Die Grafschaft im Mambo-Fieber – im Kino läuft „Dirty Dancing“

Hätten Sie’s gewusst? Vom Dezember 1987 bis Ende April 1988 läuft der Tanz- und Liebesfilm „Dirty Dancing“ im Nordhorner Capitol-Kino – 18 Wochen lang. Die verführerische Qualität des Films bringt den Paartanz zurück in die Diskotheken. Die GN melden: „Auch Grafschafter im Mambo-Fieber. Dirty Dancing löste Ansturm auf Tanzschulen aus. Viele hat der Ehrgeiz gepackt, es den Filmvorbildern Jennifer Grey und Patrick Swayze gleichzutun“.

Im Mai 1988 erscheint eine ganzseitige Reportage, in der GN-Redakteur Detlef Kuhn dem Dirty Dancing-Mambo-Fieber nachspürt: „Wie viele junge Frauen hat die 22jährige Lisa den Film bereits sechsmal gesehen. Sie ist begeistert von der Entwicklung der Hauptdarstellerin im Film. Das wohlbehütete Mittelstandskind Baby Houseman (gespielt von Jennifer Grey) ist im Sommer 1963 in einem Urlaubscamp in den USA von ihrem Tanzlehrer Johnny (gespielt von Patrick Swayze) fasziniert, einem gelernten Maurer, der mit seinen Kumpels pausenlos Tanzorgien veranstaltet. Innerhalb weniger Tage mausert sich Baby unter Anleitung von Johnny vom Aschenputtel zum Tanzteufel – die Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf. In der Bude von Johnny kommt es dann zum Höhepunkt: die beiden tanzen hinreißend Mambo – und landen dann im Bett. So ist es eben – das Mambo Fieber.

Ein Fieber, das rund 100 jung und jung gebliebene teilen, die sich seit vier Wochen an jedem Samstag in der Tanzschule Jobmann am Mambo-Tanz versuchen. Der Tanz vermittelt ein ganz anderes, positives Lebensgefühl – über dem man alles andere vergessen kann. Da zählt nur noch der gelungene Hüftschwung und die Hingabe an den Rhythmus der Musik. Tanzlehrerin Christina Jobmann gibt die Regieanweisungen. Es wird deutlich, weshalb beim Mambo die Körpermitte viel wichtiger ist als die Füße. Jetzt sieht man, was daraus entspringt, was den Tanz so auffällig und das Erlernen so begehrenswert macht – die Erotik: „Wir schieben die Hüfte über den linken Fuß… so ist die Hüftbewegung da und ich mach‘ meinen Partner an“.

Der Mambo kommt eindeutig aus dem „Busch“. Anschaulicher als Christina Jobmann kann man nicht formulieren, was den Tanz ausmacht. Er ist eigentlich etwas für Leute, die ein anderes Verhältnis zu ihrem Körper haben als die Europäer. Im Mambo paaren sich der freche Rhythmus des Cha-Cha, die Hüftbewegung aus dem Samba, die Domninanz des Herren aus dem Paso Doble, die Erotik des Rumba und der Spaß am Jive zu jener fröhlich stimmenden Mischung, die so unwiderstehlich ist. Die für den „schmutzigen“, da exotisch-erotischen Tanz entflammten jungen Leute hält es nicht mehr in den Kinosesseln. Nicht nur in Nordhorn füllen sie die Tanzstudios und Diskotheken.“

Denn die Diskotheken veranstalten nun Tanzwettbewerbe zum Film. Eine Anzeige des „Paper Moon“ in Lohne vom Mai 1988: „Action-Super-Fete: gesucht wird ein Traumpaar ala Dirty Dancing. Wer tanzt wie „Baby“ und „Johnny“? Vorausscheidung zum bundesweiten Dirty-Dancing-Tanzwettbewerb. Dem Siegerpaar winkt eine Flugreise nach Hollywood“.

Es sollte weitere 12 Jahre dauern, bis die ABC-Filmtheaterbetriebe vergleichbar erfolgreiche Filme zeigen sollten: Das waren die achtteilige Serie der Harry-Potter Filme vom Auftakt in 2001 mit „Harry Potter und der Stein der Weisen“ bis zum Finale „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes (Teil 2)“ im Jahre 2011 sowie die „Herr der Ringe – Filmtrilogie“ des neuseeländischen Regisseurs Peter Jackson. Insgesamt 11 Filme, die zwischen 2001 und 2011 für lange Schlangen vor der Kinokasse des Astoria-Palastes sorgten.

Was es sonst noch gab? Die Kinohitparade aus dem Nordhorn der 80er:

Platz 1: Dirty Dancing, Tanzfilm, Regie: Emile Ardolino, USA 1987 (18 Wochen)

Platz 2: Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, Dokumentardrama, BRD 1981, Regie: Ulrich Edel (9 Wochen)

Platz 3: Otto, der Film, Comedy, Regie: Xaver Schwarzenberger, BRD 1985 (9 Wochen)

Platz 4: Theo gegen den Rest der Welt, Loser-Komödie, Regie: Peter Bringmann, BRD 1980 (8 Wochen)

Platz 5: Drei Männer und ein Baby, Gesellschaftskomödie, Regie: Coline Serreau, Frankreich 1985 (7 Wochen)

Platz 6: Zurück in die Zukunft, Hollywood-Komödie, Regie: Robert Zemeckis, USA 1985 (7 Wochen)

Platz 7: E.T. der Außerirdische, Science-Fiction-Märchen, Regie: Steven Spielberg, USA 1982 (6 Wochen)

Platz 8: Das Boot, Weltkriegsdrama, Regie: Wolfgang Petersen, BRD 1980 (6 Wochen)

Platz 9: Das Imperium schlägt zurück – Krieg der Sterne, Teil 2, Space-Opera, USA 1980 (5 Wochen)

Platz 10: Blues Brothers, Musikkomödie, Regie: John Landis, USA 1980, (4 Wochen) …


Wir sind unterwegs im Auftrag des Herrn. Es sind 106 Meilen bis Chicago, der Tank ist voll, wir haben ein halbes Päckchen Zigaretten, es ist dunkel und wir tragen Sonnenbrillen“ (Zitat aus dem Film „Blues Brothers“, 1980)

Weitere vor allem von jungen Leuten besuchte Angebote der ABC-Filmtheater:

Purple Rain“ von Prince (USA 1984); die Rock-Fantasie „Streets On Fire – Straßen in Flammen“ (USA 1983) – und das in den USA gedrehte Roadmovie „Paris, Texas“ von Wim Wenders (1984).


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