Das Jugendzentrum Nordhorn – Vom Woodstock-Basislager zur Rockdisco in einer Hofscheune

Am 3. März 1973 wird das Jugendzentrum Nordhorn eröffnet. Die GN berichten: „Die Eröffnung hatte Popfestival-Charakter […] Nach etlichen Grußworten übernahm die Nordhorner Band Wiff & Co die Regie im neuen Jugendzentrum. Unter ihren progressiven Klängen wurde die Tenne des ehemaligen Bauernhofes erstmals zum Tanzboden für rund 300 Jugendliche“. Im Verlauf des Frühjahrs wird das neue Jugendzentrum zur ersten Adresse der Nordhorner Jugend. Schon nachmittags ist der Fahrradparkplatz vorm Haus brechend voll, die Getränketheke umlagert. Den Kaffee oder Tee gibt’s für zwanzig Pfennige. Bereits am 15. März titeln die GN: „Jugendzentrum stark besucht. Leiterin Marlis Engels braucht Unterstützung“.

In den ersten Monaten nach Eröffnung gleicht das JZ einem Woodstock-Basislager. Die Nordhorner „Gegenkultur“ feiert fröhliche Urständ: Täglich gibt es Rockmusik vom Plattenteller, unbefangene Besucher erhalten Einführungskurse in Kusstechniken verliebter Pärchen, Politaktivisten bereiten Protestaktionen gegen den Bombenabwurfplatz Nordhorn-Range vor, an der Theke zischen Kaffeemaschine und Teekocher, man ernährt sich vom unvermeidlichen Toast Hawaii. Im Programm finden sich hauptsächlich Disco-Abende und Konzerte.Im Verlauf der 1970er Jahre treten neben lokalen Bands wie Wiff & Co., der Backwater Bluesband, Preludium, Lakehurst und der Band „Levee“, die einen Proberaum erhält und damit zu einer Art Hausband des JZ wird, eine ganze Reihe bundesdeutscher Kraut- und Jazzrocker von Rang und Namen auf – darunter Grobschnitt, Kin Ping Meh, Eloy, Embryo, Mythos, Release Music Orchestra, Munju, Känguruh, Tri Atma und die Osnabrücker Blues Company.

Sie spielen regelmäßig im JZ: von links nach rechts: Backwater Bluesband / Levee / Preludium. Fotografien: privat

Nach Auszug eines kleinen Nähereibetriebs wird die lang ersehnte Teestube eingerichtet. Endlich gibt es genug Räume für all die Arbeitsgemeinschaften der „JZ-Aktivisten“: Vom durch die JZ-Besucher gewählten Jugendzentrumsrat über die Theken-AG, Disco-AG, die für die vielen Livekonzerte zuständige Veranstaltungs-AG, Elektronik-AG, Volkstanz-AG, Töpfer-AG, Foto-AG, Zeitungs-AG, Film-AG bis hin zur feministisch bewegten „Mädchen- und Frauen-AG“ oder der in den 90ern neu gegründeten Computer-AG.

Die Szenerie in der neuen Teestube des JZ / Aufnahme der Mädchengruppe „Nur Wir“. Fotografien: Dirk Deelen

Inmitten des jugendbewegten Geschehens hält JZ-Leiterin Marlis Engels die Stellung. In wenigen Monaten erobert sie die Herzen der JZ-Besucher: „Ich war Mädchen für alles. Zehn Stunden Fachberaterin für Problemlösungen, Managerin, Tränentrocknerin und Seelentrösterin, Gesprächspartner für Verwaltungsangestellte, Bewährungshelfer, kleine Mädchen, Eltern, Besucher, Drogenberater, Lieferanten, Richter, Tippelbrüder, Klempner, Drogis und Alkis, Kollegen, Putzfrauen, Lehrer, Politiker, Ärzte und psychisch Kranke. Ich hatte wunderliche Arbeitszeiten, und meine Freizeit begann weit nach Mitternacht“.

Marlis Engels beim Open-Air auf dem Gelände des Jugendzentrums 1974. Foto: Dirk Deelen

Highlights im JZ-Programm: Ein Open-Air und kultige Partyformate

Noch im Herbst 1973 wird das Außengelände mit Hilfe der Landjugend planiert und neugestaltet. Im Sommer 1974 findet ein erstes Open-Air-Festival statt. Unter dem Motto „All you need is love“ fühlen sich die rund 300 Besucher wohl und lassen ganz Nordhorn an der Musik teilhaben. Im Anschluss an lautstarke Auftritte von „Omega“ (Bentheim), Backwater Bluesband (Nordhorn) und Mythos (Berlin) zwingen Anwohnerproteste und einsetzender Regen die Veranstaltungs-AG des JZ, den abschließenden Auftritt des „Topacts“ – der Rockband „Grobschnitt“, in die Tenne des JZ zu verlegen. Aufgrund der zahlreichen Beschwerden wegen „Lärmbelästigung“, versagt das Ordnungsamt der Stadt Nordhorn in den folgenden fünf Jahren alle Anträge auf innerstädtische Open-Air-Konzerte.

Das Open-Air Festival am JZ. Fotografien: Dirk Deelen

Kultstatus erlangen zwei Partyformate des JZ: Am 30. April 1973 lädt das JZ erstmals zum Disco-Tanz in den Mai: „Rund 500 Jugendliche in ausgelassener Stimmung tanzten unter dem mit bunten Bändern geschmückten Maibaum. Die jungen Leute tanzten überwiegend zu den Klängen progressiver Musik, doch auch Stimmungsplatten wurden aufgelegt. Nur an die älteren Jugendlichen wurde Maibowle ausgeschenkt, die Mitarbeiter in stundenlanger Arbeit angerührt hatten. Erstmals durfte das JZ seine Pforten auch nach 22 Uhr offenhalten. Der Clou des Abends war aber ohne Zweifel eine spontan gestartete Aktion des 18jährigen Jürgen Fritsch für die Vietnam-Hilfe: Der junge Mann opferte für Spendengeld seine schulterlangen Haare“. Zu einem weiteren Highlight wird die alljährliche Karnevalsparty zu Rosenmontag. Es gilt „freiwilliger Kostümzwang“ und es gibt einen begehrten Preis für die verrückteste Verkleidung. In Sachen Originalität und Partylaune kann es der JZ-Karneval locker mit den Narren der Karnevalsvereine im Stadtteil Blanke aufnehmen.

Bowleausschank beim Tanz in den Mai 1973. Foto: Rudolf Bulla

Aufsehen erregt ein von der Christlichen Arbeiter-Jugend (CAJ) veranstalteter ökumenischer Gottesdienst, der im Oktober 1973 stattfindet: „Rund 100 überwiegend junge Leute kamen am gestrigen Sonntag um 11 Uhr zum Gottesdienst in das Jugendzentrum an der Denekamper Straße. Unter Anleitung von Kaplan Weusthof von der St. Elisabeth-Gemeinde zeigten sie Mut zum Experiment. Die Jugendlichen gestalteten einen Gottesdienst, der in Form und Inhalt vor allem kritische Christen zum Mitdenken anregen sollte. Anstatt einer Predigt diskutierten die jungen Leute über einen Holzschnitt „Sturm auf dem See“. Der Gottesdienst wurde musikalisch mit Songs aus dem Musical „Hair“ [!] untermalt […]“. Weitere Jugendgottesdienste folgen, so zur Eröffnung der „Scheune des Jugendzentrums“ im März 1982.

Ökumenischer Gottesdienst im Oktober 1973. Foto: Dirk Deelen

1974 findet ein erster „Tag der Offenen Tür“ statt, bei dem sich einige hundert sich wagemutige Eltern und Großeltern in die bei vielen skeptischen Erwachsenen als „Räuberhöhle“ geltenden Räumlichkeiten des JZ trauen. Zuvor putzen und wienern die jungen Leute „ihr“ Haus. Es gibt Kaffee und Kuchen … und auf allen Tischen liegen erstmals papierene Tischdecken. Die meisten JZ-Besucher erkennen ihr Haus selbst nicht mehr. Oma, Opa, Tante und Onkel sind dagegen ganz begeistert. Von wegen „Räuberhöhle“.

Der Tag der Offenen Tür. Es gibt Kaffee und Kuchen. Foto: Dirk Deelen

Eine „nichtkommerzielle“ Rockdiskothek – die Tenne des Jugendzentrums

Ab September 1973 finden allwöchentlich drei Disco-Abende statt. An den Wochenenden wird das JZ zur Rockdiskothek. Die Disco-Abende an den Mittwoch-, Samstag- und Sonntagabenden werden zum Hauptanziehungspunkt. Auf den Playlisten der JZ-DJs findet sich alles, was das Herz „progressiver“ Rock- und Soulliebhaber begehrt. Im Januar 1974 verlangt das JZ erstmals Eintritt für die Disco, er beträgt ganze zehn Pfennig. Bis 1995 steigt der Eintritt auf die schwindelerregende Höhe von 1,50 DM an. Einen Gutteil der Einnahmen verwendet die Disco-AG für den Ankauf von Schallplatten in den örtlichen Plattenläden „Backwater“ und „Georgies LP&CD-Laden“. Drei Jahre später platzt die für nur 300 Besucher zugelassene Tenne aus allen Nähten.

Einer der ersten DJs im JZ – Joachim Bölt an der Discoanlage. Foto: Dirk Deelen

Die Disco-AG des JZ wird weitgehend von den Herren der Schöpfung beherrscht. In den 70er Jahren mit nur einer Ausnahme: An manchen Disco-Abenden heizt ein schwesterliches DJane-Doppelpack die Stimmung an. Birgit und Marianne Schomakers infizieren das Tanzpublikum mit dem Soul-Virus. Auf ihrer Playlist findet sich klassischer Seventies-Soul von Labelle („Lady Marmalade“), Chaka Khan („You Got The Love“), Donny Hathaway („The Ghetto“), Stevie Wonder („Superstition“), Temptations („Papa Was A Rolling Stone“), Commodores („Brick House“), Lamont Dozier („Goin‘ Back To My Roots“) und War („Slippin‘ Into Darkness“).

Eine der ersten beiden DJanes im JZ: Birgit Schomakers. Foto: Dirk Deelen

In einem „Situationsbericht“ vom Februar 1976 stellt die Stadtjugendpflege fest: „Das Haus bebt! […] An den drei Tagen, an denen die „Disco“ läuft, treffen sich etwa 500 bis 600 Jugendliche allen Alters und Schichten aus Nordhorn und Umgebung im Jugendzentrum […] Die „Disco“ ist um 20 Uhr bereits auf vollen Touren; man kann sein eigenes Wort nicht verstehen und muss dafür sorgen, dass man in der Tenne des JZ noch einen Platz zum Stehen bekommt. In dieser Situation werden viele Getränke und auch Bier verkauft. Harte Sachen wie Whisky und Schnaps werden nicht verkauft, aber „eingeschleppt“ […] die Alkoholkontrollen am Eingang arten rasch in endlose Diskussionen aus, die das Risiko einer aggressiven Konfliktlösung in Kauf nehmen “. Allen pädagogischen Problemlagen zum Trotz steigt die Besucherzahl der Diskothekenabende bis 1980 weiter an. Insbesondere an den Sonnabenden ist die Tenne des JZ mit über 700 Besuchern völlig überfüllt. An den Wochenenden machen sich auch viele junge Leute aus Bentheim, Uelsen, Emlichheim und Neuenhaus auf ins JZ Nordhorn.

Ein Schock: Die Stadtverwaltung schließt die Wochenend-Disco im JZ

Am Sonnabend, den 16. Januar 1981 zieht die Stadt Nordhorn die Reißleine. Hunderte Jugendliche stehen vor verschlossenen Türen. Ein Zustand, der sich nicht zuletzt der Schließung der Bentheimer Rockdiskothek „Oase“ im Herbst 1980 verdankt. Seit Dezember 1979 tauchen am Wochenende ganze Wagenladungen von Bentheimer Jugendlichen in der JZ-Disco auf. Die Stadt Nordhorn fordert „den Verzicht auf Disco-Abende an Sonnabenden“. Die JZ-Besucher sehen das anders: Sie verlangen den Ausbau einer einstigen Bauernscheune auf dem JZ-Gelände, die Raum für Disco- und Konzertveranstaltungen mit bis zu 800 Besuchern bietet. Am 21. Januar erscheinen erste Leserbriefe in den GN, die gegen die Schließung des JZ Nordhorn an den Wochenenden protestieren. Der Tenor: „Das JZ ist unsere Alternative zu kommerziellen Discotheken. Die Aussperrung von 700 Jugendlichen ist für uns ein Schlag ins Gesicht. Das Jugendzentrum stellt vor allem an den Discoabenden im Bereich der Grafschaft die einzige Alternative zu Diskotheken in privater Hand dar, weil man nicht zum Konsum verpflichtet ist und sich der Musikstil grundsätzlich unterscheidet“. Ein empörter Vater schreibt: „Ein schlechter Behördenwitz – das Jugendzentrum Nordhorn ist wahrlich nicht der Ort der reinen Tugend […] aber die Einrichtung ist das bisher Beste, was die Stadt Nordhorn der Jugend außer Sportstätten zu bieten hat. Als Bürger und Vater von heranwachsenden Kindern fordere ich die Stadt auf, nicht durch Verbote, sondern durch tatkräftiges Handeln Jugendarbeit zu treiben. Den Kopf hat man zum Denken und nicht nur zum Hutaufsetzen!“

Impressionen von der abendlichen Mittwochsdemo gegen die JZ-Schließung. Fotografien: Rudolf Bulla

Am 28. Januar wird die weiterhin erlaubte „Mittwochs-Disco“ unterbrochen. In einer spontanen nächtlichen Demonstration ziehen rund 250 junge Leute zum JZ-nahen Wohnhaus des stellvertretenden Bürgermeisters Friedel Witte. In dessen Vorgarten kommt es zu einer intensiven Debatte über einen möglichen Ausbau der „Scheune“, die zu diesem Zeitpunkt dem DLRG als Unterstellplatz für Rettungsboote dient. Zum Glück für die Protestler ist der Chefredakteur der Grafschafter Nachrichten ein Nachbar von Witte. Für entsprechende Publizität ist also von Beginn an gesorgt. Die Polizei beschränkt sich auf die Verkehrslenkung. Unter dem Eindruck des Jugendprotests greift die SPD/FDP-Mehrheit im Nordhorner Stadtrat greift das Anliegen der JZ-Besucher auf. Anlässlich einer Podiumsdiskussion erklärt die Stadt Nordhorn ihre Bereitschaft, auf die Forderungen nach Ausbau der „Scheune“ einzugehen. Unter dem Eindruck des Jugendprotests beginnt noch im Sommer 1981 der Um- und Ausbau der Scheune mit Hilfe eines „Werkstattprojekts für arbeitslose Jugendliche“. Im März 1982 zieht das dreitägige Eröffnungsprogramm aus Rock, Disco, Clownerie und Jugendtheater 2500 Besucher an. Das Haus ist vom ersten Tag an erneut „überfüllt“.

Der Umbau der Scheune im Sommer 1982. Foto: Rudolf Bulla

Die Scheunen-Disco des Jugendzentrums Nordhorn in den 80ern

Im März 1982 eröffnet das JZ Nordhorn eine für Konzertveranstaltungen und Disco-Abende umgebaute Bauernscheune auf dem Gelände des JZ. Die „Scheune“ bietet Platz für 800 Besucher. Fotografien in den GN zeigen „den neuen Arbeitsplatz des Discjockeys. Von diesem Steuerstand auf der Empore wird die gesamte Musik- und Lichtanlage gesteuert. Von dort kann man über die Köpfe der Besucher hinweg auf die große Konzertbühne schauen. Ebenfalls auf der Empore untergebracht – eine gemütliche Teestube mit kleiner Küche“. Bis 1987 wird die „Scheune“ an drei Abenden von 20.00 bis 01.00 Uhr als Diskothek genutzt. Die Besucherzahlen liegen zwischen 300 (Mittwoch) und 800 Besuchern (Samstag).

Zur Eröffnung der Scheune spielt die Börsen-Beat-Band aus Bremen zum Tanz auf. Anschließend gibt es die erste Scheunen-Disco. Fotografien: Rudolf Bulla

Im Februar 1988 ermittelt eine Umfrage unter Lesern der GN-Jugendseite „Szene“ die beim Grafschafter Publikum beliebtesten Popkünstler des Jahres 1987. Die Antwort: „U2 / Michael Jackson / Pet Shop Boys / Terence Trent D’Arby / Prince / Depeche Mode / Madonna.“ Einige der Teilnehmer erzählen, wo und wie sie ihre Poplieblinge hören: „Um musikalisch auf dem Laufenden zu sein, hören alle vier Hauptgewinner fast täglich Radio ffn […] Obwohl alle in der Musik sehr bewandert sind, zieht es fast keinen in die örtlichen Diskotheken. Fast alle bevorzugen die Disco-Abende im Nordhorner Jugendzentrum“. Die Vorlieben der Besucher schlagen sich in den Playlisten der JZ-DJs nieder. Zu der weiterhin beliebten Rockmusik aus den 70ern gesellen sich neue Spielarten des zeitgenössischen Pop: New-Wave (The Smiths, The Cure), Synthie-Pop (Depeche Mode, New Order), Funk und Soul (Michael Jackson, Prince, Chaka Khan) und klassischer US-Rock der frühen 80er (Toto, Foreigner, Bryan Adams). Bis weit in die 90er Jahre hinein finden allwöchentlich bis zu drei Disco-Abende statt, die in der Spitze regelmäßig zwischen 600 und 800 Besucher anziehen. Bis 1993 steigt die Zahl der wöchentlichen Disco-Besucher im JZ Nordhorn von 1.200 auf 1.500 an.

Disco-Abend in der Scheune des JZ. Foto: unbekannt

Am liebsten „Live“ – Die Toten Hosen entern die Scheunenbühne

Wie in vielen anderen Rockdiskotheken sind Livekonzerte weiterhin ein essenzieller Bestandteil des Programms. Zwischen 1980 und 1989 finden rund 90 Konzerte statt. In der JZ-Scheune sind etliche Bands aus der Rockszene der benachbarten Niederlande zu Gast: Vitesse, The Nits, Mark Foggo Skaband, Herman Brood & Wild Romance, Mo, Urban Heroes, Massada, Bertus Borgers‘ Groove Express, Rickey & The Frog, Bluespower und Jan Akkerman. Erfolgreiche Auftritte feiern zudem Live-Acts aus bundesdeutschen Landen wie Cochise, Geier Sturzflug, Caliber 38, die Ace Cats, Die Angefahrenen Schulkinder und Die Toten Hosen: „Die Toten Hosen versprechen einen „unvergesslichen Abenteuerurlaub für alle Beteiligten“ mit ihren Hits im explosiven Punkrock-Stil“. Das Konzert der „Hosen“ im März 1985 ist mit 800 Besuchern völlig ausverkauft. Zum Ausklang der 80er tritt die US-Rocksängerin Carolyne Mas (Hitsong: „Sittin‘ In The Dark“) im JZ auf. Selbst lokale Jazz-, Rock- und Punkbands verzeichnen einen bemerkenswerten Zuspruch. So das Fun-Punk-Duo „Two Katheder“, die ihre von den „Ärzten“ inspirierten Titel „Ich lieb nur mich“ und „Revolverheld“ im Juni 1989 vor 600 Zuschauern in der ausverkauften „Scheune“ des JZ vorstellen. Im Nachgang zum erfolgreichen Konzert stellen „Two Katheder“ fest: „Wir sind keine zweitklassige Gruppe. Schließlich haben wir schon mit Chris de Burgh in Bremen gespielt.“ Auf Nachfrage bekennen sie: „Ja, wir spielten vor dem Weser-Stadion neben der Pommes-Bude, nachdem Chris de Burgh drinnen fertig war“.

Konzert Two Katheder in der Scheune. Foto: unbekannt

Ein „kommerzieller“ Ableger der JZ-Disco: das Roxy an der Bentheimer Straße

Im Oktober 1988 eröffnet in den Räumen der einstigen Chartdiskothek „New York City“ ein kommerzieller Ableger der JZ-Rockdiskothek. Die DJs des „Roxy“ kommen allesamt aus dem Disco-Team des Jugendzentrums. Das „Roxy“ gilt als Rock & Wave-Diskothek: „Ein Volk – ein Roxy – mittwochs „waved“ das Roxy. Eintritt frei“. Im „Roxy“ gehen die Disco-Abende des JZ in die nächtliche Verlängerung. Eine Werbeanzeige zur Eröffnung am 7.Oktober 1988 verkündet: „Roxy – der Tanzladen an der Bentheimer Straße – Mi, Do, Fr, Sa ab 20 Uhr – 03 Uhr – heute am Mischpult: Die JZ-bekannten DJs Werner + Chri mit Funk – Soul – Rock“.

Einmalig: An Disco-Abenden eröffnet die erste Kinderkrippe in Nordhorn

Eine einmalige Episode in der Geschichte der Rockdiskotheken und Jugendzentren schreibt das JZ Nordhorn ab dem Juni 1986. An den Disco-Abenden öffnet eine Kinderkrippe. Die GN berichten: „Mit zehn Wochen ist Tim der jüngste Besucher des Nordhorner Jugendzentrums. Er ist regelmäßig auch an den Wochenenden da, abends, wenn Disco ist. Seine Schwester Anna, zwei Jahre alt, ist auch dabei. Beide schlafen unter Obhut in aller Ruhe im „Kinderzimmer“ unterm Dach, während ihre 19jährige Mutter sich mit Freunden in der Scheunen-Disco trifft. Die Discoabende im Jugendzentrum sind für viele junge Mütter im Alter zwischen 16 und 20 Jahren ein Treffpunkt. Wenn das Kinderzimmer nicht wäre, könnten sie häufig nicht rauskommen. Die Idee mit dem Kinderzimmer hatte Marlis Engels, die Leiterin des JZ: „Weil einfach der Bedarf da war. Schließlich ändert sich das Freizeitverhalten nicht unbedingt, wenn man Mutter wird. Ich war fasziniert von den jungen Frauen, die ja zum Kind sagen, auch wenn die Lebensumstände noch so schwierig sind“. Finanziert wird das Kinderzimmer mit einem Zuschuss aus der Disco-Kasse“.

Marlis Engels 1983. Foto: Rudolf Bulla

Im Februar 1983 erscheint in den GN ein Bericht über „10 Jahre JZ-Nordhorn unter Leitung von Marlis Engels“. Der Tenor: „Wer hätte das gedacht?“: „Marlis Engels vollbrachte damit als Frau eine einzigartige Leistung in der bundesdeutschen Jugendzentrums-Szene. Im Durchschnitt halten es die Leiter vier bis fünf Jahre aus, dann sind sie „geschafft“. Diese Regel gilt nicht für Marlis Engels… Nur diejenigen, die eng mit ihr zusammengearbeitet haben oder sich im Jugendzentrum engagierten, können ermessen, was es heißt, in zehn Jahren allein bei Disco-Veranstaltungen mehr als 600.000 Besucher [!] beaufsichtigt zu haben. Das ergibt eine Menschenschlange von gut 300 Kilometern. An die vorherrschende laute Musik und den Krach wird sie eine bleibende Erinnerung behalten: einen Hörschaden“.

Das Provinzfestival Nordhorn: „Macht die Provinz bunt und lebendig“

In Nordhorn wird 1980 eine „Grafschafter Musikerinitiative“ gegründet. Mitglieder sind etliche junge Rockmusiker aus der Bandszene der Stadt. Unter dem Motto „Rock gegen Rechts“ veröffentlicht die Musikerinitiative eine Schallplatte. Zusätzlich veranstaltet man am 21. Juni 1980 ein „Rock gegen Rechts-Festival“ in einer kurz zuvor im Gewerbe- und Industriepark (GIP) errichteten Veranstaltungshalle der Stadt. Der Eintritt ist frei. Neben allerlei lokalen Bands treten auch „alternative“ Theatergruppen auf. Zudem gibt es Infostände von politischen Initiativen und Aktionsgruppen.

Der Zuspruch beflügelt die Musikerinitiative zur Organisation eines ungleich größeren und finanziell aufwendigeren Open-Air-Festivals, das im Sommer der Jahre 1981 und 1982 unter dem Namen „Grafschafter Provinzfestival“ auf dem Freigelände an der GIP-Halle stattfindet.

Impressionen vom Provinzfestival 1981. Fotografien: Kerstin Westdörp

Plakat Provinzfestival 1982

Noch scheint die Sommersonne – die Provinzfestivals der Jahre 1981 und 1982

Das Festival mit dem Motto „Macht die Provinz bunt und lebendig“ verzeichnet zwischen 1.500 und 3.000 Besucher. Bei bescheidenen Eintrittspreisen von 10 Mark für zwei Festivaltage setzen die grenznahen Grafschafter auf einen bewährten Mix aus lokalen Akteuren, bekannten niederländischen Bands (Golden Earring, Harry Muskee Gang (früher: Cuby & The Blizzards), Massada, Mo, Urban Heroes, Vandenberg) und in der Bundesrepublik von US-amerikanischen Soulsängern gegründeten Soul- und Funkbands – die Patrick Gammon Band (München) und The Touch (Frankfurt, mit dem wenig später international erfolgreichen Sänger Terence Trent’Darby). Der teuerste Act sind Golden Earring, die eine Gage von 14.000 DM erhalten. Der nach Ansicht vieler Festivalgänger musikalisch beste Act ist dagegen der Sänger und Pianist Patrick Gammon, der in den späten 70ern zur Tourband der Ike & Tina Turner-Revue gehört – und zu einer echten Entdeckung wird. GN-Redakteur Friedrich Gerlach kommentiert: „Patrick Gammon und seine Band „Gammarock“ – das ist amerikanische „schwarze“ Soul-Musik, präsentiert mit dem technischen Instrumentarium der achtziger Jahre … zum Ende gibt es eine schier endlose Version des aktuellen Gammon-Single-Hits „Do My Ditty“. Alles tanzt. Das ist Musik, vor der uns unsere Eltern immer gewarnt haben“.

Eine Attraktion beim Provinzfestival 1981 ist die Nordhorner Jazz-Rock-Band „Do It“. Fotografien: Wolfgang Weßling und Friedrich Gerlach

Dem Provinzfestival geht eine „Kulturwoche“ voraus – bis es zu regnen beginnt

Vom 28. August bis zum 3. September 1983 wird das Provinzfestival um eine „Kulturwoche“ erweitert, bei der man vorrangig auf lokale Musiker und Straßenkünstler setzt. Es gibt ein Straßenfest in der Hauptstraße mit Straßen- und Kindertheater, Zauberei, Gauklern und Artisten; einen „Frauentheaterabend“ in der Scheune des Jugendzentrums und ein „Stadtparkfestival“ mit jungen Nordhorner Bands an der Konzertmuschel im Park, einer Art Vorläufer des heutigen „Nordhorner Musiksommer“. Enden soll die „Kulturwoche“ mit dem Höhepunkt des „Provinzfestivals“ im GIP.

Plakate Provinzfestival 1983 + Kulturwoche 1983

Aber während die Sommersonne zwei Jahre lang über dem Festivalgelände scheint, zieht bei der dritten Auflage des Festivals ein Unwetter auf. Wegen Dauerregens müssen die Veranstalter das gesamte Provinzfestival kurzfristig in die „Scheune“ des JZ verlegen.

Die Veranstalter von der Musiker-Initiative begrüßen das Publikum in der Scheune. Foto: Rudolf Bulla

Erneut berichtet GN-Lokalredakteur Friedrich Gerlach: „Elektrisierender Zirkus: Die schätzungsweise 1200 Besucher erlebten, was Rockmusik „live“ bedeuten kann: Eine Art von elektrifiziertem und elektrisierendem Zirkus, in dessen mit dunstig-heißer Luft gefüllter Arena eine auf engstem Raum zusammengedrängte Masse schreiend-schwitzend den Herzschlag-Rhythmen der Schlagzeuger und Bassisten folgt. Musik als eine aufregende körperliche Erfahrung, die so manchem bewies, dass er neben einem Kopf zum Denken auch Beine zum Tanzen und Hüften zum Wackeln hat. Furios war der Auftakt mit der deutsch-amerikanischen „Hired Help Band“, die mit straff arrangierten Bläsersätzen ein ganz auf Tempo ausgerichtetes Rock-Jazz-Gebäude errichteten, in dem sich das Nordhorner Publikum fast vom ersten Ton an zu Hause fühlte. Beinahe zu amerikanisch diese Gruppe, die augenzwinkernd die „good old days of Rock’n Roll“ beschwor. Seitdem die Kollegen von Chicago nur noch Schoko-Pop fabrizieren und Blood, Sweat & Tears in der Versenkung verschwunden sind, hat man solche Musik nicht mehr gehört […] Danach griffen The Touch, ebenfalls aus Frankfurt und ebenfalls eine neue Form deutsch-amerikanischer Freundschaft, mit Urgewalt nach dem Publikum und ließen es über eine Stunde lang im Wortsinn zappeln. The Touch mixte einen der schwärzesten musikalischen Cocktails – angereichert mit den spitz-scharfen Kommentaren aus der Bläser-Sektion war diese „funky music“ gefährlich explosiv, war der Sänger und musikalische Kopf der Truppe, der 21jährige Terence Trent’Darby fast jugendgefährdend lasziv in Stimme und Bewegungen. Und einem frühen James Bond Film (Goldfinger!) schien Bassist Frank „Babyface“ Itt entstiegen zu sein, der mit knallenden Saiten die „Scheune“ in einen dampfenden, brodelnden Hexenkessel verwandelte. Da hatte es „Massada“ als letzte Gruppe schwer. Aber die Niederländer sind showerfahren im Kampf um die Gunst des Publikums. Zwar pfiffen und rasselten noch die Lungen mancher Touch-Dauertänzer, mit einer außerordentlich mitreißenden Neufassung des Rolling-Stones-Dauerbrenners „Satisfaction“ schaffte es auch Massada. Unterstützt von einer effektvollen Lightshow trieben die Gruppe und das Publikum auf immer kräftigeren Wellen lateinamerikanischer Rhythmen in immer südlichere Gefilde – bis etwa eine Stunde nach Mitternacht das Licht anging – und man sich in Nordhorn wiederfand“.

„The Touch“ beim Festivalauftritt in der Scheune. Foto: Rudolf Bulla

Die Veranstalter finden sich nicht nur in Nordhorn wieder. Der Umzug in die Scheune verursacht finanzielle Verluste in Höhe von rund 10.000, – DM, die letztlich zum „Aus“ des Provinzfestivals führen. Im Sommer 1984 kommt es zwar noch zur Neuauflage einer ungleich kostengünstigeren Variante der „Kulturwoche“, aber das Provinzfestival findet nicht mehr statt. Stattdessen verlegt sich die Musikerinitiative in den folgenden Jahren auf die Organisation einzelner Konzerte. Darunter im Herbst 1984 ein Auftritt von BAP in der Eissporthalle Nordhorn und im Frühjahr 1987 von Herman Brood & Wild Romance in der Scheune des Jugendzentrums.


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