In den ersten Jahren ist die Alte Weberei erfüllt von einer Aufbruchstimmung, die sich nicht zuletzt an den kulturellen Aktivitäten der „Untermieter“ wie der Städtischen Galerie und des Stadtmuseums ablesen lässt: Das 97er „Topping Out“ wird zum Auftakt eines überaus ambitionierten Ausstellungsprogramms der Städtischen Galerie, mit dem der damalige Galerieleiter Martin Köttering nicht nur Stars der nationalen und internationalen Kunstszene, sondern auch Tausende von Besuchern in die Alte Weberei lockt. Allein die Eröffnungsausstellung „Engel und Krieger“ des belgischen Künstlers Jan Fabre verzeichnet über 3.000 Besucher, darunter als Stargast die belgische Königin Paola, deren Ausstellungsbesuch mit einem städtischen Empfang im Grafschafter Brauhaus endet.
Eine angesichts des Krieges in der Ukraine unerwartet aktuelle Allegorie auf Krieg und Frieden, Leben und Tod: „Krieg ist immer auch etwas Kulturelles. Und es gibt auch Engel, die für das Gute kämpfen“, sagte der belgische Theatermacher und Künstler Jan Fabre. Im Kunstpavillon zeigte er metaphorische Bilderwelten, für die er unter anderem 15.000 präparierte Insekten verwendete – seine „Krieger“. „Krieger“ „Hüter der Märtyrer“ war Titel einer Skulptur aus Leder, Messern und Engelshaar. Im Juni 1999 besuchte die belgische Königin Paola in Begleitung von Jan Fabre die Ausstellung. Ihr besonderes Interesse galt den „Sandkasten-Kriegsspielen“ mit ihren militärisch diszipliniert aufmarschierenden Käfer-Regimentern. Ein „Privatbesuch“ unter großer Geheimhaltung und strengen Sicherheitsvorkehrungen. Im Anschluss an den Galeriebesuch lud die Stadt Nordhorn zur königlichen Kaffeetafel ins Grafschafter Brauhaus. Fotografien: Werner Westdörp
Der nächste königliche Gast lässt nicht lange auf sich warten. Im Juni 2000 ist Königin Beatrix aus den Niederlanden auf Stippvisite in der Alten Weberei. Anlass ist die Eröffnung des von der Städtischen Galerie betreuten grenzüberschreitenden Projekts „kunstwegen“, einer Reihe von 70 Kunstinstallationen im öffentlichen Raum, die den Nordhorner Skulpturenweg mit der niederländischen Artline entlang der Vechte verbinden. Zudem startet die Galerie ihr Vermittlungsprogramm „Kulturwerkstatt“ für Kinder und Jugendliche, aus dem wenige Jahre später die „Kunstschule“ hervorgeht.
Schulkinder schwenkten blau-weiß-rote Niederlande-Fähnchen, einhundert Schaulustige säumten den Eingangsweg zur Alten Weberei: „Die Königin kommt“ verriet man ahnungslosen Passanten. Gemeinsam mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Sigmar Gabriel eröffnete Königin Beatrix eines der größten offenen Kunstmuseen in Europa. Startpunkt war über Jahre eine Ausstellung in den Galerieräumen der Städtischen Galerie in der Alten Weberei. Stolz zeigte Galerieleiter Martin Köttering der hohen Besucherin die großformatigen Fotografien der Kunststationen. Hochwertige Abzüge sollten Königin und Ministerpräsident immer an ihren kunstwegen-Besuch erinnern. Fotografien: Werner Westdörp, Grafschfter Nachrichten
Ein enormes Publikumsinteresse finden zudem eine Reihe von „Jahrzehntausstellungen“ des Stadtmuseums, die zu einer Art „Gemeinschaftsprojekt“ aller in der Weberei aktiven Kulturarbeiter werden. Den Auftakt macht im Dezember 2000 die Sonderausstellung „Arbeit – Idylle – Protest. Nordhorn in den 60er Jahren“. Im November 2003 folgt „Demonstranten – Stadtplaner und Textiler. Nordhorn und die 70er Jahre“, im April 2006 „Textilstadt im Wirtschaftswunderland – Nordhorn und die 50er“. Im Dezember 2008 geht es um „Nordhorn in den 80ern – Stadtlandschaft im Wandel“.
Die Eingangsinstallation zur 60er Ausstellung bestand aus einer mit Sandsäcken abgedichteten Wasserfläche „Nordhorn 1960, vom Hochwasser der Vechte überflutet“. Foto: Stephan Konjer, Grafschfter Nachrichten
Daneben entwickelt sich die Weberei endgültig zu jener Stadthalle, die im rasch wachsenden Nordhorn seit den 1960er Jahren vermisst wird: Türkische Familien feiern Großhochzeiten, die Abiturienten der Nordhorner Gymnasien ihre Abibälle, die vereinigten Schützenvereine ein erstes Stadtschützenfest im Veranstaltungssaal. Dort finden zudem Neujahrsempfänge und Infoveranstaltungen der Stadt Nordhorn, Seniorennachmittage und Weihnachtsfeiern von Parteien, Verbänden und Betrieben statt. Die Grafschafter Landfrauen, Kreissparkasse und Volksbank nutzen die Weberei für Vortragsveranstaltungen. Die örtliche Lokalzeitung „Grafschafter Nachrichten“ lädt regelmäßig zu beim Wahlpublikum beliebten Podiumsdiskussionen vor Bürgermeister- und Landratswahlen.
Die Grafschafter Volksbank nutzt den großen Saal der Alten Weberei regelmäßig für Versammlungen ihrer Genossenschaftsmitglieder. Foto: Werner Westdörp, Grafschafter Nachrichten
Auf der Freifläche inmitten der Halle finden 1999/2000 erste Antik- und Kunstmärkte und eine Reihe von Messeveranstaltungen wie Computermessen, die Bau- und Immobilienmesse „Lebenswelten“, die Gesundheitsmesse „Balance“ oder die Schönheitsmesse „Beauty & Wellness“ statt.
Zum mit über 10.000 Besuchern bestbesuchten Kulturevent der Alten Weberei werden die Aufführungen des vom GN- Lokal- und Kulturredakteur Thomas Kriegisch und dem Historiker Werner Straukamp geschriebenen, vom Regisseur der Theaterwerkstatt Nordhorn Horst Gross inszenierten und dem „Euregio Art Ensemble“ gespielten Musicals „Goodbye Klein Amerika“, das am 27. November 1999 uraufgeführt wird. Ein Musical über den Aufstieg und Niedergang der Nordhorner Textilindustrie, dass bis zum Jahresende 2000 weitere ausverkaufte Aufführungen erlebt.
Mit minutenlangem, stehendem Applaus feierte das Premierenpublikum die Schauspieler, Sängerinnen und Tänzerinnen des „Goodbye Klein Amerika“ – Ensembles. Fotografien: Werner Westdörp, Grafschafter NachrichtenSzenenfotos der Hauptdarsteller des Musicals. Von links nach rechts: David Martin als Textilindustrieller Robert van Arnheim; Martina Kamp als dessen Nordhorner Jugendliebe Lara; Annelieke Brouwers als US-Top-Model Christy; Udo Eickelmann als Hedge-Fonds-Spekulant Zack. Fotografien: Werner Westdörp, Grafschafter Nachrichten
Einen über die Jahre vergleichbaren Publikumszuspruch entfaltet die Rock und Klassik verbindende Veranstaltungsreihe der „Sinfonic Rock Night“, die die Musikschule Nordhorn – zunächst unter dem Titel „Night Of The Proms“ – seit dem Herbst 1999 alljährlich gemeinsam mit der Alten Weberei in Szene setzt.
Besucher bei vier Einzelkonzerten verzeichnete die Musikschule bei der Sinfonic Rock Night im Jahre 2019. Im Saal ein erwartungsvolles Publikum, auf der Bühne über 100 junge Musiker und Sänger. Ein Spektakel. Fotografien: Werner Westdörp, Grafschafter NachrichtenIm Vorfeld der Sinfonic Rock Night setzte Jahr für Jahr ein Run auf die im Freiverkauf erhältlichen Eintrittskarten ein. Im Bild die lange Schlange, die sich im November 2012 beim Vorverkauf auf dem Gelände des Nordhorner Jugendzentrums bildete. Foto: Jürgen Lüken, Grafschafter Nachrichten
Bereits in den ersten drei Betriebsjahren kommen jeweils rund 50.000 Besucher in die Alte Weberei. Ganz im klassisch soziokulturellen Sinne wird die Halle zur Spielstätte etlicher kultureller Initiativen vor Ort:
Der Karnevalsverein „Junge Narren“ lädt zu Kinderkarneval und Prunksitzungen für Damen und Herren. Über einige Jahre trommeln Nordhorner Hobby-Musiker bei monatlichen Treffen im „Drum-Café“. Auf der Veranstaltungsbühne tummeln sich die Theatergruppen „Passepartout“ und „Spielzeit“, Musical-Projekte von Schulen und Jugendinitiativen oder auch die vom fröhlichen Guildo Horn begleitete „Tabuwta“-Band der Lebenshilfe Nordhorn. Mehrfach treten lokale Rockbands wie „County Club“, „Rockstuff“, „Rockin‘ Revival“ auf.
Im Mai 2000 stellte „Tabuwta“ gemeinsam mit Kultstar Guildo Horn vor ausverkauftem Haus eine neue CD vor. Für alle Beteiligten sichtlich ein großer Spaß, ein fröhlicher Abend. Auf den Schultern von Guildo Horn: Tabuwta-Sänger Carlos Barroso. Fotos: Stephan Konjer, Grafschafter Nachrichten
Ab Oktober 1999 gibt es einen von der Stadtjugendpflege organisierten „Spieletag“, ein „kreativer Mitmachtag“ für Kinder, der seither Jahr für Jahr zum Anziehungspunkt für hunderte Kinder und deren Eltern wird.
Impression vom ersten Spieltag des Nordhorner Kinder- und Jugendamtes in der Alten Weberei. Rene May vom Spieleteam erläuterte ein Kartenspiel. Foto: Stephan Konjer, Grafschafter Nachrichten
Dem Auftaktkonzert folgen weitere Rock-, Pop- und Jazzkonzerte mit internationalen und nationalen Größen, darunter Ten Years After, Canned Heat, Peter Green, Cuby & The Blizzards, Paul Carrack, Al Jarreau, Götz Alsmann, Paul Kuhn, Charlie Mariano, Stefan Gwildis, Heinz-Rudolf Kunze, die Komm’Mit Mann!s, Inga Rumpf, Fury In The Slaughterhouse, Gustav Peter Wöhler und Achim Reichel.
Ihr zehnjähriges Jubiläum feierte die Alte Weberei mit einem außergewöhnlichen Sangeskünstler. Die GN vermeldete: „Der Auftritt des US-Amerikaners Al Jarreau gehörte zum Besten aus Jazz und Pop, was in den vergangenen Jahren zu sehen und zu hören war“. Foto: Werner Westdörp, Grafschafter Nachrichten
Ein einziges Mal frönt die Alte Weberei dem bundesdeutschen Schlager. Im März 2009 verkündet die Grafschafter Nachrichten: „Bernhard Brink kam, sang und siegte“. An zwei Tagen feiert der aus Nordhorn stammende Schlagersänger vor begeistertem Publikum sein 35jähriges Bühnenjubiläum.
Bernhard Brink feierte eine dreistündige Schlagerparty. Foto: Stephan Konjer, Grafschafter NachrichtenDie Nordhorner Schlagerfans feuerten ihren Lokalmatador an. Foto: Stephan Konjer, Grafschafter Nachrichten
Im November 1999 erlebt die Alte Weberei ein „Celtic Halloween Festival“, dem über Jahre weitere Festivals mit irischer Folkmusik folgen sollten.
Foto: Stephan Konjer, Grafschafter NachrichtenFoto: Stephan Konjer, Grafschafter NachrichtenEin ausverkauftes Haus verzeichnete das Celtic-Halloween-Festival am 31. Oktober 2000. Zum Finale standen alle Musiker auf der großen Weberei-Bühne. Le Gop aus der Bretagne, Gan Am aus Irland und die wunderbare Anne Murray Band von den schottischen Hebriden sorgten für fantastische Stimmung.
Unter dem Motto „Happy Christmas, War Is Over“ läuft zu Weihnachten 1999 die erste Ausgabe einer jährlich stattfindenden „Rock & Soul Revue“, in der die Hausband der Alten Weberei Spitzenmusiker aus der niederländischen und britischen Popszene begleitete.
otografische Impressionen aus der allweihnachtlichen Rock & Soul Revue. Fotografien: Werner Westdörp, Grafschafter Nachrichten
Neben Rock und Pop, Jazz und Folk, setzt die Alte Weberei auf Kabarett. In Nordhorn gastieren eine Reihe bundesweit bekannter Kabarettisten, darunter Horst Schroth, Arnulf Rating, Django Azül, Thomas Reis, Thomas Freitag, Volker Pispers und die Stars der „Mitternachtsspitzen“ im WDR-Fernsehen – Jürgen Becker und Herbert Knebel.
Über die Jahre hinweg immer ein gerngesehener Gast in der Alten Weberei: Der scharfzüngige Politkabarettist Arnulf Rating aus Berlin. Foto: Werner Westdörp, Grafschafter Nachrichten
Im Juli 2000 startet ein Ausflug nach Lummerland mit „Jim Knopf und die Wilde 13“ eine Serie von Kindermusicals, die seither ebenfalls zum jährlichen Angebot der Alten Weberei zählen.
„Wenn Du mich fragst / wo etwas passiert / nehm‘ ich Dich mit zur Alten Weberei / Dort triffst Du Leute / die werden Dich erheitern / Dinge gibt’s zu seh’n / die den Horizont erweitern / Kultur rund um die Uhr / Geselligkeit hat viele Gesichter / Ein Treffpunkt ohne Grenzen – die Alte Weberei“.
Auszug aus: Alte Weberei Song. Text und Musik: Hausband Alte Weberei, 2001
Zur Eröffnung zeigte die Alte Weberei auf ihrer Freifläche die Kunstausstellung „Zeitschleife 2“. Großformatige Digitaldrucke des Londoner Künstlerpaares Alison Dalwood und Stefan Klimas, die sich mit der Funktion der Weberei im Wechsel der Zeiten und mit der weitläufigen Architektur der einstigen Textilfabrik auseinandersetzten. Foto: Werner Westdörp, Grafschafter NachrichtenAuf der Bühne des neuen Kulturzentrums übergab Bürgermeister Friedel Witte am 28. April den Schlüssel der Alten Weberei an die Vertreter der neuen Betriebsgesellschaft und die Geschäftsführung. Im Bild von links nach rechts: Heinz Pohl, Bernhard Loh (beide Geschäftsführung), Friedel Witte, Cornelia Baumann (Kulturdezernentin Stadt Nordhorn), Hans-Gerd Scholand (Vorstand Förderverein), Frans Willeme (Bürgermeister Denekamp, NL) und Heinrich Heidkamp (Vorstand VVV Nordhorn). Foto: Werner Westdörp, Grafschafter Nachrichten
Am 30. April 1999 ist es endlich so weit: Nach einer Umbauzeit von knapp zwei Jahren hat sich die ehemalige Webereihalle der Firma Povel in eine multifunktional nutzbare „Kulturfabrik“ verwandelt. Zur Eröffnung gibt es ein Rockkonzert mit Altmeister Eric Burdon und seinen „New Animals“, der laut GN „Träume vom Summer of Love“ verbreitet. Vor einem mit 1400 Besuchern völlig ausverkauftem Hause besteht die Alte Weberei ihren ersten Härtetest in Sachen Akustik, Lichtperformance und Atmosphäre.
Der britische Rock- und Bluessänger Eric Burdon auf der Bühne der Alten Weberei und zuvor im Studiogespräch beim lokalen Radiosender Ems-Vechte-Welle. Fotografien: Stephan Konjer, Grafschafter Nachrichten
Eines ist allen klar: Ein Elfenbeinturm für Kultur oder alternative Avantgarde soll die Weberei nicht werden. Schwellenängste sollen erst gar nicht aufkommen. Von Beginn an gerät die Alte Weberei zu einem Zwitter aus soziokulturellem Zentrum und Stadthalle. Ablesbar bereits am Eröffnungswochenende. Auf das freitägliche Rockkonzert mit Eric Burdon folgt ein Familientag mit Kinderspielplatz in und außerhalb der Halle, ein sonntäglicher Seniorennachmittag bei Kaffee und Kuchen und zum Abschluss steht mit Arnulf Rating einer der bundesweit bekanntesten Politkabarettisten auf der Bühne im „Großen Saal“.
Zeitgleich feiert auch das „Grafschafter Brauhaus“ seine Eröffnung. Die Hausgastronomie mit eigener Brauerei und Biergarten wird über Jahre zu einem Publikumsmagneten. Die von mit der Alten Weberei verbundenen Gesellschaftern neugegründete „Privatbrauerei Alte Weberei Nordhorn GmbH“ steckt als Pächter der für die Gastro vorgesehenen „Veranstaltungsinsel“ Privatinvestitionen von knapp einer Million DM in das Brauhaus-Projekt.
Fassanstich im Grafschafter Brauhaus: Umgeben von der Crew des Brauhauses besorgte Bürgermeister Friedel Witte im Oktober 1999 den Anstich des ersten selbstgebrauten Oktoberfestbiers. Foto: Werner Westdörp, Grafschafter Nachrichten
Im Juni 1997 werden die Verhandlungen zur Gründung einer Betriebsgesellschaft mit der Unterzeichnung eines Gesellschaftervertrags abgeschlossen. Für den Part der Kultur zeichnet der Förderverein „Kulturzentrum Alte Weberei e.V.“ einen eigenfinanzierten Beitrag von 40%. Für den Part „Stadttourismus“ übernimmt der Verkehrs- und Veranstaltungsverein (VVV) Nordhorn ebenfalls einen Anteil von 40%, den ein städtischer Zuschuss ermöglicht. Die restlichen 20% übernimmt Gemeinde Denekamp, deren Beteiligung für den europäischen Charakter des künftigen „Grenzüberschreitenden Kultur- und Tourismuszentrums Alte Weberei“ steht. Neben dem Bauunterhalt sichert die Stadt Nordhorn die laufende Finanzierung der im Besitz der Stadt Nordhorn verbleibenden Webereihalle mit einem vertraglich garantierten jährlichen Betriebskostenzuschuss. 1998 werden mit Bernhard Loh und Heinz Pohl zwei Mitglieder des Fördervereins mit jeweils einer halben Stelle zu künftigen Geschäftsführern bestellt. Beide teilen sich zusätzlich die Geschäftsführung des „Grafschafter Brauhauses“, der privatwirtschaftlich betriebenen Gastronomie im künftigen „Kulturzentrum Alte Weberei“.
Neben dem eigentlichen Kulturzentrum sollen etliche „Untermieter“ die 6.000 Quadratmeter der „Alten Weberei“ mit neuem Leben erfüllen: Der lokale Rundfunksender „Ems-Vechte-Welle“, das Stadtmuseum mit Büro, Archiv und einer Dauerausstellung unter dem Motto „Textilproduktion live“ – der Maschinenhalle „Textile Arbeitswelten“, die Tanzabteilung der städtischen Musikschule und die Städtische Galerie, die in einem ihrer vom Architekturkünstler Stephen Craig geschaffenen Ausstellungspavillons das Informationszentrum „kunstwegen/Skulpturenweg“ einrichtet. Eine „Kulturwerkstatt“ von Musikschule und Galerie wird zum Vorläufer der späteren „Kunstschule“.
Seit ihrer Eröffnung im September 1999 ist die unter dem Stichwort „Textile Arbeitswelten“ eingerichtete Museumsfabrik Ziel vieler Besuchergruppen. Ehemalige Textiler zeigen die textile Produktion des Spinnens und Webens, aus erster Hand garniert mit Erzählungen aus der Textilhistorie der Stadt. Foto: Werner Westdörp, Grafschafter NachrichtenIm Sommer 1999 probt das Tanzensemble des Musicalprojekts „Goodbye Klein Amerika“ im neuen Ballettraum der Musikschule in der Alten Weberei. Foto: Werner Westdörp, Grafschafter Nachrichten
Eine Entscheidung, die die Städtische Galerie kurz vor Umbaubeginn mit einer vom Belgier Jan Hoet, Documenta-Leiter 1992, kuratierten Ausstellung „Topping Out“ feiert, in der neun junge Künstler die gesamte Fläche der Alten Weberei bespielen – und mit einer aufsehenerregenden Lasershow illuminieren.
Unerwarteter Andrang bei der Eröffnung von „Topping Out“ am 29. August 1997. In langer Schlange warteten insgesamt 700 Kunstinteressierte auf Einlass.Der US-Künstler Peter Santino griff in zwei Sandarbeiten auf dem Boden der Alten Weberei das Thema Holocaust auf.Kurator Jan Hoet bei seiner Einführung in die Ausstellung.An zwei großen Wänden zeigte der Niederländer Michael Majerus zwei Malereien, die auf die Ideen der abstrakt-geometrischen Kunst und die hochgegenständliche Popart zurückgreifen.
Im Sommer 1996 erfolgt der Durchbruch. Im Juni 1996 votiert der Verwaltungsausschuss der Stadt Nordhorn einstimmig für den Erhalt der Halle. Überraschend gelingt es, Zuschüsse in Millionenhöhe für den Umbau einer Textil- in eine Kulturfabrik zu akquirieren. Auf dem Hintergrund des NINO-Konkurses stellen die Europäische Union und das Land Niedersachsen Mittel aus Fördertöpfen für „Industriegebiete mit rückläufiger Entwicklung“ zur Verfügung. Unter zwei Bedingungen: Das Kulturzentrum soll nicht nur kulturellen, sondern auch (stadt-) touristischen Zwecken dienen und zudem von „grenzüberschreitendem Charakter“ sein.
Start der Umbauarbeiten. Foto: Werner WestdörpFoto: Werner WestdörpIm Februar 1997 verriet ein kleines Bauschild an der Kokenmühlenstraße, was man von außen nur erahnen konnte: Der Umbau der Textilfabrik „Neue Weberei“ zum Kulturzentrum „Alte Weberei“ hatte begonnen. Im Inneren wurden Altlasten mit schwerem Gerät entsorgt. Im einstigen Büro- und Verwaltungstrakt begannen erste Rohbauarbeiten. Foto: Werner Westdörp
Mit Hochdruck beginnt im Februar 1997 der rund 5 Millionen DM teure Aus- und Umbau der Fabrikhalle. In einer Art „Haus-in-Haus-System“ werden nacheinander fünf „Veranstaltungsinseln“ geschaffen: Eine Musik- und Theaterbühne; eine Verkehrs- und Freifläche für Märkte und Messen; ein Raum für Ausstellungen aller Art; zwei Ausstellungspavillons der Städtischen Galerie und eine „Gastronomie im Bistro- oder Brauereistil“.
Denn seit Juni 1994 findet das Projekt „Kulturzentrum Alte Weberei“ engagierte, in der Öffentlichkeit wahrnehmbare Fürsprecher. Kulturell engagierte Bürger gründen einen „Förderverein Kulturzentrum Alte Weberei“. Dessen Zielsetzung ist die Umwandlung der „Alten Weberei“ in ein Soziokulturelles Zentrum.
Vorstand des Fördervereins Alte Weberei – Förderverein JL 0001: 20 Jahre nach Eröffnung der Alten Weberei kommt es im Sommer 2019 zu einem Generationswechsel im Vorstand des Fördervereins Alte Weberei: Anne Dreiling und Tobias Loh lösen Gisela Büsching-Stark und Bernhard Meyering aus der Ü60-Gründergeneration ab. Foto: Jürgen Lüken, Grafschafter Nachrichten
Ein wichtiges Vorbild ist die „Lagerhalle“ in Osnabrück. Insgesamt existieren im Niedersachsen des Jahres 1994 bereits 40 dieser Zentren, bundesweit sind es 200. Die Zentren in Niedersachsen haben sich im Landesverband Soziokulturelle Zentren zusammengetan. Dort werden nun auch die Nordhorner Mitglied. Der Verein präsentiert sein Konzept für die künftige „Kulturfabrik“. Man denkt an (Pop-) Konzerte und Lesungen, Kleinkunst und Kabarett, Ausstellungen und Revuen, Disco für alle und Kreativangebote für Kinder, Tonstudio und Kunstwerkstatt, Brauhaus und Biergarten, Abenteuerspielplatz und Bootsverleih. Als Zielpublikum des künftigen Kulturzentrums macht der Verein die Altersgruppe der 30- bis 50jährigen (und deren Kinder) aus, die in der gesamten Grafschaft „nichts Vergleichbares vorfinden“. Wenig später zeigt eine Umfrage zum Freizeit- und Kulturangebot in Nordhorn: Die große Mehrheit der Befragten hält ein „Kulturzentrum Alte Weberei“ als Ort der Kreativität, Unterhaltung, Bildung und Kommunikation für notwendig – unter der Voraussetzung, dass „alle Alters- und Gesellschaftsgruppen davon profitieren“.
Mit finanzieller Unterstützung der LAGS Niedersachsen veranstaltet der Verein in den Sommermonaten der Jahre 1994 bis 1996 in leergeräumten Teilbereichen der Weberei sogenannte „Probeläufe“, die einigen tausend Besuchern die Möglichkeiten eines zukünftigen Kulturzentrums aufzeigen. Die Grafschafter Nachrichten titeln: „Aus der Povel-Ruine wächst neues Leben“. Im Programm finden sich eine Bluesparty, Kunst- und Kulturfeten, Kunstausstellungen, Filmabende, Jazz- und Klassik-Frühstück, eine Kriminacht sowie Konzert- und Kabarettabende. Neben lokalen Bands und Musikern, Gauklern und Künstlern, der Theaterwerkstatt, dem Chor „La Lega“ und der Big Band der Musikschule feiern überregional bekannte Größen wie die Soulrocker der Rick de Vito Band aus den Niederlanden, die Kabarettisten Arnulf Rating und Horst Schroth sowie der Sänger und Entertainer Götz Alsmann begeisternde Auftritte. Neben Eigenmitteln finanziert mit Hilfe knapp 70.000 DM an Zuschüssen der LAGS Niedersachsen, der Stadt Nordhorn und den Stiftungen der Kreissparkasse wie der Grafschafter Volksbanken.
Die Rick DeVito-Band bei ihrem Auftritt während des „Probelaufs“ 1996. In den 2000er Jahren wurden die Musiker um den aus Nordhorn stammenden Bandleader und Gitarristen Frank Stehle (2. von rechts), Bassist Paddy van Rijswijk, den zweiten Gitarristen Stefan Jankowski und den Rotterdamer Sänger Rick DeVito zur Hausband der Alten Weberei.Im von der Grafschafter Sparkassenstiftung geförderten hauseigenen Tonstudio produzierte die Hausband eine CD mit „Songs aus der Alten Weberei“. Im Bild: Sparkassenvorstand Hubert Winter im Gespräch mit Rick DeVito. Im Bildhintergrund Weberei-Geschäftsführer Heinz Pohl und Bandgitarrist Stefan Jankowski. Im Juni 2018 ist Rick DeVito im Alter von 64 Jahren in Folge einer schweren Erkrankung verstorben. Fotografien: Werner Westdörp, GN
Neben der Sanierung des Fabrikgeländes, das im Verlauf der 1990er Jahre unter dem Motto „Wohnen am Wasser“ zu einem innenstadtnahen Wohnviertel fortentwickelt wird, stellt sich für die Stadt Nordhorn ein weiteres Problem: Der nur durch eine sinnvolle Umnutzung mögliche Erhalt der denkmalgeschützten Industriebauten. Während in die ehemalige Povel-Verwaltung Arztpraxen, Steuerberater und Rechtsanwälte einziehen und der 1906 errichtete Spinnereiturm seit 1994 zu einem Stadt- und Textilmuseum umgerüstet wird, bleibt die Zukunft der im Sprachgebrauch der Nordhorner mittlerweile als „Alte Weberei“ titulierte Webereihalle lange ungewiss.
Baukräne und Rohbauten. 1991 entstand auf dem Povel-Sanierungsgelände östlich der Alten Weberei ein erstes Wohnquartier. Foto: Werner Westdörp, Grafschafter NachrichtenIm Rahmen eines EU-Projekts wurde der Povelturm 1993/94 restauriert und im Oktober 1996 als Stadtmuseum neu eröffnet. Foto: Werner Westdörp, Grafschafter NachrichtenDer Povelturm während des Umbaus. Foto: Werner Westdörp, Grafschafter Nachrichten
Ein erster Hoffnungsschimmer zeichnet sich ab, als der Landkreis Grafschaft Bentheim 1989 in die Planungen für ein Historisches Kreismuseum einsteigt. Als Standort schlägt die Stadt Nordhorn 1990 die „Alte Weberei“ vor. Angesichts der schieren Größe der Halle sehen die Pläne zusätzlich den Einzug der aus allen Nähten platzenden Euregio-Stadtbücherei und der im Konzert- und Theatersaal der Stadt ebenfalls räumlich sehr beengten Städtischen Galerie vor. Die Planungen müssen allerdings zu Jahresbeginn 1993 zu den Akten gelegt werden. In Sachen Kreismuseum bevorzugt eine Mehrheit der Kreistagsmitglieder den Standort „Altes Amtsgericht“ im benachbarten Neuenhaus. In Sachen Stadtbücherei scheut die Stadt die millionenschweren Ausgaben eines kompletten Umzugs und der damit verbundenen Neueinrichtung. 1993 wird die Stadtverwaltung mit der Entwicklung eines alternativen Konzepts für ein Kulturzentrum in der „Alten Weberei“ beauftragt.
Die entscheidende Frage: Umnutzung oder Abriss?
Mit Ausnahme des zuständigen Kulturdezernats hält sich die Begeisterung der Stadtverwaltung in engen Grenzen. Erschwerend kommt hinzu, dass die einst größte Textilfirma der Stadt, das Textilunternehmen NINO 1993 einen Vergleich anmeldet und 1994 in Konkurs geht. In der einstigen Textilstadt ist der Baumwollfaden gerissen. Die Zukunft der Stadt erscheint ungewiss. Angesichts einer zeitweise hohen Arbeitslosigkeit verbreitet sich eine depressive Stimmungslage. Angesichts fehlender Mittel für einen Umbau der „Alten Weberei“ schlägt die Stadtverwaltung im Juni 1996 den Abriss der Fabrikhalle vor. Ein Vorschlag, der im Vorfeld der ebenfalls 1996 anstehenden Kommunalwahlen unerwarteten Protest in weiten Teilen der Öffentlichkeit auslöst.
GN-Karikatur 1996 – „Kulturpolitik mit der Abrissbirne“ lautete die Unterzeile zu einer Karikatur, die im Juni 1996 als Kommentar in den Grafschafter Nachrichten erschien.
„Was der junge Förderverein Alte Weberei auf dem alten Povelgelände in Gang gesetzt hat, könnte die beflügelnde Ouvertüre zu einer späteren Stadtoper gewesen sein, zu einem kulturellen und sozialen Anziehungspunkt für Nordhorn“
Auszug aus GN-Bericht zur 1. Kunst- und Kulturfete in der Alten Weberei vom 27.08.1994
Nach dem Auszug der Firma RAWE verwandeln sich der einstige Verwaltungstrakt der Webereihalle in ein chemisches Labor zur Untersuchung der Bodenproben aus dem Sanierungsgelände. In der Fabrikationshalle wird seit Sommer 1990 tonnenweise schwerbelasteter Boden zwischengelagert, um Auswaschungen der mit Farbresten, giftigen Chemikalien und Schwerölen versetzten Erde durch Regenwasser zu verhindern.
Ein Blick in die 6000 Quadratmeter große Webereihalle zum Jahresbeginn 1991. Zu diesem Zeitpunkt nichts weiter als eine regensichere Lagerstätte für die hoch belasteten, zur Verbringung auf eine Sondermülldeponie vorgesehenen, Böden aus dem Povel-Sanierungsgelände. Foto: Werner Westdörp, Grafschafter NachrichtenFoto: Werner Westdörp, Grafschafter NachrichtenIm Februar 1991 krabbelt Nordhorns Stadtbaurat Wolfgang Zwafelink aus der Dachluke des einstigen Povel-Spinnereiturms und verkündet: Hier soll ein Museumscafé mit Panoramablick entstehen, während aus der ehemaligen Weberei eine „Kulturfabrik“ hervorgehen soll. Foto: Werner Westdörp, Grafschafter Nachrichten
Im Herbst 1995 werden die vergifteten Böden aus der Altlastsanierung weitestgehend entsorgt. Ab 1996 präsentiert sich die Halle endlich im „besenreinen Zustand“. Die letzten Reste der riesigen Erdhaufen werden erst im Juli 1997 in einer Sondermülldeponie entsorgt.
Die „Besenreine“ Alte Weberei im Juni 1996. Foto: Werner Westdörp, Grafschafter Nachrichten