In den 70ern öffnen sich den jungen Menschen in Nordhorn zuvor verschlossene Räume und Plätze: So die Aula des Gymnasiums, die sich im Juli 1972 in ein „Hitparadies“ verwandelt. So die Rasenflächen des Stadtparks, in dem im Juni 1972 ein erstes Open-Air- Rockfestival stattfindet. So ein altes Bauernhaus an der Denekamper Straße, in dem im März 1973 ein kommunales Jugendzentrum eröffnet wird. Aber der Reihe nach:
Die NDR-Diskothek oder „der Einsatz der Stadt Nordhorn für junge Leute“
In ganz Norddeutschland zieht die „NDR-Diskothek“ bei ihren seit Jahresbeginn 1972 live im NDR-Radio ausgesendeten Disco-Veranstaltungen tausende junger Leute an. Neben aktuellen Hits aus der „Internationalen Hitparade“ des NDR präsentieren die Radio-DJs Stargäste aus der bundesdeutschen Pop- und Schlagerszene.
Im Juli 1972 spielt die NDR-Diskothek in der ausverkauften Aula des Gymnasiums Nordhorn zum Tanz auf. Stargäste sind die Hamburger Folksängerin Rebekka und der als „Mister Bombenfest“ angekündigte Schlagersänger Bernhard Brink, frisch gebackener Abiturient des Gymnasiums Nordhorn. Im April 1972 hat der 20jährige Nordhorner seine erste Single „Bombenfest“ in der ZDF-Hitparade vorgestellt. Die Folge: Überstunden beim Postamt Nordhorn. Bis zum Juli erhält Bernhard Brink 15.000 Zuschriften mit der Bitte um ein Autogramm. Bei der NDR-Diskothek ist er zum ersten Mal live im Radio zu hören.

Im Rathaus ist man stolz, die NDR-Disco nach Nordhorn geholt zu haben: „Die NDR-Diskothek ist eine Sendereihe, die alljährlich in den Sommermonaten live aus Orten im norddeutschen Raum übertragen wird. Die Sendung beginnt um 19.30 Uhr. Nach Ende wird bis 22 Uhr weiter Musik zum Tanzen gespielt […] Die Stadtväter hoffen, dass dieser Tanzabend für junge Leute nicht nur Imagepflege und überregionale Werbung sein soll, sondern zeigt, dass sich Nordhorn auch für die Belange junger Menschen einsetzen will“.
Mit dem Einsatz für junge Leute ist es aber so eine Sache. Eine Zeitlang steht die Durchführung der NDR-Diskothek auf des Messers Schneide. In einem Protokoll des Verwaltungsausschusses der Stadt Nordhorn vom 23. Juni 1972 ist zu lesen: „Mit Schriftsatz vom 22. Juni protestiert der Schulleiter des Gymnasiums, Oberstudiendirektor Mikin, „schärfstens“ gegen den Beschluss der Stadt, in der Aula die NDR-Diskothek durchzuführen“.
Das aber lässt die Stadtverwaltung nicht auf sich sitzen: „Die Verwaltung hat die Einwände der Schule geprüft und festgestellt, dass sie sämtlich auszuräumen sind:
1. Die Schule verlangt, dass die Aula am nächsten Morgen um 07.40 Uhr wieder für den Unterricht (Klassenarbeiten) bereitstehen müsse. Sie ist nicht gewillt, zu prüfen, ob dieser Termin um eine Stunde oder um wenige Minuten (7.55 Uhr) verschoben werden kann. Anmerkung: Nach erster Rücksprache mit dem Fuhrpark wird das Gestühl in der Nacht oder ab 6.00 Uhr morgens wieder eingestellt.
2. Die Schule bezieht sich auf einen Kultusminister-Erlass, der Alkoholausschank und Rauchen in Schulen verbietet. Anmerkung: Die Schule will dabei nicht einsehen, dass sich dieser Erlass nicht (!) auf außerschulische Veranstaltungen beziehen kann. Beispielsweise könnte der Kultusminister mit diesem Erlass einem in der Schule tagenden Stadtrat nicht verbieten, während der Sitzung zu rauchen und dabei eine Flasche Pils zu trinken.
3. Herr Mikin äußerte die Befürchtung, sein Hausmeister werde kündigen, falls die Veranstaltung in der Aula durchgeführt werde. Anmerkung: Der Hausmeister zog zwischenzeitlich seine Drohung, er werde am Veranstaltungstage das Haus demonstrativ verlassen, zurück, nachdem ihm eine bescheidene zusätzliche Aufwandsentschädigung in Aussicht gestellt wurde.
4. Die Schule fürchtet um die Sicherheit des Gebäudes. Anmerkung: Am Veranstaltungsabend sind im Einsatz: a) Stadtjugendpfleger ten Voorde mit vier Mitgliedern des Stadtjugendrings. b) Sieben Junglehrer, die den Getränkeausschank besorgen. Sie wollen durch ihre Aktion und Präsenz das Lehrer-Image aufpolieren. c) Arbeiter des Fuhrparks. d) Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr. e) Raumpflegerinnen der Firma Gebäudereinigung Alfs, Nordhorn. f) Die Bereitschaftspolizei. g) Stadtamtmann Funk aus dem Büro des Stadtdirektors (Koordination).
Der Einspruch der Schulleitung wird abgewiesen: „Das öffentliche Interesse überwiegt. Schulische Bedenken können aus dem Weg geräumt werden. Wenn weitere Veranstaltungen mit dem NDR folgen sollen, ist der gute Kontakt zwischen Nordhorn und dem NDR Hamburg zu pflegen und aufrechtzuerhalten. Keinesfalls darf der NDR mit seiner Diskothek aus der Aula des Gymnasiums ausgeladen werden“.

Von all dem Ärger im Vorfeld unbelastet stehen die Jugendlichen am 9. Juli 1972 in Scharen vor den Türen des Gymnasiums, um in das Hitparadies der NDR-Disco eingelassen zu werden:
„Der Sturm der Beatfans brach los […] schon bevor die Radioübertragung begann, drehten sich die ersten Scheiben und die Tanzlustigen füllten die Tanzfläche, dicht umstellt von Schaulustigen. […] Bernhard Brink begeisterte seine Nordhorner mit „Bombenfest“ […] Herzlich willkommen hieß auch Bürgermeister Buddenberg Nordhorns tanzende Jugend. Eine Hörfunksendung lang gab er sich als Beatanhänger und feierte fröhlich mit. Die NDR-Diskothek war für Nordhorn sicher keine schlechte Werbung“.
Woodstock 1969 – 400.000 dufte Leute auf der Kinoleinwand
Stadtparkfestival Nordhorn 1972 – 600 dufte Leute auf der grünen Wiese
Ein Ereignis, dass im Leben vieler junger Menschen weitaus nachhaltigere Spuren hinterlässt als die erste Landung auf dem Mond in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1969, ist das legendäre Woodstock-Festival, das vom 15. bis 18. August 1969 rund 400.000 junge US-Amerikaner auf den grünen Wiesen des Milchfarmers Max Yasgur am White Lake-See im idyllischen Bethel im Bundesstaat New York feiern. Weitere 100.000 erreichen das Festivalgelände gar nicht erst, da die wenigen Zufahrtsstraßen im Umkreis von 50 km vollkommen verstopft sind. Die Szenerie gleicht dem Auszug des auserwählten Hippie-Volkes in das gelobte Land. „We are stardust / we are golden / and we got to get back to the garden“, lautet der Refrain des Songs “Woodstock” von Joni Mitchell. Auf dem Woodstock-Festival spielen eine lange Reihe von Rockbands und Folksängern, die als musikalisches Aushängeschild einer Jugend- und Protestkultur gelten, die sich mit Stichworten wie Hippie-Bewegung, dem Widerstand gegen den Vietnamkrieg und dem Aufbegehren gegen überkommene Moralvorstellungen verbindet. Im Gegensatz zur Mondlandung wird das Woodstock-Festival nicht weltweit im Fernsehen oder Radio übertragen. Stattdessen erscheint in den hiesigen Tageszeitungen wie den Grafschafter Nachrichten zunächst nur ein kleiner Bericht der Deutschen Presse-Agentur über „Die neue Kultur der wunderbaren Leute“. Als aber im Herbst 1969 Jugendzeitschriften wie die TWEN und SOUNDS erste Berichte und Fotografien vom Woodstock-Festival veröffentlichen, wächst das Interesse. „Woodstock“ wird zur Märchenerzählung von einem Festivalabenteuer im Zeichen von „Love & Peace“. Die weitere Kunde von Woodstock erreicht den Nordwesten der Republik über das Radio, die Plattenläden und das Kino: Im Sommer 1970 erobern die britischen Folkrocker „Matthews Southern Comfort“ mit ihrer Version der Festivalhymne „Woodstock“ die Hitparaden der meistgehörten Radiosender wie NDR 2 und Hilversum III.

Woodstock in den Grafschafter Kinos
Zu Jahresbeginn 1971 erscheint der Festivalfilm „Woodstock“ in den bundesdeutschen Kinos. Allerdings ist die Originalversion des dreieinhalbstündigen Films, der in den USA wegen einiger Drogen- und Nacktbadeszenen für unter 18jährige verboten ist, für die deutschen Kinos um 30 Minuten gekürzt.Im März 1971 kündigt das „Schauburg-Kino“ in Schüttorf an: „Woodstock – der Festivalfilm. Drei Tage des Friedens, der Musik und der Liebe – in den Hauptrollen: Joan Baez – Joe Cocker – Santana – Ten Years After – The Who – Jimi Hendrix – und 400.000 andere dufte Leute“.

Im Nordhorner Astoria-Palast feiert der Film erst im Januar 1972 Premiere. Das Kino ist ruckzuck ausverkauft. Statt in der Schlammwüste von Woodstock sitzen wir im Kino und können kaum glauben, was auf der Leinwand zu sehen und zu hören ist: Junge Menschen, die genau dem freizügigen Lebensstil huldigen, vor dem uns unsere Eltern immer gewarnt haben. Zweieinhalb Stunden herrliche Musik: fröhlicher Bluesrock von Canned Heat, aufrüttelnder Anti-Vietnam-Protest von Country Joe & The Fish; feuriger Latinrock von Santana; funky Soul von Sly & The Family Stone, der die Hippies zum Tanzen bringt; virtuose Gitarrenkünste von Alvin Lee (Ten Years After mit ihrem „I‘m Going Home“), energiegeladener britischer Rock von Joe Cocker und The Who – und – als letzter Act – Jimi Hendrix, der den Zorn und Protest des jungen Amerika in seiner Version der Nationalhymne „Star Spangled Banner“ verewigt. Bald folgen weitere Festival- und Konzertfilme wie „Monterey Pop“; „Gimme Shelter – die Rolling Stones in Altamont“ und „Jimi Hendrix At Berkeley“.

Zeitgleich liegt das Dreieralbum „Woodstock“ mit ersten Liveaufnahmen in den Regalen der Plattenläden.Mit dessen Erfolg schmelzen die Schulden der Woodstock-Organisatoren wie das Eis in der Sonne. Wie manch einer seiner Freunde refinanziert der zu jener Zeit 14jährige Autor den freien Eintritt der Festivalbesucher, indem er sein gesamtes Taschen-, Kirmes- und Zeugnisgeld zusammenkratzt, eine ansehnliche Spende seiner kopfschüttelnden, aber freigiebigen Großeltern erbittet, und im örtlichen Plattenhandel das Woodstock-Album zum stolzen Preis von 60 DM erwirbt.
Durch Pop geht nichts kaputt – erste Open-Air-Festivals in der Grafschaft Bentheim
1972 infiziert der „Woodstock-Virus“ die Grafschaft Bentheim. Im Sommer 1972 finden Open-Air-Festivals im Stadtpark Nordhorn, auf der Freilichtbühne in Bentheim und auf dem Schulhof des Schulzentrums Emlichheim: „Popmusik schuf in Nordhorns Stadtgarten eine malerische Szene. Rund 600 Besucher lauschten den Bands „Zest Eel“, „Wiff & Co“ und „The Crew“. Die Freundinnen der Musiker gingen mit einem Hut herum“. Der Woodstock-Film löst in den Niederlanden und der Bundesrepublik eine anhaltende Welle von Open-Air-Festivals aus. Seither gilt der Merksatz:
„Wann immer seither zwei Pommesbuden einer mittleren PA begegnen, ist Woodstock mitten unter ihnen“.

Die Popfestivals an der Freilichtbühne in Bentheim
In Bentheim hat der Stadtjugendring mit einem kurzfristigen Ausfall der Hauptattraktion zu kämpfen. Einen Tag vor dem Festival teilt die niederländische Band „Cuby & The Blizzards“ mit, dass sie sich „aufgrund psychischer Störungen einzelner Mitglieder“ aufgelöst habe. Als Ersatz springen drei „Schülergruppen“ aus der Grafschaft Bentheim ein:
„Das erste Popfestival auf der Freilichtbühne in Bentheim, das beinahe der seelischen Allergie der „Cuby & The Blizzards“ zum Opfer gefallen wäre, wurde improvisiert und mit 700 Besuchern zu einem überraschenden Erfolg. […] Bentheims Felsenbühne war eine prächtige Kulisse für das Festival der Jugend. Als nach Einbruch der Dunkelheit die Scheinwerfer aufflammten, wurde es im weiten Rund trotz hämmernder Synkopen beinahe romantisch“.

Der Bentheimer Stadtjugendring lässt sich jedenfalls nicht entmutigen. Im Verlauf der 70er wird die Freilichtbühne Bentheim zum Schauplatz weiterer Open-Air-Festivals, bei denen eine Reihe bundesdeutscher (Atlantis, Birth Control, Embryo, Guru Guru, Wallenstein) und niederländischer Spitzenbands (Alquin, Earth & Fire, Sandy Coast, Solution) zu Gast sind. In der Erinnerung des Freilichtpublikums gilt der Auftritt der Hamburger Soulrockband Atlantis bis heute als Höhepunkt der gesamten Festivalreihe: „Bei Atlantis kochte die Volksseele. Rhythmisches Klatschen und wildes Kopfschütteln im Takt der harten Rockmusik. Atlantis brachte den Boden der Naturbühne zum Zittern und die 2000 Zuschauer zu leidenschaftlichen Beifallskundgebungen. Vor allem Inga Rumpf, die die gesamte Bühne für sich benötigte, riss das Publikum durch ihre rauchige Stimme mit…“.
Ein niederländischer Boutiqueninhaber organisiert das Open-Air in Emlichheim
Im September 1972 versammeln sich 1500 Besucher zum ersten Open-Air in Emlichheim. Viele kommen mit Sonderbussen aus deutschen und niederländischen Nachbarorten. Das Festival erfährt eine intensive Berichterstattung. Schon Wochen zuvor ist in den GN zu lesen: „Organisiert und finanziert wird das Popfestival von der noch heute aktiven „Bürgergemeinschaft Emlichheim“ und zwei jungen, in Emlichheim ansässigen Holländern: Roelof Goos, Inhaber der Boutique „Modecenter“, mit der er nach eigenen Aussagen „die Levis-Jeans nach Emlichheim brachte“ und seinem Freund Johann van Dijk, der eine Gaststätte betreibt. Beide verfügen über gute Kontakte in die niederländische Popszene und können die Bands im Package buchen. „Earth & Fire“ treten für ganze 2.000, – DM auf. Die Gesamtkosten des Festivals beziffert Goos auf 6.000, -DM, für die neben Goos und van Dijk zwei Mitglieder der Bürgergemeinschaft privat garantieren. Das Festival wird von den Rundfunksendern Hilversum III und NDR 2 auf beiden Seiten der Grenze intensiv beworben“.
Man rechnet mit über 3.000 Besuchern. Die Bühne stellt die niederländische Nachbarstadt Coevorden, für die notwendigen Stromanschlüsse sorgt die Gemeinde Emlichheim, den Ordnerdienst übernimmt die Freiwillige Feuerwehr. Dennoch steht das Festival zeitweilig auf des Messers Schneide. Wie im Falle des Woodstock-Festivals regt sich vor Ort auch in Emlichheim einiger Widerstand, zu dessen Sprachrohr die SPD-Fraktion im Gemeinderat avanciert. Auf einer außerordentlichen Gemeinderatssitzung äußert die SPD etliche Bedenken hinsichtlich der „Aufrechterhaltung von Ruhe, Sicherheit und Ordnung, den Schutz von Gemeindevermögen und einer eventuellen Störung des Nachmittagsgottesdienstes in der reformierten Kirche“. Zum Glück für die Festivalmacher kann der Vorstand der Bürgergemeinschaft die Vorbehalte entkräften, zumal man kurzfristig noch eine Haftpflichtversicherung über die stolze Deckungssumme von einer Million abschließt. Erleichtert nehmen die Bedenkenträger den montäglichen Festivalbericht zur Kenntnis: „Durch Pop ging nichts kaputt: Die Schulen standen noch, waren nicht kurz und klein geschlagen […] während des Festivals verteilte die Organisation „Nordhorn ohne Drogen“ ihre Flugblätter. Nur leichte Schwaden eines süßlichen Rauches zogen über den Platz […] Earth & Fire erfüllten die Erwartungen. Begeisterte Ovationen begleiteten ihren Auftritt, der erst kurz vor Mitternacht endete. Emlichheim hat den Ansturm von 1500 musikbegeisterten Jugendlichen gut überstanden. Jetzt haben die Bürger wieder ihre Ruhe. Sie brauchen keine Angst mehr vor campierenden Gammlern zu haben und die 600-Watt-Verstärker werden ihnen nicht mehr den wohlverdienten Schlaf rauben“.
Ein Jugendzentrum fällt nicht vom Himmel: Zur Vorgeschichte des Jugendzentrums Nordhorn
Zu Beginn der 70er entstehen an über 1.300 Orten in der Bundesrepublik Jugendzentrums-Initiativen. Bis 1974 sind sie in etwa 300 Fällen erfolgreich. Zur Hymne der Bewegung wird der „Rauch-Haus-Song“ der Berliner Band „Ton, Steine, Scherben“ von 1972. Der Song entsteht während der Auseinandersetzungen um die Besetzung des Schwesterwohnheims „Martha-Maria-Haus“, einem Nebengebäude des leerstehenden Bethanien-Krankenhauses in Berlin-Kreuzberg. Die Besetzer richten dort ein Jugendwohnkollektiv und mit dem „Georg-von-Rauch-Haus“ eines der ersten Jugendzentren in der Bundesrepublik ein. Die meisten Jugendzentren entstehen aber nicht in den Großstädten. Die Bewegung erfasst vorrangig den ländlichen Raum, darunter auch die Grafschaft Bentheim.

Schon 1963 fordert der Stadtjugendring ein „Jugendhaus der offenen Tür“
Speziell in Nordhorn hat der Ruf nach Einrichtung eines Jugendzentrums eine längere Vorgeschichte. Denn bereits im Januar 1963 fordert der Stadtjugendring die Einrichtung eines „Jugendhauses der offenen Tür“ – und macht konkrete Vorschläge zur Gestaltung und Nutzung der Räume. Fast vier Jahre später, im Dezember 1966 fragt der Stadtjugendring erneut „Wohin heute Abend?“ und verbindet dies mit der Forderung nach einem Tanzlokal für junge Leute oder einem nichtkommerziellen Jugendtreff mit einem Raum für Discotheken-Abende. Zu dieser Zeit öffnen die ersten Diskotheken in Nordhorn. Aber schon bald beklagen junge Leute den Konsumzwang, die Zugangsbeschränkungen (Eintritt nur ab 18!), die Musikauswahl und die beengten Räumlichkeiten wie die in aller Regel „viel zu kleinen Tanzflächen“. Es passiert allerdings nichts. Noch stellen sich Stadtrat und Stadtverwaltung taub.
1970 entsteht in Nordhorn eine Jugendzentrumsinitiative
Weitere vier Jahre später, im Dezember 1970 gründet sich in Nordhorn eine erste Initiative für ein städtisches Jugendzentrum, deren Mitstreiter eine zeittypische Mischung von JZ-Aktivisten bilden. Wie fast überall stellen Schüler das Gros der Aktivisten. Tonangebend sind Gymnasiasten, Schüler der höheren Handelsschule und einige jüngere Studierende aus Münster oder Osnabrück, die noch Kontakt zu ihrem Heimatort pflegen. Zur Initiative in Nordhorn zählen einige jugendliche Veranstalter von Rockkonzerten aus der Schülervertretung der Handelsschule, Vertreter aus der SV des Gymnasiums Nordhorn, Mitglieder aus der Verbandsjugend (stark vertreten ist der gymnasiale Schülerverband der Katholischen Jugend und die Gewerkschaftsjugend). Die Rockkonzerte des „JÜ3-Veranstaltungsteams“ der Handelsschule in der Pausenhalle des neugebauten Berufsschulzentrums und im KTS finanzieren die JZ-Initiative.

Im Jahresverlauf 1972 schließen sich etliche „linke“ Schüler, junge Rockmusiker und manch Lehrlinge aus den Handels- und Textilbetrieben der Stadt der JZ-Initiative an. Politisch sind viele dem linksstehenden, aber parteiunabhängigen Republikanischen Club, den Jungsozialisten in der SPD oder der DKP-nahen „Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ)“ verbunden. Drei Dinge sind (fast) allen Beteiligten klar. Die Kommunalwahlen 1972, bei denen erstmals das Wahlalter von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt ist, bieten eine große Chance für die Einrichtung eines kommunalen Jugendzentrums. Klar ist auch, dass die Einrichtung eines JZ in einer überschaubar mittelgroßen Stadt wie Nordhorn nur dann gelingen kann, wenn man politisch heterogene Elemente vereint und integriert. Und drittens ist allen klar, dass man der Stadt eine konkrete Räumlichkeit vorschlagen muss. Diese wird nach einigem Hin und Her mit dem inmitten der Stadt gelegenen Hof Rigterink, einem in Teilen leerstehenden Hofgebäude, gefunden.

In Flugblättern und Leserbriefen ist zu lesen:„Wir haben Probleme in kirchlichen Jugendhäusern mit Kirchengremien und Hausmeistern“. Artikuliert wird ein „Bedürfnis nach sinnlichen Erfahrungen: „Wir haben den Wunsch, den eigenen Körper zu entdecken, dem Alltag in Schule und Lehre zu entfliehen […] außerhalb der kontrollierten Räume von Schule, Betrieb, Elternhaus und Kirche wollen wir neue Erfahrungen mit Jungen/Mädchen machen. Wir wollen uns kennen- und berühren lernen“. Einige haben sehr viel konkretere Vorstellungen. Sie wollen eine Art alternative Diskothek:
„Der Wunsch aller Jugendlichen Nordhorns an ein Jugendzentrum ist: eine Diskothek mit guter Musik und guten Preisen … es kommt darauf an, die Jugendlichen aus miesen Diskotheken, wo sie mit ihren Problemen alleingelassen werden, herauszuholen“.
Vorbild für etliche JZ-Aktivisten ist das 1970 eröffnete Jugendzentrum im niederländischen Almelo. Dessen Programm enthält eine Mischung aus Beat- und Tanzveranstaltungen am Wochenende, verfügt über eine eigene Beziehungs- und Drogenberatung und Räumlichkeiten für Arbeitskreise aus dem Bereich Film, Musik und Technik.
Der Stadtrat beschließt: Im Hof Rigterink wird ein Jugendzentrum eingerichtet
Im Vorfeld der Kommunalwahlen vom Oktober 1972 startet die „Jugendinitiative für ein freies Jugendzentrum Nordhorn“ (JINOH) eine öffentliche Kampagne, die zum Ergebnis hat, dass eine Mehrheit im Nordhorner Stadtrat – nicht zuletzt im Blick auf ihre Wahlchancen bei der jungen Generation – noch im Juli 1972 die Einrichtung eines Jugendzentrums beschließt: Die GN vermelden: Jugend hat ihren Willen durchgesetzt: Nordhorn richtet freies Jugendzentrum ein. Kurze, aber lebhafte Debatte im Stadtrat mit einem Hauch von Wahlkampf“. Unmittelbar nach den Kommunalwahlen, aus denen die SPD zum ersten und einzigen Mal mit einer absoluten Mehrheit hervorgeht, beginnen die Ausbauarbeiten am Hof Rigterink. Mit dem Stadtjugendring, den Jugendorganisationen der Parteien (Junge Union und Jusos) und der JINOH berät die Stadtverwaltung über eine Satzung, Finanzierung und eine Nutzungsvereinbarung.
Jugendliche helfen bei der Ausgestaltung des künftigen Jugendzentrums. Foto: Rudolf Bulla
Wer soll das Jugendzentrum leiten – der Konflikt ums Personal
Zum Konfliktpunkt wird aber eher die Personalfrage: Wer soll das Jugendzentrum leiten? Die JINOH engagiert sich für die Einstellung des in Nordhorn als DKP-Mitglied bekannten Karl-Wilhelm ter Horst, der an der Universität Münster gerade ein Studium der Soziologie und evangelischen Theologie absolviert. Alle anderen, ob die SPD-Stadtratsfraktion oder die eher „realpolitisch“ agierenden Vertreter der Jugendverbände und das „JÜ3-Team“ bevorzugen die an der Lebenshilfe Nordhorn tätige Sozialpädagogin Marlis Engels. Kein Wunder: Im Januar 1973 zieht Karl-Wilhelm ter Horst seine Bewerbung zurück. Er betrachtet die Bewerbung als aussichtslos und möchte zudem eine baldige Eröffnung des JZ nicht gefährden.
Bei einer Sprechstunde von Bürgermeister Gemmeker verlangt die JINOH die Einstellung von Karl-Wilhelm ter Horst. Foto: Rudolf Bulla
Am 25. Januar 1973 erhält die zuvor sehr zögerliche Marlis Engels einen Anruf direkt aus dem Rathaus. Am Telefon der neu gewählte SPD-Bürgermeister Cornelius Gemmeker. Sein Anliegen: In drei Tagen finde die erste Vollversammlung der am JZ interessierten Jugend statt. Dort könne die Stadt nicht mit leeren Händen erscheinen. Sie solle sich bitte noch am gleichen Abend zur Übernahme der Stelle als JZ-Leiterin entscheiden. Marlis Engels sagt zu. Ihre erste Amtshandlung: Am Samstagabend, den 24. Februar 1973 sitzen rund 20 JINOH-Aktivisten in der damaligen Wohnung der Familie Engels, um erste Tuchfühlung in Sachen „Zukunft des JZ“ aufzunehmen. Der Abend endet in gutem Einvernehmen.
Marlis Engels vor dem JZ. Foto: Rudolf Bulla
Eine Woche später, am 3. März 1973 wird das Jugendzentrum eröffnet. Die GN berichten: „Die Eröffnung hatte Popfestival-Charakter […] Nach etlichen Grußworten übernahm die Nordhorner Band Wiff & Co die Regie im neuen Jugendzentrum. Unter ihren progressiven Klängen wurde die Tenne des ehemaligen Bauernhofes erstmals zum Tanzboden für rund 300 Jugendliche“. Und damit beginnt die Geschichte des Jugendzentrums Nordhorn, die wir an anderer Stelle weitererzählen.
Mit freundlicher Unterstützung der

