Fühlfrisch und luftleicht – die junge Modewelt der frühen 70er

Zu Beginn der 1970er Jahre gilt Nordhorn mit seinen drei Großbetrieben NINO, Povel und Rawe als bedeutendstes Textilzentrum in Westdeutschland. Noch kommen die Stoffe für die Mode der 70er, für Schlaghose und Trenchcoat, für Hot-Pants, Mini- und Maxi, für Hosenanzüge, Jeans- und Cord aus den Designerbüros und Fabrikhallen der Nordhorner Textilindustrie. Die Jahre 1970 bis 1972 sind geprägt von hochfliegenden Plänen, steigenden Umsatzerwartungen und millionenschweren Auslandsinvestitionen. Die Arbeitslosenquote in der Grafschaft liegt bei 0,9 Prozent. Es herrscht Vollbeschäftigung. Händeringend suchen die Textilbetriebe nach Arbeitskräften. In den Schülerzeitungen finden sich ganzseitige Stellenanzeigen. Letztlich ist der Bedarf aber nur mit der Einstellung ausländischer Arbeitnehmer zu decken. 1973 stammen mehr als 10 Prozent der NINO-Beschäftigten aus Portugal.

Bei NINO und Povel setzt man auf die modischen Vorlieben der jungen Generation. Durch Verkaufs- und Werbekooperationen mit Kaufhausketten wie Karstadt und Kaufring wandert Kleidung aus NINO- und Povel-Stoffen von den Modeboutiquen in die Etagen großer Warenhausketten. Die Werbetexter greifen den Zeitgeist auf und schmeicheln der Jugend: POVEL-Jersey – Die junge Welt der 70er Jahre. Wie sie denkt, fühlt, lebt und tanzt. Jung und frei sein. So muss die Mode sein. Ohne Probleme. Pflegeleicht. Die Haut kann atmen. Unbeschwert“.

Derweil liefert NINO die passende Freizeitkleidung für den Sommer. Die Westdeutschen werden zum Urlaubs- und Reisevolk. Der Massentourismus in südliche Gefilde nimmt einen enormen Aufschwung. Das bietet Chancen. 1970 wirbt NINO in Jugend- und Modezeitschriften wie BRAVO, Freundin, Jasmin, Brigitte, Burda-Moden und dem STERN für einschlägige Kollektionen wie „Windflirt“, „Die Schmiegsamen“ und „Die Fühlfrischen“.

NINO 1970: Windflirt. Ein Augenblick, ein kurzes Lächeln und dann lange, luftige Spaziergänge. Die neuen zum-Verlieben-Mäntel von NINO, für draußen gewebt aus Diolen und Baumwolle. Trotzig geknöpft und geschnallt von 139,- bis 149,-DM.

NINO 1970: Die Fühlfrischen. Dieses Leben will, dass wir frisch sind … uns wirklich wohlfühlen. Die Fühlfrischen von NINO tragen – Mode aus einem herrlich leichten und frischen Stoff, von NINO gewebt aus Vestan-Kammgarn.

NINO 1970: Die Schmiegsamen. Feinheit, Weichheit, Zärtlichkeit. Die Schmiegsamen von NINO, die zarte Krone der reichen, weichen Jersey-Welle. Junge Jerseymode aus Diolen-Loft, liebevoll gemacht von NINO. Pflegeleicht und anschmiegsam. Zärtliche Mädchen haben einen neuen Namen, tragen einen neuen Trend: Die Schmiegsamen.

NINO-Werbeanzeigen „Die Luftleichten“, fotografiert von Christa Peters.

1971 folgt die Herrenkollektion „Die Luftleichten“, beworben im SPIEGEL, Kicker und Auto-Motor-Sport: „Wir möchten gut aussehen. Aber wir möchten uns gleichzeitig unbeschwert und frei fühlen. Die Luftleichten von NINO sind locker, luftig und leicht. Aus Trevira-Schurwolle mit Naturseide. Von NINO, dem großen Modemacher. Den hellblauen Freizeitanzug bekommen Sie für ca. 209,-DM in allen Hertie-Kaufhäusern, im KaDeWe, Berlin, im Alsterhaus, Hamburg.“

Für das heimische Publikum gibt es Modefotografien in der Betriebszeitschrift „NINO-Report“. Im Frühjahr 1971 präsentiert NINO-Mitarbeiterin Ilona Freytag am Verwaltungsgebäude an der Bentheimer Straße sowohl zeittypische Hot Pants wie auch eine hochmodische Kombination aus Schlaghose und taillierter Hemdbluse.

Kurzinfo: Die Modefotografin Christa Peters

Die von NINO und dessen in Düsseldorf ansässiger Werbeagentur TEAM bevorzugte Modefotografin ist die in London lebende Christa Peters. Zwischen 1963 und 1972 bildet Christa Peters eine Vielzahl an NINO-Kollektionen ab. Ihre Handschrift prägt etliche Anzeigenkampagnen und Modereportagen.

Christa Peters am Rheinufer in Köln um 1958. Foto: Roger Fritz

Erste Aufnahmen von Christa Peters (1933-1981) erscheinen seit 1954 in den Frauenzeitschriften „Elegante Welt“ und „Madame“ sowie im „Aufwärts“, einer Jugendzeitschrift des DGB. Reisereportagen führen sie nach Paris, Marseille und Algier. Ab 1958 zählt Christa Peters zu den Gründern und ersten Mitarbeitern der Kultzeitschrift TWEN, deren erste Ausgabe im April 1959 erscheint. In den frühen 60ern pendelt die Fotografin zwischen Studios in Köln und New York. 1966 eröffnet sie gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann, dem Fotografen Chadwick Hall, ein eigenes Studio in London.

Bis weit in die 70er erscheinen ihre Aufnahmen im STERN, SPIEGEL, den Frauen- und Modezeitschriften „Praline“ und „Freundin“, der britischen Ausgabe der „Vogue“ und in der „NOVA“, dem englischen Gegenstück zur bundesdeutschen TWEN. Sie etabliert sich in der Londoner Popszene, fotografiert für Plattencover (u.a. für Roxy Music) und beschäftigt sich mit erotischer Fotografie. Leider verlieren sich ihre Spuren im London der späten 70er. 1981 stirbt Christa Peters im Alter von gerade 48 Jahren durch eine plötzlich auftretende schwere Krankheit. Schmerz und Trauer veranlassen Chadwick Hall, ihr gesamtes Londoner Bildarchiv zu verbrennen. Tragische Ereignisse, die ihr fotografisches Werk über viele Jahre ganz zu Unrecht in Vergessenheit geraten lassen.

Es ist dem Stadtmuseum Nordhorn zu verdanken, dass Christa Peters „wiederentdeckt“ wurde. Dort erschien 2016 ein Katalog zur gleichnamigen Ausstellung „Christa Peters – Wiederentdeckung einer (fast) vergessenen Fotografin“.


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