf-Festival in der Krise

    1985 stehen Herbert Grönemeyer, Kid Creole & The Coconuts, Wolf Maahn & Die Deserteure, Working Week und Killing Joke auf der Bühne: „Das sechste Schüttorfer Open-Air konnte an seine erfolgreichen Vorgänger nicht anschließen. 1985 vermisste man einen internationalen Top-Star. So kamen diesmal nur etwa 15.000 Besucher auf die Vechtewiesen in Schüttorf“.Den Schlusspunkt des Festivals soll eigentlich die britische New-Wave-Band „Talk Talk“ setzen. Die erscheint aber erst gar nicht. Festivalbeobachter vermuten, dass der Auftritt schon Tage zuvor aus finanziellen Gründen abgesagt worden ist. Bei einem recht stolzen Eintrittspreis von 32 Mark finden sich auch 1986 nicht mehr Besucher ein. Neben einem erneuten Auftritt von Joe Cocker sind Manfred Mann’s Earthband, Roger Chapman, Rio Reiser, David Lindley und Matt Bianco zu hören. Die GN kommentieren: „Den Höhepunkt bildete der Auftritt von Manfred Mann und seiner Earth Band. Vor allem die älteren Titel aus den 70er Jahren sorgten für echte Festivalstimmung … Ihre Oldies sind Goldies. Jedenfalls stimmten Tausende beim früheren Spencer-Davis-Hit „Gimme Some Lovin“, bei „Mighty Quinn“ und „Davy’s On The Road Again“ ein… Fazit: Das Festival verdient zwar nicht das Prädikat berauschend, muss aber doch als gelungen bezeichnet werden“. Statt wie in früheren Jahren gelingt es nicht, erfolgreiche, kurz vor ihrem Durchbruch stehende Newcomerbands (wie einst The Cure, Depeche Mode, die Stray Cats oder die Simple Minds) zu engagieren. 1986 ist Schüttorf ein Festival für Späthippies statt jugendliche Waver. Zudem sind angesichts bescheidener Einnahmen die finanziellen Reserven aus den erfolgreichen ersten Jahren aufgezehrt. Das Festival geht in einen „Lockdown“, aus dem es erst ab 1990 herausfindet.

    ++PLATZHALTER:
    Im Spotlight – Headliner David Bowie / Blick über das Festivalgelände in Richtung Schüttorf. Fotografien: Werner Westdörp

    1990: Das Comeback – Schüttorf erlebt ein Spektakel der Superlative

    Am 3. September 1990 vermelden die GN „Ein Spektakel der Superlative: Noch nie hatte es einen solchen Massenandrang nach Schüttorf gegeben, noch nie war es zu einem solchen Verkehrschaos gekommen. Allein die normalerweise 20minütige Fahrt von Rheine nach Schüttorf brauchte anderthalb Stunden. Tausende steckten in endlosen Staus und andere verwandelten Schüttorf und Umgebung in einen riesigen Parkplatz“. Der Grund: Das mit Headliner David Bowie und weiteren internationalen Stars wie Midnight Oil, New Model Army und Dan Reed Network gespickte Programm zieht 60.000 Besucher an. Im Verlauf des Festivals müssen über 500 Festivalgänger ärztlich behandelt oder wegen Kreislaufversagen versorgt werden. Das DRK muss über 100 Kräfte des THW und der Feuerwehr zu Hilfe rufen. Am Schluss sind die Helfer froh, dass David Bowie seine Fans an diesem Abend nicht in grenzenlose Ekstase versetzt, sondern sich etwas lustlos aber sehr routiniert auf das Abspielen aller Hits aus seiner Karriere beschränkt. Am Tag nach dem Festival gleicht das Festivalgelände einer Müllhalde auf Betonpiste. 60.000 sind für Schüttorf und seine Vechtewiesen einfach viel zu viel. Über Jahre streiten sich die Stadt Schüttorf und der Veranstalter „German Tours“ vor Gericht um die Übernahme der Folgekosten wie die Renaturierung der Vechtewiesen.

    ++PLATZHALTER:
    Original-Tickets Schüttorf Festival 1993 und 1994

    1993/94: Von den Schüttorfer Vechtewiesen auf einen Maisacker in Westenberg

    Im Ergebnis geht das Schüttorf-Festival in eine zweite Pause. Johannes Wessels sucht nach einem neuen Festivalgelände in der Obergrafschaft – und findet es auf einem weitflächigen abgeernteten Maisacker in der Bauernschaft Westenberg bei Gildehaus. Hier folgen nun die letzten drei Ausgaben des „Schüttorf-Open Air-Festivals“. Ende Juni 1993 treten Altmeister und Rocklegende Neil Young und die australischen Midnight Oil um ihren charismatischen Sänger Peter Garret vor 35.000 Besuchern auf. Weitere Bands des 15stündigen Konzertmarathons: Fury In The Slaughterhouse (Wave-Rock aus Hannover), Die Fantastischen Vier (Hip Hop aus deutschen Landen), Tragically Hip (Gitarrenrock aus Kanada), Willy DeVille (Latino-Rock aus New Orleans) und die Black Crowes (Südstaatenrocker aus USA). Statt britischem New- und Dark Wave ist nun gitarrenorientierter Rock angesagt.

    ++
    Headliner 1993 sind Midnight Oil um den charismatischen Sänger Peter Garrett. 1994 im Angebot: Die Toten Hosen aus Düsseldorf und die Rauschebärte ZZ Top aus Texas. Fotografien: Werner Westdörp


    Im Juli 1994 erscheinen 40.000 Besucher und erleben – „trotz erheblichen Alkoholkonsums sehr friedlich“ – begeisternde Festivalauftritte der texanischen Rauschebärte und Boogierocker ZZ Top sowie der Toten Hosen: „Über eine Stunde lang spielten Campino & Co. Auf der 22 Meter breiten Bühne ihre größten Hits aus zwölf Jahren Bandgeschichte. Die Menge gröhlte die bekannten Texte mit. Vor einer Kulisse aus sechs leuchtenden Skeletten boten die Düsseldorfer „ein kleines bißchen Horrorschau“. Sänger Campino besah sich die Party im Schlamm nach einer Klettertour auf einen der Lautsprechertürme… Nach Konzertende ging die Party auf den Campingplätzen rund um das Konzertgelände weiter. Erst am Sonntagnachmittag machten sich die letzten Gäste müde auf den Heimweg.“

    ++PLATZHALTER
    So sah das letzte Schüttorf-Festival von ganz oben aus. Foto: Carlo ter Ellen (NL) / Auf der riesigen Bühne ihrer Voodoo-Lounge-Tour: Die Rolling Stones. Foto: Werner Westdörp

    1995: Das letzte Schüttorf-Festival wird zum Coup – die Rolling Stones beehren die Grafschaft

    Zum guten Ende gelingt ein echter Coup: Am 18. August 1995 treten vor 100.000 Besuchern – 80.000 per Ticket; weitere 20.000 als „Zaungäste“ – die legendären Rolling Stones auf in Westenberg auf: „In the middle of nowhere“, wie Mick Jagger zu Konzertbeginn feststellt. Die „Voodoo-Lounge-Tour“ inklusive einer stählernen, feuerspeienden Kobra arbeitet mit der bis dato teuersten Konzertbühne der Welt. „310 Lautsprechersysteme, 1,5 Millionen Watt, 176 Tonnen Stahl. Eine Bühne im Gegenwert von vier Millionen Dollar, für deren Aufbau über 100 Helfer und Roadies nötig sind“. Zudem werden 40.000 Liter Wasser benötigt, um die Kobra zu stabilisieren. Geliefert von der Ortsfeuerwehr Gildehaus, die das Grundwasser aus einem im nahegelegenen Industriegebiet gelegenen Bohrbrunnen anzapft und in zwölf riesige Behälter pumpt, die die Querträger der Bühne beschweren. Weitere 64 Fässer mit je 200 Liter Inhalt geben den Lautsprechertürmen an beiden Seiten der Bühne den nötigen Halt. Insgesamt verlegen die Feuerwehrleute 900 Meter Schlauchleitung. Je nach Betrachter eine technische Meisterleistung oder einfach purer Wahnsinn.

    Denn in musikalischer Hinsicht gerät der Stones-Auftritt nur mittelmäßig. Der Sound ist auf dem weitflächigen Gelände nicht optimal – und ganz hinten eher zu leise. Über die Entfernung hinkt die Musik den Bildern auf der großen Video-Bühnenleinwand schon einmal hinterher. Vor lauter Staub auf dem Festivalgelände ist von der Band selbst nicht allzu viel zu sehen. Die Versorgung der durstigen Festivalmassen wird zu einem chaotischen Unternehmen. Unvergesslich bleibt zumindest für die Besucher aus der Grafschaft Bentheim der Roadtrip zum Festivalgelände: Wer hätte je gedacht, einmal per Fahrrad zu einem Konzert der Rolling Stones radeln zu können? Da hatten es die Grafschafter viel besser getroffen als die etwa 10.000 auswärtigen Besucher, die auf der Suche nach dem Festivalort tagsüber zunächst in Schüttorf herumirrten oder die vielen tausend Stones-Liebhaber aus den Niederlanden, die bei der An- und Abfahrt über die Autobahn A31 in kilometerlangen Staus festsaßen. Da war die letzte Zugabe „Jumping Jack Flash“ schon längst verklungen, der letzte Feuerregen aus der Kobra erloschen. Und der Veranstalter „German Tours“ so blank, dass es seither nie wieder ein Schüttorf-Festival geben sollte.


    Mit freundlicher Unterstützung der

  • Zu Weihnachten 1956 kommt der Rock’n’Roll nach Nordhorn

    Elvis Presley und James Dean auf den Leinwänden der Nordhorner Filmtheater

    Der britische Musikjournalist Nik Cohn erzählt: „Die erste Platte, die ich mir 1959 als 12jähriger in London kaufte, war „Tutti Frutti“ von Little Richard und sie lehrte mich mit einem Schlag alles, was ich über Rock’n‘Roll wissen musste. Die Botschaft lautete: „Tutti frutti all rootie, tutti frutti all rootie, awopbopaloobop alopbamboom!“

    1959 ist selbst in der abgelegenen Grenz- und Textilstadt Nordhorn der Rock’n’Roll längst angekommen. Manch einer der als ziemlich verrückt oder „halbstark“ geltenden, der lässig-arroganten Attitüde eines James Dean nacheifernden, jungen Leute hat erste Klänge des Rock’n’Rolls bereits auf den Radiosendern der seit dem Kriegsende 1945 in Westdeutschland stationierten britischen und amerikanischen Besatzungstruppen, dem BFBS (British Forces Broadcasting Service) oder AFN (American Forces Network) vernommen. Den Durchbruch zu einer von der Nachkriegsjugend begeistert aufgenommenen Musik schafft der Rock’n’Roll allerdings über das Kino.

    In der Schauburg spielt Bill Haley zum Rock’n’Roll-Tanz auf

    Am 28. Dezember 1956 erscheint eine Anzeige des „Schauburg-Filmtheaters“ an der Denekamper Straße, die viele junge Leute geradezu elektrisiert: „Ganz Nordhorn wartet mit Spannung auf diesen Film: Rock Around The Clock – Außer Rand und Band“ – erstmals Rock’n’Roll in Nordhorn: Bei Tag und Nacht – 24 Stunden heiße Musik! Rock’n’Roll, die musikalische Sensation von Amerika. Ein Film, dessen Titellied von Bill Haley alle von den Sitzen reißt.“ Wenige Tage später heißt es: „Wir müssen verlängern. Ganz Nordhorn ist begeistert. Es qualmen die Socken, es wackelt die Wand, kein Auge bleibt trocken: Rock’n’Roll außer Rand und Band“.

    Herablassend die (erwachsene) Kritik in der „Grafschafter Filmschau“ der GN: „“Außer Rand und Band“. Eifersucht und Geschäftsintrigen zwischen der Leiterin einer Musik-Agentur und einem Orchestermanager sind der Kern der Handlung, die eigentlich nur Anlass ist zur Entfesselung der Instrumente und des Tanzes, nämlich der „Rock’n’Roll“-Musik. Neben den „Rock Around The Clock“-Schlager gesellen sich eine Reihe weiterer Kompositionen dieser Art, sodass sich alles nach dieser neuen Modekrankheit des Tanzes verrenkt, rüttelt und schüttelt in schweißtreibender Akrobatik.“

    Weitere Rock’n’Roll-Streifen folgen: Schon im Februar 1957 läuft in der Schauburg und im Capitol „Außer Rand und Band, Teil 2“: „Noch heißer, noch wilder, noch besser“. In den Worten der „Grafschafter Filmschau“: „Die Darbietungen exzentrischer Bands, dazu die immer wieder verrücktspielende Jugend, füllen den ganzen Streifen. Der Film versucht nachzuweisen, dass Rock’n’Roll weder als Musik noch als Tanz unmoralisch ist, sondern Ausdruck des Lebensgefühls unserer jungen Generation“.


    Im Mai 1957 spielt das Capitol-Kino „Rock, Rock, Rock!“: „Die heißeste Rock’n’Roll-Musik, gespielt von den tollsten Bands – 21 neue Schlager in dem neuesten Jazz-Film“. Bei den Capitol-Betreibern geht da noch einiges durcheinander: Schlager? Jazz? Nein, Rock’n’Roll ist das Gebot der Stunde. Im Februar 1958 ist es endlich soweit: „Der König des Rock’n’Rolls singt sieben Lieder in seinem neuesten Film“. Auf der Leinwand des Capitol und des Roxy erscheint Elvis Presley in „Gold aus heißer Kehle“. Noch 1958 folgt im Central-Kino mit „Rhythmus hinter Gittern – Jailhouse Rock“ der nächste Elvis Presley-Film:

    „In Spätvorstellung Freitag, Samstag, Sonntag um 22.30 Uhr: 6 neue Volltreffer des Rock’n’Rolls – Elvis Presley, das Weltstar-Phänomen unserer Zeit“.

    Jukebox, Kofferradio und Plattenspieler – Rock’n’Roll-Abspielstationen

    Nun füllen sich auch in Nordhorn die Jukeboxen mit Rock’n’Roll. Ob in der Milchbar am Hallenbad, dem Eiscafé Capri am Gildehauser Weg, in der Eckkneipe „Zum Bogen“ an der Bogenstraße oder in Charlys Oase, einem vor allem von jungen Leuten frequentierten Schnellimbiss an der Lindenallee: hier gibt’s für zwanzig Pfennig nicht nur deutsche Schlager, sondern auch die neuesten Rock’n’Roll Hits. Und für den größeren Geldbeutel annonciert das Musikhaus „Radio Hesselink“ an der Bentheimer Straße im März 1958 das passende Angebot: „Besuchen Sie unsere neue Schallplattenbar mit einer Plattenauswahl wie nie zuvor. Achten Sie bitte auf unsere große Auswahl an Koffer-Radio-Geräten der neuen Serie 1958/59“. Was ist ein lockerer Nachmittag am Baggersee ohne die passende Musik? In einer Anzeige vom Mai umwirbt Hesselink die jugendliche Kundschaft mit dem Knüttelvers: „Pack die Badehose ein und ein Radio-Köfferlein“.

    Die Kritik der Erwachsenenwelt: Sinneslust, Urwaldmusik und Massenhysterie

    Nun sehen sich die GN genötigt, dem Massenphänomen Rock’n’Roll einmal kritisch auf den Grund zu gehen. Im Februar 1958 ist unter der Überschrift „Rock’n’Roll und Elvis Presley“ zu lesen: „Der Urheber von Massenhysterien, der Rock’n’Roll-singend die Backfische beiderlei Geschlechts zum Kreischen bringt, soll Ende März zum amerikanischen Heer eingezogen werden. Die Musterungskommission hat ihn für „mittelmäßig brauchbar“ befunden. Mittelmäßig brauchbar ist auch sein Singen und Spielen… Es ist merkwürdig, wie innig der brünstig seine Gitarre klimpernde und im Höhepunkt seines Liedes mit einem unzweideutigen Körperstoß aus der Hüfte in Stellung gehende Elvis Presley mit dem amerikanischen Süden, aus dem er stammt, verbunden ist…. Er kommt aus jener Welt, in der noch heute zahllose Wanderprediger und Bibelsänger hausen und in der die religiösen Versammlungen in Dörfern und Wäldern im Handumdrehen die Formen eines zügellosen seelischen Orgasmus annehmen. Vergessen wir außerdem nicht, wie stark diese Musik, von der das intensive Schluchz-Geheul Presleys nur eine primitivere Version ist, aus der elementaren Tiefe jenes afrikanischen Urwaldgefühls quillt, das die einst nach dem amerikanischen Kontinent verschleppten Sklaven mitgebracht haben. Von den Spirituals, den Hymnen christlicher Ekstase bis zu der Sinneslust moderner Rock’n’Roll-Erotik ist gar kein so weiter Weg.

    Rock’n’Roll hat einer unbefriedigten, oft bis zur Auslösung unbewussten Sehnsucht junger Menschen zum Ausbruch verholfen. Der Ausbruch wurde häufig zum Tumult. Die unerfüllte Sehnsucht artete meist in sinnloser Zerstörungsraserei aus…. Elvis Presley scheint ebenso wie die zweite lärmende Gestalt der zeitgenössischen Begeisterungs-Olympiade entfesselter Teenager-Lüste, jener weibisch-schwammige Pianist Little Richard mit der in Vaselin erstarrten Frisur, den kurzen und raschen Weg rascher und sicherlich bald verblassender Modeberühmtheit zu gehen“. Wie man sich doch täuschen kann…

    Ein Tanzturnier im Stadtpark und eine Swingparty in Denekamp

    Im Sommer 1958 ist die Rock’n’Roll Begeisterung auch im Nordhorner Stadtbild spürbar, wird zum Ärgernis und ruft die Polizei auf den Plan: „Empört stellten Parkbesucher am Dienstagabend fest, dass eine Gruppe Jugendlicher im Alter von 15 bis 20 Jahren im Stadtpark ein Rock’n’Roll-Tanzturnier veranstaltete. Die Polizei musste eingreifen und die für erholungssuchende Bürger erforderliche Ruhe wieder herstellen. Einige der Ruhestörer mussten mit Gewalt zur Polizeiwache gebracht werden. Ihnen musste man den Unterschied zwischen einer Erholungsstätte und einem Tanzboden erst klarmachen.“ Die Rock’n’Roll-Liebhaber erlebten den „Rhythmus hinter Gittern“ eines Elvis Presley wahrlich am eigenen Leib.

    Einige männliche Rock’n’Roller weichen in die Niederlande aus. Im April 1959 veranstalten sie eine „Swingparty“ in Denekamp: „Die Jungen fuhren per Moped und Bus nach Denekamp, wo sie in einem kleinen Lokal ihren Plattenspieler auspackten und nach „schrägen Rhythmen“ tanzen wollten… Der Inhaber des Lokals war wenig begeistert. Sie mussten die Fläche räumen… Doch die Tanzlust steckte ihnen an diesem Abend allzu heftig in den Gliedern. Auf der Hauptstraße in Denekamp baute man die „Schallplattenband“ auf und legte trotz des lebhaften Verkehrs mit viel Temperament und vielen Phon eine flotte Sohle auf das Pflaster. Den Bewohnern mißfiel der Lärm und das Herumgetobe, sodass sie kurzerhand die Polizei verständigten… Das Rock’n’Roll-Tanzen wurde abgebrochen, den „Swingboys“ die Pässe und Personalausweise abgenommen. Die Marechaussee geleitete sie zur Grenze, wo die „Ausgewiesenen“ ihre Papiere zurückerhielten. Ihre Namen vermerkte die niederländische Polizei für den Fall, dass sie in den kommenden Wochen wieder einmal Lust haben sollten, in Holland ein Tänzchen zu wagen“. Vom Out-Door-Rock’n’Roll-Tanzen hat man seither nie wieder gehört. Angesichts immerwährend drohender Staatsgewalt ziehen sich die Rock’n’Roller in die elterlichen Partykeller zurück.

    Zwanzig Jahre später, im November 1979, sieht die Welt des Rock’n’Roll-Tanzens ganz anders aus: In „schwindelerregender Weise“ tanzen sich die 19jährige Gundi Barger und ihr 20jähriger Tanzpartner Friedhelm Lübbers aus der Rock’n’Roll-Gruppe der Tanzschule Jobmann an die Weltspitze. Als Teil des bundesdeutschen Nationalteams werden die beiden Weltmeister im Rock’n’Roll-Tanzen.

    James Dean trifft den Nerv der jungen Generation

    Was Elvis Presley für die Musik junger Leute, ist James Dean für das Kino: Noch bevor der Rock’n’Roll im Kino durchstartet, erscheint im Oktober 1956 James Dean auf der Leinwand der Schauburg-Lichtspiele. In „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ spielt James Dean einen jugendlichen Rebellen, der gegen gesellschaftliche Konventionen aufbegehrt. James Dean elektrisiert die Nordhorner Jugend: „Des überwältigenden Erfolgs wegen müssen wir den Film verlängern. Täglich 20.15 Uhr – James Dean in CinemaScope“. Der Film trifft den Nerv der jungen Generation der 50er. James Dean wird zur Ikone der sogenannten „Halbstarken“.

    Filmplakat James Dean „Denn sie wissen nicht was sie tun“

    In der „Grafschafter Filmschau“ der GN erscheint eine Filmkritik: „Denn sie wissen nicht, was sie tun ist der Titel eines amerikanischen Sensationsfilmes mit James Dean, Natalie Wood, Sal Mineo und Jim Backus. Im Mittelpunkt der Handlung steht Jim, ein Junge aus gutem Hause, der wieder einmal völlig betrunken auf einer Polizeistation eingeliefert wird. Jim trinkt nicht, weil ihm das Zeugs besonders gut schmeckt, sondern weil er nicht wie sein Vater als Pantoffelheld enden will. Jim stellt die unmöglichsten Sachen an, die der zänkischen Mutter immer wieder als Vorwand dienen, mit der Familie in eine andere Stadt zu ziehen. Jim beteiligt sich auch an „Mutproben“, die unter seinesgleichen ausgetragen werden. Einmal hätte es ihn fast erwischt, als er mit einem Wagen einem Steilhang zusteuert. Im rechten Augenblick lernt er ein junges Mädchen (Natalie Wood), und durch dieses die Wunder der Liebe, des Jungseins und des Sich-Verstehens kennen“.

    Plattencover – Soundtrack „Die Halbstarken“

    Im Dezember 1956 läuft im Central-Kino und in der Schauburg „Die Halbstarken“, faktisch eine bundesdeutsche Version von „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. In den Hauptrollen Horst Buchholz statt James Dean und Karin Baal statt Natalie Wood: „Schon vor seinem Start Tagesgespräch: Hart-realistisch-schonungslos. Das hochaktuelle Thema unserer Zeit: Was ist mit unserer Jugend los?“. Eine Woche vermeldet das Central: „Jede Vorstellung war ausverkauft, deshalb weiterhin tägliche Vorstellungen um 15.30, 18.00 und 20.15 Uhr. Sichern Sie sich bitte rechtzeitig für den Abend den gewünschten Platz und vergessen Sie nicht, dass auch nachmittags Vorstellungen gegeben werden“. Die „Grafschafter Filmschau“ kommentiert: „Ein Kriminalfilm mit Jugendlichen. Freddy (Horst Buchholz) und Jan sind Brüder. Im Elternhaus sieht es schlecht aus. Der Vater ist ein Tyrann, die Mutter eine gedrückte Frau. Der häusliche Streit hat dazu geführt, dass sich Freddy selbständig machte und zum Oberhaupt einer Bande jugendlicher Tunichtgute avancierte. Um sich Geld zu verschaffen, überfällt die Bande ein Postauto, aber die Beute ist gering und so soll ein anderer Einbruch zum Ziele führen. Jan versucht, dseinen Bruder noch im letzten Augenblick auf die rechte Bahn zu bringen, aber vergeblich. Das Schicksal nimmt seinen Lauf und erst nach der unausbleiblichen Katastrophe kommt die Erkenntnis und die Reue“.

    Bis 1960 gibt es ganze James Dean-Wochen. Im täglichen Wechsel zeigen Schauburg und Capitol die James-Dean-Klassiker „Denn sie wissen nicht, was sie tun“, „Jenseits von Eden“ und „Giganten“.

    Kurzinfo: Die Nordhorner Kinolandschaft der 50er Jahre

    Zwischen 1957 und 1960 erleben die Nordhorner Filmtheater ihre beste Zeit. Von rund 360.000 im Jahre 1952 steigt die Zahl bis 1958/59 auf mehr als 600.000 Kinogänger an. Insgesamt unterhalten sechs Filmtheater mit zweimal wöchentlich wechselndem Programm das filmbegeisterte Nordhorn.

    • Das älteste reine Filmtheater in Nordhorn, das im Dezember 1919 eröffnete „Union-Theater“ (ab 1958 „Bavaria-Kino“, Filmbetrieb eingestellt 2013; abgerissen 2017) an der Neuenhauser Straße.
    • Die 1934 in einem früheren Tanzsaal eröffneten „Schauburg-Lichtspiele“ an der Denekamper Straße (Kinobetrieb eingestellt 1968; abgerissen 2019).
    • Das für 300 Besucher ausgelegte, 1939 eröffnete „Capitol“ an der Neuenhauser Straße (heute: Kultur- und Musikclub „Capitol-Treff 13“).
    • Das 1954 mit 432 Sitzen, „davon 150 gepolstert“, eröffnete „Roxy-Kino“ am Gildehauser Weg (Filmbetrieb eingestellt 1963; abgerissen 2019).
    • Das 1952 eröffnete Central-Kino an der Neuenhauser Straße (Filmbetrieb eingestellt 1965; heute Billardcafé Gambler).
    • Nicht zuletzt der im Dezember 1957 eröffnete Astoria-Palast am Stadtring (Kinobetrieb eingestellt 2017; heute ungenutzt). Bei Eröffnung ist der Astoria-Palast mit seinen 650 Sitzplätzen das größte Kino außerhalb von Osnabrück.

    Im Capitol-Kino sorgte der „Nordhorner Filmclub“ mit seinen mehr als 100 Mitgliedern monatlich für die Aufführung künstlerisch hochwertiger und gegenwartskritischer Kinofilme. Außerdem fanden im Capitol Schlagerabende und erste Jazzrevuen statt. Dagegen war der Astoria-Palast zuweilen Ort von größeren Versammlungen (wie der DGB-Feier zum 1. Mai 1958) oder von Modenschauen.

    Die wichtigsten Rock’n’Roll-Alben der späten 50er

    Hier sind die vier wichtigsten Rock’n’Roll-Alben, die 1957/58/59 in den Nordhorner Musikgeschäften und Radiohandlungen kaum zu bekommen waren. Stattdessen mussten die jugendlichen Rock’n’Roll-Liebhaber über die Grenze nach Enschede fahren. Dort verkauften die ersten Plattenbars über Londoner Lieferanten direkt aus den USA importierte Rock’n’Roll-Platten:

    Bill Haley & His Comets: Rock Around The Clock (USA, 1956)

    Film ab: Viele junge Leute machen erste Bekanntschaft mit dem Rock’n’Roll, als Rock Around The Clock zum Jahresende 1955 im Vorspann des Jugendmelodrams Blackboard Jungle/Saat der Gewalt erklingt. Ein Jahr später folgen die mit Bill Haley-Hits bestückten Rock’n’Roll-Tanzfilme „Außer Rand und Band“ (Teil 1 und 2), die im Herbst/Winter 1956/57 auch in nordwestdeutschen Kinos in Städten wie Cloppenburg, Meppen, Lingen und Nordhorn zu sehen sind. Zeitgleich erscheint das Soundtrack-Album Rock Around The Clock. Neben dem Titelsong enthält das Album weitere Haley-Hits wie Shake, Rattle And Roll, den Mambo-Rock und Rock-A-Beatin-Boogie.

    Im Frühjahr 1958 kommt Bill Haley als erster Vertreter des amerikanischen Rock’n’Roll-Sounds nach Deutschland. Aufgeheizt durch den Rock’n’Roll seiner Comets zertrümmern randalierende Jugendliche gar manchen Konzertsaal. Allein im Berliner Sportpalast entsteht ein Sachschaden von 50.000 Mark. Für weite Teile der Erwachsenenwelt beginnt der Untergang des Abendlandes: Die SED-Zeitung Neues Deutschland bezichtigt den „Rock’n’Roll Gangster Haley einer Orgie der amerikanischen Unkultur“; der Rheinische Merkur im Bistum Essen klagt, dass „ausgerechnet am Tag der Papstwahl der Komet der Triebentfesselung einen Generalangriff auf Geschmack, Anstand und Selbstachtung gewagt hat“. Dem Verkaufserfolg des Titelsongs schadet das überhaupt nicht. Bis heute sind weltweit 25 Millionen Singles von „Rock Around The Clock“ verkauft.

    Elvis Presley: Elvis Presley (USA, 1956)

    Am 28. Januar 1956 entdeckt Amerika seinen neuen König. Elvis Presley hat seinen ersten landesweiten TV-Auftritt in der CBS-Stage Show. Sein cooles Grinsen, sein lässiger Hüftschwung und die erotischen Untertöne in seinem Gesangsstil lassen erste Singles wie Heartbreak Hotel an die Spitze der Billboard-Charts klettern. Ende März 1956 erscheint das heißersehnte Debütalbum: eine explosive Mischung aus früheren Sessions in den Sun-Studios in Memphis und neuem Material aus den RCA-Studios in Nashville und New York: Rhythm & Blues (I Got A Woman; Money Honey), Country (Blue Moon)und wilder Rock’n’Roll (Tutti Frutti).

    Die Rebellion der Jugend deutet sich an: „Don’t step on my blue suede shoes“. Eingespielt mit seinem langjährigen Rock’n’Roll Trio: Scotty Moore an der Gitarre, Bill Black am Bass und D.J. Fontana an den Drums. Gehört laut Musikzeitschrift Rolling Stone in jede Plattensammlung. Das Cover ist ein Meilenstein, dass viele Elvis-Presley-Fans als Poster im Schlafzimmer hängen hatten. Das Foto von William Robertson stammt aus einem Konzert in Tampa, Florida vom 31. Juli 1955.

    Little Richard: Here’s Little Richard (USA, 1957)

    Little Richard in seinen eigenen Worten: „Ich kam aus einer Familie, in der man nur Ella Fitzgerald und Bing Crosby hörte. Aber ich wusste, dass es da etwas gab, was lauter war. Ich wusste aber nicht, wo ich es finden sollte. Bis ich es in mir selbst entdeckte!“. Das Erweckungserlebnis, das den vormaligen Jump-Blues-Pianisten aus New Orleans zum Botschafter des Rock’n’Rolls werden lässt. Nun gibt es kein Halten mehr: Sein wüst, schamlos und irre dahin rockendes Debütalbum enthält bereits alle großen Hits von Tutti Frutti, Long Tal Sally, Slippin‘ And Slidin“ bis hin zu Rip It Up: „Well, it’s Saturday night and I just got paid / Fool about my money, don’t try to save“.

    Here’s Little Richard ist die erfolgreichste LP des Künstlers. In seinen Texten trifft Little Richard die Essenz, den Spaß und die Energie des Rock’n’Rolls: „Tutti Frutti on a rooty / tutti frutti on a rooty / A WopBopaLooBop ALopBam Boom!“ In seinen Konzerten springt der verrückte Pianist auf seinen Flügel und tanzt zum ekstatischen Rock’n‘ Roll seiner Band. Ein Album und ein Rock’n‘Roller, die Generationen von Rockmusikern beeinflussten – zuvorderst die Beatles und die Rolling Stones.

    Chuck Berry: Berry Is On Top (USA, 1959)

    In den späten 50ern spielt Chuck Berry eine ganze Serie von Singles ein, die den Rock’n’Roll definieren. Alles beginnt mit „Maybellene“, an der Oberfläche eine schnelle, mit Country-Elementen aufgeladene, Nummer über ein Autorennen zwischen einem Ford und einem Cadillac, im Subtext über die aussichtslose Jagd nach einem Mädchen. Es folgen ein klassischer Rock’n’Roll-Hit nach dem anderen – angetrieben von Chuck Berry’s stakkatoartigem Gitarrenspiel: Roll Over Beethoven, School Day, Rock’n’Roll Music, Sweet Little Sixteen und sein autobiographisch angehauchtes Johnny B. Goode. Allesamt versammelt auf dem Album Berry Is On Top. Berry verwandelt die Energie des schnellen Boogie-Blues in puren Rock’n’Roll, saust im Entengang seines „Duck Walk“ über die Bühne und bezaubert mit Songs, die den Lebensnerv der damaligen Rock’n’Roll-Teenager treffen.

    Die Jukeboxen füllen sich mit Chuck Berry-Singles. Bei der Hausparty braucht man nur die ganze Platte abspielen und schon befinden sich alle Gäste im Rock’n’Roll-Wunderland. Für konservative weiße Familienväter weltweit ein Schrecken: „Stellt diese Negermusik ab!“

    Pure Magie dagegen für junge Weiße wie die Herren Lennon, McCartney, Jagger und Richards. Die Stones covern Carol und Little Queenie, die Beatles Roll Over Beethoven und Jimi Hendrix Johnny B. Goode.


    Mit freundlicher Unterstützung der

  • Die Beatles sind da. Die Not hat ein Ende. Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei!

    Im August 1960 sind die Beatles in der Grafschaft … leider nur auf Durchreise. In einem britischen Kleinbus der Marke Austin Morris passieren sie den Grenzübergang Springbiel/De Lutte. In der ursprünglichen Besetzung mit John Lennon (Gesang und Gitarre), George Harrison (Leadgitarre), Paul McCartney (Gesang und Gitarre), Stuart Sutcliffe (Bassgitarre) und Pete Best (Schlagzeug) sind sie unterwegs zu ihrem ersten musikalischen Abenteuer, einem Engagement als Tanzband im „Indra-Club“ an der Großen Freiheit in Hamburg. Dort spielen sie allabendlich sieben Sets zu je 45 Minuten von acht Uhr abends bis um drei Uhr nachts. Auftritte, die die Band zusammenschweißen, ihr Zusammenspiel perfektionieren lässt und die Beatles zu einer spektakulär guten Liveband werden lassen – wild, ungehobelt und nicht mehr aufzuhalten. Am 4. Oktober 1960 wechseln die Beatles in einen größeren Tanzclub, den „Kaiserkeller“. Im Dezember 1960 kehrt die Band nach Liverpool zurück. Allerdings ohne Stuart Sutcliffe, der der Liebe wegen in Hamburg bleibt und ein Kunststudium beginnt.

    Im April 1961 treten die Beatles erneut in Hamburg auf. Aus dem Quintett ist eine klassische 4-Mann-Band geworden. Den Bass spielt nun Paul McCartney. Für drei Monate treten sie im nobleren und größeren Musikclub „Top Ten“ auf. Alsbald gerät Hamburg in den Bann der Beatles und der Beatmusik.

    Der Star-Club wird zum Mekka der Beatmusik

    Im Januar 1962 kauft der Inhaber des „Top Ten“, der Beat-Impresario Manfred Weißleder ein ehemaliges Kino an der Großen Freiheit Nr.39 im Stadtteil St. Pauli. Dort eröffnet am 13. April 1962 der legendäre „Star-Club“ seine Pforten. Auf dem Plakat zur Eröffnung steht: „Die Not hat ein Ende. Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei!“ Am Eröffnungsabend spielen – natürlich – die Beatles, die im Verlauf des Jahres 1962 über 11 Wochen im Star-Club gastieren. Zuvor gibt es einen letzten Wechsel in der Bandbesetzung: Ringo Starr löst Pete Best am Schlagzeug ab.

    Innerhalb von zwei Jahren wird der Star-Club zum Mekka der neuen „Beatmusik“, die den Rock’n’Roll und den Twist als bevorzugte Tanzmusik junger Leute ablöst. In der norddeutschen Tiefebene tauchen Beat-Anhänger zunächst als Durchreisende auf. Im April 1964 berichtet die Grafschafter Tagespost vom Bahnhof Bentheim (bis 1967 eine örtliche Konkurrenz der GN): „Fast jeden Tag raunt man im Skandinavien-Express, der Bentheim zweimal durchfährt: „Die Beatles sind heute drin“. Und immer wieder die gleiche Enttäuschung: „Wir sind nicht die echten Beatles“. Aber wer sind denn eigentlich die jungen Leute mit den Pilzköpfen? Es sind alles Jäger nach dem großen Glück. Voll Hoffnung fahren sie mit ihren Instrumenten in die Millionenstadt Hamburg. Namenlos tauchen sie dort in der Flut der Beatbands unter.“

    Zu dieser Zeit steht Großbritannien längst im Bann des Beat und der Beatles. Im Oktober 1962 landet „Love Me Do“ noch auf Platz 17 der britischen Charts. Schon im Dezember folgt der Durchbruch mit dem ersten Nr.1 Hit: „Please Please Me“. Im Frühjahr 1963 stehen das gleichnamige Album und die ausgekoppelte Single „She Loves You“ an der Spitze der britischen Charts. Für die Grafschafter Tagespost berichtet der junge Textilkaufmann Horst Peters über die „Moderne Musik aus London“. Er zeichnet ein Porträt der Beatles und beschreibt die Beatles-Mania in seinem Gastland: „Die vier Beatles werden hier in England nicht nur von Teenagern angehimmelt, sondern auch von Erwachsenen jeden Lebensalters … Man muss sie im Fernsehen gesehen haben. Sie sitzen oder stehen nicht ruhig, sondern begleiten ihren manchmal in hysterisch wildes Geschrei ausartenden Gesang mit stampfenden Fußbewegungen und allen möglichen Körperverrenkungen … Ihre Lieder sind von einer brillanten Intensität … Oft wird die Wirkung ihrer Songs durch Händeklatschen verstärkt. Mittlerweile gibt es hier eine Beatles-Industrie: Der Verkauf von Musikinstrumenten, besonders Gitarren, ist rapide gestiegen. Der Plattenverkauf hat einen Aufschwung erlebt. Ganze Industriebetriebe stellen Beatles-Artikel her… Das Neueste entdeckte ich bei einem Bummel durch die Oxford-Street in London:


    moderne“ Tapeten mit farbigen Abbildungen der vier Sänger, empfohlen für das Schlafzimmer eines jeden englischen Mädchens, damit auch nachts nicht der Gedanke, der aufregende, an diese Lieblinge verlorengeht!“

    Im März 1964 landen die Beatles mit „I Wanna Hold Your Hand“ erstmals auf Platz 1 der bundesdeutschen Hitparade. Unter die Top Ten steigt auch die von den Beatles extra in deutscher Sprache eingesungene Version „Komm gib mir deine Hand“ (auf der Rückseite findet sich „Sie liebt dich“ / „She Loves You“). Im Herbst 1964 erreicht der Beatles-Film „Yeah! Yeah! Yeah!“ die bundesdeutschen Filmtheater. In Nordhorn läuft der Film vom 16. bis zum 27. Oktober über 11 Tage im Astoria-Palast.

    Die Beatles lösen einen Boom britischer Beatmusik aus. Nun sind auch Platten der Animals, der Kinks, der Rolling Stones, Searchers, Small Faces und der Who gefragt., Vielerorts kann das Angebot an Schallplatten mit der Nachfrage nicht mithalten. Am 19. Dezember 1965 teilt die Lingener Tagespost den jugendlichen Lesern mit: „Wegen enorm steigender Nachfrage sind in den letzten Tagen vor Weihnachten alle Bestände an Beatmusik in den Schallplattenabteilungen der Musik- und Rundfunkgeschäfte in Lingen ausverkauft. Nachbestellungen treffen erst im Januar des kommenden Jahres ein“. Im Juni 1966 organisiert die BRAVO eine bundesdeutsche Tournee der Beatles. Ganze Busladungen junger Beatfans aus der Grafschaft machen sich auf den Weg. Am 4. Juni erscheint eine Werbeanzeige in den GN: „Sonderfahrt – mit Hummel-Reisen zur Bravo-Beatles-Tournee in die Gruga-Halle, Essen“.


    Mit einem „Liverpool-Express“ der Deutschen Bahn geht es von den Einstiegsbahnhöfen Bremen, Osnabrück, Rheine und Münster zum Beatles-Konzert nach Essen. 14.000 junge Leute erleben dort einen gerade einmal 30-minütigen Auftritt der Beatles, in dessen Verlauf immerhin elf ihrer Songs zu hören sind. Unter ihnen ist auch der 19jährige George Mikolajew aus Nordhorn, der zwei Jahre später „Georgies Boutique“ mit angeschlossenem Plattenladen eröffnet – und seine Eintrittskarte für das Beatles-Konzert seit 60 Jahren in Ehren hält.

    ++ PLATZHALTER++
    Single Cover – Rolling Stones „Satisfaction”

    Im Jahr zuvor, im September 1965, veranstaltet die BRAVO eine Tour mit der Beatles-Konkurrenz, den bei vielen Beatfans als heißer, wilder und gefährlicher geltenden Rolling Stones, die just zu dieser Zeit mit „(I Can’t Get No) Satisfaction“ die Spitze dere bundesdeutschen Charts stürmen. Das Reisebüro Richters annonciert: „11. September: Sonderfahrt zum Konzert der weltbekannten Schlagergruppe (!) die Rolling Stones in der Münsterlandhalle Münster“. Vor jeweils 5.000 Fans, darunter ebenfalls etliche Grafschafter, treten die Stones um 17 Uhr und um 20.30 Uhr auf. Nach drei Vorgruppen aus deutschen Beat-Landen spielen sie ganze acht Songs, darunter „Satisfaction“. Die Deutsche Wochenschau berichtet: „Als erste deutsche Stadt wurde Münster in Westfalen, bekannt konservativ und sittenstreng, von den Rolling Stones heimgesucht, auf den Kopf gestellt und benebelt“. Der Auftritt der Stones endet ohne die sehnlich herbeigerufene Zugabe nach 22 Minuten. Der Polizeibericht vermerkt: „Der polizeiliche Einsatz beschränkte sich auf die Tätigkeit von Eingreiftrupps, die wenige zu wild gewordene Fans aus der Halle geleiteten. Der eigens aus Dortmund herbeigeorderte Wasserwerfer kam nicht zum Einsatz“.

    Mit der Beatles-Tournee im Sommer 1966 erreicht die musikalische Welle des Beat ihren Scheitelpunkt. Selbst im still-katholischen Wietmarschen heißt es im September 1966: „Erstmals Beat in Wietmarschen – the muddle heads im Saal Kühlenborg“.


    Die Beatwelle ebbt ab – die Beatles aber bleiben…

    Mit den popmusikalischen Paukenschlägen der Jahre 1966 und 1967 – darunter die Beatles-Alben „Revolver“ und „Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, „Aftermath“ und „Their Satanic Majesties Request“ der Rolling Stones, dem „Pet Sounds“ der Beach Boys und den ersten Platten der Cream („Fresh Cream“ und „Disreali Gears“), der Jimi Hendrix Experience („Are You Experienced“ und „Axis: Bold As Love“) und nicht zuletzt der Doors („The Doors“ und „Strange Days“) erreicht die musikalische Bindekraft des Beat ihre Grenze. Die Popmusik wird verspielter. variantenreicher und sehr viel „psychedelischer“. Die Beatwelle ebbt ab. 1970 lösen sich die Beatles auf.

    ++ PLATZHALTER++
    Single-Cover The Beatles „Hey Jude”

    Die Geschichte der Beatles ist aber noch lange nicht vorbei. Im Zeitraum von 1962 bis 1972 verkaufen sie weltweit 85 Millionen Langspielplatten und 120 Millionen Singles. Im Herbst 1974 stehen das neu erschienene „rote“ und „blaue“ Doppelalbum mit den Hits der Jahre 1962 bis 1970 erneut an der Spitze der Album-Charts in Nordamerika und Europa. Und bis heute laufen die Beatles-Songs im Radio und wöchentlich werden allein in der Bundesrepublik noch immer über Hunderte an Beatles-Platten verkauft.

    The Beatles: A Hard Day’s Night (1964)

    Schwarz-Weiss ist einfach schöner. „A Hard Day’s Night“ ist der Soundtrack zum ersten Beatles-Film „Yeah! Yeah! Yeah!“, der im Juli 1964 in den bundesdeutschen Kinos anläuft. Wie im gleichnamigen Film hüpfen die Beatles schwerelos, lächelnd, tatendurstig und mit viel Witz über einen Reigen von Liebesliedern. Aufgenommen an einem einzigen Studiotag: 13 Lennon/Mc Cartney-Songs, 13 funkelnde Perlen des Beat. Ihre herrlich treibenden Beatrhythmen, ihre Refrains zum Mitsingen verbreiten einen unglaublichen Optimismus. Can’t Buy Me Love, I Should Have Known Better, Things We Said Today und der Titelsong bezeugen die besondere menschliche wie musikalische Chemie der vier Beatles.

    1964 stammen 60% aller in den USA verkauften Singles aus der Soundküche der Beatles. Über Wochen belegen sie die ersten fünf Plätze der US-Hitparade. Das schafft später niemand mehr. A Hard Day’s Night ist wie alle anderen frühen Beatles-Alben ein Aufbruch in die neue Welt der Beatmusik, die Fanfare zum Aufbruch ins „Swinging London“ der 60er. Beatles-Mania: Die Mädchen kreischen und die Eltern verstehen die Welt nicht mehr. Respekt!

    The Rolling Stones: Out Of Our Heads (1965)

    Out Of Our Heads markiert das Ende der Rolling Stones als purer Blues- und Rhythm & Blues-Coverband. Nun beginnen Mick Jagger und Keith Richards ihre eigenen Songs zu schreiben. Und gleich drei von Out Our Of Heads werden zu Hits: Das noch mit klassischen Beatrhythmen versehene The Last Time, das lasterhafte Play With Fire und nicht zuletzt der Rocker (I Can’t Get No) Satisfaction, mit dem die Stones noch heute jedes Livekonzert enden lassen. Dazu gibt es rockige und tanzbare Coversongs aus der Soulküche von Marvin Gaye, Don Covay und Otis Redding.

    Im Sommer 1965 rast Satisfaction an die Spitze der internationalen Hitparaden. Keith Richards spielt ein Gitarrenriff für die Ewigkeit und Jagger spiegelt die Zeilen über den alltäglichen Frust und Zorn einer jungen Generation in seinem Gesang: „I can’t get no satisfaction, I can’t get no girl’s reaction, ‚cause I try and I try and I try and try“. Im September 1965 organisiert die BRAVO die erste bundesdeutsche Tournee. Für die Fans werden Busreisen organisiert. Eine Werbeanzeige: „Sonderfahrt Reisebüro Richters zum Konzert der weltbekannten Schlager(!)gruppe die Rolling Stones in der Münsterlandhalle, Münster“. Die Rolling Stones sind auf dem Weg zur „Greatest Rock’n’Roll Band On Earth“. Und das sind sie als die großen Überlebenden des Rock noch heute.

    The Beatles: Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band(1967)

    Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band ist der psychedelische Soundtrack für den Summer Of Love 1967. Schon das vom britischen Künstler Peter Blake gestaltete Cover offeriert ein ikonisches Werk: eine Musikfantasie aus Pop, Kunst, Mode, Drogen und Sinnsuche, unterlegt mit Geräuschen, Sound-Einfällen und Überleitungen von großer Raffinesse. Als „Hearts-Club-Band“ feiern die Beatles einen Maskenball des Pop. In A Day In The Life, dem laut US-Rolling Stone besten Beatles-Songs aller Zeiten, Lucy In The Sky With Diamonds, dem von Ringo Starr gesungenen With A Little Help From My Friends, dem anrührenden She’s Leaving Home oder dem rockigen Titelsong agieren Lennon/Mc Cartney auf der Höhe ihrer Songwriter-Kunst.

    Das Album markiert den endgültigen Wandel der Beatles zu einer reinen Studioband. Statt Livemusik gibt es nun beinahe orchestrale Popkunst. Denn das zuweilen etwas überkandidelte und pompöse „Sergeant Pepper“ ist Popmusik für Genießer; die Konzerthallen überlassen die Beatles von nun an der britischen Konkurrenz der Rolling Stones und The Who. Ganz anders sieht es dagegen in den internationalen Hitparaden aus, die von den Beatles kurz vor und nach Veröffentlichung des Sergeant Pepper-Albums mit Single-Veröffentlichungen wie dem psychedelisch-verträumten Strawberry Fields Forever (1967) und dem McCartney-Sing-A-Long des Hey Jude (1968) dominiert werden.

    The Doors: The Doors (1967)

    Zu Jahresbeginn 1967 sind die Doors nur den Stammgästen des Whisky-A-Go-Go, einer der ersten Diskotheken in Los Angeles, als ihre Hausband bekannt. Wenige Monate später avancieren sie zu Los Angeles‘ weltweit erfolgreichstem Pop-Export. Break On Through (To The Other Side) eröffnet ihr Debütalbum. Jim Morrisons faszinierende Stimme, sein Flüstern und Schreien aus dem tiefen Nichts, Ray Manzareks dominante Orgel, John Densmores vom Jazz inspirierte Drumbeats und Robby Kriegers verspielt feinsinnige Gitarre verdichten sich zu einem vielschichtigen Rocksound. Man ist überrascht, wie viel Blues (Back Door Man) und Soul (Soul Kitchen) dieser Rock im Herzen trägt. Zum größten Hit des Albums wird das später hundertfach gecoverte Light My Fire, ein Hohelied auf sexuelles Verlangen.

    Jim Morrison führt sein Publikum auf kristallinen Schiffen (Chrystal Ships) ans Ende der Nacht (End Of The Night). Er singt über all das, was auf „the other side“, der anderen Seite, liegen könnte – und in den Träumen seiner Hörer rumspukt: Sex, Lust, Verlangen, Revolte, Freiheit und Tod. Dabei zeigen die Doors dem jungen Amerika, dass man auch vom alten Europa noch lernen kann: Aus Brecht/Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ borgen sie sich den Alabama Song: „Show me the way to the next whisky-bar / Oh, don’t ask why…“. Die Doors: das ist die dunkle Seite, der Film-Noir des Traums vom fernen Westen, vom Sonnenstaat Kalifornien – und Jim Morrison ihr gefährlich-charismatischer Prophet.


    Mit freundlicher Unterstützung der