Die Grafschaft rockt – die Schüttorf-Festivals der Jahre 1980 bis 1995


In den 1980er Jahren wird das „Schüttorf Open Air“ zum erfolgreichsten Rock- und Popfestival in Norddeutschland. Über viele Jahre hinweg erlangt die Grafschaft Bentheim einen festen Platz im bundesdeutschen Festivalkalender. Veranstalter der ersten sieben Ausgaben des Schüttorf- Festivals, die allesamt auf den Vechtewiesen in der Nähe des Schüttorfer Freibades stattfinden, ist die von drei Münsteraner Studenten aus der Obergrafschaft gegründete „majokri“-Konzertagentur. Nach dem finanziellen Misserfolg des 1986er-Festivals wird die Konzertagentur aufgelöst. Geschäftsführer Johannes Wessels heuert bei der ungleich größeren und finanzkräftigen Agentur „German Tours“ in Hamburg an. Die mit hochpreisigen Headlinern aufwartenden vier Schüttorf-Festivals zwischen 1990 und 1995 werden von „German Tours“ veranstaltet.

Bei diesem Rock-Fest stimmte alles – Das erste Schüttorf-Open Air 1980

Die erste Auflage des „Schüttorf-Open-Air“ zieht 4.000 Besucher an. Headliner sind der niederländische Rockact Herman Brood & Wild Romance und die deutsch-britische Rockband Nektar aus Hamburg: „Bei diesem Rock-Fest stimmte alles: das Wetter, die Gruppen, die Organisation und die Besucherzahl: Mehr als 4.000 kamen und der junge Veranstalter Johannes Wessels machte ein zufriedenes Gesicht. Das Daumendrücken seiner Freunde hatte geholfen: Er ist in die Verdienstzone gekommen. … Eine der neuen „New Wave“-Gruppen der Bundesrepublik, „The Stripes“ aus Hagen, kam bei vielen Besuchern weniger gut an. Die Band wurde getragen von der 19jährigen Sängerin Nena Kerner, die aber nach Ansicht der Fachleute das Zeug dazu hat, eine der großen „Rock-Ladies“ zu werden […] Vor allem Herman Brood war der Magnet, der viele Zuhörer aus dem gesamten Nordwesten und den benachbarten Niederlanden angelockt hatte. Der als exzentrisch geltende Pianist zeigte sich in Schüttorf von seiner besten Seite. Mit seinen „Wild Romance“ zog er eine Rockshow ab, wie sie in der Grafschaft bisher noch nicht zu sehen war. Das Publikum feierte ihn enthusiastisch und erzwang mehrere Zugaben“.

1981: New Wave und Neue Deutsche Welle prägen das 2. Schüttorf Open Air

Die zweite Auflage im Juni 1981 erleben bereits über 10.000 Besucher. Headliner sind die Neue-Deutsche-Welle-Band Ideal aus Berlin und The Cure, Shooting-Stars des New Wave aus London: „[…] Schüttorf war fest in der Hand der Rockmusik-Fans aus Nord- und Westdeutschland, die zu Tausenden entweder mit dem Fahrrad, dem Motorrad, mit dem eigenen oder geliehenen Wagen oder einfach per Anhalter gekommen waren. […] Als „moderne Tanzkapelle“ versteht sich die Berliner Band „Ideal“. Mit ihren flotten, deutsch getexteten Liedern verwandelten sie einen großen Teil der Vechtewiese in ein von einer wogenden, hüpfenden und singenden Menschenmasse bedecktes Gelände. Als Ideal ihr derzeit bekanntestes Lied „Berlin“ anstimmten, nutzten auch einige der ansonsten hart schaffenden Bühnenarbeiter den Raum zwischen Bühne und Zuschauern für ein Solo-Tänzchen. Immer wieder forderte das Publikum Zugaben von den vier Berlinern. Da die Band aber noch einen zweiten Auftritt zu absolvieren hatte, blieb es bei anderthalb Stunden „idealer“ neuer deutscher Rockmusik. […] Auf eine treue Anhängerschaft konnte die englische Band „The Cure“ bauen, die als „Top-Act“ angekündigt worden war. „Bisschen lahm“, kommentierte dagegen lakonisch eine Festivalbesucherin aus Nordhorn die Musik des Cure-Trios. Andere erlebten Cure aufregender und erklatschten sich noch mehrere Zugaben“.

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Schüttorf-Festival 1982: Blick auf die Bühne – Foto: Rudolf Bulla / Auf der Bühne: Die Stray Cats aus London – Foto: Gert Westdörp

1982: 35.000 machen das Schüttorf – Open Air zum Rockhappening

Beim dritten Mal, im Juni 1982, steigt die Besucherzahl um mehr als das Dreifache: „35.000 machten das Rockfestival zum Happening“. Headliner sind Frank Zappa und die britischen Stray Cats und Simple Minds: Im Vorfeld weiß die GN zu berichten: „Der Vertrag mit dem amerikanischen Rockstar Frank Zappa ist über 30 Seiten stark. Die Forderungen nach bestimmten Getränken wie dem nur in den USA gebrauten „Michellob“-Bier und nach spezieller Verpflegung für Zappa und seine 36köpfige Mannschaft füllt allein zwei DIN-A-4-Seiten. Der Weltstar rollt in Schüttorf mit vier Spezial-Sattelschleppern an, in denen unter anderem die Anlage, eine mobile Küche und ein fahrendes Tonstudio untergebracht sind. Doch nicht nur Zappa „nervt“ die Veranstalter. So müssen zwei Mitglieder der „Stray Cats“ auf Kosten der Veranstalter direkt aus den USA eingeflogen werden. Das gilt ebenso für die “Simple Minds“, die aus England mit einem Jet auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol landen – auf Kosten der Veranstalter. Stray Cats und Simple Minds verlangen nach Limousinen, in denen sie am Veranstaltungstag herumfahren wollen – mit Fahrern, die perfekt englisch sprechen müssen. Die Reihe der zum Teil unsinnigen Bedingungen und Forderungen ließe sich beliebig fortsetzen.“ Der Auftritt von Frank Zappa „endet mit einer Sound-Collage von sinfonischen Ausmaßen, die allerhöchste Aufmerksamkeit fordert. Aber für die weniger Kunstbeflissenen gibt es als Zugabe den Hit „Bobby Brown“ und noch zwei einfache und nette Liedchen. So etwas weiß das Publikum zu schätzen. Da kann man wenigstens mitsingen“.Und wundert sich noch Jahre später, dass die avantgardistische Jazz-Rock-Musik eines Frank Zappa im Sommer 1982 in der Lage ist, 35.000 Zuhörer aus allen Teilen der Bundesrepublik, aus Dänemark, den Niederlanden und Belgien ins kleine Schüttorf in der Grafschaft Bentheim zu locken.

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Original-Ticket Schüttorf-Festival 1983 / Fotografien: Auf der Bühne: Depeche Mode-Sänger Dave Gahan / Vor der Bühne: Depeche-Mode-Fanclub – Fotografien: Gert Westdörp

1983: 40.000 im Regen – in Schüttorf sind die Gummistiefel ausverkauft

Im Mai 1983 erreicht die Besucherzahl mit 40.000 ein Rekordergebnis. Headliner sind Rock-Superstar Rod Stewart, die britischen Synthie-Waver von Depeche Mode und die kernigen Deutschrocker BAP aus Köln. Es regnet den ganzen Tag. Entlang der Zufahrtswege machen Gummistiefel-Händler das Geschäft ihres Lebens. Im Nachgang erscheint in den GN ein Konzertbericht (rock-)journalistischer Extraklasse: „Rod Stewart und BAP räumten ab: Die Stadt Schüttorf hat den bisher größten Ansturm von Fans in der Grafschaft Bentheim gut überstanden, die Vechtewiesen jedoch nicht. Sie wurden von 80.000 Füßen zu einem knöcheltiefen Morast zertrampelt. Das Gelände wird umgepflügt und neu eingesät werden müssen. – Was bei einem Open-Air-Festival zählt, ist nicht zuletzt das Wetter. Von einem geduldig in Regen und Schlamm bibberndem Publikum zu erwarten, jede Band mit Beifall und Begeisterung aufzunehmen, das wäre wohl zuviel verlangt. […] Reggae wie ihn die „Misty Roots“ vorführen, braucht Sonnenschein, nicht Regen […] und auch die Little River Band gehört mit ihrer smarten Rockmusik an die Strände Kaliforniens oder in australische Eukalyptus-Haine, nicht in die Schlickwüste der Vechtewiese. Irgendwie muss beim Schachern um die Gruppen auch „Depeche Mode“ ins Programm gerutscht sein. Mag sein, dass die Musik der ganz auf den „New Look“ der 80er Jahre gestylten vier Engländer auf der falklandbegeisterten und krisengeschüttelten Insel zurzeit furchtbar „chic“ ist. Nur: Jedes Kind, dass im Kindergarten auch nur kurz in den Genuß musikalischer Früherziehung gekommen ist, musiziert spannender. Für den Auftritt während eines Rock-Festivals genügt es einfach nicht, aus drei Synthesizern Töne hervorzubringen, die an die Geräuschkulisse von Telespielen erinnern, und sich auf einen eingängigen Rhythmus zu verlassen, der nicht „live“, sondern von der Bandmaschine kommt. Als erster echter „Abräumer“ des Festivals erwies sich – natürlich – Wolfgang Niedeckens BAP. […] Niedecken versteht es, auf der Bühne vor dem Publikum nach wie vor „ehrlich“ zu wirken – als sei er ganz überrascht, dass die Zuschauer seine Musik, seine Texte, die eh keiner außerhalb von Köln versteht, so wahnsinnig toll finden. „Verdamp lang her“, „Kristallnaach“, „Waschsalon“ und was der BAP-Hits mehr ist: die Kölner Truppe verwandelte Zuhörer in Schlammtänzer, trieb kleinen Mädchen die Tränen in die Augen und veranlasste selbst Schüchterne, aus rauer Kehle kräftig mitzusingen […] Rod Stewart gilt vielen betagten Rock-Fans aus den 60er Jahren als Legende und den Jüngeren als Interpret mitreißender wie romantischer Rocksongs. Seine Auftritte hat er inzwischen in ein wohldosiertes Arrangement von Licht, Farben, Bühnen-Action und instrumentaler, wie gesanglicher Perfektion verwandelt. Dass er Rock’n Roll immer noch als „Spaß, Risiko und Sex“ versteht, darf man ihm getrost glauben […] Sein Auftritt zeigte Stewart als einen Entertainer, der weiß, was das Publikum hören möchte und der sich dabei auf eine Riege hervorragender Musiker verlassen kann, allen voran Gitarrist Jim Cregan und Saxophonist Jimmy Zavala, der auch als Mundharmonika-Spieler glänzte. Eine wogende Zuschauermasse bei Super-Hits wie „Passion“, „Young Turks“ und dem Faces-Klassiker „Stay With Me“, zahllose brennende Feuerzeuge und Wunderkerzen bei Herzensbrechern wie „Sailing“ und „I Don’t Want To Talk About It“, gespanntes Lauschen bei der neuen Single „Baby Jane“; Stewart nahm in Schüttorf mal wieder ernst, was er im „Aufmacher“ seiner Show sang: „Heute Nacht gehöre ich euch, macht mit mir, was ihr wollt […]“ – trotz Regen und Schlamm“.

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Ticket Schüttorf-Festival 1984 / Simple Minds-Sänger Jim Kerr empfängt sein Publikum. Foto: Gert Westdörp

1984: Unter dem Union Jack – Dosenbier-Blues und epischer Progressive-Rock

1984 präsentiert das Schüttorf-Festival Joe Cocker, Ulla Meinecke, die Simple Minds und Marillion. Es erscheinen etwa 35.000 Besucher, darunter viele Briten. „Wegen der vielen britischen Bands im Programm flatterte über dem Festivalgelände mehr als einmal der „Union Jack“- gehisst von zahlreichen englischen Fans, die für ein Wochenende Maggie Thatcher, Ladi Di oder der britischen Rhein-Armee den Rücken kehrten und Urlaub in der Obergrafschaft machten.“ Neben einem sangesfreudigen Joe Cocker, der reichlich „Dosenbier-Blues“ verabreicht, werden die Auftritte von Marillion und den Simple Minds zu Höhepunkten: „Marillion wussten das Publikum über lange Strecken zu fesseln – sicher ein Verdienst des Ex-Holzfällers und Sängers „Fish“, der sich in einer Mischung aus Waldschrat und Fallensteller als eine Art robuste Ausgabe von Ex-Genesis-Sänger Peter Gabriel präsentierte. Marillion machte deutlich, dass die Zeit der audf epische Breite ausgewalzten Rock-Songs noch lange nicht vorbei ist… Eine optisch ebenfalls beeindruckende Show boten die Simple Minds. Bereits 1982 waren die schottischen Wave-Rocker um Sänger Jim Kerr in Schüttorf zu Gast. Seitdem sind sie die Karriere-Leiter einige Stufen hinaufgefallen. Mit Hitsongs wie „Don’t You (Forget About Me“ ist ihre Musik schriller, heftiger, für viele aber auch berauschender geworden“.

1985/86: Die Besucherzahlen gehen zurück – das Schüttorf-Festival in der Krise

1985 stehen Herbert Grönemeyer, Kid Creole & The Coconuts, Wolf Maahn & Die Deserteure, Working Week und Killing Joke auf der Bühne: „Das sechste Schüttorfer Open-Air konnte an seine erfolgreichen Vorgänger nicht anschließen. 1985 vermisste man einen internationalen Top-Star. So kamen diesmal nur etwa 15.000 Besucher auf die Vechtewiesen in Schüttorf“.Den Schlusspunkt des Festivals soll eigentlich die britische New-Wave-Band „Talk Talk“ setzen. Die erscheint aber erst gar nicht. Festivalbeobachter vermuten, dass der Auftritt schon Tage zuvor aus finanziellen Gründen abgesagt worden ist. Bei einem recht stolzen Eintrittspreis von 32 Mark finden sich auch 1986 nicht mehr Besucher ein. Neben einem erneuten Auftritt von Joe Cocker sind Manfred Mann’s Earthband, Roger Chapman, Rio Reiser, David Lindley und Matt Bianco zu hören. Die GN kommentieren: „Den Höhepunkt bildete der Auftritt von Manfred Mann und seiner Earth Band. Vor allem die älteren Titel aus den 70er Jahren sorgten für echte Festivalstimmung … Ihre Oldies sind Goldies. Jedenfalls stimmten Tausende beim früheren Spencer-Davis-Hit „Gimme Some Lovin“, bei „Mighty Quinn“ und „Davy’s On The Road Again“ ein… Fazit: Das Festival verdient zwar nicht das Prädikat berauschend, muss aber doch als gelungen bezeichnet werden“. Statt wie in früheren Jahren gelingt es nicht, erfolgreiche, kurz vor ihrem Durchbruch stehende Newcomerbands (wie einst The Cure, Depeche Mode, die Stray Cats oder die Simple Minds) zu engagieren. 1986 ist Schüttorf ein Festival für Späthippies statt jugendliche Waver. Zudem sind angesichts bescheidener Einnahmen die finanziellen Reserven aus den erfolgreichen ersten Jahren aufgezehrt. Das Festival geht in einen „Lockdown“, aus dem es erst ab 1990 herausfindet.

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Im Spotlight – Headliner David Bowie / Blick über das Festivalgelände in Richtung Schüttorf. Fotografien: Werner Westdörp

1990: Das Comeback – Schüttorf erlebt ein Spektakel der Superlative

Am 3. September 1990 vermelden die GN „Ein Spektakel der Superlative: Noch nie hatte es einen solchen Massenandrang nach Schüttorf gegeben, noch nie war es zu einem solchen Verkehrschaos gekommen. Allein die normalerweise 20minütige Fahrt von Rheine nach Schüttorf brauchte anderthalb Stunden. Tausende steckten in endlosen Staus und andere verwandelten Schüttorf und Umgebung in einen riesigen Parkplatz“. Der Grund: Das mit Headliner David Bowie und weiteren internationalen Stars wie Midnight Oil, New Model Army und Dan Reed Network gespickte Programm zieht 60.000 Besucher an. Im Verlauf des Festivals müssen über 500 Festivalgänger ärztlich behandelt oder wegen Kreislaufversagen versorgt werden. Das DRK muss über 100 Kräfte des THW und der Feuerwehr zu Hilfe rufen. Am Schluss sind die Helfer froh, dass David Bowie seine Fans an diesem Abend nicht in grenzenlose Ekstase versetzt, sondern sich etwas lustlos aber sehr routiniert auf das Abspielen aller Hits aus seiner Karriere beschränkt. Am Tag nach dem Festival gleicht das Festivalgelände einer Müllhalde auf Betonpiste. 60.000 sind für Schüttorf und seine Vechtewiesen einfach viel zu viel. Über Jahre streiten sich die Stadt Schüttorf und der Veranstalter „German Tours“ vor Gericht um die Übernahme der Folgekosten wie die Renaturierung der Vechtewiesen.

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Original-Tickets Schüttorf Festival 1993 und 1994

1993/94: Von den Schüttorfer Vechtewiesen auf einen Maisacker in Westenberg

Im Ergebnis geht das Schüttorf-Festival in eine zweite Pause. Johannes Wessels sucht nach einem neuen Festivalgelände in der Obergrafschaft – und findet es auf einem weitflächigen abgeernteten Maisacker in der Bauernschaft Westenberg bei Gildehaus. Hier folgen nun die letzten drei Ausgaben des „Schüttorf-Open Air-Festivals“. Ende Juni 1993 treten Altmeister und Rocklegende Neil Young und die australischen Midnight Oil um ihren charismatischen Sänger Peter Garret vor 35.000 Besuchern auf. Weitere Bands des 15stündigen Konzertmarathons: Fury In The Slaughterhouse (Wave-Rock aus Hannover), Die Fantastischen Vier (Hip Hop aus deutschen Landen), Tragically Hip (Gitarrenrock aus Kanada), Willy DeVille (Latino-Rock aus New Orleans) und die Black Crowes (Südstaatenrocker aus USA). Statt britischem New- und Dark Wave ist nun gitarrenorientierter Rock angesagt.

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Headliner 1993 sind Midnight Oil um den charismatischen Sänger Peter Garrett. 1994 im Angebot: Die Toten Hosen aus Düsseldorf und die Rauschebärte ZZ Top aus Texas. Fotografien: Werner Westdörp


Im Juli 1994 erscheinen 40.000 Besucher und erleben – „trotz erheblichen Alkoholkonsums sehr friedlich“ – begeisternde Festivalauftritte der texanischen Rauschebärte und Boogierocker ZZ Top sowie der Toten Hosen: „Über eine Stunde lang spielten Campino & Co. Auf der 22 Meter breiten Bühne ihre größten Hits aus zwölf Jahren Bandgeschichte. Die Menge gröhlte die bekannten Texte mit. Vor einer Kulisse aus sechs leuchtenden Skeletten boten die Düsseldorfer „ein kleines bißchen Horrorschau“. Sänger Campino besah sich die Party im Schlamm nach einer Klettertour auf einen der Lautsprechertürme… Nach Konzertende ging die Party auf den Campingplätzen rund um das Konzertgelände weiter. Erst am Sonntagnachmittag machten sich die letzten Gäste müde auf den Heimweg.“

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So sah das letzte Schüttorf-Festival von ganz oben aus. Foto: Carlo ter Ellen (NL) / Auf der riesigen Bühne ihrer Voodoo-Lounge-Tour: Die Rolling Stones. Foto: Werner Westdörp

1995: Das letzte Schüttorf-Festival wird zum Coup – die Rolling Stones beehren die Grafschaft

Zum guten Ende gelingt ein echter Coup: Am 18. August 1995 treten vor 100.000 Besuchern – 80.000 per Ticket; weitere 20.000 als „Zaungäste“ – die legendären Rolling Stones auf in Westenberg auf: „In the middle of nowhere“, wie Mick Jagger zu Konzertbeginn feststellt. Die „Voodoo-Lounge-Tour“ inklusive einer stählernen, feuerspeienden Kobra arbeitet mit der bis dato teuersten Konzertbühne der Welt. „310 Lautsprechersysteme, 1,5 Millionen Watt, 176 Tonnen Stahl. Eine Bühne im Gegenwert von vier Millionen Dollar, für deren Aufbau über 100 Helfer und Roadies nötig sind“. Zudem werden 40.000 Liter Wasser benötigt, um die Kobra zu stabilisieren. Geliefert von der Ortsfeuerwehr Gildehaus, die das Grundwasser aus einem im nahegelegenen Industriegebiet gelegenen Bohrbrunnen anzapft und in zwölf riesige Behälter pumpt, die die Querträger der Bühne beschweren. Weitere 64 Fässer mit je 200 Liter Inhalt geben den Lautsprechertürmen an beiden Seiten der Bühne den nötigen Halt. Insgesamt verlegen die Feuerwehrleute 900 Meter Schlauchleitung. Je nach Betrachter eine technische Meisterleistung oder einfach purer Wahnsinn.

Denn in musikalischer Hinsicht gerät der Stones-Auftritt nur mittelmäßig. Der Sound ist auf dem weitflächigen Gelände nicht optimal – und ganz hinten eher zu leise. Über die Entfernung hinkt die Musik den Bildern auf der großen Video-Bühnenleinwand schon einmal hinterher. Vor lauter Staub auf dem Festivalgelände ist von der Band selbst nicht allzu viel zu sehen. Die Versorgung der durstigen Festivalmassen wird zu einem chaotischen Unternehmen. Unvergesslich bleibt zumindest für die Besucher aus der Grafschaft Bentheim der Roadtrip zum Festivalgelände: Wer hätte je gedacht, einmal per Fahrrad zu einem Konzert der Rolling Stones radeln zu können? Da hatten es die Grafschafter viel besser getroffen als die etwa 10.000 auswärtigen Besucher, die auf der Suche nach dem Festivalort tagsüber zunächst in Schüttorf herumirrten oder die vielen tausend Stones-Liebhaber aus den Niederlanden, die bei der An- und Abfahrt über die Autobahn A31 in kilometerlangen Staus festsaßen. Da war die letzte Zugabe „Jumping Jack Flash“ schon längst verklungen, der letzte Feuerregen aus der Kobra erloschen. Und der Veranstalter „German Tours“ so blank, dass es seither nie wieder ein Schüttorf-Festival geben sollte.


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