Im August 1960 sind die Beatles in der Grafschaft … leider nur auf Durchreise. In einem britischen Kleinbus der Marke Austin Morris passieren sie den Grenzübergang Springbiel/De Lutte. In der ursprünglichen Besetzung mit John Lennon (Gesang und Gitarre), George Harrison (Leadgitarre), Paul McCartney (Gesang und Gitarre), Stuart Sutcliffe (Bassgitarre) und Pete Best (Schlagzeug) sind sie unterwegs zu ihrem ersten musikalischen Abenteuer, einem Engagement als Tanzband im „Indra-Club“ an der Großen Freiheit in Hamburg. Dort spielen sie allabendlich sieben Sets zu je 45 Minuten von acht Uhr abends bis um drei Uhr nachts. Auftritte, die die Band zusammenschweißen, ihr Zusammenspiel perfektionieren lässt und die Beatles zu einer spektakulär guten Liveband werden lassen – wild, ungehobelt und nicht mehr aufzuhalten. Am 4. Oktober 1960 wechseln die Beatles in einen größeren Tanzclub, den „Kaiserkeller“. Im Dezember 1960 kehrt die Band nach Liverpool zurück. Allerdings ohne Stuart Sutcliffe, der der Liebe wegen in Hamburg bleibt und ein Kunststudium beginnt.
Im April 1961 treten die Beatles erneut in Hamburg auf. Aus dem Quintett ist eine klassische 4-Mann-Band geworden. Den Bass spielt nun Paul McCartney. Für drei Monate treten sie im nobleren und größeren Musikclub „Top Ten“ auf. Alsbald gerät Hamburg in den Bann der Beatles und der Beatmusik.
Der Star-Club wird zum Mekka der Beatmusik
Im Januar 1962 kauft der Inhaber des „Top Ten“, der Beat-Impresario Manfred Weißleder ein ehemaliges Kino an der Großen Freiheit Nr.39 im Stadtteil St. Pauli. Dort eröffnet am 13. April 1962 der legendäre „Star-Club“ seine Pforten. Auf dem Plakat zur Eröffnung steht: „Die Not hat ein Ende. Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei!“ Am Eröffnungsabend spielen – natürlich – die Beatles, die im Verlauf des Jahres 1962 über 11 Wochen im Star-Club gastieren. Zuvor gibt es einen letzten Wechsel in der Bandbesetzung: Ringo Starr löst Pete Best am Schlagzeug ab.

Innerhalb von zwei Jahren wird der Star-Club zum Mekka der neuen „Beatmusik“, die den Rock’n’Roll und den Twist als bevorzugte Tanzmusik junger Leute ablöst. In der norddeutschen Tiefebene tauchen Beat-Anhänger zunächst als Durchreisende auf. Im April 1964 berichtet die Grafschafter Tagespost vom Bahnhof Bentheim (bis 1967 eine örtliche Konkurrenz der GN): „Fast jeden Tag raunt man im Skandinavien-Express, der Bentheim zweimal durchfährt: „Die Beatles sind heute drin“. Und immer wieder die gleiche Enttäuschung: „Wir sind nicht die echten Beatles“. Aber wer sind denn eigentlich die jungen Leute mit den Pilzköpfen? Es sind alles Jäger nach dem großen Glück. Voll Hoffnung fahren sie mit ihren Instrumenten in die Millionenstadt Hamburg. Namenlos tauchen sie dort in der Flut der Beatbands unter.“
Zu dieser Zeit steht Großbritannien längst im Bann des Beat und der Beatles. Im Oktober 1962 landet „Love Me Do“ noch auf Platz 17 der britischen Charts. Schon im Dezember folgt der Durchbruch mit dem ersten Nr.1 Hit: „Please Please Me“. Im Frühjahr 1963 stehen das gleichnamige Album und die ausgekoppelte Single „She Loves You“ an der Spitze der britischen Charts. Für die Grafschafter Tagespost berichtet der junge Textilkaufmann Horst Peters über die „Moderne Musik aus London“. Er zeichnet ein Porträt der Beatles und beschreibt die Beatles-Mania in seinem Gastland: „Die vier Beatles werden hier in England nicht nur von Teenagern angehimmelt, sondern auch von Erwachsenen jeden Lebensalters … Man muss sie im Fernsehen gesehen haben. Sie sitzen oder stehen nicht ruhig, sondern begleiten ihren manchmal in hysterisch wildes Geschrei ausartenden Gesang mit stampfenden Fußbewegungen und allen möglichen Körperverrenkungen … Ihre Lieder sind von einer brillanten Intensität … Oft wird die Wirkung ihrer Songs durch Händeklatschen verstärkt. Mittlerweile gibt es hier eine Beatles-Industrie: Der Verkauf von Musikinstrumenten, besonders Gitarren, ist rapide gestiegen. Der Plattenverkauf hat einen Aufschwung erlebt. Ganze Industriebetriebe stellen Beatles-Artikel her… Das Neueste entdeckte ich bei einem Bummel durch die Oxford-Street in London:
„moderne“ Tapeten mit farbigen Abbildungen der vier Sänger, empfohlen für das Schlafzimmer eines jeden englischen Mädchens, damit auch nachts nicht der Gedanke, der aufregende, an diese Lieblinge verlorengeht!“

Im März 1964 landen die Beatles mit „I Wanna Hold Your Hand“ erstmals auf Platz 1 der bundesdeutschen Hitparade. Unter die Top Ten steigt auch die von den Beatles extra in deutscher Sprache eingesungene Version „Komm gib mir deine Hand“ (auf der Rückseite findet sich „Sie liebt dich“ / „She Loves You“). Im Herbst 1964 erreicht der Beatles-Film „Yeah! Yeah! Yeah!“ die bundesdeutschen Filmtheater. In Nordhorn läuft der Film vom 16. bis zum 27. Oktober über 11 Tage im Astoria-Palast.
Die Beatles lösen einen Boom britischer Beatmusik aus. Nun sind auch Platten der Animals, der Kinks, der Rolling Stones, Searchers, Small Faces und der Who gefragt., Vielerorts kann das Angebot an Schallplatten mit der Nachfrage nicht mithalten. Am 19. Dezember 1965 teilt die Lingener Tagespost den jugendlichen Lesern mit: „Wegen enorm steigender Nachfrage sind in den letzten Tagen vor Weihnachten alle Bestände an Beatmusik in den Schallplattenabteilungen der Musik- und Rundfunkgeschäfte in Lingen ausverkauft. Nachbestellungen treffen erst im Januar des kommenden Jahres ein“. Im Juni 1966 organisiert die BRAVO eine bundesdeutsche Tournee der Beatles. Ganze Busladungen junger Beatfans aus der Grafschaft machen sich auf den Weg. Am 4. Juni erscheint eine Werbeanzeige in den GN: „Sonderfahrt – mit Hummel-Reisen zur Bravo-Beatles-Tournee in die Gruga-Halle, Essen“.

Mit einem „Liverpool-Express“ der Deutschen Bahn geht es von den Einstiegsbahnhöfen Bremen, Osnabrück, Rheine und Münster zum Beatles-Konzert nach Essen. 14.000 junge Leute erleben dort einen gerade einmal 30-minütigen Auftritt der Beatles, in dessen Verlauf immerhin elf ihrer Songs zu hören sind. Unter ihnen ist auch der 19jährige George Mikolajew aus Nordhorn, der zwei Jahre später „Georgies Boutique“ mit angeschlossenem Plattenladen eröffnet – und seine Eintrittskarte für das Beatles-Konzert seit 60 Jahren in Ehren hält.
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Single Cover – Rolling Stones „Satisfaction”
Im Jahr zuvor, im September 1965, veranstaltet die BRAVO eine Tour mit der Beatles-Konkurrenz, den bei vielen Beatfans als heißer, wilder und gefährlicher geltenden Rolling Stones, die just zu dieser Zeit mit „(I Can’t Get No) Satisfaction“ die Spitze dere bundesdeutschen Charts stürmen. Das Reisebüro Richters annonciert: „11. September: Sonderfahrt zum Konzert der weltbekannten Schlagergruppe (!) die Rolling Stones in der Münsterlandhalle Münster“. Vor jeweils 5.000 Fans, darunter ebenfalls etliche Grafschafter, treten die Stones um 17 Uhr und um 20.30 Uhr auf. Nach drei Vorgruppen aus deutschen Beat-Landen spielen sie ganze acht Songs, darunter „Satisfaction“. Die Deutsche Wochenschau berichtet: „Als erste deutsche Stadt wurde Münster in Westfalen, bekannt konservativ und sittenstreng, von den Rolling Stones heimgesucht, auf den Kopf gestellt und benebelt“. Der Auftritt der Stones endet ohne die sehnlich herbeigerufene Zugabe nach 22 Minuten. Der Polizeibericht vermerkt: „Der polizeiliche Einsatz beschränkte sich auf die Tätigkeit von Eingreiftrupps, die wenige zu wild gewordene Fans aus der Halle geleiteten. Der eigens aus Dortmund herbeigeorderte Wasserwerfer kam nicht zum Einsatz“.
Mit der Beatles-Tournee im Sommer 1966 erreicht die musikalische Welle des Beat ihren Scheitelpunkt. Selbst im still-katholischen Wietmarschen heißt es im September 1966: „Erstmals Beat in Wietmarschen – the muddle heads im Saal Kühlenborg“.
Die Beatwelle ebbt ab – die Beatles aber bleiben…
Mit den popmusikalischen Paukenschlägen der Jahre 1966 und 1967 – darunter die Beatles-Alben „Revolver“ und „Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, „Aftermath“ und „Their Satanic Majesties Request“ der Rolling Stones, dem „Pet Sounds“ der Beach Boys und den ersten Platten der Cream („Fresh Cream“ und „Disreali Gears“), der Jimi Hendrix Experience („Are You Experienced“ und „Axis: Bold As Love“) und nicht zuletzt der Doors („The Doors“ und „Strange Days“) erreicht die musikalische Bindekraft des Beat ihre Grenze. Die Popmusik wird verspielter. variantenreicher und sehr viel „psychedelischer“. Die Beatwelle ebbt ab. 1970 lösen sich die Beatles auf.
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Single-Cover The Beatles „Hey Jude”
Die Geschichte der Beatles ist aber noch lange nicht vorbei. Im Zeitraum von 1962 bis 1972 verkaufen sie weltweit 85 Millionen Langspielplatten und 120 Millionen Singles. Im Herbst 1974 stehen das neu erschienene „rote“ und „blaue“ Doppelalbum mit den Hits der Jahre 1962 bis 1970 erneut an der Spitze der Album-Charts in Nordamerika und Europa. Und bis heute laufen die Beatles-Songs im Radio und wöchentlich werden allein in der Bundesrepublik noch immer über Hunderte an Beatles-Platten verkauft.

The Beatles: A Hard Day’s Night (1964)
Schwarz-Weiss ist einfach schöner. „A Hard Day’s Night“ ist der Soundtrack zum ersten Beatles-Film „Yeah! Yeah! Yeah!“, der im Juli 1964 in den bundesdeutschen Kinos anläuft. Wie im gleichnamigen Film hüpfen die Beatles schwerelos, lächelnd, tatendurstig und mit viel Witz über einen Reigen von Liebesliedern. Aufgenommen an einem einzigen Studiotag: 13 Lennon/Mc Cartney-Songs, 13 funkelnde Perlen des Beat. Ihre herrlich treibenden Beatrhythmen, ihre Refrains zum Mitsingen verbreiten einen unglaublichen Optimismus. Can’t Buy Me Love, I Should Have Known Better, Things We Said Today und der Titelsong bezeugen die besondere menschliche wie musikalische Chemie der vier Beatles.
1964 stammen 60% aller in den USA verkauften Singles aus der Soundküche der Beatles. Über Wochen belegen sie die ersten fünf Plätze der US-Hitparade. Das schafft später niemand mehr. A Hard Day’s Night ist wie alle anderen frühen Beatles-Alben ein Aufbruch in die neue Welt der Beatmusik, die Fanfare zum Aufbruch ins „Swinging London“ der 60er. Beatles-Mania: Die Mädchen kreischen und die Eltern verstehen die Welt nicht mehr. Respekt!

The Rolling Stones: Out Of Our Heads (1965)
Out Of Our Heads markiert das Ende der Rolling Stones als purer Blues- und Rhythm & Blues-Coverband. Nun beginnen Mick Jagger und Keith Richards ihre eigenen Songs zu schreiben. Und gleich drei von Out Our Of Heads werden zu Hits: Das noch mit klassischen Beatrhythmen versehene The Last Time, das lasterhafte Play With Fire und nicht zuletzt der Rocker (I Can’t Get No) Satisfaction, mit dem die Stones noch heute jedes Livekonzert enden lassen. Dazu gibt es rockige und tanzbare Coversongs aus der Soulküche von Marvin Gaye, Don Covay und Otis Redding.
Im Sommer 1965 rast Satisfaction an die Spitze der internationalen Hitparaden. Keith Richards spielt ein Gitarrenriff für die Ewigkeit und Jagger spiegelt die Zeilen über den alltäglichen Frust und Zorn einer jungen Generation in seinem Gesang: „I can’t get no satisfaction, I can’t get no girl’s reaction, ‚cause I try and I try and I try and try“. Im September 1965 organisiert die BRAVO die erste bundesdeutsche Tournee. Für die Fans werden Busreisen organisiert. Eine Werbeanzeige: „Sonderfahrt Reisebüro Richters zum Konzert der weltbekannten Schlager(!)gruppe die Rolling Stones in der Münsterlandhalle, Münster“. Die Rolling Stones sind auf dem Weg zur „Greatest Rock’n’Roll Band On Earth“. Und das sind sie als die großen Überlebenden des Rock noch heute.

The Beatles: Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band(1967)
Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band ist der psychedelische Soundtrack für den Summer Of Love 1967. Schon das vom britischen Künstler Peter Blake gestaltete Cover offeriert ein ikonisches Werk: eine Musikfantasie aus Pop, Kunst, Mode, Drogen und Sinnsuche, unterlegt mit Geräuschen, Sound-Einfällen und Überleitungen von großer Raffinesse. Als „Hearts-Club-Band“ feiern die Beatles einen Maskenball des Pop. In A Day In The Life, dem laut US-Rolling Stone besten Beatles-Songs aller Zeiten, Lucy In The Sky With Diamonds, dem von Ringo Starr gesungenen With A Little Help From My Friends, dem anrührenden She’s Leaving Home oder dem rockigen Titelsong agieren Lennon/Mc Cartney auf der Höhe ihrer Songwriter-Kunst.
Das Album markiert den endgültigen Wandel der Beatles zu einer reinen Studioband. Statt Livemusik gibt es nun beinahe orchestrale Popkunst. Denn das zuweilen etwas überkandidelte und pompöse „Sergeant Pepper“ ist Popmusik für Genießer; die Konzerthallen überlassen die Beatles von nun an der britischen Konkurrenz der Rolling Stones und The Who. Ganz anders sieht es dagegen in den internationalen Hitparaden aus, die von den Beatles kurz vor und nach Veröffentlichung des Sergeant Pepper-Albums mit Single-Veröffentlichungen wie dem psychedelisch-verträumten Strawberry Fields Forever (1967) und dem McCartney-Sing-A-Long des Hey Jude (1968) dominiert werden.

The Doors: The Doors (1967)
Zu Jahresbeginn 1967 sind die Doors nur den Stammgästen des Whisky-A-Go-Go, einer der ersten Diskotheken in Los Angeles, als ihre Hausband bekannt. Wenige Monate später avancieren sie zu Los Angeles‘ weltweit erfolgreichstem Pop-Export. Break On Through (To The Other Side) eröffnet ihr Debütalbum. Jim Morrisons faszinierende Stimme, sein Flüstern und Schreien aus dem tiefen Nichts, Ray Manzareks dominante Orgel, John Densmores vom Jazz inspirierte Drumbeats und Robby Kriegers verspielt feinsinnige Gitarre verdichten sich zu einem vielschichtigen Rocksound. Man ist überrascht, wie viel Blues (Back Door Man) und Soul (Soul Kitchen) dieser Rock im Herzen trägt. Zum größten Hit des Albums wird das später hundertfach gecoverte Light My Fire, ein Hohelied auf sexuelles Verlangen.
Jim Morrison führt sein Publikum auf kristallinen Schiffen (Chrystal Ships) ans Ende der Nacht (End Of The Night). Er singt über all das, was auf „the other side“, der anderen Seite, liegen könnte – und in den Träumen seiner Hörer rumspukt: Sex, Lust, Verlangen, Revolte, Freiheit und Tod. Dabei zeigen die Doors dem jungen Amerika, dass man auch vom alten Europa noch lernen kann: Aus Brecht/Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ borgen sie sich den Alabama Song: „Show me the way to the next whisky-bar / Oh, don’t ask why…“. Die Doors: das ist die dunkle Seite, der Film-Noir des Traums vom fernen Westen, vom Sonnenstaat Kalifornien – und Jim Morrison ihr gefährlich-charismatischer Prophet.
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