Vor 50 Jahren sieht es in der Nordhorner Kinolandschaft noch ganz anders aus. Es gibt nicht ein einziges UCI-Kino de Luxe (mit luxuriösen Sitzen, Ticket- und Popcorn-Preisen), sondern die drei Kinos der ABC-Filmtheaterbetriebe: Den Astoria-Palast am Stadtring, das Capitol an der Neuenhauser Straße und das Bavaria an der Bentheimer Straße (abgerissen im Jahre 2017), allesamt betrieben von der Familie Heinz und Luise Stroeve.



Für junge Leute sind die 70er eine gute Kino-Zeit. Es laufen herausragende US-Filme der „New Hollywood“-Generation. Regisseure wie Dennis Hopper, Francis Ford Coppola, Martin Scorsese, Michael Cimino, Peter Bogdanovich, Arthur Penn, William Friedkin und Woody Allen erobern weltweit die Kinoleinwände. Eine elektrisierende Mixtur an Roadmovies wie „Easy Rider“ und „Fluchtpunkt San Francisco / Vanishing Point“, Mafia-Thrillern, Vietnam-Dramen und Großstadt-Komödien. Den größten Kinoerfolg in Nordhorn feiert ein in den USA gedrehter Spätwestern des italienischen Regisseurs Sergio Leone: „Once Upon A Time In The West – Spiel mir das Lied vom Tod“.

Europäische Regisseure wie Roman Polanski, Hal Ashby und Milos Forman bekommen in Hollywood die Chance, ihre vom europäischen Kino der 60er inspirierten Filme wie „Chinatown“, „Coming Home“, „Hair“ und „Einer flog übers Kuckucksnest“ mit großen Etats zu drehen. Erstaunliche Erfolge beim jungen Publikum feiern die ersten Verfilmungen der beliebten Comicreihen um „Asterix“ und „Lucky Luke“.

Zur Mitte der 70er etabliert „Der Weiße Hai“ von Steven Spielberg ein neuartiges und aufregendes Kino in den klassischen Filmgenres des Horror-, Abenteuer- und Science-Fiction-Films. Der „Weiße Hai“ markiert die Geburtsstunde des „Hollywood-Blockbuster-Kinos“. Derweil erlebt auch der „Neue deutsche Film“ seinen künstlerischen Höhepunkt – mit zum Teil erstaunlich hohen Besucherzahlen. Die Arbeiten von Rainer Werner Fassbinder („Angst essen Seele auf“), Wim Wenders („Alice in den Städten“), Werner Herzog („Woyzeck“) und Volker Schlöndorff („Die verlorene Ehre der Katharina Blum“) greifen den Zeitgeist und die gesellschaftlichen Problemstellungen der 70er auf.

Die Kinofamilie Stroeve verweigert sich dem Trend zum Schachtelkino
Für die Kinofamilie Stroeve sind die 70er allerdings ein Jahrzehnt, in dem sie um den Fortbestand ihrer ABC-Filmtheater kämpfen muss. Große Teile des früheren Filmpublikums wandern ins Heimkino des 1970 eingeführten Farbfernsehens ab.
Zeitweise wissen sich auch die ABC-Filmtheater nicht anders zu helfen, als genau die Filmware zu zeigen, die in den Fernsehprogrammen von ARD und ZDF nicht zu sehen ist – und für die es in den 70ern auch noch kein Angebot in Gestalt von Viedeotheken mit der Extra-Abteilung „Zutritt nur ab 18“ gibt. Bis zur Mitte des Jahrzehnts läuft im Capitol und Bavaria eine endlos erscheinende Reihe deutscher Sexfilmchen wie „Lass jucken Kumpel“, „Schulmädchen-Report“, „Unterm Dirndl wird gejodelt“ und schwüler französischer Soft-Erotik-Streifen: von „Emanuelle“ bis zur „Geschichte der O“.


Zum Glück für die verbliebenen Filmfreunde halten die Stroeves auch in schwierigen Jahren an ihren großen Kinosälen fest. Zwar haben auch sie Pläne zur Umwandlung des Astoria-Palastes in ein „Filmcenter“ mit drei Schachtelkinos in der Schublade. Aber ab Mitte der 70er sorgen die Erfolge des „Weißen Hai“, der „Krieg der Sterne-Trilogie“ und der Disco-Filme „Saturday Night Fever“ und „Grease“ für einen finanziellen Aufschwung. Nun sind die großen Leinwände gefragt, die seit 1978 mit neuen Lautsprechersystemen, dem „Dolby-Stereo-Sound“ ausgestattet werden. Der Astoria-Palast wird 1979 soundtechnisch aufgerüstet.

Filmplakate: Saturday Night Fever

Die Kinohits im Nordhorn der 70er
Die Durchsicht aller Anzeigen der ABC-Filmtheaterbetriebe zwischen 1970 und 1979 ergibt eine Kinohitparade. Die Filme mit den längsten Laufzeiten:
1. Spiel mir das Lied vom Tod, Spätwestern, USA-Italien 1968, Regie: Sergio Leone (12 Wochen)
2. Einer flog über das Kuckucksnest, New-Hollywood-Drama, USA 1975, Regie: Milos Forman (7 Wochen)
3. 007 – Leben und sterben lassen, James Bond-Film, England 1972, Regie: Guy Hamilton (6 Wochen)
4. Easy Rider, Roadmovie, USA 1969, Regie: Dennis Hopper (6 Wochen)
5. Saturday Night Fever – Nur Samstag nacht, Disco- Tanzfilm, USA 1977, Regie: John Badham (6 Wochen)
6. Love Story, Hollywood-Liebesdrama, USA 1969, Regie: Artur Hiller (6 Wochen)
7. Asterix erobert Rom, Zeichentrickfilm, Frankreich 1975, Regie: René Goscinny (5 Wochen)
8. Lucky Luke, Zeichentrickfilm, Belgien 1971, Regie: René Goscinny (5 Wochen)
9. Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Arthouse-Kino, Bundesrepublik 1975, Regie: Volker Schlöndorff (5 Wochen)
10. Krieg der Sterne, Teil 1, Hollywood-Science Fiction, USA 1977, Regie: George Lucas (4 Wochen)
11. Jaws – Der weiße Hai, Hollywood-Thriller, USA 1974, Regie: Steven Spielberg (4 Wochen)
12. Der Pate, Teil 1, Mafia-Film, USA 1971, Regie: Francis Ford Coppola (4 Wochen)
13. Chinatown, Noir-Kriminalfilm, USA 1974 (4 Wochen)
14. Grease, Tanzfilm mit John Travolta, USA 1978, Regie: Randal Keiser (4 Wochen)
15. Fluchtpunkt San Franzisko – Vanishing Point, Roadmovie, USA 1970, Regie: Richard Sarafian (3 Wochen).
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