Elvis Presley und James Dean auf den Leinwänden der Nordhorner Filmtheater
Der britische Musikjournalist Nik Cohn erzählt: „Die erste Platte, die ich mir 1959 als 12jähriger in London kaufte, war „Tutti Frutti“ von Little Richard und sie lehrte mich mit einem Schlag alles, was ich über Rock’n‘Roll wissen musste. Die Botschaft lautete: „Tutti frutti all rootie, tutti frutti all rootie, awopbopaloobop alopbamboom!“
1959 ist selbst in der abgelegenen Grenz- und Textilstadt Nordhorn der Rock’n’Roll längst angekommen. Manch einer der als ziemlich verrückt oder „halbstark“ geltenden, der lässig-arroganten Attitüde eines James Dean nacheifernden, jungen Leute hat erste Klänge des Rock’n’Rolls bereits auf den Radiosendern der seit dem Kriegsende 1945 in Westdeutschland stationierten britischen und amerikanischen Besatzungstruppen, dem BFBS (British Forces Broadcasting Service) oder AFN (American Forces Network) vernommen. Den Durchbruch zu einer von der Nachkriegsjugend begeistert aufgenommenen Musik schafft der Rock’n’Roll allerdings über das Kino.

In der Schauburg spielt Bill Haley zum Rock’n’Roll-Tanz auf
Am 28. Dezember 1956 erscheint eine Anzeige des „Schauburg-Filmtheaters“ an der Denekamper Straße, die viele junge Leute geradezu elektrisiert: „Ganz Nordhorn wartet mit Spannung auf diesen Film: Rock Around The Clock – Außer Rand und Band“ – erstmals Rock’n’Roll in Nordhorn: Bei Tag und Nacht – 24 Stunden heiße Musik! Rock’n’Roll, die musikalische Sensation von Amerika. Ein Film, dessen Titellied von Bill Haley alle von den Sitzen reißt.“ Wenige Tage später heißt es: „Wir müssen verlängern. Ganz Nordhorn ist begeistert. Es qualmen die Socken, es wackelt die Wand, kein Auge bleibt trocken: Rock’n’Roll außer Rand und Band“.
Herablassend die (erwachsene) Kritik in der „Grafschafter Filmschau“ der GN: „“Außer Rand und Band“. Eifersucht und Geschäftsintrigen zwischen der Leiterin einer Musik-Agentur und einem Orchestermanager sind der Kern der Handlung, die eigentlich nur Anlass ist zur Entfesselung der Instrumente und des Tanzes, nämlich der „Rock’n’Roll“-Musik. Neben den „Rock Around The Clock“-Schlager gesellen sich eine Reihe weiterer Kompositionen dieser Art, sodass sich alles nach dieser neuen Modekrankheit des Tanzes verrenkt, rüttelt und schüttelt in schweißtreibender Akrobatik.“

Weitere Rock’n’Roll-Streifen folgen: Schon im Februar 1957 läuft in der Schauburg und im Capitol „Außer Rand und Band, Teil 2“: „Noch heißer, noch wilder, noch besser“. In den Worten der „Grafschafter Filmschau“: „Die Darbietungen exzentrischer Bands, dazu die immer wieder verrücktspielende Jugend, füllen den ganzen Streifen. Der Film versucht nachzuweisen, dass Rock’n’Roll weder als Musik noch als Tanz unmoralisch ist, sondern Ausdruck des Lebensgefühls unserer jungen Generation“.

Im Mai 1957 spielt das Capitol-Kino „Rock, Rock, Rock!“: „Die heißeste Rock’n’Roll-Musik, gespielt von den tollsten Bands – 21 neue Schlager in dem neuesten Jazz-Film“. Bei den Capitol-Betreibern geht da noch einiges durcheinander: Schlager? Jazz? Nein, Rock’n’Roll ist das Gebot der Stunde. Im Februar 1958 ist es endlich soweit: „Der König des Rock’n’Rolls singt sieben Lieder in seinem neuesten Film“. Auf der Leinwand des Capitol und des Roxy erscheint Elvis Presley in „Gold aus heißer Kehle“. Noch 1958 folgt im Central-Kino mit „Rhythmus hinter Gittern – Jailhouse Rock“ der nächste Elvis Presley-Film:
„In Spätvorstellung Freitag, Samstag, Sonntag um 22.30 Uhr: 6 neue Volltreffer des Rock’n’Rolls – Elvis Presley, das Weltstar-Phänomen unserer Zeit“.
Jukebox, Kofferradio und Plattenspieler – Rock’n’Roll-Abspielstationen
Nun füllen sich auch in Nordhorn die Jukeboxen mit Rock’n’Roll. Ob in der Milchbar am Hallenbad, dem Eiscafé Capri am Gildehauser Weg, in der Eckkneipe „Zum Bogen“ an der Bogenstraße oder in Charlys Oase, einem vor allem von jungen Leuten frequentierten Schnellimbiss an der Lindenallee: hier gibt’s für zwanzig Pfennig nicht nur deutsche Schlager, sondern auch die neuesten Rock’n’Roll Hits. Und für den größeren Geldbeutel annonciert das Musikhaus „Radio Hesselink“ an der Bentheimer Straße im März 1958 das passende Angebot: „Besuchen Sie unsere neue Schallplattenbar mit einer Plattenauswahl wie nie zuvor. Achten Sie bitte auf unsere große Auswahl an Koffer-Radio-Geräten der neuen Serie 1958/59“. Was ist ein lockerer Nachmittag am Baggersee ohne die passende Musik? In einer Anzeige vom Mai umwirbt Hesselink die jugendliche Kundschaft mit dem Knüttelvers: „Pack die Badehose ein und ein Radio-Köfferlein“.
Die Kritik der Erwachsenenwelt: Sinneslust, Urwaldmusik und Massenhysterie
Nun sehen sich die GN genötigt, dem Massenphänomen Rock’n’Roll einmal kritisch auf den Grund zu gehen. Im Februar 1958 ist unter der Überschrift „Rock’n’Roll und Elvis Presley“ zu lesen: „Der Urheber von Massenhysterien, der Rock’n’Roll-singend die Backfische beiderlei Geschlechts zum Kreischen bringt, soll Ende März zum amerikanischen Heer eingezogen werden. Die Musterungskommission hat ihn für „mittelmäßig brauchbar“ befunden. Mittelmäßig brauchbar ist auch sein Singen und Spielen… Es ist merkwürdig, wie innig der brünstig seine Gitarre klimpernde und im Höhepunkt seines Liedes mit einem unzweideutigen Körperstoß aus der Hüfte in Stellung gehende Elvis Presley mit dem amerikanischen Süden, aus dem er stammt, verbunden ist…. Er kommt aus jener Welt, in der noch heute zahllose Wanderprediger und Bibelsänger hausen und in der die religiösen Versammlungen in Dörfern und Wäldern im Handumdrehen die Formen eines zügellosen seelischen Orgasmus annehmen. Vergessen wir außerdem nicht, wie stark diese Musik, von der das intensive Schluchz-Geheul Presleys nur eine primitivere Version ist, aus der elementaren Tiefe jenes afrikanischen Urwaldgefühls quillt, das die einst nach dem amerikanischen Kontinent verschleppten Sklaven mitgebracht haben. Von den Spirituals, den Hymnen christlicher Ekstase bis zu der Sinneslust moderner Rock’n’Roll-Erotik ist gar kein so weiter Weg.
Rock’n’Roll hat einer unbefriedigten, oft bis zur Auslösung unbewussten Sehnsucht junger Menschen zum Ausbruch verholfen. Der Ausbruch wurde häufig zum Tumult. Die unerfüllte Sehnsucht artete meist in sinnloser Zerstörungsraserei aus…. Elvis Presley scheint ebenso wie die zweite lärmende Gestalt der zeitgenössischen Begeisterungs-Olympiade entfesselter Teenager-Lüste, jener weibisch-schwammige Pianist Little Richard mit der in Vaselin erstarrten Frisur, den kurzen und raschen Weg rascher und sicherlich bald verblassender Modeberühmtheit zu gehen“. Wie man sich doch täuschen kann…
Ein Tanzturnier im Stadtpark und eine Swingparty in Denekamp
Im Sommer 1958 ist die Rock’n’Roll Begeisterung auch im Nordhorner Stadtbild spürbar, wird zum Ärgernis und ruft die Polizei auf den Plan: „Empört stellten Parkbesucher am Dienstagabend fest, dass eine Gruppe Jugendlicher im Alter von 15 bis 20 Jahren im Stadtpark ein Rock’n’Roll-Tanzturnier veranstaltete. Die Polizei musste eingreifen und die für erholungssuchende Bürger erforderliche Ruhe wieder herstellen. Einige der Ruhestörer mussten mit Gewalt zur Polizeiwache gebracht werden. Ihnen musste man den Unterschied zwischen einer Erholungsstätte und einem Tanzboden erst klarmachen.“ Die Rock’n’Roll-Liebhaber erlebten den „Rhythmus hinter Gittern“ eines Elvis Presley wahrlich am eigenen Leib.
Einige männliche Rock’n’Roller weichen in die Niederlande aus. Im April 1959 veranstalten sie eine „Swingparty“ in Denekamp: „Die Jungen fuhren per Moped und Bus nach Denekamp, wo sie in einem kleinen Lokal ihren Plattenspieler auspackten und nach „schrägen Rhythmen“ tanzen wollten… Der Inhaber des Lokals war wenig begeistert. Sie mussten die Fläche räumen… Doch die Tanzlust steckte ihnen an diesem Abend allzu heftig in den Gliedern. Auf der Hauptstraße in Denekamp baute man die „Schallplattenband“ auf und legte trotz des lebhaften Verkehrs mit viel Temperament und vielen Phon eine flotte Sohle auf das Pflaster. Den Bewohnern mißfiel der Lärm und das Herumgetobe, sodass sie kurzerhand die Polizei verständigten… Das Rock’n’Roll-Tanzen wurde abgebrochen, den „Swingboys“ die Pässe und Personalausweise abgenommen. Die Marechaussee geleitete sie zur Grenze, wo die „Ausgewiesenen“ ihre Papiere zurückerhielten. Ihre Namen vermerkte die niederländische Polizei für den Fall, dass sie in den kommenden Wochen wieder einmal Lust haben sollten, in Holland ein Tänzchen zu wagen“. Vom Out-Door-Rock’n’Roll-Tanzen hat man seither nie wieder gehört. Angesichts immerwährend drohender Staatsgewalt ziehen sich die Rock’n’Roller in die elterlichen Partykeller zurück.
Zwanzig Jahre später, im November 1979, sieht die Welt des Rock’n’Roll-Tanzens ganz anders aus: In „schwindelerregender Weise“ tanzen sich die 19jährige Gundi Barger und ihr 20jähriger Tanzpartner Friedhelm Lübbers aus der Rock’n’Roll-Gruppe der Tanzschule Jobmann an die Weltspitze. Als Teil des bundesdeutschen Nationalteams werden die beiden Weltmeister im Rock’n’Roll-Tanzen.

James Dean trifft den Nerv der jungen Generation
Was Elvis Presley für die Musik junger Leute, ist James Dean für das Kino: Noch bevor der Rock’n’Roll im Kino durchstartet, erscheint im Oktober 1956 James Dean auf der Leinwand der Schauburg-Lichtspiele. In „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ spielt James Dean einen jugendlichen Rebellen, der gegen gesellschaftliche Konventionen aufbegehrt. James Dean elektrisiert die Nordhorner Jugend: „Des überwältigenden Erfolgs wegen müssen wir den Film verlängern. Täglich 20.15 Uhr – James Dean in CinemaScope“. Der Film trifft den Nerv der jungen Generation der 50er. James Dean wird zur Ikone der sogenannten „Halbstarken“.
Filmplakat James Dean „Denn sie wissen nicht was sie tun“
In der „Grafschafter Filmschau“ der GN erscheint eine Filmkritik: „Denn sie wissen nicht, was sie tun ist der Titel eines amerikanischen Sensationsfilmes mit James Dean, Natalie Wood, Sal Mineo und Jim Backus. Im Mittelpunkt der Handlung steht Jim, ein Junge aus gutem Hause, der wieder einmal völlig betrunken auf einer Polizeistation eingeliefert wird. Jim trinkt nicht, weil ihm das Zeugs besonders gut schmeckt, sondern weil er nicht wie sein Vater als Pantoffelheld enden will. Jim stellt die unmöglichsten Sachen an, die der zänkischen Mutter immer wieder als Vorwand dienen, mit der Familie in eine andere Stadt zu ziehen. Jim beteiligt sich auch an „Mutproben“, die unter seinesgleichen ausgetragen werden. Einmal hätte es ihn fast erwischt, als er mit einem Wagen einem Steilhang zusteuert. Im rechten Augenblick lernt er ein junges Mädchen (Natalie Wood), und durch dieses die Wunder der Liebe, des Jungseins und des Sich-Verstehens kennen“.
Plattencover – Soundtrack „Die Halbstarken“
Im Dezember 1956 läuft im Central-Kino und in der Schauburg „Die Halbstarken“, faktisch eine bundesdeutsche Version von „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. In den Hauptrollen Horst Buchholz statt James Dean und Karin Baal statt Natalie Wood: „Schon vor seinem Start Tagesgespräch: Hart-realistisch-schonungslos. Das hochaktuelle Thema unserer Zeit: Was ist mit unserer Jugend los?“. Eine Woche vermeldet das Central: „Jede Vorstellung war ausverkauft, deshalb weiterhin tägliche Vorstellungen um 15.30, 18.00 und 20.15 Uhr. Sichern Sie sich bitte rechtzeitig für den Abend den gewünschten Platz und vergessen Sie nicht, dass auch nachmittags Vorstellungen gegeben werden“. Die „Grafschafter Filmschau“ kommentiert: „Ein Kriminalfilm mit Jugendlichen. Freddy (Horst Buchholz) und Jan sind Brüder. Im Elternhaus sieht es schlecht aus. Der Vater ist ein Tyrann, die Mutter eine gedrückte Frau. Der häusliche Streit hat dazu geführt, dass sich Freddy selbständig machte und zum Oberhaupt einer Bande jugendlicher Tunichtgute avancierte. Um sich Geld zu verschaffen, überfällt die Bande ein Postauto, aber die Beute ist gering und so soll ein anderer Einbruch zum Ziele führen. Jan versucht, dseinen Bruder noch im letzten Augenblick auf die rechte Bahn zu bringen, aber vergeblich. Das Schicksal nimmt seinen Lauf und erst nach der unausbleiblichen Katastrophe kommt die Erkenntnis und die Reue“.
Bis 1960 gibt es ganze James Dean-Wochen. Im täglichen Wechsel zeigen Schauburg und Capitol die James-Dean-Klassiker „Denn sie wissen nicht, was sie tun“, „Jenseits von Eden“ und „Giganten“.
Kurzinfo: Die Nordhorner Kinolandschaft der 50er Jahre
Zwischen 1957 und 1960 erleben die Nordhorner Filmtheater ihre beste Zeit. Von rund 360.000 im Jahre 1952 steigt die Zahl bis 1958/59 auf mehr als 600.000 Kinogänger an. Insgesamt unterhalten sechs Filmtheater mit zweimal wöchentlich wechselndem Programm das filmbegeisterte Nordhorn.

- Das älteste reine Filmtheater in Nordhorn, das im Dezember 1919 eröffnete „Union-Theater“ (ab 1958 „Bavaria-Kino“, Filmbetrieb eingestellt 2013; abgerissen 2017) an der Neuenhauser Straße.
- Die 1934 in einem früheren Tanzsaal eröffneten „Schauburg-Lichtspiele“ an der Denekamper Straße (Kinobetrieb eingestellt 1968; abgerissen 2019).
- Das für 300 Besucher ausgelegte, 1939 eröffnete „Capitol“ an der Neuenhauser Straße (heute: Kultur- und Musikclub „Capitol-Treff 13“).
- Das 1954 mit 432 Sitzen, „davon 150 gepolstert“, eröffnete „Roxy-Kino“ am Gildehauser Weg (Filmbetrieb eingestellt 1963; abgerissen 2019).
- Das 1952 eröffnete Central-Kino an der Neuenhauser Straße (Filmbetrieb eingestellt 1965; heute Billardcafé Gambler).
- Nicht zuletzt der im Dezember 1957 eröffnete Astoria-Palast am Stadtring (Kinobetrieb eingestellt 2017; heute ungenutzt). Bei Eröffnung ist der Astoria-Palast mit seinen 650 Sitzplätzen das größte Kino außerhalb von Osnabrück.
Im Capitol-Kino sorgte der „Nordhorner Filmclub“ mit seinen mehr als 100 Mitgliedern monatlich für die Aufführung künstlerisch hochwertiger und gegenwartskritischer Kinofilme. Außerdem fanden im Capitol Schlagerabende und erste Jazzrevuen statt. Dagegen war der Astoria-Palast zuweilen Ort von größeren Versammlungen (wie der DGB-Feier zum 1. Mai 1958) oder von Modenschauen.
Die wichtigsten Rock’n’Roll-Alben der späten 50er
Hier sind die vier wichtigsten Rock’n’Roll-Alben, die 1957/58/59 in den Nordhorner Musikgeschäften und Radiohandlungen kaum zu bekommen waren. Stattdessen mussten die jugendlichen Rock’n’Roll-Liebhaber über die Grenze nach Enschede fahren. Dort verkauften die ersten Plattenbars über Londoner Lieferanten direkt aus den USA importierte Rock’n’Roll-Platten:

Bill Haley & His Comets: Rock Around The Clock (USA, 1956)
Film ab: Viele junge Leute machen erste Bekanntschaft mit dem Rock’n’Roll, als Rock Around The Clock zum Jahresende 1955 im Vorspann des Jugendmelodrams Blackboard Jungle/Saat der Gewalt erklingt. Ein Jahr später folgen die mit Bill Haley-Hits bestückten Rock’n’Roll-Tanzfilme „Außer Rand und Band“ (Teil 1 und 2), die im Herbst/Winter 1956/57 auch in nordwestdeutschen Kinos in Städten wie Cloppenburg, Meppen, Lingen und Nordhorn zu sehen sind. Zeitgleich erscheint das Soundtrack-Album Rock Around The Clock. Neben dem Titelsong enthält das Album weitere Haley-Hits wie Shake, Rattle And Roll, den Mambo-Rock und Rock-A-Beatin-Boogie.
Im Frühjahr 1958 kommt Bill Haley als erster Vertreter des amerikanischen Rock’n’Roll-Sounds nach Deutschland. Aufgeheizt durch den Rock’n’Roll seiner Comets zertrümmern randalierende Jugendliche gar manchen Konzertsaal. Allein im Berliner Sportpalast entsteht ein Sachschaden von 50.000 Mark. Für weite Teile der Erwachsenenwelt beginnt der Untergang des Abendlandes: Die SED-Zeitung Neues Deutschland bezichtigt den „Rock’n’Roll Gangster Haley einer Orgie der amerikanischen Unkultur“; der Rheinische Merkur im Bistum Essen klagt, dass „ausgerechnet am Tag der Papstwahl der Komet der Triebentfesselung einen Generalangriff auf Geschmack, Anstand und Selbstachtung gewagt hat“. Dem Verkaufserfolg des Titelsongs schadet das überhaupt nicht. Bis heute sind weltweit 25 Millionen Singles von „Rock Around The Clock“ verkauft.

Elvis Presley: Elvis Presley (USA, 1956)
Am 28. Januar 1956 entdeckt Amerika seinen neuen König. Elvis Presley hat seinen ersten landesweiten TV-Auftritt in der CBS-Stage Show. Sein cooles Grinsen, sein lässiger Hüftschwung und die erotischen Untertöne in seinem Gesangsstil lassen erste Singles wie Heartbreak Hotel an die Spitze der Billboard-Charts klettern. Ende März 1956 erscheint das heißersehnte Debütalbum: eine explosive Mischung aus früheren Sessions in den Sun-Studios in Memphis und neuem Material aus den RCA-Studios in Nashville und New York: Rhythm & Blues (I Got A Woman; Money Honey), Country (Blue Moon)und wilder Rock’n’Roll (Tutti Frutti).
Die Rebellion der Jugend deutet sich an: „Don’t step on my blue suede shoes“. Eingespielt mit seinem langjährigen Rock’n’Roll Trio: Scotty Moore an der Gitarre, Bill Black am Bass und D.J. Fontana an den Drums. Gehört laut Musikzeitschrift Rolling Stone in jede Plattensammlung. Das Cover ist ein Meilenstein, dass viele Elvis-Presley-Fans als Poster im Schlafzimmer hängen hatten. Das Foto von William Robertson stammt aus einem Konzert in Tampa, Florida vom 31. Juli 1955.

Little Richard: Here’s Little Richard (USA, 1957)
Little Richard in seinen eigenen Worten: „Ich kam aus einer Familie, in der man nur Ella Fitzgerald und Bing Crosby hörte. Aber ich wusste, dass es da etwas gab, was lauter war. Ich wusste aber nicht, wo ich es finden sollte. Bis ich es in mir selbst entdeckte!“. Das Erweckungserlebnis, das den vormaligen Jump-Blues-Pianisten aus New Orleans zum Botschafter des Rock’n’Rolls werden lässt. Nun gibt es kein Halten mehr: Sein wüst, schamlos und irre dahin rockendes Debütalbum enthält bereits alle großen Hits von Tutti Frutti, Long Tal Sally, Slippin‘ And Slidin“ bis hin zu Rip It Up: „Well, it’s Saturday night and I just got paid / Fool about my money, don’t try to save“.
Here’s Little Richard ist die erfolgreichste LP des Künstlers. In seinen Texten trifft Little Richard die Essenz, den Spaß und die Energie des Rock’n’Rolls: „Tutti Frutti on a rooty / tutti frutti on a rooty / A WopBopaLooBop ALopBam Boom!“ In seinen Konzerten springt der verrückte Pianist auf seinen Flügel und tanzt zum ekstatischen Rock’n‘ Roll seiner Band. Ein Album und ein Rock’n‘Roller, die Generationen von Rockmusikern beeinflussten – zuvorderst die Beatles und die Rolling Stones.

Chuck Berry: Berry Is On Top (USA, 1959)
In den späten 50ern spielt Chuck Berry eine ganze Serie von Singles ein, die den Rock’n’Roll definieren. Alles beginnt mit „Maybellene“, an der Oberfläche eine schnelle, mit Country-Elementen aufgeladene, Nummer über ein Autorennen zwischen einem Ford und einem Cadillac, im Subtext über die aussichtslose Jagd nach einem Mädchen. Es folgen ein klassischer Rock’n’Roll-Hit nach dem anderen – angetrieben von Chuck Berry’s stakkatoartigem Gitarrenspiel: Roll Over Beethoven, School Day, Rock’n’Roll Music, Sweet Little Sixteen und sein autobiographisch angehauchtes Johnny B. Goode. Allesamt versammelt auf dem Album Berry Is On Top. Berry verwandelt die Energie des schnellen Boogie-Blues in puren Rock’n’Roll, saust im Entengang seines „Duck Walk“ über die Bühne und bezaubert mit Songs, die den Lebensnerv der damaligen Rock’n’Roll-Teenager treffen.
Die Jukeboxen füllen sich mit Chuck Berry-Singles. Bei der Hausparty braucht man nur die ganze Platte abspielen und schon befinden sich alle Gäste im Rock’n’Roll-Wunderland. Für konservative weiße Familienväter weltweit ein Schrecken: „Stellt diese Negermusik ab!“
Pure Magie dagegen für junge Weiße wie die Herren Lennon, McCartney, Jagger und Richards. Die Stones covern Carol und Little Queenie, die Beatles Roll Over Beethoven und Jimi Hendrix Johnny B. Goode.
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