Alte Weberei – Jugendkultur der Sixties – Schöne Zeiten

Schöne, unbeschwerte Zeiten –

die Swinging Sixties erreichen die Nordhorner Jugend

Eine erste Erinnerung:

Wir blieben den ganzen Tag weg und mussten erst zu Hause sein, wenn die Straßenlaternen angingen. Niemand wusste, wo wir waren, und wir hatten nicht einmal ein Handy dabei.“

Eine zweite Erinnerung: „Das waren schöne Zeiten, damals in den 60ern. Da war die Welt noch in Ordnung. Nachts hörten wir britische Piratensender. Samstags guckten wir den Beat-Club. Am Wochenende tanzten wir bei Beatkonzerten oder in Diskotheken wie dem „Whisky A Go-Go“, dem „Capri“ oder bei „Little Annie Fanny“. Im Astoria-Palast oder dem Capitol-Kino schauten wir uns die Beatles-Filme oder die Gammler-Komödie „Zur Sache Schätzchen“ an. An heißen Sommertagen lagen wir halbnackt auf der Liegewiese am Hallenbad, schlürften „Flower-Power-Pop-Op-Cola“, rauchten Peter Stuyvesant „mit dem Duft der großen weiten Welt“, schauten den Mädchen nach, lasen ganz viel – und wussten ohne jede Anfechtung, dass die Welt abseits unserer kleinen Stadt vollkommen in Unordnung ist“.

Der wahrlich „coolste“ Ort im Nordhorn der späten Sixties ist die Liegewiese des Hallenbads am Stadtring (das im September 2012 leider einem Großbrand zum Opfer fällt), verbunden mit der angrenzenden, frei zugänglichen Terrasse des „Eiscafé Forum“ (seit 1971 fortgeführt als „Eiscafé Italia – bei Olga“). Hier tummeln sich viele junge Leute, in deren Erinnerung sich mit den Sixties nicht nur der politische Protest einer rebellischen Schüler- und Studentenbewegung, sondern auch das Entstehen einer ganz eigenen Jugendkultur verbindet, die in der Musik, der Mode, im Kino, im Fernsehen und den Konsumgewohnheiten ihre Spuren hinterlässt. Eine Brise des „Swinging London“ weht durch Nordhorn. Kinofilme wie „Zur Sache Schätzchen“, „Bonnie & Clyde“, „Die Reifeprüfung“ und „Barbarella“ reflektieren den Freiheitsdrang und die erotischen Sehnsüchte einer jungen Generation. Im September 1967 entführt der Film „Blow Up“ das Kinopublikum im Astoria- und Capitol-Kino ins Swinging London: „Der Film ist ein Kunstwerk … vor allem im Erfassen der Londoner Popjugend mit Minirock, Marihuana und Beat.“ Die Rock- und Popsongs der Beatles, der Rolling Stones, der Doors und der Jimi Hendrix Experience erobern die Hitparaden und werden zur Begleitmusik für den politischen und kulturellen Aufbruch.

Der letzte Schrei – Mini-Mode in Beat-gelb und Blues-violett

Die mit Gefühlen knapsenden Familien der 50er Jahre hatten einen immensen Hunger nach Zärtlichkeit hinterlassen. Kein Wunder, dass viele Fotostrecken der bei jungen Leuten beliebten Monatszeitschrift TWEN ein neuartiges, ungezwungenes Liebesglück propagieren: Umarmungen im Auto, am Strand, im Wasser, im Bett, auf der Gartenbank, auf der Straße, auf der Holzplanke, in Clubs und Jugendkneipen. Der Kuss in aller Öffentlichkeit, demonstrativer Müßiggang, das „rumgammeln“ und das von der Coca-Cola-Werbung propagierte „Mach mal Pause“ sind das jugendliche Gegenprogramm zum besinnungslosen Wiederaufbau der Nachkriegsjahre.

Im Mini aus NINO-Stoff: Werbeaufsteller der Textilfirma NINO für Boutiquen-Schaufenster

Zur modischen Signatur der Sixties wird das meistgetragene Kleidungsstück der weiblichen Jugend – der Minirock. Erfunden 1965 von der britischen Modedesignerin Mary Quant. In ihrer Boutique in der Londoner King‘s Road beginnt ein modischer Siegeszug, der bis in die Grafschaft Bentheim reicht. Geradezu hingebungsvoll verfolgen die Grafschafter Nachrichten die Entwicklung der „Mini-Mode“. Drei typische Überschriften von 1966: „Der Rock wird kürzer: Die neue Minimode“. „Letzter Schrei: Mini-Maschenmode in Beat-gelb und Blues-violett“.Kings Road und Carnaby Street in London – aus dem Mekka der jungen Mode“. Aus einem Kleidungsstück wird eine Art Weltanschauung. Deren Auswirkungen erinnert der Nordhorner Beat-Liebhaber Eckart Pache: „Am 9. April 1966 hatten wir endlich Einlass zu einem Beatkonzert in die dunkle Stadthalle gefunden. Lichtkegel wanderten hin und her. Wir suchten vergeblich nach einem Sitzplatz in der bereits vor Beginn restlos besetzten Halle. Erfolg hatten wir erst, als zwei empörte Väter ihre Töchter im Minirock aus der Kriegerhalle zerrten und wir die freiwerdenden Plätze besetzen konnten“. Schon fast verzweifelt fragt die konservative Katholische Erwachsenbildung in Nordhorn ihr Vortragspublikum: „Teens, Beat und Minirock – verstehen wir unsere Kinder noch?“

Minikleider aus Povel-Jersey: Werbeanzeigen der Textilfirma Povel von 1968

Und wo gibt es in Nordhorn all die engen Bluejeans und Cordhosen, die superkurzen Minikleider, flauschigen Nicki-Pullover, mit verrückten Mustern bestickten Hemden und Blusen, die das modische Outfit der rebellischen Jugend der späten 1960er Jahre prägen? „Die neueste Mode direkt aus Amsterdam“ erhält die Nordhorner Jugend seit dem 14.Mai 1968 in „Georgies Boutique“. Sein Künstlerfreund Peter Adamski dichtet in lustigem Hippie-Slang: „pop-freude, frisch-freude, bunt-freude, temperament-freude, jung-freude, whisky-freude, musik-freude, cola-freude, freude-freude, love-freude … freude durch georgies boutique.“ Pop-Freude empfindet im Oktober 1968 auch ein hochgewachsener, elegant gekleideter Herr im kleinen Laden an der Bahnhofstraße. Intensiv studiert er studiert das Angebot, freut sich, „dass junge Leute so was machen“ und kauft sogleich ein ausgefallen gemustertes weißes Hemd aus der aktuellen 68er-Kollektion der Amsterdamer Popdesigner: NINO-Unternehmenschef Bernhard Niehues.

Wenig später, im Juni 1968, eröffnet mit der „Chris Boutique“ des Kaufmanns Chris Wallmann ein weiteres Spezialgeschäft für „junge Damenmode“ im Stil des „Swinging London“ ihre Türen an der Neuenhauser Straße. Die Modelle der chris-boutique werden in der Diskothek „Whisky A GoGo“ vorgestellt: „Discjockey Heinz-Ingolf präsentiert Junge Mode a GoGo – eine getanzte Modenschau mit Go-Go-Girls“.

Die Beatwelle schwappt durch die Grafschaft

Im April 1962 eröffnet in Hamburg der erste bundesdeutsche Beat-Club, der legendäre „Star-Club“ seine Pforten. An der Eingangstür hängt ein Plakat mit der Aufschrift „Die Not hat ein Ende. Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei!“. Innerhalb von zwei Jahren wird der Club zum Mekka der neuen Beatmusik, die sich wie eine Flutwelle über die Republik ausbreitet. 1964 erreicht der Wellenschlag des Beat die Grafschaft. Am 30. April 1964 gibt es den ersten „Tanz in den Mai“ mit Beatmusik in der Stadthalle Nordhorn. Zu Gast ist die niederländische Beatband „The Craters“ aus Enschede. Im Programm: die neuesten Beatsongs der Beatles und der Rolling Stones. Mit 500 jungen Zuhörern ist die Stadthalle ausverkauft. Rasch werden weitere holländische Beatgruppen engagiert. Im Oktober 1964 ist mit den Rattles auch die Hausband des Star-Clubs live im Konzert- und Theatersaal zu sehen – als exotisch wirkende Beigabe zu einer „Deutsche-Hitparade-Tour“, bei der sie als Vorband für Schlagerstars wie Manuela, Teddy Parker und Rex Gildo auftreten.

Im September 1966 spielen die Pop Artists in der Stadthalle. Foto: Rudolf Bulla

In den Jahren 1965 und 1966 gibt es kein Halten mehr. Die Beatwelle überschwemmt die Grafschaft und das benachbarte Lingen: Dort sind kurz vor Weihnachten 1965 alle Bestände an Beatmusik in den Schallplattengeschäften ausverkauft: „Nachbestellungen treffen erst im Januar 1966 ein“. Beatinfizierte Jugendliche gründen erste Beatbands mit klangvollen Namen wie The New Berlins, The Misfits, Les Clochards, Pop-Artists `66, Roadrunner (Nordhorn), The Skunks, The Gallow Birds (Schüttorf) und the muddle heads (Bentheim). Im Jahresverlauf finden allein in der Grafschaft Bentheim mehr als 140 Beatkonzerte statt. Selbst im still-katholischen Wietmarschen heißt es im September 1966: „Erstmals Beat in Wietmarschen – the muddle heads im Saal Kühlenborg“. Regelmäßig spielen Bands im Gasthof Timmer-Zum Bogen, Zum Burggrafen-Borggreve, im Saal Lenzing und bei Steggewentze (Schüttorf), im Café Kalter (Bentheim), in „Zum Bürgergarten“ (Gildehaus), der Gaststätte Zoder (Uelsen), dem Saal Bangen (Veldhausen) und dem Saal Assen (Emlichheim). Zu Stars der hiesigen Beatszene werden die niederländischen „The Moans“ aus Arnheim, die mit ihrer „einmaligen und fünfstündigen Beat-Tanzshow“ im Juni 1966 ein letztes Mal in der Stadthalle Nordhorn gastieren. Noch heute steht sein größter Hit „Saturday Night“ bei jeder Retro-Disco auf der Playlist der DJs.

Original-Veranstaltungsplakat „The Moans“ in der Stadthalle

Da ist es für die bundesdeutschen Schlagerstars, die im April 1966 mit einem „Hit-Festival ´66“ durch die Lande ziehen, nicht leicht mitzuhalten. Mit einer bezeichnenden Ausnahme, dem Geniestreich eines „Beatschlagers“: „Weine nicht, wenn der Regen fällt, / dam-dam, dam-dam, / es gibt einen, der zu Dir hält, / dam-dam, dam-dam“ – und jetzt alle – „Marmor, Stein und Eisen bricht / aber unsere Liebe nicht. / Alles, alles geht vorbei / doch wir sind uns treu!“: „Die Herzen des Hit-Festival-Publikums eroberte Drafi Deutscher im Sturm. Mit seiner Begleitband The Magics bot er seine besten Songs „Marmor, Stein und Eisen bricht“ und „Nimm mich so wie ich bin“. Drafi war der Star des Abends“.

Single-Cover Drafi Deutscher: Marmor, Stein und Eisen bricht. Der Song wird zu einer Art heimlichen Nationalhymne der Beatgeneration.

Der Beat ist überall. Zu Weihnachten 1965 startet die Lebenshilfe eine Spendenaktion, die sich an junge Leute wendet:An alle Beatles: Help. Hilfe. Hit der Beatles. Help. Sie können helfen. Und zwar denen, die sich wohl niemals über das Help der Beatles, wohl aber über ihre Hilfe freuen werden. Denken Sie an die Grafschafter Kinder, die geistig behindert sind und Ihre Hilfe nötig haben. Für diese Kinder ist die Lebenshilfe-Spardose. Danke.“ Offensichtlich wissen die Verantwortlichen noch nichts von der heilpädagogischen Kraft der Beat- und Popmusik. Warum sollen sich behinderte Menschen nicht über Popsongs wie das „Help“ der Beatles freuen? In einer Stellenanzeige vom Februar 1966 verspricht der Nordhorner Konfektionsbetrieb Beckmann, in dem „Globetrotter-Hemden“ hergestellt werden: „Nähen bei flotter Musik“.

Ihren Scheitelpunkt erreicht die Beatwelle im Sommer 1966. Im August 1966 berichten die GN über das mit neun Bands aus der Region besetzte „Beatfestival 1966“ in der Stadthalle Nordhorn: „Vor 700 Besuchern traten die einzelnen Bands auf, während die jungen Leute, teilweise mit den verrücktesten Gewändern bekleidet, in gekonnten Verrenkungen die Tanzfläche bevölkerten. Manchen wurde – im wörtlichen Sinne – der Boden unter den Füßen zu heiß – auf Strümpfen oder in Socken tanzt es sich nochmal so gut… bevorzugt wurden Stücke von den Rolling Stones, die fast jede Band im Repertoire hatte. Aber auch „The Kinks“, „The Animals“, „Herman’s Hermits“ und die „Lords“ waren kräftig vertreten. … In den kurzen Tanzpausen wurden Cola, Bier und Fruchtsaft mit Strohhalmen geschlürft, schweißnasse Stirnen getrocknet und die nächsten „Tanzeinsätze“ vorbereitet. Auf der in rosiges Licht getauchten Tanzfläche wirbelten langhaarige Mädchen in Hosen und Pulli genauso fleißig durcheinander wie solche, die von Kopf bis Fuß auf Op-Art eingestellt waren und Kleider mit geometrisch strengen Kreisen sowie große, baumelnde Ohrgehänge trugen: die Jungen glänzten in Blümchenhosen und buntkarierten Hemden ebenso wie in korrekter Kleidung. Es war eben fast alles vertreten“.

Single Cover: Rolling Stones: Satisfaction / Kinks: Dandy / Small Faces: Itchycoo Park

Da will die in streng-calvinistischem Geiste erzogene Jugend der altreformierten Gemeinde Emlichheim nicht mehr abseitsstehen. Sie möchte tanzen, zumal „die junge Generation in den reformierten, lutherischen und katholischen Gemeinden im Tanzen kein besonderes Problem sehe“. Die Gemeindeleitung bleibt skeptisch. Da der Tanz an vielen Orten wie der bei den Beatabenden in der Stadthalle Nordhorn zum „erotischen Geschiebe“ entarte, sei man aus altreformierter Sicht weiterhin gegen den Tanz zum Beat.

Aber auch nach Schließung der Beatzentrale „Stadthalle“ im Juni 1967 gibt es eine Reihe von Bands, die bei Livekonzerten in Nordhorn das Banner der Beat- und Rockmusik hochhalten: So die „muddle heads“ aus Bentheim im Eiscafè Forum, die Nordhorner „Chamberlains“ im Kolpinghaus oder die bereits 1966 gegründeten „Roadrunner“, die am 3.März 1968 ihr Abschiedskonzert im „Beatclub“ der Gaststätte „Bürgerhaus“ feiern. „Am Montag früh wird sich dann Sänger Walter Fischer in den Zug Richtung Hamburg setzen, um seine Dienstzeit beim Militär anzutreten – und seine Haare zu lassen!“, heißt es im Abschiedsgruß der GN. Derweil laufen viele junge Leute mit fliegenden Fahnen aus dem Beatlager zum Folk- und Protestsong über und lauschen den Songs einschlägiger Protagonisten wie Pete Seeger, Joan Baez, Bob Dylan und Donovan, die in Nordhorn von den Gebrüdern Landzettel aus Lingen und den örtlichen Folkies Paul Hartmann, Bernd Hermann und Jürgen Olivier in der Aula des Gymnasiums und den Jugendkellern der kirchlichen Gemeindezentren verbreitetet werden.

Original-Postkarte: The Crew 1970 / Original-Werbezettel: Wiff & Co. und The Crew im Gemeindehaus Klarastraße 1970

Erst im Verlauf der Jahre 1969/70 gründen musikbegeisterte junge Leute wieder eine ganze Reihe neuer Rockbands. Darunter Gruppen wie „The Crew“, „Wiff & Co“, „The Rising Sun“ und „Zest Eel“. Sie alle spielen die Blues- und Rockmusik, die zum Begleitsound der weit über das Jahr 1968 anhaltenden Jugendproteste jener Jahre wird.

Radio-DJs werden zu Botschaftern des Pop

Des Nachts lauschen viele junge Leute dem Beatsound der britischen und holländischen Piratensender. Haben doch die öffentlichen Radiosender wie NDR und WDR lange keinerlei Sendungen mit englischsprachiger Popmusik im Programm. Gleiches gilt im Heimatland des Beat für die britische BBC. Seit 1964 stoßen die vor den britischen Inseln stationierten Piratensender in diese Lücke. Darunter Radio Caroline, Radio London und Radio Atlanta. m Frühjahr 1967 liegen 10 Piratensender vor der britischen Küste, die an 24 Stunden rund um die Uhr Beat-, Rock- und Popmusik aussenden. „Radio Caroline“ erreicht täglich rund 7 Millionen Hörer. Allerdings bereitet der Empfang in der Grafschaft erhebliche Probleme – und ist eigentlich nur des Nachts wirklich weitgehend ungestört. Im Sommer 1967 verbietet die britische Regierung den Betrieb der Piratensender. Etliche DJs werden von der BBC übernommen.

Schon besser ist der Empfang des niederländischen Piratensenders Radio Veronica, der stundenweise auch ein deutschsprachiges Programm ausstrahlt. „Radio Veronica“ liegt seit 1960 vor der holländischen Küste – außerhalb der auf drei Meilen begrenzten Hoheitsgewässer. Zehn Jahre später belaufen sich die Werbeeinnahmen des Piratensenders auf 20 Millionen Gulden per anno. Zum 1. September 1974 stellt aber auch Radio Veronica den Sendebetrieb ein. Als letzter mitteleuropäischer Staat ratifiziert die Niederlande das vom Straßburger Europarat entworfene „Anti-Piraten-Gesetz“. Sowohl eine großangelegte Werbekampagne, an deren Ende zwei Millionen überwiegend jugendliche Radiohörer in den Niederlanden schriftlich versichern, ohne „Veronica“ nicht leben zu können, als auch der Protest von 150.000 jungen Leuten, die mit plärrenden Kofferradios vor dem Parlamentsgebäude in Den Haag demonstrieren, kann den Parlamentsbeschluss nicht aufhalten.

Den größten Zuspruch jugendlicher Radiohörer erfährt allerdings der 1957 auf Sendung gegangene, privat betriebene Pop- und Schlagersender Radio Luxemburg, dessen DJs von früh um sechs bis nachts um eins Pop-Unterhaltung servieren. Besonders beliebt sind die britischen Radio-DJs, die ab 22 Uhr bis zum frühen Morgen das in ganz Westeuropa ausgestrahlte, englischsprachige Programm des Senders betreuen. Der Erfolg von Radio Luxemburg verdankt sich nicht zuletzt der engen Zusammenarbeit mit Publikumszeitschriften wie BRAVO und STERN. Seit Mai 1965 präsentiert Radio Luxemburg die „BRAVO-Musikbox“, seit Oktober 1968 die „Hitparade des STERN“.

Guten Tag liebe Beat-Freunde – Willkommen zum Beat-Club!

Single-Cover: Die Titelmusik des Beat-Club: The Mood Mosaic: A Touch Of Velvet – A Sting Of Brass.

Im Herbst 1965 springt endlich auch das bundesdeutsche Fernsehen auf den Beat-Zug auf. Am Sonnabend, den 25. September 1965, tritt Tagesschau-Sprecher Wilhelm Wieben um 15 Uhr vor das erstaunte Nachmittagspublikum und verkündet den Einzug des Popzeitalters im bundesdeutschen Fernsehen: „Guten Tag, liebe Beat-Freunde, nun ist es endlich so weit, in wenigen Sekunden beginnt die erste Show im Deutschen Fernsehen, die nur für Euch gemacht ist. Sie aber, meine Damen und Herren, die Sie Beat-Musik nicht mögen, bitten wir um Ihr Verständnis: Es ist eine Live-Sendung mit jungen Leuten für junge Leute. Und nun geht’s los! Willkommen zum Beat-Club!“ Kameraschwenk in ein zum Beatschuppen umgestaltetes Fernsehstudio von Radio Bremen. Auf der Bühne legen die Bremer „Yankees“ mit ihrem Beat-Song „Halbstark“ los und die jugendlichen Studiogäste, die zuvor vom Moderator Gerd Augustin in der 1964 in Bremen eröffneten „Twen-Diskothek“ ausgesucht wurden, beginnen zu tanzen.

Single Cover – The Yankees: Halbstark / Rolling Stones: Jumping Jack Flash

Der einmal im Monat samstags von 16.40 bis 17.15 Uhr ausgestrahlte „Beat-Club“ wird beim jugendlichen Fernsehpublikum zu einem durchschlagenden Erfolg und zum Exportschlager der ARD. 1969 wird der Beat-Club in 37 Ländern ausgestrahlt. In den benachbarten Niederlanden gilt er als „beliebteste internationale Fernsehsendung“ – weit vor Serien wie „Mit Schirm, Charme und Melone“ und „Bonanza“. Der Beat-Club trägt den musikalischen Generationenkonflikt in die „guten Stuben“ der Republik. Bei einem Interview mit den GN am Rande eines Konzertes in der Alten Weberei erinnert sich der im ostfriesischen Ihrhove (Landkreis Leer) aufgewachsene Gitarrist Carl Carlton (mit bürgerlichem Namen: Karl Buskohl) lebhaft an häusliche Auseinandersetzungen um das möglichst ungestörte und laute Schauen des Beat-Club. Unvergessen ist für ihn eine Sendung im Frühjahr 1968, in der die Rolling Stones ihre aktuelle Single „Jumping Jack Flash“ vorstellen. Als Mick Jagger auf dem Bildschirm erscheint, reagiert Großmutter Buskohl mit dem entsetzten Ausruf: „Da is de Düwel in’t Fernsehn“. Die Sendereihe mit all ihrer teuflischen Rockmusik läuft bis 1972.

Zwischen Beat und Gammeln geht die Jugend ins Kino

Zwar geht bundesweit die Anzahl der Filmtheater und des Kinopublikums parallel zum Aufstieg des Fernsehens dramatisch zurück, aber das jugendliche Publikum bleibt dem Kino treu. Etwa 70 Prozent des Kinopublikums entstammt den Altersgruppen der 10- bis 25jährigen. Im Dezember 1965 erscheint ein Kino-Report in der Lingener Tagespost: „Man geht wieder ins Kino. Die neueste bundesweite Statistik ergibt: Regelmäßig gehen 86% aller 14-25Jährigen ins Kino“. Der jugendliche Kinobesuch hat soziale und kulturelle Gründe: Das gemeinschaftliche Kinoerlebnis mit Freunden ist vor dem heimischen Fernseher kaum möglich. Zudem gilt der verdunkelte Kinoraum bis heute als beliebter Rückzugsort für Liebespaare. Im Kino schaut sich die bundesdeutsche Jugend die in den USA und Großbritannien gedrehten Musikfilme an, die zum Motor von Trends und Moden der Popkultur werden.

Original- Filmplakate: Die Beatles-Filme „Yeah, Yeah, Yeah“ (1964) und „Hi-Hi-Hilfe“ (Help, 1965)

Der jungen Generation verbunden ist auch das Kinoprogramm der Nordhorner ABC-Filmtheaterbetriebe. Im Oktober 1964 läuft im Astoria-Filmpalast und im Schauburg-Kino in Schüttorf der erste Beatles-Film „Yeah! Yeah! Yeah!“: „Yeah, Yeah, Yeah! Die Beatles sind da!“. Wenig begeistert zeigt sich der Filmkritiker der konservativen Lingener Tagespost: „Yeah, Yeah, Yeah! Ist ein handlungsarmer Schlagerfilm über ein paar Dutzend Arbeits- und Freizeitstunden aus dem Alltag der englischen „Beatles“. Zum Teil parodistisch, aber in der Hauptsache „dokumentarisch-naiv“. Neben platten Gags werden überflüssigerweise fragwürdige „Lebensregeln“ verabreicht“.

Original-Filmplakat: Hurra, die Rattles kommen.

Die Grafschafter Kinos öffnen sich der beatbegeisterten Jugend: Im Januar 1966 findet im „Capitol-Kino“ eine erste „Beatnacht“ mit den Lokalgrößen The Misfits und Les Clochards statt. Im April 1966 läuft der zweite Beatles-Film „Help – Hi-Hi-Hilfe“ in den Filmtheatern. Im Mai und Juni 1966 folgt der erste bundesdeutsche Beatfilm. Der Astoria-Palast und das Bavaria in Nordhorn sowie das Schauburg-Kino in Schüttorf präsentieren: „Hurra, die Rattles kommen“.

Sommerkino 1968: Gammeln im Kinosessel bei „Zur Sache Schätzchen“

Der erfolgreichste Film im Nordhorn der 60er ist May Spils‘ Gammlerkomödie „Zur Sache Schätzchen“. Der Film läuft im Sommer 1968 über neun lange Wochen. „Zur Sache Schätzchen“, gedreht 1967 in Schwabing, ist das künstlerisch gelungenste Zeugnis der Verweigerungshaltung, die viele junge Leute in den späten 60ern erfasst. Mit bundesweit über sechs Millionen Zuschauern belegte der Film die große Sympathie, die weite Teile der jungen Zuschauer inzwischen der Idee der Leistungsverweigerung entgegenbringen. Der Film spielt nah am Zeitgeist, ist vordergründig unpolitisch, aber sehr lustig und renitent im Geiste Karl Valentins. In den Hauptrollen sind Werner Enke und Uschi Glas zu sehen. Uschi Glas war ein Jahr zuvor durch ihre Rolle als Indianermädchen im Karl May-Film „Winnetou und das Halbblut Apanatschi“ bekannt geworden, in dem sie Winnetou-Darsteller Pierre Brice den Kopf verdreht.

Original-Filmplakat „Zur Sache Schätzchen“

Werner Enke verkörpert den begabten Nichtstuer Martin, der die schönsten Sätze formuliert, die die Erschlaffung jener Jahre hervorgebracht hat: „Ich mag’s nicht, wenn sich die Dinge schon am Morgen so dynamisch entwickeln“, klagt er, als ihn sein Freund gegen Mittag aus dem Bett klingelt. Nachdem er auf der Liegewiese im nahegelegenen Freibad (!) seine neue Bekanntschaft Barbara (gespielt von Uschi Glas) zu einem Besuch im Zoo hat überreden lassen, starrt er versonnen die Tiger an: „Die haben’s gut, können den ganzen Tag im Käfig rumsitzen und nachdenken. Freiheit ist bedrückend, findest Du nicht? Den ganzen Tag irgendwo hingehen zu können, das macht mich ganz krank“. Barbara will er seinen neuen Kurzfilm zeigen. Als sie mit auf seine Bude kommt, präsentiert er ihr einen winzigen Block voller Strichmännchen – perfektes Daumenkino. Barbara will er gar nicht groß herumkriegen, höchstens „ein bisschen fummeln“, obwohl das schon mehr Vitalität erfordern würde, als ihm angemessen erscheint. Zunächst ist die junge Frau von so viel Zurückhaltung entzückt; amüsiert lauscht sie seiner Erzählung vom schlaffen Haro, die sich schnell als Selbstporträt entpuppt: „Beim schlaffen Haro ist die Grundposition erstmal so“, erklärt Martin und legt sich flach auf den Boden: „Wenn er gut beieinander ist, dann kommt er mit dem Kopf nach hinten so ein bisschen hoch, guckt, und dann schlafft er wieder ab. So für fünf, sechs Wochen. Und dann, wenn er wieder gut beieinander ist, wirklich gut beieinander, dann kommt er richtig mit dem Kopf hoch, wird auch wirklich freier insgesamt, und dann macht er sich an die Kniescheibe ran, fummelt so ein bisschen, grabscht sich richtig in die Kniekehlen, überprüft, ob alles locker ist, und dann schlafft er wieder ab“.

Und des Abends locken die Diskotheken …

Zwischenzeitlich entdeckt die Jugend der Stadt ein alternatives Vergnügen und bevölkert in zunehmendem Maße die 1967/68 neu eröffneten Diskotheken der Stadt: Das „Whisky A Go-Go“ am Hohenkörbener Weg, das „Lord’s Inn“ an der Lingener Straße, das „Capri“ und das „Little Annie Fanny“ am Gildehauser Weg. Auch abseits kommerzieller Pfade gehen junge Leute dem Freizeitvergnügen Disko nach: Seit Herbst 1968 veranstaltet der lutherische CVJM-Nordbund immer sonnabends von 19 bis 22 Uhr Diskothekabende „mit Tanz und viel Musik“ in seinem Jugendheim am Strampel. Im Frühjahr 1969 folgt der CVJM-Blanke, der von nun an sonntags ab 17 Uhr zum „Jugendtanztee“ im Jugendheim an der Klarastraße einlädt.

Jukebox- und Raupenbahn-Diskotheken

1965 entdeckt das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL den neuen Freizeittrend: „Die Tanz-Dielen erzittern … Gattungsname der neuen Schall-Welle: Diskothek“. Ein Trend, den der Jukebox-Hersteller „Seeburg“ aus Chicago zu nutzen weiß. Mit der 100 Single-Schallplatten fassenden „Seeburg-Discotheque – Dancing To The Big Sound“ lässt sich jede Dorfschenke in eine Diskothek verwandeln -ein Angebot, dass die Gaststätte Timmer/Zum Bogen im März 1966 aufgreift: „Hallo Beat-Fans! Erstmalig in Nordhorn – Discotheque. Ab heute Abend 17 Uhr hört Ihr im Gasthof Timmer die besten Kapellen und Musikinterpreten des In- und Auslandes auf der „Neuesten Seeburg-Discotheque“ – Tanzmusik aus der Jukebox“.

Nur wenige Monate später, im Oktober 1966, taucht eine weitere Diskothek auf der Nordhorner Kirmes auf: „Erstmals auf der Nordhorn-Kirmes: Krabbes Raupenbahn mit einer Diskothek direkt auf der Raupe“. Die Szenerie an der Raupenbahn-Diskothek: „Beat, Folk, Geschrei! Jahrmarkt! An der Raupe: Liebespaare, junge Mädchen, die Gesichter so verschieden, lachende, sinnende, liebende. Es dreht sich, Musik, Beat…Die einen flirten, die anderen haben Zigaretten in den Mundwinkeln hängen. Der Ansager kündigt einen neuen Hit an: „Und nun für das Knuddelpärchen im Wagen 14 – Die Kinks: Dandy!“.

Ein Whisky-A-Go-Go in Nordhorn

Whisky und Schäkermädchen, Go-Go-Girls, Rock und Soul, dazwischen eine Popballade zum Schwofen wie „A Whiter Shade Of Pale“ von Procol Harum – das sind die Zutaten, die viele junge Leute in die Diskotheken ziehen.

Außen- und Innenansicht des Whisky-A-Go-Go. Fotografien: privat

So auch in Nordhorn, wo der italienische Gastronom Guiseppe Bertoncin – vielen Nordhornern unter dem Namen „Beppo“ bekannt – mit das in einem umgebauten Friseursalon am Hohenkörbener Weg im August 1967 die erste Diskothek der Stadt – bezeichnenderweise unter dem Namen „Whisky-A-Go-Go“ – eröffnet: „Der Weg in die Diskothek führt durch den Bauch einer Whiskyflasche. Hinter der Garderobe gelangt man durch eine Pendeltür im Cowboy-Saloon-Stil in die eigentliche Diskothek. Die mit Kalbfell bezogenen Barhocker und Sitzbänke verbreiten Wohlfühl-Atmosphäre“. Nicht ganz so wohl fühlt sich ein Redakteur des „GN-Jugendspiegel“: „Wie tanzt man in einer Diskothek auf 9 qm Tanzfläche? Im Whisky kamen mir die Tanzenden wie mäßige Akrobaten vor, die im Freistil nach Art des Hauses tanzten, so eine Art Frühsport. Beim Blues sah es aus wie auf einem sinkenden Schiff. Einige raffinierte Jungen benutzten ihre Mädchen sogar als Stoßdämpfer. Ich klemmte mich in eine der engen Bänke und bangte darum, keinen Muskelkrampf zu bekommen. Die meisten Jungen, die ohne Begleitung hier waren, wollten hübsche Mädchen kennenlernen, aber natürlich auch tanzen. Manche Mädchen wollten sich amüsieren, manche nur tanzen. Eine fand es sehr witzig zu antworten: „Tanzen? Nee! Schwofen schon, das ist ja was ganz anderes!“.

Whisky-Gast- DJ Jörg Marius. Portrait 1969. Foto: privat

Einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt der Hamburger DJ Jörg Marius, der zum Jahreswechsel 1969/70 auftritt: „Seit vier Wochen versorgt Jörg Marius die Besucher der Diskothek Whisky A Go-Go mit heißer Musik. … Die exzentrische, von allerlei wilden Schreien und ekstatischen Zuckungen begleitete Show, kam bisher so gut an, dass man seinen Vertrag um einen weiteren Monat verlängerte. „Underground“ – so nennt sich nach den großen Wellen der Pop-Musik und des Soul eine neue Richtung der Musik. Sie wird durch die „Iron Butterfly“, die „Vanilla Fudge“ und die „Led Zeppelin“ aus Amerika präsentiert und verlangt einen völlig anderen „Reitstil“ für Jockeys. DJ Jörg Marius hat sich diesem Stil angepasst1Heute streicht Jörg Marius als Idol verzückter Traumtänzer Monatsgagen von weit über 2000 Mark ein. An den ersten drei Tagen seines Auftritts in Nordhorn machte er sein Publikum rein hysterisch. Nordhorns Teens und Twens waren der Ekstase nahe, tanzten auf den Tischen und rissen die Lampen von der Decke …“.

Aber das Beste sollte noch kommen: Eine Zeitungsannonce zum 01.(!) April 1970 verkündet: „DJ Heinz-Ingolf präsentiert: Die Sensation des Jahres 1970. John Lennon und Yoko Ono am Mittwoch, 1. April 1970, ab 22 Uhr im Whisky A Go-Go, Hohenkörbener Weg.“

Im „Little Annie Fanny“ legt Drafi Deutscher auf

Das „Little Annie Fanny“ am Gildehauser Weg (heute Eiscafé) / Zeitungsanzeige der Blanke-Diskothek „Little Annie Fanny“

Im Februar 1969 kündigt das im Oktober 1967 eröffnete, nach einem Hit der US-Beatband „The Kingsmen“ benannte „Little Annie Fanny“ den Auftritt eines bundesweit bekannten Entertainers an: „Blanke Diskothek präsentiert DJ Drafi Deutscher“: Im Verlauf seines 16tägigen Gastspiels legt Drafi Deutscher nicht nur ausgesuchte „Hits zum Tanzen“ auf. Allabendlich gibt er vor ausverkauftem Hause seinen Beatschlager „Marmor, Stein und Eisen bricht“ zum Besten und lädt zu Spielaktionen wie einem „Makkaroni-Wettkampf“: „Mit fünf Makkaroni „Vorsprung“ siegte Jockel Jungfer. Sein knapp geschlagener Gegner durfte seine Kehle mit einer Flasche Sekt klarspülen“.

Im „Capri“ tanzt man zum Soul

Dagegen ist das nur wenige Schritte entfernte „Capri“ eine Heimat des Souls und der zunehmend „progressiven“ Rockmusik. Allabendlich finden sich bis zu 120 Disco-Jünger aus den Stadtteilen Blanke und Neuberlin ein. Von 1969 bis 1974 residiert der Nordhorner Manfred van Slooten am DJ-Pult. Mit dem Instrumental „Time Is Tight“ von Booker T. & The MGs gibt er an sechs Abenden in der Woche von 18 (!) Uhr bis in die späte Nacht die Tanzfläche frei. Getanzt wird zu Marvin Gaye und den Supremes, geschwoft zu „Sittin‘ On Dock Of The Bay“ von Otis Redding. Musik, mit der van Slooten vor allem sein weibliches Disco-Publikum auf die Tanzfläche lockt: „Die Männer folgten dann von ganz allein“. Zu später Stunde wechselt die Musikfarbe: „Zum harten Rock schüttelten die Langhaarigen ihre Köpfe“.

Single-Cover: Jeronimo: Heya / Santana: Jingo / Shocking Blue: Venus

Van Slooten berichtet von wöchentlichen Einkaufsfahrten, die ihn wie viele andere DJs aus der Region in den Plattenladen „Radioko“ nach Enschede führen. Dort kauft er aktuelle Single-Hits der internationalen Charts, aus denen die Besucher einmal pro Woche ihre „Hitparade“ auswählen. Capri-Gänger erinnern beliebte Titel wie „Heya“ von Jeronimo, „Everyday People“ von Sly & The Family Stone, der erste Santana-Hit „Jingo“ und „Venus“ von Shocking Blue. Diskotheken wie das „Whisky“ und „Capri“ sind aber nicht nur Orte zum Musikhören und Tanzen, sondern auch zwangloser Treffpunkt und Kontaktvermittlung, spätere Heirat nicht ausgeschlossen. So auch im Falle von DJ Manfred van Slooten, der seine Frau im „Capri“ kennenlernt und von etlichen früheren Gästen weiß, die eine vergleichbare Geschichte erzählen könnten.

Aufbruch in lustvolle Gefilde: Super-Flower-Pop-Op-Cola … alles ist in Afri-Cola

Abseits aller (notwendigen) Konsumkritik lassen sich manch zeitgenössische Werbekampagnen der späten 60er als verdichtete Beschreibungen des popkulturell infizierten Lebensstils der jungen Konsumenten lesen. So die Kampagnen für bundesdeutsche Cola-Marken wie „Sinalco-Kola“ und „Afri-Cola“. „Herz-Dame von Sinalco-Kola: Das kann mir gestohlen bleiben: Wenn einer Flipper für eine Fernsehsendung hält. Wenn ich Papa samstags seinen Wagen wienern soll. Wenn ich mit der Familie Ferien machen muss. Wenn ich auf Partys mit Salzstangen eingeladen werde. Wenn mir einer was verbieten will… Das hab‘ ich gern: Wenn mich ein Typ mitnimmt, der flippern kann. Wenn John & Yoko sich von hinten knipsen lassen. Wenn zum Festival der Hunderttausend 200.000 kommen. Wenn Mädchen unter Maximänteln Miniröcke tragen. Wenn mir einer was verbeaten will“.

Zwei Original-Werbeanzeigen von Sinalco Kola im STERN 1969 und 1970

Beinahe zeitgleich versetzt der Düsseldorfer Werbedesigner Charles Wilp die bundesdeutsche Jugend in den „Afri-Cola-Rausch“: „AFRI-COLA! Mini-cola als Stimulans. sexy-cola Stimmungselixier. super-cola Alkoholfreies Party Getränk. flower-cola Erfrischung auch bei schlechtem Wetter. Sexy-mini-super-flower-pop-op-cola. Alles ist in AFRI-COLA“.

Wilp verspricht ein ganz neues Lebensgefühl, das von hinter vereisten Scheiben lasziv tanzenden Models, gekleidet in weißer Nonnentracht demonstriert wird: „Auf in lustvolle Gefilde afri-colahungriger Gefühle“. In den im Fernsehen ausgestrahlten Werbespots verkündet eine markige Stimme vor dem infernalischen Lärm einer Wilp’schen Soundcollage die Zeitenwende: „Heirat oder nicht Heirat – das ist nicht mehr die Frage. Die Augen erzählen der Welt, dass sie verliebt sind. Afri-Cola. Menschen, die bewusst ihre Zeit genießen, bei vollem Verstand. Wach und mobil. Afri-Cola.“

Zwei Original-Werbeanzeigen von Afri-Cola im STERN 1968 und 1969

So richtig verstanden hat zunächst kaum jemand die verwirrenden und nebulösen Afri-Cola-Spots, die zwischen 1968 und 1972 im Werbefernsehen laufen: „Es war nicht richtig zu hören, was die Sirenen (darunter spätere Disco-Queens wie Amanda Lear und Donna Summer) hinter der vereisten Glasscheibe sirrten. Auch was sie dort taten, blieb weitgehend undurchsichtig, erst recht, was das alles mit einer Cola zu tun hatte, die nicht „die“ Cola war. Aber ganz egal, die lasziven Lockrufe aus dem unterkühlt-heißen-Weltraum Nymphen-Paradies waren trotzdem zu verstehen. Sie sagten: „Komm zu uns, auf die andere Seite“. Dahin, wo die neuen Gefühle, Bilder und Sinneswahrnehmungen warten. Dahin also, wo eigentlich alle hinwollten“. So gesehen, sind die Afri-Cola-Spots des Charles Wilp die visuelle Antwort auf einen programmatischen Rocksong der Doors: „Break On Through To The Other Side“.

Jahre später erzählte Charles Wilp dem STERN: „Es war eine Zeit, die sehr viel mit Rausch, mit Rauschzuständen zu tun hatte; darauf basiert auch zum großen Teil die „Sexy-Mini-Super-Flower-Konzeption … Werbung war damals so bieder und prüde wie die Gesellschaft. 1968 stellte ich sie mit Afri-Cola endgültig auf den Kopf. Ich bekam 15 Millionen Mark und gab 16 aus, um unter deutschen Dächern die soziale Distanz zum Sex abzubauen… Wenn meine Spots im Fernsehen liefen, wurden Kinder ins Bett geschickt. Der Klerus schnaubte, weil ich blutjunge Nonnen im Afri-Rausch taumeln ließ. Der Einzige, der nicht an den Plastikhalm wollte, war Rudi Dutschke. “Gib mir die 5000 Mark Gage lieber so, damit wir Kohlepapier für kaufen können“. Ich gab sie ihm. Er las mir dafür Karl Marx vor … Afri verkaufte sich wie verrückt … Ich war „Mister Afri-Cola“, bis mein Freund Joseph Beuys sagte: „Mach Schluss mit dem Konsumkram. Mach endlich was Anständiges“.

NINO wirbt für die Revolution – der Regenmode

Selbst die Nordhorner Textilfirma NINO greift in ihrer Werbung den Zeitgeist der Sixties auf.Im August 1968 veröffentlicht NINO eine ganzseitige Anzeige in der Zeitschrift „Twen“ und wirbt für die Revolution – der Regenmode: „In Paris zündete der Funke. Jetzt springt er über. Auch bei uns rebelliert die Jugend. Sie will andere Regenmäntel. Andere Wetterjacken. Daniel Hechter gibt sie ihnen. Aus hochwertigen NINO-Stoffen formte er seinen neuen Protest-Look. Die alte Generation der weiten Wettermäntel muss abdanken … die Zukunft hat schon begonnen … Machen Sie mit beim großen GO-IN! Werden auch Sie eine Anhängerin von Daniel Hechter und … NINO!“

NINO-Werbeanzeige aus TWEN Nr.8/1969

Neben dem „Protest-Look“ des jungen französischen Stardesigners Daniel Hechter bringt NINO eine „Bonnie & Clyde – Kollektion“ aus NINO-Stoffen auf den Markt. Für die Nordhiorner Textiler ein „Krimi-Dress und Killer-Look aus den 30er Jahren“, der inspiriert ist von dem Oscar-prämierten Gangsterfilm „Bonnie & Clyde“. Gerade viele junge Kinogänger begeistern sich für die von Faye Dunaway und Warren Beatty gespielten Outlaws, die am Ende tragisch im Kugelhagel der Polizei sterben. Die NINO-Werbung schlägt sanftere Töne an: Dort tritt Schlagerstar Roy Black in der Rolle des Clyde Barrow und das französische Starmodel Dominique Sanda als Bonnie Parker auf.

Original-Filmplakat: Bonnie & Clyde

Wie erkläre ich meinen Kindern die Welt der Sixties?

Im Frühjahr 1969 steht die Nordhorner Gymnasiastin Wiltrud van Biezen kurz vor ihrem Abitur. In der Schülerzeitung „Brücke“ denkt sie darüber nach, wie sie später einmal ihren eigenen Kindern die Welt der Jugend um 1968 erklären wird: „Der Beat – durch Beatles, Stones und Bee Gees im Leben meiner Generation – wird an die Stelle des Russlandfeldzugs treten und mit bunten Farben ausgeschmückt. Ich werde erzählen von Schule, Partys, Reisen und viel, viel Freizeit. Gammler sonnen sich in unseren Jugendtagen auf grünen Wiesen, und wenn wir uns mit ihnen beschäftigen, dann nur aus einem gewissen Neid heraus, weil wir sie an der Straße sehen, dem Glück nachfolgend, während wir noch zur Schule gehen um Sallust zu übersetzen. Dies wird die Erzählung unserer Jugend sein, eine Erzählung aus unbeschwerten Tagen.“

Die Liegewiese am Stadtring-Hallenbad. Foto: Rudolf Bulla

Und was ist mit der in Unordnung geratenen Welt, was mit der Protestbewegung der Sixties, mit Sit-Ins, Teach-Ins, mit Diskussionen und Demonstrationen auf den Straßen und in den Schulen, was mit dem Krieg der USA in Vietnam, was mit dem Einmarsch der Roten Armee der Sowjetunion in der damaligen Tschechoslowakei? Wie sich all das in Nordhorn widerspiegelte, erfahrt ihr in einer künftigen Folge unseres Blogs „Swinging Nordhorn“.

1 Zitiert nach: Diskjockey Jörg Marius bringt Nordhorns Jugend auf die Tische. In: GN vom 30.12.1969


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