The West Is The Best – zu Beginn der 70er erlebt der „Nederbeat“ eine Blütezeit

„The west is the best…” lautet eine Songzeile im 1967 veröffentlichten Debütalbum der Doors. Doors-Sänger Jim Morrison meinte damit natürlich Kalifornien, genauer gesagt den Strand von Malibu bei Los Angeles, an dem sich die Bandmitglieder erstmals begegneten. Für jugendliche Rock- und Popliebhaber aus bundesdeutschen Grenzorten wie Nordhorn liegt der verheißungsvolle Westen in den frühen 70ern dagegen nur wenige Kilometer entfernt jenseits der Grenze in den Niederlanden. Denn nirgendwo sonst in Kontinentaleuropa erlebt die angloamerikanische Beat-, Pop- und Rockmusik eine derart kreative Übernahme. Die Popszene explodiert. Unter dem von der holländischen Plattenindustrie entwickelten Markennamen des „Nederbeat“ und „Nederpop“ entstehen in den späten 60ern in kürzester Zeit eine Vielzahl herausragender Bands, die ihren britischen und amerikanischen Vorbildern das Wasser reichen können: Darunter die Bluesband „Cuby & The Blizzards“ aus dem kleinen Dorf Grollo in Friesland; „Golden Earring“ (Hardrock), „Shocking Blue“ (Poprock), „George Baker Selection” (Pop), „Livin‘ Blues“ (Bluesrock); „Brainbox“ (Rock), „Focus“ (Artrock), „Earth & Fire“ (Artrock), „Ekseption“ (Klassik-Rock) und „Sandy Coast“ (Poprock). Im Verlauf der 70er treten all diese Bands – mit der Ausnahme von „Focus“ – auch in der Grafschaft auf.

Die größten Hits des Nederbeat:

Shocking Blue: “Venus“ und „Mighty Joe“ (1969/70)

George Baker Selection: “Little Green Bag” (1969/70) und “Paloma Blanca” (1975)

Sandy Coast: “True Love That’s A Wonder” (1971) und “Summertrain” (1972)

Livin’ Blues: “Wang Dang Doodle” (1971) und “L.B. Boogie” (1972)

Cuby & The Blizzards: “Window Of My Eyes” (1968) und “Appleknocker’s Flophouse” (1969)

Brainbox: “Down Man” (1969) und “Summertime“ (1970)

Ekseption: “Air” (1969) und “Peace Planet” (1971)

Earth & Fire: “Seasons” (1969), “Memories” (1972) und “Weekend” (1979)

Focus: “Sylvia“(1972) und „Hocus Pocus“(1973)

Golden Earring: “Back Home” (1970), “Radar Love” (1973), “Twilight Zone” (1982) und “When The Lady Smiles” (1984)

Shocking Blue und Golden Earring entern die US-amerikanischen Charts

In die Top Ten der britischen und US-amerikanischen Charts gelangen „Shocking Blue mit „Venus“ (USA, Platz 1); Golden Earring mit „Radar Love“ (USA, Platz 6) und „Twilight Zone“ (USA, Platz 10) sowie Focus mit „Hocus Pocus“ (USA, Platz 9). Einen Achtungserfolg liefert die George Baker Selection mit „Little Green Bag“ (USA, Platz 20)

Der Grenzbetrieb in Sachen Pop – wir fahren meilenweit für die neue Cuby-LP

Im Radio sind der Popsender Hilversum 3 oder der Piratensender Radio Veronica auf Dauerbetrieb geschaltet. An den Wochenenden fahren junge Leute – oftmals mit dem Fahrrad – meilenweit in die Plattengeschäfte benachbarter niederländischer Städte wie Enschede, um sich dort mit den neuesten Alben von Golden Earring, Cuby & The Blizzards oder Earth & Fire zu versorgen. Auch etliche DJs aus der Grenzregion fahren regelmäßig zum Plattenkauf nach Enschede, Zwolle, Groningen oder Amsterdam. Niederländische Musikclubs und Diskotheken werden zum bevorzugten Ausflugsziel: „Viele Jugendliche aus Nordhorn, Schüttorf, Bentheim und Gildehaus wandern an den Abenden und Wochenenden zu Hunderten ins benachbarte Holland. Die Beatclubs in Oldenzaal, Hengelo und Enschede üben eine große Anziehungskraft aus.“ Noch 1971 heißt es: „Die Beatfans aus Emlichheim fahren seit geraumer Zeit nach Holland“ … in Diskotheken wie „De Kul“ in Denekamp und „Fashion“ in Hengelo“.

Umgekehrt entdecken niederländische Popgruppen und DJ’s die Region diesseits der Grenze als Auftrittsort. Erste „progressiv“ ausgerichtete Diskotheken buchen niederländische Livebands. So die 1969 eröffnete Rockdiskothek „Lord Nelson“ in Lingen, in der zwischen Dezember 1969 und April 1970 die Shocking Blue, Livin‘ Blues und Cuby & The Blizzards zu Gast sind: „Rund 500 Fans feierten in der Diskothek Lord Nelson die holländische Stargruppe „Cuby & The Blizzards“. Die fünf Musiker spielen seit 5 Jahren das Beste, was Europa an Blues zu bieten hat […] nach etwas routinemäßigem Beginn steigerte sie sich zu mitreißendem Spiel. Ihr letzter Hit „Appleknockers Flophouse“ entfesselte wahre Begeisterungsstürme“. Der Kartenvorverkauf in der Grafschaft Bentheim läuft über den Nordhorner Pop-Shop „Georgies Boutique“.

Einschub: Aber was, bitteschön, mag ein „Appleknocker’s Flophouse“ sein?
„Appleknocker“ ist ein liebevoll gemeinter Slangausdruck für einen Bauerntölpel mit sprichwörtlichem Holzkopf, an dem Apfelwürfe abprallen. „Flophouse“ dagegen nichts anderes als eine der bei der Jugend vom Lande beliebten „Buden“. Für Cuby-Sänger Harry Muskee eine liebevolle Hommage an seine Jugend im Dorf Grollo. Seine Jugendbude wurde zum Proberaum für die Blizzards umfunktioniert. So gesehen, war das „Appleknockers Flophouse“ nichts anderes als das ländlich abgeschiedene Rockparadies von Cuby & The Blizzards.

Der Konzert- und Theatersaal wird zur Spielstätte des Nederbeat

1970 gründen in Nordhorn drei ältere Schüler aus der Schülervertretung der Handelslehranstalt am Berufsschulzentrum Nordhorn, deren gemeinsamer Vorname „Jürgen“ lautet, eine „JÜ3-Konzertinitiative“, die zwischen 1970 und 1972 erste Rockfestivals in der Pausenhalle der Berufsschule und größere Popkonzerte im Konzert- und Theatersaal der Stadt Nordhorn veranstaltet. Mit möglichen Überschüssen wollen die Veranstalter die zeitgleich gegründete Initiative zur Einrichtung eines Jugendzentrums in Nordhorn unterstützen. „JÜ3“ setzt vorrangig auf „Nederpop“ und präsentiert nacheinander „Brainbox“, „Cuby & The Blizzards“, „Golden Earring“, „Ekseption“, „Livin‘ Blues“ und „Earth & Fire“. Bei aus heutiger Sicht sehr niedrigen Ticketpreisen von weit unter 10,- DM sind fast alle Konzerte im KTS, der zu jener Zeit über gut 700 Sitzplätze verfügt, ausverkauft. Das funktioniert allerdings nur, weil die niederländischen wie bundesdeutschen Spitzenbands zu Beginn der 70er für heutzutage unvorstellbar niedrige Gagen auftreten, die in der Regel zwischen 1000,- und 2.000, – DM liegen.

Zu allen Konzerten, die im KTS stattfinden, erscheinen vom damaligen GN-Feuilletonredakteur Max-Heinz Mannstedt verfasste Konzertberichte. Einige Auszüge:

Cuby & The Blizzards am 17. Juni 1971: “Erstmals Popkonzert im Theater“:

Die jugendlichen Veranstalter von „JÜ3“ hatten aus den Niederlanden Cuby & The Blizzards engagiert. Die Gruppe bot in drei Serien – es ging mit zwei Pausen bis gegen elf Uhr – ein Programm, dessen Hauptkomponenten im Wechsel Blues und Rock’n’Roll hießen. Die fünf Holländer spielten einen Blues von mächtiger, zuweilen balladesker Strömung; ihr Rock erscheint inspiriert von der harten englischen Welle. In das Sound-Geflecht gibt Eelco Gelling mit seiner E-Gitarre melodische Brisanz und figürliche Leuchtkraft. Helmig van der Vegt (organ) und Bandleader Harry „Cuby“ Muskee (mouthorgan) variieren das Melos zu schärferen, grelleren Linien; erstaunlich verfremdet klingt die Mundharmonika aus den voluminösen Verstärkerboxen zu beiden Seiten der Bühnenrampe. „Cubys“ Gesang wird in der wattreichen Apparatur dem instrumentalen Timbre des Ganzen angeglichen. Am Konzertflügel bringt Helmig van der Vegt jazzhafte Gänge hinein. E-Bassist Herman Deinum tönt das Klangfundament in schweren Konturen. Aus der Spannung von Grundrhythmus und Synkope schlägt Hans LaFaille (percussion und drums) ein Maximum an Effekt. Über dem musikalischen Grundriss eines Blues oder Rock improvisieren die fünf ebenso einfallsstark wie intelligent. Ihre Künste der Themenabwandlung und Motivzerlegung entführen den Satz nie aus dem elementaren Klangzug: „The Blizzards“ bedeutet hier offenbar mehr als nur einen Namen. Des Einverständnisses ihrer Zuhörer konnten die Gäste jederzeit gewiß sein. Schon manche Titelansage rührte Zustimmungswogen auf. Und im blau-violetten Rampenlicht des letzten Programmteils, das die Verstärkeranlage zu einem Bilde a la Max Ernst verfärbte, dankten Zugaben dem beharrlichen Applaus.“

Golden Earring am 19. September 1971: “Das war europäische Spitzenklasse“:

Was sich am vergangenen Sonntag im Konzert- und Theatersaal ereignete, war eine musikalische Sensation. Manchem Sonntagsspaziergänger draußen auf dem Ootmarsumer Weg mag es wie ein tönender Weltuntergang erschienen sein, doch drinnen im Konzertsaal empfand man die enorme Phonstärke als eine Gesetzmäßigkeit dieser Musik. Nicht bei jeder Band ist die dynamische Logik so zwingend wie bei Golden Earring aus Hilversum. Von ihren Phonzahlen braucht nicht weiter die Rede zu sein. Was zu sagen ist, die vier mit dem preziösen Namen „Goldener Ohrring“, sie verbinden die Härte des Rock mit einem melodischen Sound, der aus musikalischen Elementarbereichen kommt. Durch die Verschmelzung von Rhythmus und Melos werden große Formenzüge möglich. Barry Hay stimmt – ein Beispiel – mit seiner Flöte ein ergiebiges Thema an, George Kooymans (lead guitar) und Marinus Gerritsen (bass guitar) greifen es auf, die mächtige instrumentale Steigerung schlägt um in ein hämmerndes Ostinato, dessen Motivwiederholungen durchtönt werden von markanten Wendungen des Themas. Die innere musikalische Spannung, welche Golden Earring jetzt angestaut hat, ist so stark, dass neue Wellenzüge hervorsteigen, bis schließlich der Drummer Cesar Zuiderwijk mit fast atemversetzender Wucht die finalen Entladungen schlägt. Allein der Rhythmus hat Raum, wenn Cesar Zuiderwijk sein großes Solo trommelt und hämmert, über dem unerbittlichen Furioso der Pauken synkopisch variiert, dann den Sturm der Schläge zum Orkan anwachsen lässt. Dieser fabelhafte Drummer war es, der am Sonntag den stärksten Applaus entfesselte.

Wie gesagt, die Stadt Nordhorn genehmigte das Konzert im Theater, den Mietpreis aber musste die Schülermitverwaltung zahlen. Ich aber meine, die Stadt sollte das Theater für solche Konzerte der Jugend zumindest kostenlos geben. Es war Sonntagnachmittag bei etlichen Gesprächen am Rande zu vernehmen, dass „JÜ3“ jetzt eine Gruppe von europäischem Spitzenrang nach Nordhorn gebracht hat, was den „Freizeitwert“ der Stadt für viele, ja sehr viele Jugendliche beträchtlich erhöht. Kommerziell ist für die Veranstalter nichts „drin“. Die SMV ist froh, wenn die Bilanz mit plus minus Null abschließt. In Hamburg kosten die Karten für Golden Earring 12 DM, in Nordhorn 6 DM. Der Tag sollte kommen, wo die Jugend das Theater am Ootmarsumer Weg auch als „ihr Haus“ ansieht.“

Ekseption am 07. November 1971: „Popmusik mit klassischen Themen“:

Binnen vier Tagen nach Ankündigung des Konzertes waren die Karten ausverkauft. Es bedurfte keiner Werbung. Der Name „Ekseption“ genügte. Die von ihrem Organisten Rick van der Linden gegründete Gruppe aus Haarlem ist einmalig. Sie erschafft aus klassischen Themen einen neuen Sound. Ekseption bestätigt den klugen Satz: „Die klassische Musik ist kein Herrschaftskind, und die Popmusik ist kein Kellerkind; beide können ruhig miteinander spielen.“ Johann Sebastian Bachs „Air“ wird in neue Klangfarben, in neue Harmonik eingeschmolzen. Aus der melodiösen Spannung barocker Adagios gewinnt Ekseption die eine Seite produktiver Bach-Abwandlung. Nicht minder begeisterte die andere Seite: die rhythmisch geprägten Themen von Bach werden zu Materie für progressive Musik. Trompete, Saxophon, Baßgitarre, Orgel und Schlagzeug holen deren Brisanz ans Licht. Nicht fehlen durfte beim ersten Ekseption-Konzert in Nordhorn natürlich „The 5th“, die neue Musik, welche Ekseption aus dem Kopfthema von Beethovens 5. Sinfonie hervorspielt. Auch etwas Mondschein-Sonate ist dabei.

Ekseption kann aber auch anders. Sie baut Stücke aus Elementen von Blues, Rock und Jazz. Selbst in den Spiel-Ekstasen und großartigen Soli bleibt der musikalische Intellekt der Gruppe wachsam. Zum Ausgangsmoment ihres musikalischen Ruhmes, der Assimilation klassischer Musik, kehrte Ekseption zurück, als sie den anhaltenden Applaussturm mit einer Zugabe lohnte: furios jagten die fünf den „Säbeltanz“ des Aram Chatschaturian durch ihr Instrumentarium. Unter dem Zeichen „Ekseption“ gelang den Veranstaltern von „JÜ 3“ – in diesem Fall mit privater Unterstützung durch NINO-Vorstand Dr. Horst Niehues-Paas – ein weiterer Schritt zu dem Ziel, die Stadt für ihre Jugend attraktiver zu machen.“

Livin‘ Blues am 27. Dezember 1971: „Ein Triumph des harten Blues“:

Der Ruhm von „Livin‘ Blues“ hat in Nordhorn nicht die Anziehungskraft wie an vielen anderen Orten entfaltet. Die Band aus Scheveningen musste manche Zuhörer erst erobern. […] Das gelingt den Melodikern der Gruppe: mit seinen scharf umrissenen Motivgängen oder Figurationen dem souveränen Leadgitarristen Teddy Oberg und John Lagrand, dessen Mundharmonika selbst noch die Klangextreme meistert. Die Härte der Band kippt niemals in leere Kraftprotzerei um. Und wenn die schwermütigen Melodien des Blues kommen, erreicht Livin‘ Blues eine packende Intensität des musikalischen Ausdrucks… Und fast vollständig war denn auch am Ende des zweistündigen Konzerts der Triumph des harten Blues… Was noch zu sagen wäre, ist dies: Warum kassiert die Stadt für ein solches Konzert eine Theatermiete? Wird zum Beispiel der Blues nicht als „Kultur“ gewertet?“

Earth and Fire am 21.Januar 1973: “Sturm und Donner”:

Earth and Fire gastierten im Nordhorner Theater und lösten einen Sturm auf die Karten aus. Vor rund 700 begeisterten Jugendlichen trieben die weltberühmten „Earth and Fire“ mit ihrer einzigartigen Light-Show den jungen Leuten den Schweiß auf die Stirn. Vor dem KTS dokumentierten Hunderte von „Fietzen“ und fahrbaren zweirädrigen Untersätzen, wer an diesem Abend Herr im Hause war. Die Jugend. … Eine Explosion von Farben und in sich verlaufenden Bildern kündigte den Auftritt von „Earth and Fire“ an. Die Band gab sich überaus progressiv. Vor allem beherrschte Chris Koerts mit seiner Leadgitarre die Szene. Bei „Storm And Thunder“ und dem „Song Of The Marching Children” löste sein Spiel ersten Beifall auf offener Szene aus. Großen Anteil am Erfolg gebührt dem Organisten Gerard Koerts, der mit seinem Einfühlungsvermögen sowohl bei melodisch-weichen Passagen wie beim „harten Schlagabtausch“ mit Gitarre und Schlagzeug den Sound der Gruppe prägt. Schade nur, dass die volle, klatre Stimme von Sängerin Jerney Kaagman in der Überbetonung von Gitarre, Schlagzeug und Orgel unterging. Mit ihrem Hitsong „Memories“ verabschiedete sich „Earth and Fire“ vom Nordhorner Publikum.“

Zehn Jahre später: das Revival des Nederbeat in der Scheune des Jugendzentrums

Zwei Monate nach dem „Earth and Fire“ Konzert wird mit dem Jugendzentrum eine neue und lang ersehnte Spielstätte eröffnet. Neun Jahre später, im März 1982 erweitert um die „Scheune des JZ“. Am Eröffnungsabend, dem 14. März 1982, ist erneut eine Top-Band aus den Niederlanden zu Gast: The Nits auf ihrer „In The Dutch Mountains“ – Tournee. In den folgenden Jahren sind etliche Bands aus der holländischen Rockszene zu Gast: Mark Foggo Skaband (1982), The Broads (1983), Herman Brood & Wild Romance (1983 und 1987), The Mo (1983), Massada (1983), Bertus Borgers‘ Groove Express (1984), Jan Akkerman (1988) und Rickey & The Frog (1989).

Wichtige Alben des Nederbeat und Nederpop – eine Auswahl

Golden Earring: Moontan (Niederlande, 1974)

Golden Earring sind der Exportschlager der „Nederpop“-Szene in den benachbarten Niederlanden. Radar Love vom Album Moontan sorgt für den transatlantischen Durchbruch. In den USA steigt der Song bis auf Platz 9 der Billboard-Charts, in Großbritannien und der Bundesrepublik auf Platz 5. Das Album selbst landet in den USA auf Platz 11 der LP-Charts. Gemeinsam mit The Who gehen Golden Earring auf eine erste große US-Tournee.

Bis heute ist Radar Love weltweit einer der beliebtesten Biker- und Trucker-Songs: „I’ve been drivin‘ all night, my hands wet on the wheel / There’s a voice in my head that drives my heel / It’s my baby callin‘, sayin‘ „I need you here“ / And it’s half past four and I’m shiftin’gear / We’ve got a thing that’s called a radar love…“. Für den US-Rolling Stone „großes Rock-Radio, eine Fusion aus Canned Heat und Kraftwerk“. Beiderseits der deutsch-holländischen Grenze gibt es keine Classic-Rock-Party ohne Radar Love.

Aber „Moontan“ hat noch mehr zu bieten: Just Like Vince Taylor und Candy’s Going Bad zeigen Golden Earring als progressive Rockband, die Einflüsse britischer Genre-Größen wie The Who und Jethro Tull aufnimmt. Golden Earring zählen zu den beliebtesten Livebands der 70er. Man höre nur ihr erstes Livealbum von 1977 – einem Jahr, in dem sie auch in Cloppenburg spielten: Mitreißender Gitarrenrock inklusive Radar Love, dem Earring-Song für den am Highway aufleuchtenden Pophimmel.

Kurzinfo: Pop-Mekka für Rockliebhaber – Plattenläden in Nordhorn

Bis 1973 unterliegen Langspielplatten als „Kulturgut“ einer gesetzlichen Preisbindung von 20,-DM pro Stück. Importware ist zu teuer zu verzollen. 1973 wird die Preisbindung für Schallplatten aufgehoben. In der Folge fallen die Preise für Langspielplatten von 19,99 auf zeitweise 14,99 DM. Eine Preisentwicklung, die von erheblicher Bedeutung für die wachsende Popularität der Langspielplatte bei Rock- und Pophörern ist. Bis 1974 verzeichnet der Schallplattenhandel sprunghafte Steigerungen zwischen 20- und 24 Prozent pro Jahr. Während noch 1965 Schallplatten im Gegenwert von 400 Millionen DM verkauft werden, liegt der Umsatz 1973 bereits bei 1,091 Milliarden DM.

Die drastisch fallenden Preise für Importware eröffnen eine Lücke, in die von jungen „Plattendealern“ betriebene Läden stoßen, die im Verlauf der 70er zu lokalen Kristallisationspunkten der Jugend- und Popkultur werden. Ihre Plattenläden werden zu Treffpunkten, an deren Hörtheken man beim „Kaffee umsonst“ Freunde und Bekannte trifft und über Rockmusik fachsimpeln kann. In den Grenzregionen beruht ihr Geschäftsmodell vielfach auf dem Ankauf von Schallplatten bei niederländischen Großhändlern, dem Direktvertrieb der Plattenproduktionen unabhängiger kleiner Labels oder einem Direktimport von aktuellen Veröffentlichungen aus Großbritannien. In etlichen Fällen sind die Inhaber der Plattenläden tagsüber Plattenhändler, am Abend oder den Wochenenden dann Discjockeys oder Musiker.

Im Angebot bei Georgies: „ALLE Rolling Stones-LPs für 13 Mark“

Im Februar 1970 zieht der an der Bahnhofstraße 9 in Nordhorn beheimatete „Georgies Boutique & Twen-Shop“, der seit Eröffnung im Mai 1968 „Mode aus Paris-Amsterdam-London-Berlin“ anbietet, in ein größeres Ladenlokal am Stadtring Nr.35 um. Hier findet sich nun eine ganze Plattenecke mit rund eintausend aus den USA, England und den Niederlanden importierten Langspielplatten. Wer zur jugendlichen „Rockszene“ der Stadt gehören will, kauft bei George.

Im Februar 1974 eröffnet ein Discjockey aus der Nordhorner Diskothek „Black Horse“ mit dem „Disco-Star“ an der Neuenhauser Straße einen weiteren ausschließlich auf ein junges Rock- und Pop-Publikum zielenden Plattenladen: „Beratung durch DJ Tommy (aus der Diskothek Black Horse)“. Der Laden hält sich nur anderthalb Jahre. Als im Herbst 1975 die Diskothek Black Horse in einen „Cha-Cha-Nachtclub” umgewandelt wird, bricht DJ Tommy seine Zelte in Nordhorn ab.

Aber schon ein gutes Jahr später, im November 1976 eröffnen zwei neue Plattenläden in Nordhorn. Der seit 1975 als Gitarrist der Band „Backwater“ in Nordhorn lebende, aus den Niederlanden zugezogene, Chris Beckers und seine Frau Petra gründen den „Backwater Musikladen“: „Im Angebot: LPs der führenden Labels – Poster und Kunstkalender – Musikmagazine des In- und Auslandes – Gitarren- und Baßsaiten im Direktimport“. Zwei Jahre später eröffnen die Eheleute Beckers auf der südlichen Seite der Bahnhofstraße ein größeres Ladenlokal: „Pop-Mekka Backwater – Neueröffnung nach Umzug zur Bahnhofstr.20 – Salem Aleikum! 8000 LPs zur Auswahl – ab sofort auch Klassik! Das umfangreichste Pop-, Rock- & Jazz-Sortiment des Emslandes – zusammengestellt und sortiert von Leuten, die sich in der modernen Musik auskennen. Heute am Laden: Freiluft-Konzert der holländischen Jazz-Rock-Gruppe Kasseko – den ganzen Tag freier Kaffeeausschank.“

Im selben Monat erweitert George Mikolajew seine Boutique durch Anmietung des unmittelbar benachbarten Ladenlokals um einen eigenen Plattenladen. Das Eröffnungsangebot: „ALLE Rolling Stones-LPs für 13 Mark“.Wert legt „Georgies LP-Laden“ auf die Feststellung: „Keine Billigpressungen (Italien, Israel etc.) im Angebot“. Zeitweise fahren George und sein frisch eingestellter Fachverkäufer Karl-Heinz „Cooper“ Strehlow nach Ladenschluss zweimal wöchentlich nach Rotterdam, um dringend benötigten Nachschub zu besorgen. An den Wochenenden promotet George manch neue Scheibe als DJ in der Bentheimer Rockdiskothek „Oase“. In einem Verkaufsflyer vom Januar 1979 heißt es: „Gutes spottbillig – George ist das Fachgeschäft für Pop & Rock / Jazz & Folk / Westcoast & Countryrock / Punk & Reggae / für dufte Bücher – George ist immer eine Rille voraus“.

Mit den niedrigen Preisen der „neuen“ Plattenläden müssen die alteingesessenen Rundfunk- und Fernsehgeschäfte der Region Schritt halten. Im Juli 1976 bieten sowohl das Nordhorner Radiohaus Horstmann in der Hauptstraße wie auch das Lingener Interfunk-Geschäft „Plesse + Portheine“ das „rote“ und das „blaue“ Doppelalbum der Beatles für ganze 18,90 Mark an.

It’s All Over Now: Im April 2023 schließt “Georgies LP&CD-Laden”

2015 schließt George Mikolajew seine Modeboutique. Was bleibt ist „Georgies LP&CD-Laden“. Der letzte in Nordhorn verbliebene Plattenladen erlebt im Zuge der steigenden Nachfrage nach schwarzen Vinylscheiben eine unverhoffte Renaissance. Das Angebot an hochwertigen Neupressungen von Vinyl-Schallplatten und gut erhaltener Second-Hand-Ware beschert etliche Neukunden. Darunter Udo Lindenberg, der anlässlich eines Verwandtschaftsbesuchs in Nordhorn bei George etliche seiner eigenen Vinyl-Veröffentlichungen wiederfindet und sogleich ankauft. Der letzte aktuelle Verkaufshit aus dem Land des schwarzen Vinyls in 2023: Die Erstveröffentlichung eines legendären Pink Floyd-Konzertes im Wembley-Stadion 1974, bei dem die Band eine komplette Live-Version ihres legendären Studioalbums „Dark Side Of The Moon“ vorstellt.


Aber am 30. April 2023 ist alles vorbei. Seither vermissen viele der über Jahrzehnte treuen Stammkunden „ihren“ Plattenladen. Es fehlen die Fachsimpeleien rund um alte und neue Platten, die Plaudereien über Festivals und Konzerte, die jüngsten Gerüchte aus der „Szene“, das ziellose Herumstöbern in den gut gefüllten Regalen und das gesellige Abhängen in der Kaffee-Ecke. Fünfundfünfzig Jahre Georgies: das war für tausende an Kunden ein Einkaufserlebnis der unvergesslichen Art. Und was macht George Mikolajew in der Zukunft? Seine Antwort:

„Außer, dass ich mich um Haus, Hof und Garten kümmere, habe ich mir nichts vorgenommen. Macht euch keine Gedanken. Das geht alles seinen sozialistischen Gang“.


Mit freundlicher Unterstützung der